Granada – Immer eine Reise wert

Das erste Mal wirklich wahrgenommen hatte ich dieses Fahrzeug als kleiner Junge, auf der Couch vor dem Fernseher sitzend. Ich mampfte ein paar Chips der Billigmarke „A&P“ von Tengelmann. Das Kürzel stand für „Attraktiv und Preiswert“, wurde von Klassenkameraden allerdings schnell zur Abstufung Kinder mittelloser Herkunft verwendet und unter der Bedeutung „Asozial und Primitiv“ gehandelt.

Meine Mutter füllte mir eine kleine, hölzerne Schale mit diesen Chips, Geschmacksrichtung „asoziale Paprika“ und ich nahm auf dem zerknautschten Zweisitzer unserer grauen Couchgarnitur von Möbel Schäfer platz, um mir etwas im TV anzusehen. Es muss so um 1981 gewesen sein, denn es war eine Erstausstrahlung oder zumindest eine der ersten Folgen dieser neuen Serie, die man nicht verpassen durfte.
Das Angebot war damals nicht so erdrückend, wie heute, man lief also Gefahr, etwas zu versäumen, das andere Kinder nicht versäumten, und am Montag auf dem Schulhof in der großen Pause nicht mitreden zu können und das Arschloch zu sein. Hatte man etwas nicht gesehen, konnte man es nicht in der Mediathek ansehen, den Inhalt der Folge googlen oder seinen Festplattenrekorder beschwören. Den Videorekorder konnte man nicht benutzen, da die einzige im Haus befindliche Videokassette von Mutti mit Folgen des Traumschiffs gefüllt war und das Überspielen von Sascha-Hehn-Dialogen mit dem Tode bestraft worden wäre. Verpasst hieß also verpasst, fertig.

Die Sendung, die ich also als überlebenswichtig erachtete hieß im englischen Original „The Professionals“ und im deutschen Fernsehen wurde sie ausnahmsweise auch eins zu eins übersetzt mit „Die Profis“. Eine actionreiche Serie mit den beiden CI-5 Agenten Bodie und Doyle, die für ihren Chef George Cowley so einige unangenehme Dinge erledigten. Der Vorspann würde heute wahrscheinlich selbst bei fünfjährigen Vorschulkindern lautes Gelächter auslösen, damals war es jedoch der absolute Hammer. Und in der ersten Szene in genau diesem Vorspann sah ich ihn das erste Mal.

Den Ford Granada 2,8 Liter Ghia, wie er als 4-türige Limousine durch eine Glasscheibe ballerte und den Weg freimachte für die Vorstellungssequenzen der abgebrühten Protagonisten.

Der Ford Granada. Ein Fahrzeug, wie von Gott gemacht. Sechs Zylinder, 160 PS und eine Innenausstattung, die locker mit jedem Oberklasse-Mercedes konkurrieren konnte. Zwischen den weich gepolsterten Sitzen verbargen sich ausklappbare Armlehnen, der Aschenbecher hatte durch seine enorme Breite eine eigene Postleitzahl, die damals noch vierstellig war und die Chromleisten und der bullige Kühler machten dieses Fahrzeug zu einer Offenbarung. Ich war verliebt. Hätte mir damals jemand gesagt, daß ich sieben Jahre später, also mit zarten 15 Jahren, genau diesen Ford Granada 2,8 Liter Ghia in smaragdgrün-metallic zu Schrott fahren würde, ich hätte es ihm nicht geglaubt.

„Wir haben kein Geld, sehen wir aus, als hätten wir Geld?“ Ich zeige auf Ralf und Schorschi. Eigentlich zeige ich nur auf Schorschi, Ralf sitzt neben mir auf dem gefliesten Boden der Einkaufspassage und versucht sich eine Zigarette anzuzünden. In der Passage ist das Rauchen verboten. Wir sind so besoffen, daß uns das egal ist und die Security-Mitarbeiter sind so konfliktscheu, daß es ihnen auch egal ist.

„Geld hab ich nicht, ich hab Schnaps…, willste´nen Schluck?“ Wankend, mit fragendem Blick, halte ich dem Obdachlosen meine Flasche Korn hin. Er lächelt.

„Trägt Coco Chanel ´n schwarzes Kleid?“ fragt er kopfschüttelnd. Sein Bart ist lang und grau, unter der Nase ist er vom Nikotin gelb gefärbt. Seine dreckigen Hände mit den langen Fingernägeln greifen zitternd nach der Flasche, die ich ihm immer noch hinhalte. Als er sie greift, hellt sein Gesicht auf und er grinst mich mit seinem zahnlosen Mund an.

Er sieht jetzt ein bißchen so aus wie der alte Mann auf dem Etikett der Flasche, der als Scherenschnitt mit gespitzten Lippen an einem Pinnchen dieses Getränkes zu schlürfen scheint. Der Name ist Programm, Schwarze Weizen Frühstücks Korn. Heute morgen haben wir damit angefangen und es läuft seitdem kontinuierlich in unsere gierigen Schlunde. Wir trinken seit etwa 10:00 Uhr heute morgen. Wir mischen den Korn mit Fanta. Wir rauchen dazu filterlose Zigaretten und essen BiFi. Wir sind stockbesoffen.

„Genau, nimm ma ´nen ordentlichen Hieb zum Frühstück!“ schreit Ralf während er lachend zur Seite kippt. Schorschi und ich setzen uns ächzend, wie zwei vom Rheuma geplagte Opas, dazu. Schorschi redet nicht, er ist, wie so oft, in seinem Film versunken, flucht leise vor sich hin und spuckt vorbeigehenden Passanten vor die Füße. Seine mit Domestos gebleichte Jeans ist speckig und so hochgekrempelt, daß die schwarzen DocMartenBoots bis zum vierzehnten Loch nach oben sichtbar sind. Ein paar Tage zuvor haben wir uns gegenseitig die Köpfe rasiert, Ralfs und Schorschis Birne ziert oben noch ein Rest Haare, meine Rübe ist komplett rasiert. Unsere Kompetenz in Sachen Alkoholismus und Asozialität wird von den vorübergehenden Schaufensterbummlern nicht einen Moment in Frage gestellt. Es ist uns egal. Schorschi ist es nicht ganz so egal.

„Wichserse! Alles arrogante Wichserse!“ murmelt er mit kornbenetzten Lippen. Flasche drei oder vier wechselt abermals den Besitzer. Wir haben aufgehört zu zählen, hatten es eigentlich nie vor. Ludwig, der obdachlose Mittrinker, ist in unserem Kreise aufgenommen und dreht uns Kippen, lacht mit und über uns und trinkt bereitwillig aus jeder Flasche, die wir ihm hinhalten. Es ist Samstag. Es ist Mittag. Es ist 1988.

„Wie kommen wir jetzt eigentlich nachher ins Chameleon?“ Ralf hat ein Auge zugekniffen und erwartet eine Antwort aus der Richtung, in die er schielt. Das Chameleon ist unsere Stammdisko und befindet sich im Nachbarort, etwa 10 km entfernt.

Disko! Ein geiles Wort eigentlich. Sagt heute ja keiner mehr. Heute heisst das Club und wenn du da ´nen Fanta-Korn oder Asbach-Cola bestellst, rufen sie dir auch direkt noch´n Taxi dazu. Damals war nicht alles besser, es kommt einem aber so vor. Vielleicht liegt es aber auch nur am Mariacron.

Das Chameleon ist jeden Samstag unser Anlaufpunkt. Hier treffen wir Freunde und Feinde, Leidensgenossen und Freudenspender. Hier wird unsere Musik gespielt, unsere Sorgen ertränkt und über unsere Witze gelacht. Ein zweites Zuhause. Für viele das einzige.

„Na, wie sollen wir da schon hinkommen?“ lacht Schorschi. „Mit dem Granada natürlich!“

Ich pruste den Schluck Korn durch meine geschlossenen Lippen über den Boden der Einkaufspassage und schnappe nach Luft.

„Granada? Was für´n Granada?“ schreie ich Schorschi erwartungsvoll ins Gesicht.

„Mein Granada. Ford Granada! 2,8 Liter Ghia. Mein fahrendes Wohnzimmer mit 160 PS. Hab ich mir gekauft. 2500 Mark. Die beste Investition meines Lebens. In dem Ding kannst du dich bei 200 Sachen noch normal unterhalten und es fühlt sich an, als würdest du 50 fahren. Ausserdem passen da bis zu acht Leute rein. Mit Kofferraum sogar 12!“

Mein Unterkiefer klappt herunter und ich sehe immer wieder von Ralf zu Schorschi und zurück, als würde ich darauf warten, daß mich jemand darüber aufklärt, das Schorschi lügt. Aber das tut niemand. Er lügt nicht. Aus der Tasche seines Donkey-Jackets zieht er einen schwarzen Schlüssel mit einem ledernen Ford-Emblem daran hervor und schwenkt ihn vor meinem Gesicht hin und her.
Es folgen meinerseits tränenreiche Lobeshymnen auf dieses, von mir so begehrte Fahrzeug und detaillierte technische Aufzählungen mit ergänzenden Geschwindigkeits-Superlativen von Schorschis Seite. Meine Augen leuchten, ich nicke übertrieben oft und heftig und grinse über das ganze Gesicht. Wir liegen uns in den Armen, Ralf, Schorschi, Ludwig und ich. Die Fanta ist alle, wir trinken den Korn pur.

Eine gefühlte Ewigkeit später, Ludwig wurde es mit uns zu asozial und er ist einfach verschwunden, torkeln wir durch die Innenstadt von Iserlohn in Richtung Busbahnhof. Direkt am ZOB, dem zentralen Omnibusbahnhof, habe er geparkt, erklärt Schorschi lallend während er vor Mc Donalds in einen Blumenkübel pisst. Die verächtlichen und angeekelten Blicke der Menschen um uns herum nehmen wir nicht mehr wahr. Das haben wir uns abtrainiert. Der Rausch hat uns in sein vorgewärmtes Wohnzimmer eingeladen und wir haben auf seiner hochprozentigen Chaiselongue Platz genommen und suhlen uns in der Geborgenheit des trostspendenden Destillats. Wir fühlen uns wie Kinder. Praktisch, denn ich bin ja noch eins.

Wir liegen uns in den Armen, lachen, singen und weinen zwischendurch auch mal. Doch die Tränen kommen mir erst so richtig, als ich hinter der Ecke der alten griechischen Pommesbude am ZOB den Granada entdecke. Smaragdgrün, frisch gewaschen und etwas keck schaut er uns entgegen und zieht mich wie in Hypnose in seine Richtung. Schorschi schliesst die Fahrertür auf, nachdem er dreimal neben das Türschloß gestochen hat und das dumpfe Klacken der Zentralverriegelung lässt mich jauchzen. Ich greife den chromfarbenen Griff der Beifahrertür und öffne die Limousine der Pandora, während Schorschi immer noch auf der anderen Seite steht und etwas unmotiviert versucht, den Schlüssel wieder aus dem Schloß zu ziehen.

„Nix da, du sitzt hinten. Alter vor Schönheit!“ Ralf zeigt auf die hintere Tür und sieht sehr bestimmt aus. Zuerst will ich Widerstand leisten, denke dann aber an die geräumige Rückbank und die Möglichkeit, die Füße während der Fahrt hochzulegen. Mit der rechten Hand fasse ich den formschönen Türrahmen, der beim Ghia-Modell schwarz lackiert ist, und werfe die Tür mit einem leichten Schwung in das satt klackende Schloß. Ich drehe mich zur hinteren Tür und will nach ihr greifen, als ich merke, daß mich irgendwas festhält. Ralf ist es nicht, der steht auf der anderen Seite des Wagens und pisst an den Opel Omega, der neben uns geparkt hat. Schorsch kämpft immer noch auf der Fahrerseite mit dem Wagenschlüssel. Mein Blick wandert langsam an meiner Schulter meinen Arm hinunter und endet an meiner rechten Hand. Ich halte immer noch den Türrahmen fest. Die Tür ist zu. Meine vier Finger liegen sauber aufgereiht auf der Seitenscheibe, mein Daumen allerdings befindet sich immer noch im Wageninneren. Ich habe vergessen meine Hand vom Türrahmen zu nehmen als ich sie zugeknallt habe und hab mir dabei den Daumen in der Tür eingeklemmt.

Klack! Die Zentralverriegelung schliesst, Schorschi hat den Schlüssel rumgedreht. Ich schreie ihn an.

„Mach die Tür auf, mein Daumen ist noch drin!“ Mit meiner linken Hand rüttel ich immer wieder am Türgriff, während Ralf und Schorschi lachen und um den Wagen herumgehen, um meinen Daumen zu begutachten. Sie kichern und stützen sich gegenseitig, zeigen auf mich, auf den Daumen, auf die Tür und wedeln mit dem Schlüssel vor meiner Nase herum. Ich muss mitlachen, obwohl der Korn so langsam nicht mehr gegen das hämmernde Pochen meines Daumens ankommt und der Schmerz eine gewisse Übelkeit aufkommen lässt. Der Schlüssel wird irgendwann wieder in seiner verchromten Freundin versenkt und gibt mit einem weiteren Klacken der ZV meinen Daumen endlich frei. Das Gefühl, als ich die Tür öffne, ist ekelhaft. Das obere Glied meines Daumens hat die Form des Türprofils angenommen, der Daumennagel ist nur noch auf einer Seite befestigt und klappt, vom Bluterguss darunter angehoben, nach links weg. Mir ist schlecht.

Lachend sitzen wir im Auto, meinen Daumen ziert ein Papiertaschentuch und ein Stück Gaffertape. Ich fühle mich wie in einem sehr schlecht gezeichneten Comic, mein Kopf sackt durch den Korn immer wieder zur Seite weg und auch die Dialoge meiner Mittrinker erinnern irgendwie an einen Film von Jacques Tati. Nicht einen Moment kommt uns der Gedanke, daß Fahren in diesem Zustand eine schlechte Idee wäre. Nicht einen Moment.

Schorschi startet das Aggregat und der Motor blubbert, während wir langsam über den Parkplatz rollen. Die Ausfahrt scheint sich zu verengen, je näher wir ihr kommen, als ein kratzendes Geräusch die umstehenden Passanten aufschreckt. Wir haben mit der linken Seite einen der großen Steine touchiert, die rechts und links an den Seiten der Ausfahrt aufgestellt wurden. Spätestens jetzt, nach den ersten erfolglosen fünf Metern, die wir in diesem tonnenschweren Mordinstrument hinter uns gebracht haben, sollten wir einsehen, daß wir der großen Aufgabe Verkehr und Disziplin nicht gewachsen sind.

„Das mach ich morgen mit ´nem Lackstift wieder weg.“ sagt Schorschi, bevor er mit einem irren Lachen und beherztem Tritt auf das Gaspedal jegliche Zweifel an seiner Fahruntüchtigkeit zerstreut. Im integrierten Stereo-Kassetten-Radio läuft vom abgenudelten 90Minuten BASF-Tape der Song „Don´t go in the woods“ von Demented are go und für uns gibt es jetzt kein Halten mehr. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir kreischen mit und feuern Schorschi mit „Jaaaaa, Vollgaaaaaas, Jaaaaaa“-Rufen an, während er rote Ampeln einfach missachtet, Zebrastreifen mit Maximalgeschwindigkeit überfährt und an besonders engen Kurven die Handbremse zur Unterstützung der Driftversuche einbaut. Wir sind besoffen, verrückt und vollkommen gleichgültig.

Ralf verschüttet in regelmässigen Abständen Korn und Hansa-Pils aus Dosen auf seinem Schoß, seinem Hemd und den nicht mehr ganz so weichen Polstern des Gefährtes der Firma Ford. Ich weiß nicht ganz genau, wie wir es geschafft haben, den Innenraum des Autos nach unserem kurzen Kiosk-Stop zum Bierholen, in eine Müllkippe zu verwandeln, aber überall liegen Papier, leere Dosen und Kippenstummel herum.

Krach! Ein lautes Geräusch lässt mich kurz aufsehen, ich war eingenickt, Schorschi wohl auch. Als ich mich rumdrehe, sehe ich noch einen Seitenspiegel eines parkenden Autos über die Straße schlittern. Die Jungs vorne lachen laut und als ich einstimme, nimmt Schorsch das als Ermutigung auf, diesen Vorgang zu wiederholen. Er lenkt den Granada mit einem Ruck nach rechts und schleift an einer Reihe parkender wagen auf dem Bordstein entlang. Der Ford knallt in die anderen Leichtkarossen, drängt sie mit seinen zwei Tonnen Kampfgewicht zur Seite und zerstört alles, was mit ihm und damit uns in Berührung kommt. Aussenspiegel fliegen wie wegrasiert über den Wagen, Scheiben bersten und mindestens 10 Wagen haben es komplett hinter sich, nachdem wir mit etwa 90 km/h daran vorbei geschreddert sind. Passanten springen in Vorgärten oder schreien im Vorbeifahren gegen unser Lachen an, Handies sind noch nicht erfunden und der zeitliche Versatz zum Notruf, dessen Entgegennahme und Reaktion haben uns schon immer ein Lächeln entlockt. Straffrei, kugelsicher, reuelos…, das könnte auf unseren T-Shirts stehen, die in jeder Kurve mehr Bier und Korn abbekommen.
Schorschi knallt mit etwa 100 km/h über die Kuppe der Brinkhofstrasse, die dahinter mit einem Gefälle von 9% in Richtung Letmathe führt und sich in einer Ypsilon-Gabelung vor einem Hochhaus aus den Sechzigern in zwei Richtungen aufteilt. Rechts zum Stadtzentrum, links zum Chameleon. Schorschi hält stur auf das Hochhaus zu, Ralf und ich greifen nach dem „Oh-Shit-Handle“ am Wagendach und ziehen die Augenbrauen hoch. Noch 50 Meter, noch 30 Meter…., er reisst das Steuer nach links herum, die vordere, rechte Radkappe überholt uns und fliegt über den Rasen bevor sie an der Wand des Hochhauses zerplatzt, als wäre sie aus Zuckerguß. Der Granada ächzt und quietscht während er gegen physikalische Grundgesetze kämpfend, die Strasse zu unserer Stammdisko entlangfräst und 10 Meter davon entfernt frontal in die Leitplanke der Zufahrt zur Disko einschlägt. Der Motor ist aus. Es ist still. Im Wagen und auch um den Wagen herum. Ralf fängtt an zu lachen als Schorschi den Schlüssel herumdreht und der Wagen tatsächlich direkt anspringt, als wäre er nur eben aus der Garage gerollt. Schleifende Geräusche begleiten uns auf der Abfahrt zum Parkplatz des Chameleons. Schorschi parkt langsam ein und wir steigen aus. Nachdem wir uns etwa 12mal jeder High-Five gegeben haben, sehen wir, daß der Granada aussieht, als wären wir damit durch Damaskus gefahren…, mit einer israelischen Fahne auf dem Dach.

Schorschi geht langsam um den Wagen herum und begutachtet die tiefen Beulen, Kratzer, die abgerissenen Spiegel beidseitig, die eingedrückte Motorhaube und den rauchenden Kühler und bevor er wieder anfangen kann, seinen Lackstift zu erwähnen, rüttelt Ralf an meiner Schulter und sagt ganz langsam:

„Wieso ist hier kein Mensch? Niemand! Hier ist niemand! Wo sind die alle?“ Er zeigt wankend auf den menschenleeren Parkplatz, zieht die Achseln hoch und sieht uns fragend an.

Tatsächlich. Sonst jeden Samstagabend mit hunderten betrunkener Psychobillies gefüllt, müsste jetzt nur ein Strohbüschel vom Wind vorbeigefegt werden, um die Illusion einer verlassenen Westernstadt zu komplettieren. Auf der Laderampe der alten Firma gegenüber steht ein Typ im Blaumann, der uns ungläubig anstarrt und kurz und trocken, die nicht an ihn adressierte Frage mit dem Satz beantwortet:

„Vielleicht weil wir erst 16:00 haben!“

Verdammt. Er hat Recht. Es ist sogar noch hell, nicht mal das ist uns aufgefallen. wir sind so besoffen und beknackt, daß wir nur daran gedacht haben, heute hier zu feiern. Das Wo und mit der Höllenfahrt das Wie waren also geklärt, nur über das Wann hatte sich niemand Gedanken gemacht.
Erst als Schorschi vor Lachen laut aufschreit und sein Bier über den Parkplatz rotzt, stimmen Ralf und ich mit ein und liegen uns in den Armen.

„Was machen wir denn jetzt?“ frage ich nach ein paar Minuten. „Hier ist doch vor 21:00 kein Schwein anzutreffen.“

„Dom-Stube?“ flüstert Ralf fragend in die Runde.

„Jaaaaaaa!“, schreien Schorschi und ich und als wäre es das Normalste auf der ganzen Welt, steigen wir alle wieder in den qualmenden Granada, wirbeln beim Anfahren Kies und Staub vom Parkplatz auf und knallen mit der gleichen intelligenzbefreiten Fahrweise zur Dom-Stube, eine kleine, griechische Kneipe am Rande der Stadt. Ehrlich gesagt fehlt mir ab diesem Zeitpunkt ein ganzes Stück, ich habe mich im Wagen und auch in der Dom-Stube mehrfach übergeben und man sagte mir, ich hätte nach ein oder zwei großen Willy-Bechern Bier einen Schlafplatz unter dem Billardtisch aufgesucht. Ralf und Schorschi sind am Tisch sitzend eingeschlafen und erst gegen etwa 21:30 Uhr wurden wir von Papa, dem Wirt mit dem flachen Hinterkopf geweckt, da sich andere Gäste beschwerten, was in diesem Etablissement wirklich etwas heissen sollte.

Ralf zog mich an meinen Füßen unter dem Billardtisch hervor und als ich wach wurde, fragte er mich, ob ich noch fahren könnte. Schorschi sei so besoffen, daß er mit dem Ghosts´n Goblins Arcade-Automaten reden würde und schon mehreren Gästen Schläge angedroht habe. Er würde ihm nicht mehr vertrauen.

„Ralf“ entgegnete ich. „Ich bin 15, ich habe keinen Führerschein und das einzige Mal, das ich gefahren bin, war der Golf 1 Automatik von meinem Bruder. Ich bin stochbesoffen und habe gerade vier Stunden unter einem Billardtisch geschlafen, während draussen im Blumenbeet geparkt eines der schönsten Fahrzeuge der Welt steht. Natürlich kann ich fahren!“

Nachdem wir die Kotze von der Rückbank rudimentär beseitigt, Schorschi auf der Rückbank abgelegt und die Zeche geprellt hatten, startete ich das V6 Aggregat und trat auf das rechte Pedal. Das hatte ich so beobachtet und mir angeeignet. Die Automatik hatte ich auf D gestellt, was in diesem Fall für Dulle stand und der Granada schoß vorwärts in den Abendverkehr dieser angenehmen Wochenendaktivität. Die anderen Autos hupten und machten Lichthupe, während ich, von der Kraft dieses Fahrzeugs total überwältigt frontal über zwei Verkehrsinseln ballerte, wobei beide Vorderreifen platzten. Der Granada fräste sich unter unserem Lachen auf den Felgen durch den Asphalt der Von-der-Kuhlen-Strasse, vorbei an ungültig staunenden Fussgängern, wild ausweichenden Fahrern und lustigen Verkehrszeichen, von denen mir keins wirklich etwas sagte.

Nach etwa 10 Minuten Odyssee, knallte ich zuerst frontal in die selbe Leitplanke, die uns vorhin schon am Chameleon gestoppt hatte, nur um dann die Abfahrt herunter zu rasen und dabei die komplette rechte Seite an der Leitplanke entlang zu scheuern und diese aufzureissen. Ralf lachte wie irre, Schorschi schlief, ich dachte an eine Reparatur mit dem Lackstift und parkte den Wagen vor allen unseren lachenden Freunden auf dem Parkplatz der Disko mit der Handbremse ein. Bis auf den linken Hinterreifen waren alle Räder platt, die komplette rechte Seite war eingedrückt, Spiegel, Blinker, Scheinwerfer und Antenne waren nicht mehr vorhanden und der invertierte Kühlergrill gluckerte, knackte und rauchte. Der Wagen war Schrott.

Unter dem Applaus der Umstehenden hieften wir uns und Schorschi aus dem Auto und ließen uns feiern. Wofür genau wußten wir nicht. Am nächsten Tag gab es mehrere Berichte über eine Amokfahrt in unserem Heimatdorf, Augenzeugen hatten widersprüchliche Aussagen gemacht und das Fabrikat des Wagens war nicht genau zu ermitteln, ebenso der Halter und dementsprechend das Kennzeichen. Die Verfasser der Zeitungsartikel waren ratlos und eine Anzeige gegen Unbekannt wurde erwähnt. Unbekannt 1, Unbekannt 2 und Unbekannt 3 haben an diesem Abend noch mehrere Kaltgetränke verklappt, wie mir zugetragen wurde, bevor auch sie den Geist aufgaben.

Sie lachten, weinten und tranken auf den Tod eines der schönsten Fahrzeuge der Welt, den Ford Granada 2,8 Liter Ghia.

4 Kommentare

  1. Robert Pally
    Aug 30, 2016

    Guten Tag Herr Bisley

    Ich bin Religionslehrer und arbeite in Baar, im Kanton Zug, in der Schweiz. Ich habe Ihren Artikel im Public Forum gelesen. Ich frage mich, ob sie auch Lesungen ausserhalb Deutschlands machen? Ich wäre interessiert, eine Lesung mit Ihnen für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe auf die Beine zu stellen.

    Danke für Ihre Antwort

    Robert Pally
    [email protected]

Kommentar absenden