Das schöne Gefühl

Eigentlich geht es immer nur darum, um das schöne Gefühl. Jedenfalls ist das bei mir der Fall und ich bin fest davon überzeugt, daß das bei Anderen auch so ist. Sicher ist das schöne Gefühl für jeden irgendwie anders, aber im Grunde auch irgendwie gleich.

Es löst Dinge aus. Im Körper oder im Geiste, der Seele, wie immer man das nennen möchte. Eine Art von Behagen, wie die Vorstellung, im Winter vor einem Kamin zu sitzen. Ein Zustand, bei dem man gerne tief einatmen und beim seufzenden Ausatmen all das Negative, das Unbehagen, den Stress oder die Ängste freigibt. Sie verschwinden sicher nicht, aber sie verlieren an Gewicht, an Bedeutung und sie können einem in diesem Moment nichts mehr anhaben. Keine Bremse mehr im Gehirn, keine Grübeleien über Vergangenes oder Bevorstehendes.

Ich habe dieses Gefühl in letzter Zeit immer häufiger. Vor zwanzig oder dreißig Jahren war es eher eine Seltenheit. Das lag mit Sicherheit nicht an fehlenden Gelegenheiten, ich habe es einfach nicht erkannt oder nicht zugelassen. Warum auch immer.

Bei gutem Essen, außergewöhnlichen Geschmacksrichtungen, da blitzt es manchmal ganz kurz auf. Es ist mir einfach anzusehen, ich lächle dann. Die Intensität ist sehr unterschiedlich. Von ganz kurzen Momenten bis hin zu komplett vereinnahmenden Schauern kann alles dabei sein. Wenn ich mit feinem Schmirgel bearbeitetes Holz anfasse, dann ist es da, kurz. Klettpatches von ihrem Flausch zu reißen ist toll, die ersten zehn Sekunden unter heißem Wasser in der Dusche, bei dem man sich fragt, ob man gerade friert oder die Gänsehaut nur ein Aufbäumen der zufriedenen Seele ist. Knisternde Poprocks, die im Mund zerplatzen und durchlaufende Sekundenzeiger bei Automatikuhren zu beobachten finde ich toll.

Lächeln, das schöne Zähne freilegt, feste Zahnspangen bei erwachsenen Frauen, genauso aber auch Frauen ohne Zahnspangen mit Anomalien der Eckzähne. Lagerfeuer und das Geräusch von hohen Schuhen auf Beton. Limericks, die beiläufigen Blicke von Christopher Walken während eines Interviews, mit Geschwistern über längst vergessene Familiensitten zu reden, wohlklingende Wörter wie Krokodil, Erstgeborener, Hoheitsgewässer und Alarmanlage. Schöne Hände und schöne Füße, das Geräusch des Tastenanschlags beim MacBook, der erste Löffel aus einem weichgekochten Ei mit Maggi, nach dem Friseurbesuch mit der Hand durch die Haare zu fahren, und der erste Atemzug nach dem Verlassen des Flugzeugs.

Aber auch große Dinge, von denen ich gar keine Ahnung habe, wie das Lächeln des eigenen Kindes wenn man sich morgens über den Rand des Bettchens beugt.
Eine Hand des geliebten Menschen auf der eigenen Brust während man nebeneinander steht, beipflichtendes Schulterklopfen von jemandem, mit dessen Reaktion man so nicht gerechnet hatte. Der Geruch der Haut zwischen Hals und Schulter nach dem Sex, rahmengenähte Budapester, Budapest, Prag, New York, Brügge, Dortmund.
Colafläschchen von Haribo und Peanutbuttercups, die Meldung „Download beendet“, Sandburgen mit Wassergraben, der Moment wenn du in die Badewanne steigst und die Eier gerade ins heiße Wasser eintauchen.

Jemandem eine Freude zu machen und zu sehen, wie sich Tränen in den Augen des Anderen sammeln, eine ehrlich, feste Umarmung, die länger dauert, als man sie selbst geben wollte und man dann nochmal extra feste zudrückt. Der Geruch von erhitztem Staub der in den ersten Minuten nach dem Anstellen der Heizung durch den Raum schwebt, der Geruch von frisch gemähtem Gras, der Geruch der Hundedecke, den Hundeohren, den Hundepfoten und die Freude des Hundes wenn man nach Hause kommt und er sich so benimmt, als wäre man drei Jahre auf Weltreise gewesen, obwohl man nur an der Bude Bier und Kippen geholt hat.

Die Brille nach dem Putzen wieder aufzusetzen und alles in FullHD und Realtime zu sehen, Kellner beim Gläser polieren zu beobachten, eine Mozartkugel in der Mitte durchzubeißen, die Stille zwischen den Tiergeräuschen im Wald bei Nacht, genau die richtige Menge Soße zum Kartoffelpüree zu geben, das Ausstrecken der Beine am Morgen nach dem Aufwachen und dabei seltsame, animalische Laute von sich zu geben. Das Schaukeln in einer Hängematte, mit der Hand gegen den Strich über Nubukleder zu streichen und das Ganze auch wieder in die andere Richtung. Die erste Mandarine des Jahres, die gut schmeckt und keine Kerne hat. Das Benutzen eines Schuhanziehers, Lesen vor Publikum, Videos, bei denen die Musik perfekt zum Bild passt und der Moment, wo der Tätowierer sagt:“Fertig!“

Wahrscheinlich fällt jedem in diesem Moment mindestens eine Situation ein, die ich nicht auf meine Liste setzen würde, vielleicht auch mehr als nur eine. Andere grinsen und nicken vor sich hin weil die Momente ihren eigenen Momenten ähneln oder es exakt die Gleichen sind. Bei manchen Menschen ist es vielleicht etwas, das wir verabscheuen, abgrundtief hässlich oder auch moralisch zutiefst verwerflichh finden.

Ich hab nur versucht, es zu beschreiben aber das ist gar nicht so einfach. Weil es so gleich und doch so unterschiedlich sein kann. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es Menschen gibt, die es gar nicht haben. Es gibt vielleicht Leute, die in vielen Bereichen verschiedene Ansichten haben, die Dinge unterschiedlich wahrnehmen, empfinden. Aber ich glaube, es ist genau das, was uns alle gleich macht, uns vereint. Es ist das, was uns menschlich macht. Das schöne Gefühl.

10 Kommentare

  1. B.
    Okt 16, 2016

    Maggi-Ei.
    Sehr sympathisch…
    🙂
    Schöner Text.
    Gute Nacht aus Griechenland.

  2. Name
    Okt 17, 2016

    „Das schöne Gefühl“ …
    seehr sinnlich beschrieben!

    Ich glaube (und hoffe!) daß es keinen Menschen gibt, der nicht wenigstens einige dieser und tausend anderen ’schönen Gefühle‘ erlebt/genossen hat.
    Ohne sie wäre das Leben nur „halb“ – oder vielleicht gar nicht ?

    Schöne Gefühle basieren auf Sinneswahrnemungen.

    Wer also wortwörtlich nicht mehr ‚alle Sinne beisammen hat‘, dem entgeht ein großes Stück schöner Lebensqualität.

    Ob bewusst oder unbewusst :
    die ersten Sinneseindrücke erfahren wir durch unsere Geburt, die letzten durch unser Abdanken.
    Dazwischen liegt ein sinnliches Leben – mal mehr, mal weniger schön.
    Es kommt darauf an, wie wir die Dinge erfahren, erfassen w o l l e n –
    wie intensiv wir sie zulassen..!

    Ist uns allen schon passiert…
    es hat uns jemand gefragt:
    „Wie war es heute bei Dir? Hast Du etwas Schönes erlebt?“
    und unsere Antwort war:
    „Nein.“

    Durch unseren Frust,
    die Hektik vor der Brust,
    die stetige Eile
    und keine Zeit für eine Weile

    haben wir die ’schönen Gefühle‘ (auch wenn sie noch so klein waren)
    nicht als sinnlich betrachtet und sie nicht wahrgenommen – sie vom Tisch gefegt!

    Wenn nicht der Anblick eines lächelnden Menschen,
    der Duft von frischem Brot,
    der Klang des Lieblingssongs,
    der Geschmack des ersten Kaffeeschlucks am Morgen
    oder ein warmer fester Händedruck als sinnlich wahrgenommen wird, ist das Leben grau & trist…
    fast tot.

    Wir Menschen sind
    – verglichen mit der Erde, der Welt –
    weniger als ein Staubkorn !

    Somit sollten wir es uns zuliebe zur Pflicht machen,
    kleine Dinge ‚groß‘
    und große Dinge ‚klein‘ zu sehen…
    einfach (und es i s t einfach!) den Spieß umdrehen !

    Wahrnehmung = Sinnlichkeit = schöne Gefühle !!

    In diesem SINNE…. ☆

  3. Anne
    Okt 17, 2016

    Ich sitze im Wartezimmer meines Hausarztes. Seit inzwischen 2h. Jetzt aber lächelnd. Gutes Gefühl. Danke!

  4. Name Jenna
    Okt 17, 2016

    Die kleinen Dinge zählen im Leben!Viele sind nicht zufrieden mit dem was sie haben und können sich an kleinen Dingen nicht erfreuen! Das ist schade. Man lernt das zweite Leben zu schätzen ,wenn einem bewusst wird,das man nur eins hat ♡

  5. MadMike-Junk Biografie
    Okt 18, 2016

    Hey Sascha,

    Wusste gar nicht, dass du auch schreibst. Hab dein Blog hier grad entdeckt..
    Coole Sache! Gefällt! Mein neuer Teil ist auch bald fertig..

    MadMike (Junk-Biografie)
    https://madmikediarys.wordpress.com

Kommentar absenden