Die Hinterachse des Bösen

Blutprobe. Hab ich schon oft gemacht. Machen müssen, sollte ich sagen. Alkoholisiert Auto fahren war für mich eigentlich immer normal und es ist noch nicht so lange her, dass sich das für mich geändert hat. Hat es sich überhaupt geändert? Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich habe momentan kein Auto.

Das Glück war immer auf meiner Seite wenn es darum ging, besoffen mein Ziel zu finden und nicht von der Rennleitung erwischt zu werden. Anfang des Jahres 1992 bin ich nach einem harten Besäufnis in einer Iserlohner Schwulenbar mit einem Freund nach Hause gefahren. Also, er wollte nach Hause und ich hab ihn gefahren. Wir waren beide sternhagelvoll, hatten jeder eine Flasche billigen Vodkas, Gorbatschow, glaube ich, getrunken. Im „Why not“, so hieß der Laden, gab es keine hochwertigen Spirituosen. Der Inhaber legte nicht viel Wert auf Exklusivität oder gediegenes Ambiente. Plastikpflanzen auf Wachstischdecken, Weihnachtslichterketten in bunten Farben, die das ganze Jahr über die alten Spinnweben an den speckigen, verrauchten Fenstern illuminierten und halt billigen Schnaps. Gorbatschow als Vodka, Racke Rauchzart als Bourbon und Bacardi Cola als Hausgetränk aus versifften Rialtogläsern. Ein schummriger Albtraum mit Eichenholztresen und an dem besagten Abend des Jahres 1992 für mich und meinen Freund Dennis die letzte Möglichkeit, sich für 50 Mark zu zweit vollkommen aus dem damals so unerträglichen Leben zu knallen.

Nachdem Dennis und ich das Etablissement verlassen hatten, stiegen wir in meinen weissroten Mitsubishi Lancer, den ich von einem Kumpel für 100 Mark gekauft hatte und der eigentlich nur noch bedingt den Namen Kraftfahrzeug verdiente. Es muss so um Januar herum gewesen sein, es war eiskalt und es hatte geschneit, die Straßen waren gefroren und die Sommerreifen meiner überdachten Zündkerze hatten ihre Mühe die Spur zu halten und das Gewicht des Wagens ordentlich auf die Straße zu übertragen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Der Schalthebel lässt sich nur schwer überreden, den dritten Gang einzulegen und der Mitsubishi schlittert mit unangenehm unkontrollierbaren Bewegungen den Südenberg hinunter. Es sind noch etwa 500 Meter bis zu Dennis Haus, bzw dem Haus seiner Eltern. Es liegt direkt am Ende der Straße hinter der Spitzkehre und sieht nach der Renovierung wieder richtig gut aus. Sein Onkel hatte den halben Dachstuhl weggesprengt, als die selbstgebaute Destille zur Herstellung von Iserlohner Moonshine in die Luft geflogen war.
Nur noch diese eine 180Grad Kurve. Ich lasse meinen schwarzen Doc Martens Schuh langsam auf das Bremspedal sinken und schiebe die ausbleibende Bremswirkung auf meinen alkoholisierten Grundzustand, der vorhin schon dafür gesorgt hat auf dem Straßenschild eine empfohlene Höchstgeschwindigkeit von 500km/h auszumachen. Aber selbst als ich fester auf das abgenutzte Pedal drücke passiert nichts. Absolut gar nichts. Bei getretener Bremse schlage ich das Lenkrad nach rechts ein, als es mir dämmert. Die Straße ist komplett vereist. Wir fahren nicht, wir rutschen den Südenberg im dritten Gang mit etwa 60km/h hinunter und steuern geradewegs auf die Spitzkehre zu, ohne die Möglichkeit an der Richtung oder der Geschwindigkeit etwas ändern zu können. Dennis bleibt trotz meiner Info zur Lage des Geschehens unbeeindruckt und sucht im Handschuhfach nach einer Kassette mit stimmungsvoller Musik, wie er es nennt. Ich hingegen nehme meinen Fuß von der Bremse.

Eine blöde Idee. Nicht weil es nicht angebracht wäre, sondern weil das Lenkrad immer noch komplett nach rechts eingeschlagen ist und die käserad–ähnlichen Reifen just in diesem Moment einen Hauch von Grip auf der Straße entwickeln. Der Mitsubishi dreht sich mit einem Ruck nach rechts, das Heck überholt uns und Dennis und ich rutschen rückwärts in diesem schrecklichen, japanischen Kleinwagen geradewegs auf das Haus Südenberg Nr. 36 zu, das sich direkt in der Spitzkehre befindet. Dennis lacht laut und ich quieke undefinierbar auf, als der Wagen sich rückwärts durch die Buchsbaumhecke bohrt, über das Grundstück fräst und schließlich mit der hinteren Stossstange die Eingangstür samt Rahmen in das Haus Südenberg 36 drückt.

Der Motor läuft noch. Dennis und ich sehen uns mit zusammengekniffenen Augen und hochgezogenen Schultern an. Ich öffne die Fahrertür, steige aus und gehe langsam zum Heck des Wagens. Die Stossstange hängt etwas und der Kofferraum ist leicht eingedrückt. Da hatte ich Schlimmeres erwartet. Das bestätigt auch Dennis, der sich total besoffen am Wagen abstützt und mir mit einem Handzeichen andeutet, jetzt vielleicht eine Entscheidung zu treffen.
Ich entscheide mich. Nachdem ich wieder hinter dem Steuer sitze, Dennis auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat und wir beide den Gurt zum ersten Mal an diesem Abend angelegt haben, lege ich den ersten Gang ein und pflüge den Rest des Grundstücks um während wir rasselnd davon fahren. Aus dem demolierten Haus am Südenberg 36 schaut ein älterer Herr uns ungläubig aus dem Schlafzimmerfenster im ersten Stock nach, als ich 300 Meter weiter anhalte, um Dennis am Haus seiner Eltern abzusetzen.
Ich kürze das Ganze etwas ab. Am nächsten Morgen stehen wir in der Zeitung, das Kennzeichen wurde notiert, es gab ein Dutzend Zeugen und Dennis und ich wurden noch in der Nacht von der Rennleitung besucht, die ein Verfahren wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort, Fahren unter Alkohleinfluss und Sachbeschädigung im minderschweren Falle einleiteten.

Lachend erzähle ich meinem Freund Mahan von dieser vierzehn Jahre zurückliegenden Geschichte, als wir stockbesoffen die Saarlandstrasse in Dortmund entlang fahren. Wir haben bei einem Gambas–All–You–Can–Eat gerade drei Flaschen Riesling verklappt und erzählen uns Anekdoten über Alkohol am Steuer. Bei diesem Thema fällt mir immer die Geschichte von Dennis und mir im Mitsubishi ein.
Mahan zeigt nach vorne und sagt so etwas, das sich wie Fuck anhört, als der Polizist mit Kelle in der Hand auf die Straße tritt und mich rauswinkt. Verdammt, zuckt es durch meinen Kopf. Hätte ich mal die Fresse gehalten und Mahan einfach nur zu Hause abgesetzt.

Ich öffne das Fenster meines Wagens und der Polizist fragt mich, ob ich mir vorstellen könnte, warum er mich angehalten habe. Auf meine Verneinung hin wird mir erklärt, dass ich etwas zu schnell für die 30–Zone der Saarlandstrasse unterwegs gewesen sei. Als er sich zu mir runter beugt, hält er kurz inne und fragt mich dann in einem etwas bestimmteren Ton, ob ich Alkohol getrunken habe. Natürlich verneine ich das. Innerlich zerreiße ich meine Fahrerlaubnis und harre der Dinge, die da kommen.

Nach einigem oberflächlichen Geplänkel und den üblichen Ausflüchten blase ich schließlich in den Alkoholtester, der nach unglaublich langer Berechnung einen Wert von umgerechnet 0,51 Promille Blutalkohol anzeigt. Der Ausdruck „Ein Hauch zuviel“ bekommt hier gerade eine ganz neue Bedeutung und ich werde eingeladen zur Wache mitzufahren, um den Wert an einem zugelassenen Gerät dingfest und vor Gericht verwertbar zu machen. Ich verabschiede mich von Mahan, steige in den Polizeitransporter und überlege, wie die nächste Zeit ohne legale Möglichkeit ein Kfz zu bewegen wohl für mich aussehen wird.

Auf der Hauptwache in Dortmund angekommen betreten wir den Raum mit dem ominösen Gerät und stellen fest, dass das Gerät nicht da steht, wo es stehen sollte und stattdessen nur ein staubfreier Fleck in der Form des Gerätes auf dem hölzernen Unterschrank zu sehen ist. Nach mehrmaligem, lauten Rufen in den Nebenraum, wo denn das stationäre Messgerät verblieben sei, ruft aus dem Nebenraum eine unbeeindruckte Stimme, dass das stationäre Messgerät beim TÜV für stationäre Messgeräte sei und dort die jährliche Prüfung für stationäre Messgeräte durchlaufe. Ein weiteres stationäres Messgerät, in diesem Fall das stationäre Ausweichmessgerät wäre in der Polizeiwache Ruhrallee verortet und würde dort auf die Messung des Gasaustausches in meinen Lungenbläschen warten.
Der genervte Polizist fährt mit mir und seinem Kollegen durch den Regen der Dortmunder Innenstadt zur Wache in der Ruhrallee und nach einiger Zeit sitzen wir endlich vor dem besagten stationären Messgerät, das sogleich seinen Dienst verrichtet, nachdem ich kräftig in den stationären Schlauch gepustet habe, als gäbe es kein Morgen mehr. Konzentriert starrt der uniformierte Sympath auf das mir verborgene Display als er langsam seinen Kopf hebt, seinen Kollegen ansieht und sagt:

„Jetzt waren wir so lange unterwegs wegen diesem scheiss TÜV, jetzt hat der nur noch 0,49 Promille auf der Uhr!“

Ich lächle und frage die beiden, was das jetzt für mich heiße. Nach einigen Sekunden der Stille inklusive unterdrückter Flüche und Bisse auf die Unterlippe, wurde mir gesagt, dass ich unter dem strafbaren Wert läge und dementsprechend nicht mehr für das Fahren unter Alkohol belangt werden könne. Ich dürfe nun nach Hause oder zu meinem Fahrzeug gehen. Auch das Fahren hätte nun keine Folgen mehr für mich, solange ich keinen Unfall verursachen würde, so der genervtere der beiden Polizisten.
Ich sehe die beiden lange und ruhig an bevor ich mich dazu äußere.

„Soweit es mir bekannt ist, müssen Sie mich bei fehlender Grundlage für den Tatvorwurf zu meinem Fahrzeug zurück bringen, ist das korrekt?“

„Ihr Auto steht 500 Meter von hier in der Saarlandstrasse!“ schreit mich der Polizist an.

„…und es regnet.“ , entgegne ich mit einem freundlichen Lächeln und deute auf das Fenster zur Straße.

Wortlos nehmen die beiden Freunde und Helfer ihre Dienstmützen und gehen voraus zum Auto. Es wird nicht mehr geredet. Die Fahrt dauert drei Minuten und bevor ich aus dem Transporter aussteige und zu meinem Auto gehe, knuffe ich dem mittlerweile vor Unglauben selbst lachenden Polizisten mit dem Ellbogen in die Seite und sage:

„Na komm, sei nicht böse, jetzt haben wir doch alle drei ´ne coole Geschichte zu erzählen!“

Ich nehme mein Handy, mache noch schnell ein Selfie von uns hinten im Polizeibulli und steige aus.

„Hau ab“ , sagt er und schließt die Tür lachend hinter mir, während ich genau das tue.

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