Das Licht im Kopf

Der Bildschirm leuchtete mir den Weg in ganz neue Gefilde, ich sass am Rechner und durchstöberte alle Seiten im Netz, die mir Infos zu diesem Thema zukommen lassen oder auch nur im Entferntesten damit zu tun haben. Und das waren einige. Manche scrollte ich mit einem Affenzahn durch ohne wirklich etwas aufzunehmen, andere wurden schnell und unsauber quergelesen, bei ein paar Seiten blieb ich allerdings hängen, entdeckte Bilder und Erfahrungsberichte. Danach hatte ich gesucht. Bodymodification, Tattoos, Piercing und…, jaaa, endlich. Suspensions. Aufhängungen heisst es auf den deutschsprachigen Seiten.

 

 

Ich hing mit zusammen gekniffenen Augen vor dem Bildschirm und saugte alles auf. Mein Mund war leicht geöffnet, ich wirkte sicher etwas neben der Spur. Meine Zunge leckte über meine Lippen und ich wusste da schon, dass das kein einfaches, interessiertes Informieren mehr ist. Ich bereitete mich vor. Wenn ich schon so intensiv nach etwas suche, es finde und dann Stunden damit verbringe, ist es bald, sehr bald, soweit, dass ich es selbst ausprobieren werde.
Den ersten Kontakt mit dem Thema hatte ich vor Jahren, vielleicht so 1995 oder auch ’96, genau weiß ich es gar nicht mehr. Es war die Erotikmesse in Köln, ich lief umher, quatschte mit anderen Tätowierten und Gepiercten und fand alles total interessant und unheimlich. Unheimlich neu. Ich piercte ja selbst schon etwas länger, trotzdem war es immer wieder neu und aufregend, wie Sex mit Unbekannten.

Das war lange vor der Zeit als Muttis zum Zeichen der Ablehnung des herkömmlichen Hausfrauendaseins stolz die Namen und Fußabdrücke ihrer Kinder zur Schau stellten, bevor Indianerarmbänder, Arschgeweihe, Bärentatzen und Endlosschleifen, Sterne und Chinazeichen meine kleine, neue und besondere Welt angriffen, sie eindrangen in den freakigen Kosmos, den ich für einzigartig und unerreichbar für all die Spießer, Normalos und Ja-Sager hielt, ihn unter Beschuss nahmen mit ihren Panzern der Austauschbarkeit und den Armeen der uniformen Individualität. Leute, die mir bis heute ein Kopfschütteln entlocken wenn sie unter der Ankündigung, etwas ganz Besonderes, Einzigartiges auf ihrem Körper verewigen zu wollen, ein Motiv aussuchen oder mitbrachten, dass abgedroschener und häufiger in seiner Erscheinungsform nicht sein könnte, auswählten.

 

Die Fluten von Clubmösen mit Madonnapiercing oder Kegelpokalsammlern nebst Kameraden, die mein Einkommen sicherten und trotz allem jeden meiner Zunft in den Wahnsinn treiben weil sie den Geist nicht nur nicht mitbringen, sondern ihn auch unbewusst zerstört haben oder an ihm rütteln und mich manchmal wünschen lassen, einige meiner Tätowierungen zwar nicht zu bereuen aber dafür zu sorgen, dass sie ihre ursprünglich auslösende Freude nach deren Erhalt maßgeblich beeinträchtigt haben. Wohlwollend beobachtete ich die Entwicklung der Bodyart-Szene, freute mich über Berichte im Fernsehen, steigende Toleranz innerhalb der Gesellschaft und der stetig wachsenden Gemeinde der vermeintlich Gleichgesinnten. Die Begeisterung wich sehr schnell der Ungläubigkeit über so viel Enthusiasmus, mein geliebtes Nischendasein zu erobern und sich anzueignen als wäre es ein Heckscheibenaufkleber á la „Hexe an Bord“. Das Maß an Verrücktheit, das ich mir gönnte und sicher wähnte, verlor an Boden und wich dem Hass gegen die RTL-Mentalität, die immer dann Einzug hielt wenn mich mal wieder jemand im Tattoostudio, in dem ich arbeitete, dazu aufforderte, ihm einen bösen Blick zuzuwerfen, wenn nach dem Preis für ein „kleines Tattoo“ gefragt wurde.

 

Klein, das war für mich mindestens handtellergroß. Für sie war es so groß wie eine Briefmarke, wenn möglich kleiner und sollte mindestens das heilige Abendmahl, die Familieninitialen und ein paar Schnörkel, Tribals oder lateinische Sprüche enthalten. Ihre ganze, tolle und tiefgründige Persönlichkeit sollte nach Möglichkeit darin zum Ausdruck kommen und der Welt ein rebellisches, auflehnendes und dem Alltag entkommendes Carpe Diem entgegenfeuern.
Gemäß dem Leitsatz, der sie seit dem Schulabschluss, dem Lehrstellenabbruch aufgrund der ungewollten Schwangerschaft oder der Beerdigung des Großvaters begleitet und zu dem gemacht hatte, der sie jetzt zu sein glaubten oder wünschten. Menschen, die den Tag nutzten um zu arbeiten, zu säugen, ihre Opel Tigras zu waschen und mit den verzogenen Bälgern Windowcolorbilder zu basteln um sie in den eben erwähnten Fahrzeugen zu befestigen. Die Sonntags einen Schaufensterbummel machten und ihre Crocs nach der Gartenarbeit vor die Terasse stellten, um das neue und pflegeintensive Bankiraiholz nicht zu belasten, nachdem sie schon der Verlust der Geranien durch die Pisse des Nachbarköters beinahe in den Wahnsinn getrieben hatte.
Sie stürmten diese letzten Zufluchtsorte der groben Aussätzigen, der gebrandmarkten Aussteiger, die sich mit ihren Statements, Wünschen, Träumen und Erfahrungen großflächig und vor allen Dingen absichtlich aus der Gesellschaft gehoben hatten, der sie niemals angehören wollten.

 

Natürlich waren nicht alle ehemalige Gefängnisinsassen, aber sie hätten in meiner Vorstellung welche sein können. Ich war fasziniert von den Menschen, die so anders und doch so interessant und erstrebenswert ehrlich wirkten. Ich wollte einer von ihnen sein. Heute bin ich einer von Vielen. Einer von DENEN bin ich allerdings nie geworden. Der Hang dazu, auch Hände, Hals und Gesicht und Schwanz zu tätowieren, unterscheidet mich noch von ihnen. Noch.

 

Auf der Erotikmesse gab es sie noch nicht. Sie waren zwar schon da, ihre Existenz und ihr Wirkungsfeld beschränkte sich aber Gott sei Dank noch auf Gaffen, Kopfschütteln und dem unterdrückten Wunsch, uns Erdnüsse zuzuwerfen oder zu fragen, ob der Typ mit den gedehnten Ohrläppchen wohl beißt oder nur spielen will.
Auf dem am stärksten besuchten Bereich der Messe sah ich zum ersten Mal diese Leute persönlich, die mich dazu veranlassten, besagte Internetseiten zu besuchen und nach mehr Informationen über ihr, selbst für mich, abgefahrenes, unbegreifliches Hobby zu forschen. Suspensions, wie gesagt. Ein altes, indianisches Initiationsritual, das Jungen zu Männern werden ließ, in dem sie mit Adlerkrallen ihre Brust oder den Rücken durchbohrten um danach Hanfseile durch die entstandenen Wunden zu fädeln und sich daran unter das Firmament der Hütte des Stammesobersten ziehen zu lassen und dort Stunden zu Hängen und zu Schaukeln, bis sie einen tranceähnlichen Zustand erreichten.

Ich wusste nicht genau, ob ich einer, der verhassten Invasoren ähnlichen, Sensationslust verfallen war oder ob es dem wirklichen Interesse an dieser, mir gänzlich neuen Art, seinen Körper herauszufordern, entsprach. Ein Jahr zuvor hatte ich einen selbst verlegten Bildband der Truppe um John Wildcat aus England in die Hände bekommen, in dem Abbildungen von ihm und seinen Freunden zu sehen waren, die sich nicht an Hanfseilen sondern an Edelstahlhaken aufhingen. Die nicht in Tipis baumelten sondern diese Rituale erneuerten und in dunklen Kellerräumen von Sussex schaukelten und die Blut nicht vermeiden wollten, sondern es ganz deutlich, als ein Teil des Geschehens präsentierten und fern von blutrünstiger, effekthascherischer Berichterstattung der Medien auftraten.

 

Ich war gefangen. Eingenommen von Bildern, die in meinem Kopf zu Filmen wurden und die die Protagonisten gegen mich austauschten, anfangs eine Phantasie, dann ein Wunsch, zuletzt ein Vorhaben wurden.

Bei MySpace, viele erinnern sich sicher noch an die, zur Adoption freigegebene, krebskranke Stiefschwester von Facebook, nahm ich Kontakt zu Anette, einer Piercerin aus dem Pott, auf, deren Name immer wieder in Verbindung mit der Bodymodszene auftauchte.

Ich wollte mehr wissen. Machen das auch andere. Interessiert sich außer mir überhaupt noch jemand in Deutschland dafür? Ist es eigentlich legal oder gibt es dafür ein typisch deutsches Gesetz, dass es nicht nur untersagt sondern auch per Ethikurteil als verwerflich deklariert und jeden Interessenten in die für ihn vom System vorgegebene Schublade der psychisch kranken Selbstverstümmler steckt?
Wenn dem so war, wollte ich trotzdem, oder gerade deswegen meine eigene Meinung bilden und dazu gehören. Der Wunsch nach Information war zu einem handfesten Wunsch nach Partizipation und Erleben vergoren. Ich war soweit. Ich schrieb dieser Dame, dass ich es will. Ich will meinen Rücken durchbohren lassen, mir Fleischerhaken in die entstandenen Wunden setzen und mich daran aufhängen lassen. Ich will hängen, an diesen Haken baumeln, schaukeln und meinen Körper vom Geist trennen, wie es die Leute beschrieben, deren Erlebnisberichte ich im Internet eingeatmet, aufgesaugt hatte. Ich will. Ja, ich will.

 

Wochen zuvor hatte ich mich von meiner Freundin getrennt, meinem Seelenpartner der letzten 4 Jahre. Eine Frau, die ehrlicher und liebender nicht sein konnte und mich unterstützt und gefördert hatte. Eine Frau, die mich wirklich liebte und deren Hingabe ich zuletzt als Selbstaufgabe missverstanden hatte und ihr die Beziehung zu mir kündigte.
Eine folgenschwere Entscheidung, die mich schon wenige Wochen danach unterbewusst dazu trieb, mir Schmerzen und selbstgewähltes Leid zuzufügen, von dem ich glaubte, mir Linderung zu verschaffen.
Als ich mir über meinen Entschluss zu diesem Schritt Gedanken machte und die Angst dem Wunsch nach masochistisch geprägter Selbstbestimmung wich, fiel mir sofort diese Frau ein, die als seelischer Beistand meinem ersehnten Treiben beiwohnen und mich unterstützen sollte. Sie sagte zu.

 

Ohne langes Rumgelaber beschloss ich, einen Termin auszumachen und der nächstmöglichen Veranstaltung beizuwohnen. Anette, die Piercerin und Bodymodkünstlerin, die auch in anderen Bereichen von mir favorisierten Praktiken ihr Unwesen trieb, freute sich über Zuwachs und Interesse und beschloss sofort, mich in ihre Riege aufzunehmen. Wir verabredete uns für ein Event, das sie selbst organisierte und in Köln auf die Beine stellen wollte. Zu diesem Zeitpunkt waren solche Happenings eher spärlich gesät und ihnen haftete eine Halblegalität an, da in Deutschland bei öffentlichen Veranstaltungen das Selbstverletzungsmoment nicht unerhebliche Auswirkungen auf die Zulassung dieser Treffen nahm.
Nachdem ich das Telefonat beendet, mein aufgeregtes Grinsen eingestellt und die Ernsthaftigkeit der Verabredung erkannt hatte, berichtete ich meiner Ex-Freundin davon, um den Termin abzugleichen. Sie stimmte zu und versprach mir, Videoaufnahmen von der Aktion zu machen, nachdem ich sie darum gebeten hatte. Meine Freude war grenzenlos.

Traumreiche Nächte und Vorbereitungen in Form von Videos und Filmen zu dem Thema überbrückten die Wartezeit bis zum Event. Auch das von Anette gewählte Datum machte mich nicht unbedingt lockerer, der 11. September sollte es sein. Die Location bekam ich ein paar Tage vor der Veranstaltung mitgeteilt, wir sollten uns gegen Spätnachmittag in einem Keller eines Metal Pubs namens „Valhalla“ treffen. Die Räume unter den, ansonsten von diabolischen Schuppenschüttlern belagerten, Ladens waren eine Art BDSM-Verlies im Stil der dunklen Labyrinthe, die ich von Fetischparties kannte.

Maria, meine Ex-Freundin, Mutmacherin und Kamerafrau, holte mich pünktlich ab und mit dem neuen Passat ihrer Eltern fuhren wir wortlos in Richtung Valhalla. Als wir den Laden betraten, zitterte mein ganzer Körper bereits vor Aufregung. Ich hatte vorher nicht gekifft, keinen Alkohol getrunken und mich vorsichtshalber mit Afri-Cola und Traubenzucker eingedeckt, da ich befürchtete, mein Kreislauf könnte mir den Dienst verweigern. Zu Recht, wie sich später noch herausstellen sollte.
Im Eingangsbereich des schummrigen Ladens begrüssten uns etwa sechs bis sieben, mir unbekannte Typen, die vor einem kleinen Röhrenfernseher saßen und sich ein Video ansahen. Sie hoben nur kurz den Kopf, um mich mit einem wohlwollenden Kopfnicken zu versehen und starrten dann wieder auf den Bildschirm. Anette betrat den Raum und drückte uns beide herzlich an sich, vermittelte freundlich, familiäre Zugehörigkeit und erklärte uns erstmal den Ablauf des Abends. Sie zeigte mir die Räumlichkeiten, einen grossen Raum aus weiss gekalkten Ziegelwänden, an denen Andreaskreuze aus dem SM-Bereich und metallene Ringe und Ketten befestigt waren, der Boden des Areals war komplett mit dicker, schwarzer Teichfolie ausgelegt, zu Reinigungszwecken, wie mir auf Nachfragen erklärt wurde.
Anette meinte, dass hier nicht nur Suspension stattfinden sondern auch heftige BDSM-Parties im Gay-Bereich mit Freunden des gelben Saftes, Golden-Shower-Parties.
Vom Hauptraum aus konnte man in kleine Nebenräume sehen, die, ähnlich einer Gefängniszelle, mit Stahlgittertüren abgeteilt waren. Eine sehr befremdliche Atmosphäre, mir gefiel es, Maria nicht unbedingt. Wenn ich solche Lokalitäten nicht schon vorher gesehen und die entsprechende Neigung zu düsteren Etablissements mitgebracht hätte, könnte einem die Entscheidung zur Teilnahme an einer Suspension unter diesen Umständen schon schwer fallen.
Anette sagte, wir sollen uns noch etwas zu den Anderen setzen, was trinken, ein Kippchen rauchen und warten. Die Vorbereitungen zur ersten Suspension laufen gerade an, ich wäre als Zweiter an der Reihe, wenn ich das möchte. Ich war aufgeregt, konnte es aber kaum erwarten. Jede weitere Minute Wartezeit liess mich nervöser werden, Zweifel kamen nicht auf, aber ich machte mir schon Sorgen, ob die Schmerzen vielleicht nicht zu gross für mich würden. An eine Absage war für mich jetzt nicht mehr zu denken, ich hatte richtig Bock.

 

Im Vorraum setzten Maria und ich uns zu den Anderen, die sich mit Namen und Handschlag vorstellten und mich fragten, was der Grund meiner Teilnahme an diesem Event wäre.
Ich sprach über den Wunsch nach einer sogenannten 4-Point-Suicide-Suspension, so nannte sich diese Art der Aufhängung, die ich favorisierte. 4-Point weil mir an vier Punkten meines Rückens insgesamt vier Haken befestigt werden und Suicide, weil man im hängenden Zustand schwer an einen Selbstmörder erinnert, der den Freitod durch Erhängen gewählt hat. Romantisch.
Zustimmendes Nicken wurde mir von den Jungs geschenkt, ein guter Einstieg, wie man mir versicherte. Nick, ein etwa 40jähriger, hagerer Typ, erklärte mir, dass er ein wenig zusehen wolle um sich aufzuheizen, wie er es nannte und danach vielleicht noch etwas mit Reizstrom und Schmerzen experimentieren wolle. Er habe sich da noch nicht festgelegt. Vielleicht so in der Art, sagte Nick und deutete auf den Fernseher, den die anderen unbeirrt anstarrten.
Jetzt erst sahen Maria und ich, daß Nick wohl eins seiner, mit Hilfe eines Statives, selbstgedrehten Homevideos zum Besten gab, auf dem er nackt auf eienr Art Matratze lag. Sein stark geschwollener, Schwanz war mit Kupferdraht umwickelt und an seinen zahllosen Intimpiercings waren kleine Krokodilklemmen mit Drähten befestigt. Neben der Matratze hatte er einen Trafo aus dem Modelleisenbahnbereich stehen, den er ab und an mit der linken Hand betätigte. Der Strom floss anscheinend durch die Kabel in seinen Schwanz und seinen Sack und brachte ihn so zum Hochgenuss. Als er zusätzlich begann, sich dicke Kanülen durch die Eichel und die Hoden zu stossen und sein Schwanz bei jedem Stromschlag sein tiefrotes Blut wie aus einem Zimmerbrunnen über die Matratze und seine Brust verteilte, erhaschte ich einen kurzen Blick von Maria, der mir vermittelte, dass sie gerne mal nachsehen würde, wie weit Anette mit den Vorbereitungen für die Suspension wäre.

Nach und nach bekam ich die Neigungen der anderen Anwesenden auf´s Brot geschmiert und fand es irgendwie gar nicht schlimm oder ekelhaft, wie es jetzt wohl auf Menschen gewirkt hätte, die mit den Themen Bodymodification oder Sadomasochismus so gar nichts anfangen können. Ich hatte schon Dutzende SM-Clubs und Parties besucht, teillegale Handlungen in Verbindung mit Sex beobachten und ihnen beiwohnen dürfen und auch selbst schon Erfahrungen mit Skalpell und Nadeln am eigenen Körper gemacht.
Das hier hatte allerdings eine Qualität, die mir bis dahin fremd war. Robert spritzte sich im Laufe des Abends mehrere Infusionsbeutel Kochsalzlösung in sein Skrotum und seinen Schwanz und brachte sein Gehänge dadurch auf eine Grösse, das man in keiner Jogginghose der Welt hätte unterbringen können. In einem der Nebenräume, einer dieser Gefängniszellen, lag Martin auf einer belederten Untersuchungsliege und liess sich von einem anderen Teilnehmer mit einem Skalpell längliche Hautstücke aus seiner Brust entfernen, die nach Abheilung eine Art Muster bilden sollten.
Fotografieren und Filmen war nur den anwesenden, extra dafür georderten Leuten gestattet und diese achteten auch peinlich genau darauf, dass niemand gegen dieses, überall anerkannte, ungeschriebene Gesetz, verstiess. Auf Nachfrage wurde mir gesagt, dass ich im Tausch gegen meine E-Mail Adresse eine Benachrichtigung erhalten würde, die mir einen Link zum Download der Fotos übermittelt. Nach vorheriger Prüfung natürlich und Unkenntlichmachung der Gesichter der anderen Beteiligten. Maria könne allerdings ruhig mit ihrer Kamera filmen wenn ich dran bin, sie solle nur darauf achten, dass keine anderen Personen deutlich zu erkennen seien. Damit können wir leben.

 

Die Anderen bewegten sich alle in den grossen Raum und Maria und ich folgten ihnen im Entenmarsch, die erste Suspension sollte beginnen. Ralf, ein volltätowierter Mitstreiter, hatte sich für eine Superman-Suspension entschieden, die ihren Namen aufgrund der fliegenden Position des gleichnamigen Superhelden bekommen hatte. Etwa 16 Haken verteilten sich dabei über Rücken, Arsch und Beine. Ich war mehr als gespannt, froh und dankbar, dass Ralf vor mir dran war und ich erst mal beim Setzen der Haken zusehen konnte.
Anette desinfizierte ihm langsam und gleichmässig den Rücken und die Beine, tastete die zu durchstechenden Stellen ab und setzte die erste Nadel an. Das Ding war ein Monster. Vom Piercen kannte ich verschiedene Nadelgrössen, die hier muss hergestellt worden sein, um Veterinären zu helfen, Pferde zur Ader zu lassen. Verdammt, die Haut an Ralf´s Rücken streckt sich unter Anette´s Bemühungen durch sie durchzustechen, bevor sie mit einem Ruck nachgibt und dem scharfen Stahl den Weg durch alle Hautschichten freigibt. Ich dachte in dem Moment nur daran, dass Ralf die gleiche Nummer noch 15 mal vor sich hat, nicht unbedingt beneidenswert aber irgendwie aufregend. Nummer zwei bis sechzehn folgen und Ralf hält tapfer das Maul, was mir fälschlicherweise vermittelt, das es so schlimm ja nicht sein kann. Die Haut über den Nadeln ist weiss und gespannt als Anette den ersten Haken von ihrer Assistentin aus einer sterilen Klinikverpackung gereicht bekommt und ihn in den Hohlraum der ersten Nadel steckt und ihn durch die Haut drückt. Ralf bäumt sich auf und stöhnt leise und unmerklich, da der Haken etwas dicker ist als die Nadel und die Haut somit kurz nach dem Durchstechen auch gleich noch aufgedehnt wird.

Maria hält dem Grauen stand und sieht zwischendurch weg, um ihren Kreislauf nicht über zu strapazieren. Mir schlägt der Puls bis zum Hals als Ralf mit allen Haken in seinem Rücken schliesslich aufsteht und sich auf die Teichfolie legt. Über ihm ist an der Decke ein Flaschenzug mit einer Traverse befestigt, an der die Seile, die an die Haken geknotet werden, ihre Bestimmung finden. Nachdem die Seile gleichmässig ausgerichtet sind, gibt Ralf sein Ok und Anette zieht langsam an der Kette des Flaschenzugs bis die Seile auf Spannung sind. Es wird ernst.
Die Haut an seinem Rücken dehnt sich, das läge an der Tatsache, dass er vorher etwa 30 Kilo mehr auf den Rippen hatte und dann stark an Gewicht verlor, sagt Ralf. Ab einem bestimmten Punkt hebt sich sein Körper langsam von der Teichfolie in Richtung Decke, Ralf lächelt und sagt, dass es gar nicht so schlimm sei. Das Stechen und Einsetzen der Haken sei bedeutend härter gewesen.
Ich weiss gar nicht mehr, wohin mit mir. Maria ist total angespannt. Ich auch. Wir tauschen Blicke aus, die sagen, dass es schon ganz anders ist, als erwartet. Diese morbide Bumshöhle mit all ihren Freaks, von denen wir ja auch welche darstellen, hat uns in ihren Bann gezogen. Ich hab Bock, so richtig.
Ralf ist für die Traverse zu kopflastig, nachdem er auf etwa einen Meter Höhe hoch gezogen wurde, kippt er nach vorn und erinnert nun eher an Superman im Sturzflug. Wir fachsimpeln und beraten uns, die Aufregung weiccht technischen Überlegungen und irgend jemand aus der Reihe der Wahnsinnigen kommt auf die Idee, ihm ein Gegengewicht an die Seile an den Füssen zu hängen, um das Ungleichgewicht wieder wett zu machen. Gesagt, getan. Wir binden Ralf einen 20 Kilo Pulverfeuerlöscher an die Unterschenkel und das Problem ist behoben. Alle lachen und setzen sich im Halbkreis um Ralf auf den Boden, der nach einem Käsebrötchen verlangt und es etwa eine Minute später auch in die Hand gedrückt bekommt.
Da sitzen wir nun. Vor einem ganzkörpertätowierten Superman, der im Flug ein Käsebrötchen isst und einen Feuerlöscher im Schlepptau hat, dazu lacht und uns erzählt, wie locker die ganze Nummer eigentlich ist. Meine Angst verzieht sich in die hinteren Reihen und ich bin etwas entspannter. Jedenfalls so lange, bis Ralf entscheidet, genug geflogen zu sein und gerne das nächste Brötchen im Stehen geniessen würde. Anette schnappt sich die Kette und lässt ihn langsam zur Landung ansetzen. Alle sind glücklich und sprechen ihm ihre Hochachtung aus. Überhaupt ist der Ton hier sehr respektvoll und freundschaftlich geworden, die besorgte Distanz ist kollektiver Begeisterung und totalem Gruppenerlebnis gewichen.
Es wird ernst. Ralf wird wie ein Christbaum an Knut abgeschmückt und mit grossen, weissen Pflastern versorgt, die die leicht blutenden Wunden der entfernten Nadeln abdecken sollen. Irgendwie viel unspektakulärer als ich dachte. Anette winkt mich zu sich und deutet mir mit einer einladenden Handbewegung, mich auf die Liege zu legen, auf der gerade noch Ralf versorgt wurde.
Maria nickt mir kraftspendend zu und ich nehme den mir zugeteilten Platz ein. Die Abläufe sind mir jetzt bekannt, ich werde desinfiziert, die Haut wird abgetastet und die erste Nadel nähert sich meinem linken Schulterblatt. Anette streicht mir über den Rücken und fragt mich, ob es losgehen kann. Es kann.
Sie nimmt meine Hautfalte, hebt sie an und sticht die erste Nadel durch meinen Rücken. Der Schmerz ist stumpf, dunkel und hart an der Grenze zu dem, was ich als erträglich beschreiben würde. Ralf, du dummer Wichser, das war echt hart. Dreimal muss ich das noch durchhalten, Nummer zwei geht durch, Nummer drei ist unangemessen schmerzhaft im Vergleich zu den Vorgängern, Nummer vier lasse ich durch mich durchgleiten und freue mich über den geschafften, ersten Abschnitt.
Die Haken werden Anette gereicht und ich erlebe den heftigsten Schmerz seit langem. Mein Rücken schmerzt, die Seele verlangt nach mehr und nach dem grossen Knall. Das Gefühl entlässt Adrenalin in meinen Körper, mehr als ich erwartet hätte.
Ich hasse diese schwurbeligen Aussagen von Leuten, die sowas als Kick bezeichnen, eine Aussage, die mich immer an Idioten erinnert, die sich an Gummiseilen von Fernsehtürmen stürzen und das Erlebnis mitnehmen, als wäre es ein Tag im Seilgarten oder Kletterpark. Inflationär benutzte Plattitüden über „Körper vom Geist trennen“ oder ähnliches kommen nicht ansatzweise an das heran, was ich hier gerade erlebe, lebe.
Ich merke, wie mein Kreislauf sich verabschiedet, als ich aufstehe, mir ist schwindlig. Ich esse Traubenzucker, trinke Cola und laufe mit den vier Millimeter dicken Schweinehaken in meinen Schulterblättern durch den mit Folie ausgelegten Raum. Die Anderen beobachten mich, nicken mir bei Blickkontakt zu und bestärken mich, das Vorhaben durchzuziehen, als der Besitzer der Folterwerkstatt den Laden betritt.

Ulli ist ein Schwuler der alten Schule und erinnert in seiner Aufmachung an eine der Ledertunten aus Police Academie´s „Blue Oyster Bar“. Er trägt ein schwarzes Ledercap, eine passende Lederweste und sein gepiercter Schwanz schaukelt beim Gehen langsam hin und her, da er eine Lederchaps trägt, die die Beine bekleidet und im Schritt offen ist. Er trägt einen Goatie-Bart und kommt langsam auf mich zu, hält mir seinen Joint hin und sagt, dass mir das sicher gut tun würde. Ich lehne dankend ab. Er grinst, dreht sich um und während er mit nacktem Arsch zu Anette geht und sich aus dem Kasten am Boden eine Flasche Reissdorf Kölsch nimmt und sie mit gelerntem Klicken einer seiner silbernen Ringe fachmännisch öffnet, starre ich auf die Traverse unter der Decke, den Flaschenzug und Marias besorgtes Gesicht. Ich lächle und gehe auf in dieser abgefahrenen, tranceähnlichen Traumwelt voller Charaktere und irrealer Begleiter, die mich in keiner Weise verschrecken sondern nur noch tiefer eintauchen lassen, in das, was ich mir vorgestellt und übertroffen habe. Ich bin voller Endorphine, voller Zufriedenheit und voller Schmerz, der sich langsam zu Glück zu transformieren beginnt. Ich will jetzt hängen.

 

Aus den Reihen der Fremden tritt ein Typ an mich heran, der sich Markus nennt und mir sagt, dass er Arzt sein und gerne etwas auf mich aufpassen würde. Ob mir das recht sei, fragt er mich mit schmeichelhaft nettem, österreichischem Akzent. Er trägt ein rotes Tuch in seiner Arschtasche, ein Hankycode bei Schwulen, der seine aktiv-sadistische Neigung anzeigt. Sein Sklave, dessen Brustwarzen von Kanülen bespickt aus seinem fahlweissen Körper heraus ragen, bringt uns Wasser und wartet auf weitere Befehle.

Markus hilft Anette, die Seile an meinen Haken zu befestigen und sie mit der Traverse zu verbinden. Ich bin soweit. Mein Kreislauf tanzt Samba und es geht hoch und runter in meinem Kopf. Ein Kribbeln durchzieht mich als ich Anette mit einem Kopfnicken zu verstehen gebe, dass sie mich hochziehen soll. Sie nimmt die Kette des Flaschenzugs und das Rasseln des Metalls überträgt sich, durch die Verbindungen zu mir, in meinen Körper. Ich atme schnell, aufgeregt, unsicher. Markus stellt sich direkt vor mich, fühlt meine Stirn und lässt mich leise flüsternd wissen, dass ich nicht allein bin. Die Haken heben sich und meine Haut zieht sich von meinen Schulterblättern langsam in Richtung Decke. der Schmerz ist stark, brennend, hell. Das Durchstechen der Haut war schlimmer aber es fühlt sich trotzdem sehr unangenehm und hart an.
Ich stelle mich mit jedem weiteren Zug an der Kette mehr auf meine Zehenspitzen, um dem Schmerz meiner Haut entgegenzuwirken. Mein Blickfeld verengt sich, es wird dunkler und dunkler um mich herum, ich höre Markus, wie er meinen Namen sagt und meine Handgelenke drückt, um meinen Puls zu fühlen. Anette legt ihre Hand auf meinen Rücken als ich merke, wie meine Lippen zu kribbeln beginnen, sich mein Gehör verabschiedet und ich langsam nicht mehr in der Lage bin, auf meinen Zehen zu stehen. Umfallen oder Hinsetzen geht nicht mehr, dafür hat man mich schon zu weit hochgezogen. Etwa zehn Zentimeter trennen mich vom wirklichen Schweben als ich ohnmächtig werde. Mein Kopf sackt ab und die Umstehenden sind besorgt, still und aufmerksam. Ich höre Markus und Anette meinen Namen sagen, immer wieder. Mein Kopf wird geschüttelt und ich öffne die Augen. Ich sehe Markus an, sage ihm, dass es mir ok geht und sie mich weiter hochziehen sollen. Er nickt, schickt seinen Sklaven in seine Ecke und deutet Anette an, dass es weitergehen kann.

Die Kette rasselt. Wieder und wieder. Ich hebe mich der Decke entgegen, meine Fussspitzen sind noch im Kontakt mit dem Boden als ich ein zweites mal ohnmächtig werde, aufgeweckt werde und nach einer kurzen Verschnaufpause und einem weiteren Rasseln der Kette ein drittes Mal das Bewusstsein kurz verliere. Ich merke, dass die Gesichter sich beraten, überlegen, ob sie abbrechen sollen.
Ich will da hoch. Ich habe diese verschissenen Nadeln, die Haken und den ganzen Rest durchgehalten, ich will da hoch. Deswegen bin ich hier und ich weiss, dass ich das schaffe. Ich hebe erst ein Bein, dann das andere an und hänge mit angewinkelten Beinen komplett frei, schwebend in der Luft. Nur an diesen Haken, an meinem Fleisch. Kein Gestell, kein Gurt oder Geschirr. Nur ich an meinem Fleisch. Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich.

 

Das hier ist kein Kick. Das ist keine Selbsterfahrung oder sonst ein schamanischer Scheißdreck. Ich bin glücklich. Die körpereigenen Botenstoffe lassen mich den Schmerz auf der Stelle vergessen, er ist nicht mehr existent. Die geschundene, etwa 15 Zentimeter vom Körper weg gedehnte, Haut ist wie betäubt, fühlt sich nur noch heiß aber nicht unangenehm an. Alles um mich herum ist still, selbst die, die sich noch unterhalten, höre ich nicht mehr. Mein Kopf ist leer und zufrieden, ich habe das einmalige, nie zuvor empfundene Gefühl, jetzt alles schaffen zu können.
„Gib mir eine Aufgabe, irgend eine. Ich löse sie!“, scheint meine innere Stimme zu brüllen ohne mich in einen Kokain-ähnlichen Größenwahn verfallen zu lassen. Stark, sicher und frei, das sind die Attribute, die in meinem Kopf leuchten und mich zufrieden an meinem Fleisch baumeln lassen. Ich lächle, sehe Maria an, sehe die anderen an und glaube, meine Gefühle durch Blickkontakt auf sie übertragen zu können. Markus lässt meine Handgelenke los und nickt mir mit einem Blick zu, der mir sagt, dass er stolz auf mich ist. Ich hab es geschafft, nicht aufgegeben, obwohl ich geschwächelt hatte. Ich hatte Angst, mit meinem Kreislauf zu kämpfen und die Nummer wäre beinahe abgebrochen worden. Aber ich war oben, ich hing.
Auf mein Bitten legten Markus und ein anderer Teilnehmer ihre Hände auf meinen Rücken und gaben mir etwas Schwung nach vorne, ganz leicht nur. Ich nutzte meine Füße und Beine zum Schwungholen und schaukelte in diesem seltsamen, dunklen Keller wie ein kleines, glückliches Kind ein paar Minuten hin und her. Der Wahnsinn dieser Szenerie eröffnete sich mir erst, als ich Tage später die von Maria gefilmten Videosequenzen sah. Ein ziemlich skurriler Anblick, Horror und Schönheit zugleich, obwohl die meisten Freunde, denen ich die Aufnahmen zeigte, die Schönheit darin vergebens suchten. Mir war es egal, ob mich alle für einen Irren hielten, den Ruf hatte ich vorher schon, drauf geschissen. Das konnte mir keiner mehr nehmen.
Etwa eine Stunde nachdem ich die Haken in meinem Rücken gesetzt bekam und circa 20 Minuten nachdem meine Füße den Boden verlassen hatten, meldete sich mein Kreislauf zurück und gab mir durch ein starkes Kribbeln in den Lippen und deutlichem Flimmern vor den Augen zu verstehen, dass die Grenze für meinen Körper hier erreicht ist und ich besser wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren sollte. Anette und Markus sahen das ähnlich und bereiteten den Abstieg vor. Die Kette rasselte ein letztes Mal durch die Ösen des Flaschenzugs und ich sank langsam gen Boden. Hinter mir wurde ein Stuhl aufgestellt, auf den ich direkt absinken konnte. Anette streichelte mir ein paar Minuten über den Rücken, Maria hockte vor mir, sagte mir wie stolz sie auf mich sein und ich vergrub mein Gesicht in meinen Handflächen und atmete tief ein und aus. Nach ein paar Augenblicken legt ich mich bäuchlings auf die Liege, Anette trat an mich heran und zog mit schnellen Handgriffen die Haken aus meinen Schulterblättern. Die Wunden bluteten nur leicht und nachdem mir ein paar sterile Pflaster auf die Haut geklebt wurden, war ich soweit fertig. Ich bedankte mich bei allen Beteiligten, grinste und setzte mich noch ein paar Minuten zu den Anderen, um etwas runter zu kommen. Maria und ich verabschiedeten uns bei Anette und gingen nach einigem Händeschütteln und vorsichtigem Schulterklopfen der Anderen zum Wagen. Als ich mich in den Beifahrersitz des Passats fallen ließ, blubberte noch etwas Luft, die sich unter den Einstichstellen gesammelt hatte, aus den Wunden und entlockte mir ein Lachen, da es nicht wirklich unangenehm war sondern eher an einen Furz aus meinem Rücken erinnerte. Diese ganze Geschichte erscheint mir rückblickend ziemlich seltsam, keinesfalls krank oder abartig, sondern einfach nur überwältigend und in all ihrer blutigen Hässlichkeit für Außenstehende, schlicht und ergreifend schön. Seit der Aktion sind jetzt zehn Jahre vergangen und ich denke in diesem Moment über eine Wiederholung zum Jubiläum nach. Verständnisloses Kopfschütteln und unangebrachte Kommentare der Alleswisser und Sittenwächter entlocken mir ein müdes Lächeln wenn ich an den Nutzen denke, den ich daraus gezogen habe.
Was ist daran falsch oder nicht nachvollziehbar? Nur weil es mit Schmerzen verbunden ist, weil es nicht sauber und vorzeigbare Selbstverletzung ist, wie bei Schönheits-OPs oder bei Marathonläufen, bei Essstörungen, Tätowierungen oder Blutgrätsche beim Fußball, die uns höchstens ein duldendes, laute Uuuuuh inklusive verzerrtem Gesicht entlockt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Begriff und das Gefühl Schmerz ausschließlich negativ besetzt sind. Nach dem Saufen gibt es eine Aspirin, nach dem Sonnenbrand etwas Fenistil-Gel, eingerissene Nagelbetten werden mit Wundsalbe und Pflaster versorgt und wenn man sich auf dem Weg zum Bad nachts im Dunkeln den kleinen Zeh an der Kommode im Flur anstößt, verhält man sich, als wäre man in eine Bärenfalle getreten. Das alles ist in unserer, in Watte gepackten, verweichlichten Welt toleriert und wird kollektiv abgenickt, während in Südamerika noch Menschen in unzivilisierten Bereichen nackt mit gebrochenen Rippen und bloßen Händen Wildschweine jagen und erlegen. Da es sich dabei um die selbe Spezies handelt, sind wir auch dazu in der Lage, wir haben es bloß verlernt und schlimmer, wir wollen sowas gar nicht. Nicht weil wir keine Wildschweine in der Dortmunder Innenstadt oder dem Bochumer Bermuda-Dreieck finden, sondern weil es uns krank erscheint. Irre. Oder einfach ekelhaft und nicht normal.
Mir hat mein Erlebnis, die Suspension, gezeigt, dass ich Dinge schaffen kann, die mir unwirklich schwer und zu krass vorkamen. Bis ich es probiert habe. Jetzt kann ich vieles gelassener angehen. Ich freue mich auf meine nächste Suspension. Vielleicht erzähle ich danach wie es war…

3 Kommentare

  1. Ätsch Peck
    Nov 8, 2015

    Nicht vielleicht?!
    Ich würde es gerne erfahren!
    Der 11.09. war ein besonderer Tag!
    Mein Geburtstag 😏
    Bin gespannt….

  2. Oliversum
    Nov 9, 2015

    Jesus!

  3. JudgeDark
    Nov 17, 2015

    Deine Beschreibung, ergänzt durch das Bild, was ja mal in Iserlohn im Studio hing, geben schon ein krasses Bild von der Nummer. Respekt für Deinen Mut, meins wäre es aber nicht, auch wenn ich mir regelmäßig Farbe in die Haut jagen lasse.

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