Veränderungen und andere Krankheiten

„Ach, Sascha, wenn ich ehrlich bin, hätte ich nicht gedacht, daß aus dir überhaupt irgendwas wird.“

Herr Laurenzis zieht den rechten Mundwinkel dabei spöttisch nach oben und lässt seinen Blick an mir herunter wandern. Es regnet leicht und die feinen Wasserperlen glänzen auf meiner Jacke und fangen sich in meinen Wimpern. Herr Laurenzis hat einen Regenschirm aufgespannt. Er wird nicht nass. Sogar seine Schuhe von Mephisto in dunkelrotem Leder sehen trocken aus.

Herr Laurenzis ist mein Geschichtslehrer, nein, er war mein Geschichtslehrer. Etwa 20 Jahre habe ich ihn nicht gesehen, was ich auch nicht weiter schlimm fand. Er war ein Arschloch und ist es anscheinend immer noch. Seine überhebliche Art und die fehlende soziale Kompetenz hatte ich ihm schon zu Schulzeiten angekreidet. Leicht hatte er es allerdings mit mir auch nicht, das muss ich zugeben. Doch seine Aussage nach über zwei Dekaden hat eine vollkommen andere Wirkung auf mich als seine Beleidigungen damals in der neunten Klasse.

Ich kam vom lange vor mir her geschobenen Besuch bei meiner Mutter, als er plötzlich vor mir stand. Zuerst fand ich es sogar lustig, ihn zu sehen ohne mir eine Ausrede für mein Zuspätkommen oder vergessene Hausaufgaben auszudenken. Es war fast so, wie einen alten Bekannten zu treffen. Einen, den man zwar nicht mag, aber dem man gerne sagen möchte, was man alles so gemacht hat, seit dem letzten Aufeinandertreffen. 

Ich erzählte ihm von meinem neuen Weg, den ich eingeschlagen hatte, nachdem ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, erzählte von Jobs, Gegenwart und Zukunft. Dieser spöttische Kommentar, er hängt mir manchmal noch in den Ohren. Besonders wenn ich zurückschaue, auf die letzten Jahre.

„Hier, Laurenzis, du fetter Wichser, das mache ich jetzt. Und du? Lehrer in Rente, immer noch ungebumst und die Zähne im selben Hornhaut-Umbra wie vor 20 Jahren, wer ist jetzt der Horst?“

Keine Ahnung, ob ich das jetzt wirklich sagen würde, wahrscheinlich schon. Bin ich denn eigentlich in der Position dazu? Was hab ich denn so gemacht, oder wie Herr Laurenzis sagen würde: Was ist aus mir geworden?

Diese Formulierung, die an den Verpuppungsprozess einer Raupe erinnert und die existenzielle Frage darstellt, die sich wohl jeder Mensch an einem gewissen Punkt seiner Reise in den Tod stellt. Was habe ich erreicht und was hat sich verändert? Und auf welchen Zeitraum kann man das eigentlich festmachen?

Die Veränderung von der Geburt bis zu einem gewissen Alter, ich nenne hier jetzt mal das sechzehnte Lebensjahr, ist ziemlich ähnlich bei den meisten Menschen in der westlichen Welt. Man geht in Schulen, verbringt den Tag mit Freunden und beginnt eine Lehre oder studiert. Ab da gehen die Biographien meist auseinander. Viele meiner Freunde und Bekannten sind die Standardwege abgelaufen, haben nach einigen Beziehungen „die Frau“ kennengelernt und geheiratet, eine Eigentumswohnung gekauft oder ein Haus gebaut.

Mein Leben hielt einfach an, als ich neunzehn war. Wegen einer schweren Gewalttat ging ich in den Knast. Alles, was ich kannte, war dort unwichtig oder machte keinen Sinn. Das Gefängnis ist eine eigene Welt mit einer eigenen Sprache, unverständlichen Gesetzen und einer anderen Zeitrechnung. Ich hatte in einer lauen Septembernacht mit einem Freund zusammen so viel gesoffen, daß es uns wohl sinnig erschien, einen Obdachlosen, mit dem wir uns gestritten hatten, zusammenzuschlagen. Auf 3,3 Promille trat ich ihm sein Gesicht ein während mein Freund mit einem Messer dreizehnmal auf ihn einstach. Viele Leben hatte ich in dieser Nacht zerstört. Das meines Opfers, mein eigenes, aber auch das meiner Familie, die in unserer Kleinstadt wegen mir angespuckt und verachtet wurden. Während meine Mutter mir Schnaps und Drogengeld in der Geheimtasche ihres Mantels ins Gefängnis schmuggelte, versuchte ich mich nicht täglich verprügeln zu lassen und einen Rest Selbstwertgefühl zu erhalten. Die Scham über das Verbrechen brachte mich um den Verstand.

Draußen ging das Leben weiter, ich sehnte mich so sehr danach, daß ich mir irgendwann verbot, daran zu denken, aus Angst verrückt zu werden. Eine Zeitmaschine wünschte ich mir. Alles rückgängig machen oder zumindest zu dem Punkt reisen zu können, an dem mein Gewissen nicht mit den Händen in den Hüften grinsend vor mir stand, um mir ins Gesicht zu rotzen.

Umbringen konnte ich mich nicht. Ich hab’s ja versucht, ernsthaft. Mit Heroin, mit meinem Gürtel um den Hals an der Heizung hängend und in meinen nächtlichen Gedanken auf jede, andere, erdenkliche Art und Weise. Herr Laurenzis hätte sicherlich angemerkt, daß er wusste, daß ich nicht mal dazu in der Lage war. Da es so also nicht funktionierte, mein Leben zu ändern, musste es die Offensive sein. Ich wollte mich leeren, den ganzen Scheiss und die Dunkelheit in meiner Seele vergessen und mich füllen mit guten Dingen, die mich bereichern und dabei nicht andere auf der Strecke zurück lassen würden.

Als ich nach der Untersuchungshaft zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde und mein Leben neu ausrichten wollte, war ich so hungrig auf das, was ich vor mir hatte, daß ich alles auf einmal wollte. Ich wollte reisen, ich wollte Sprachen lernen, ich wollte neue und interessante Menschen kennenlernen, die mich inspirieren und antreiben. Raus aus diesem scheiß Kaff im Sauerland, das ich für den Nabel der Welt gehalten hatte und das mich ausbremste.

Und das tat ich dann auch. Spät, aber immer noch rechtzeitig, um meine Projekte ernsthaft anzugehen. Ich nahm mir vor, spätestens alle sechs Monate eine Großstadt im Ausland zu besuchen. Allein und ohne Hotel. Vor Ort nach einer Unterkunft suchen, mit Einheimischen saufen gehen, schreiben und Museen und Ausstellungen besuchen. So klapperte ich die Städte ab, die ich für besuchenswert hielt. New York, Los Angeles, Chicago, London, Budapest, Prag und andere schöne Orte, die alle ihre eigene Stimmung verbreiteten und Energie spendeten. 

Das Leben vor dem Knast hatte ich mit dunklen Dingen verbracht. Ich war Drogenkurier, Schläger, Misanthrop und verbrachte meine Zeit mit Wahnsinnigen, jeder Menge Alkohol und Kokain. Das Gefängnis hatte mich verändert, ich wollte alles aufarbeiten, was ich mir neunzehn Jahre verboten hatte. Während gleichaltrige Freunde also den vermeintlich normalen Werdegang einschlugen, versuchte ich, mein Leben nachzuholen. Hungrig auf Input war ich wieder auf der Überholspur unterwegs, der Rausch begleitete mich weiterhin, nur mein Kopf war freier, nicht so voller Müll und miesen Gedanken. Oft hatte ich das Gefühl ein Teenie zu sein, da ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verdrängt hatte und nun Dinge tat, die andere längst getan hatten.

Dieser Motor, diese unbändige Lust auf das Leben, machte mich neugierig und spendete Kraft für neue Ideen. Nach meinem Hilfsarbeiterjob in einer Aluminiumfabrik heuerte ich in einem Tattoostudio an und lernte das Piercen. Es kamen immer wieder andere Dinge hinzu, einige verschwanden. Ich hatte Interessen und Hobbies, Freundschaften und Beziehungen. Und doch sah und sehe ich mich oft als Getriebener. Rastlos, unruhig und immer mit irgendwas beschäftigt, das man Projekt nennt oder wie man die Zeitfresser sonst bezeichnen möchte. Ich komme mir vor, wie jemand, der auf der Suche ist, aber nicht weiß, wonach.

Anfänglich versuchte ich, meine Dämonen mit Hilfe von Therapien zu bekämpfen oder sie zumindest in Schach zu halten. Es gab viele dunkle Löcher, in denen ich versank und aus denen ich wieder empor stieg. Vor Jahren begann ich dann eine entscheidende Veränderung zuzulassen. 

Das Zeug, welches ich seit Jahren schrieb, verlangte nach Veränderung und Erweiterung. Hatte ich bisher im Tagebuch-Stil kleine Notizen, kurze Anekdoten und Erinnerungen zu Papier gebracht, so begann ich nun, bestärkt durch einen Freund, der meine Reiseberichte auf Facebook sehr interessant fand, mein Zeug zu veröffentlichen. Zuerst weiterhin über Facebook, als die Klicks bzw. Likes dann immer mehr wurden, beschloss ich, einen Blog im Netz anzulegen. Ab diesem Zeitpunkt begann der Wahnsinn.

Das Blog wurde überrannt, Tausende Zugriffe in kürzester Zeit, Kommentare, die nach mehr Lesestoff verlangten und immer öfter der Vorschlag, doch endlich ein Buch zu schreiben. Lächerlich. Warum sollte ich ein Buch schreiben und wer würde das dann auch noch lesen wollen? Ein paar Kurzgeschichten über meine asozialen Mallorca-Urlaube, schön und gut. Aber womit sollte ich ein 250 Seiten Werk füllen?

Ich begann meine alten Notizen und Tagebücher hervor zu kramen und las vor dem Schlafen immer mal wieder ein paar Seiten. Das meiste hatte ich im Knast geschrieben und es kam mir jetzt nach über zwanzig Jahren wie eine Art schriftliche Therapie vor. Das Schreiben und jetzt auch das Lesen hatte etwas heilsames. Dinge, über die ich nicht sprechen konnte oder wollte, liefen mir aus den Fingerspitzen, als hätte ich nie etwas anderes getan in meinem Leben. Es fühlte sich gut an. Ich nahm mir vor, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. All den Scheissdreck, das Dunkle, das Eklige und auch das Schöne. Ehrlich und offen wollte ich sein, kein Verlag, der mich zensiert, mir mein verdorbenes Mundwerk stopfen will, nur ich. 

An einem lauschigen Samstag nachmittag klingelte mein Telefon und eine sehr nette Frauenstimme verkündete mir, daß sie mich gerne nach Berlin einladen würde um mich ihren Chefs vorzustellen. Es handelte sich, wie sich bei weiterem Nachfragen erklärte, um ein Treffen mit den Entscheidungsträgern des Ullstein Buchverlags. Sie hatten einen Zeitungsartikel über mich in die Hände bekommen und könnten sich gut vorstellen, meine Autobiographie zu veröffentlichen. Die Gänsehaut während und nach diesem Telefonat war gewaltig. Natürlich sagte ich zu.

Die Kurzversion: Ich war in Berlin, sie fanden mich gut, das Buch hab ich geschrieben und sie haben es veröffentlicht. Einfach unglaublich, aber so kann man es aufs Wesentliche herunter kürzen.

Mein ganzes Leben, Kindheit, Aufwachsen, Familie, Knast, Neuanfang und Zukunftsperspektiven, alles gebündelt auf 240 Seiten und unwiderruflich für die ganze Welt einzusehen und zu beurteilen. Was das alles auslösen sollte, hatte ich nicht erwartet.

Anfänglich war alles ganz normal, bis auf die ständig steigende Zahl von Followern in sämtlichen sozialen und asozialen Netzwerken. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die ersten Anfragen von Radio und Fernsehen folgten. Ich ging also in Livesendungen, trat in Talkshows und TV-Magazinen auf und bekam haufenweise Anfragen für Lesungen und Vorträge. Es ging mir gut damit. Ich hatte etwas zu erzählen und es schien die Leute zu interessieren.

Die Wirkung des Buches auf andere kannte ich nun, die Wirkung auf mich selbst hatte ich allerdings unterschätzt. Nach jeder Lesung hatte ich den Wunsch zu duschen und ins Bett zu gehen oder mich bis zum Anschlag volllaufen zu lassen. In den meisten Fällen entschied ich mich für Tor 2.

Flucht, Selbstbestrafung, Vergessen, ich weiß es selbst nicht so genau, aber ein kleiner Teil von mir stirbt jeden Tag und es fühlt sich so an, als hätte das Buch die guten aber auch die schlechten Prozesse in mir beschleunigt. Einerseits ist es das Seelenheil, das ich im Schreiben gefunden habe, andererseits ist es aber auch in der Lage meine Bauchspeicheldrüse in einen stacheligen Igel zu verwandeln, der in meinem Bauch mit der angefressenen Leber und der verharzten Lunge eine Party feiert. Dreimal war ich dieses Jahr deswegen im Krankenhaus. Laut Ärzte ein sicheres Zeichen für schlechten Lebenswandel, mieses Stressmanagement und die Auswirkungen absichtlich verschütteter Emotionen.

Mein Leben hat sich durch das Buch verändert. Meine Zeit ist sehr knapp geworden. Nein, nicht knapp. Mengenmäßig hat sie sich ja nicht verändert, sie ist kostbarer geworden. Ich gehe nicht mehr jedes Wochenende saufen oder schlage die Zeit tot. Oft habe ich das Gefühl, mir die vorhandenen Momente besser einteilen zu müssen, liebe Menschen zu treffen und mein Leben mit den für mich wirklich wichtigen, guten Leuten zu verbringen. Ich kann endlich Nein sagen, das fiel mir immer schwer. Ich gebe nicht mehr jedem Idioten nach zwei Jägermeistern meine Handynummer und auch SMS und Emails werden nicht mehr akribisch beantwortet. Ich wähle aus. Wähle aus zwischen unwichtigem Schwachsinn und lohnenswerten Investitionen meines Zeitbudgets. Das fühlt sich seltsam an, aber es muss sein. Ich habe das Gefühl, sonst auf der Strecke zu bleiben.

Jetzt gerade, in diesem Moment, beim Schreiben dieses Textes, erreicht mich die Nachricht über den Tod meiner Schwester. Sie hatte seit Jahren Histiozytosis, eine heimtückische, tödliche Lungenkrankheit. Sie war nur elf Jahre älter als ich. Da stellt sich mir die Frage, was ich noch vorhabe. Weiter schreiben, lesen und arbeiten oder mir das lang ersehnte Wohnmobil kaufen und einfach abhauen, noch was sehen von der Welt, wie man so schön platt sagt.

In den letzten Monaten habe ich oft meinen Rucksack gepackt und bin in den Wald gegangen. Ich gehe wandern. Ich, der sogar mit dem Taxi zur Pommesbude gefahren ist, weil er zu voll zum Laufen war. Mit einem Schlafsack, einem Messer und was zu Trinken streife ich durch die heimischen Wälder und bin allein. Nicht einsam, allein. Ein Gefühl, das ich in der Art lange nicht hatte. Es war für mich immer schwierig, mit mir allein zu sein. Jetzt ist es die unabwendbare Notbremse in meinem Leben geworden. Ich genieße es und freue mich auf jede Minute, die ich ganz für mich habe.

Ich mache keine Pläne mehr für mein Leben. Mein Leben macht die Pläne für mich und das ist auch ganz gut so. Veränderungen sind wichtig. Veränderungen sind kaum zu beeinflussen. Und vor allen Dingen sind Veränderungen etwas wunderbares. Immer her damit, ich bin bereit.

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