Steiff wie ein Bär

Ich habe mir keine Gedanken gemacht, wie so oft. Bei fast allen Deadlines bin ich der Letzte, der, der alles bis zum letzten Moment hinaus schiebt und dann einen Tag vorher da sitzt und sich überlegt, was überhaupt die Vorgabe war.

 
Eine Vorgabe hatte ich in diesem Fall gar nicht. Ich sollte meinem Lehrer lediglich bis heute mitteilen, in welchem Betrieb ich mein Schulpraktikum machen sollte. Gehemmt von chronischer Unlust und Trunksucht schob ich diese Entscheidung seit Monaten vor mir her. Ich hatte nicht den Hauch einer Idee. Mitschüler freuten sich auf ihr Praktikum und berichteten schon Wochen vorher davon, wie sehr sie sich darauf freuten, endlich in der Firma ihres Onkels mit anpacken zu können.

 

Ich wusste bei diesen Ausführungen nie, ob ich lachen, heulen oder kotzen sollte. Irgendwo mit anzupacken war nichts für mich. In der Firma meines Onkels zu arbeiten genau so wenig. Erst einmal hatte mein Onkel keine Firma und wenn, wäre ich sicher ganz unten auf der Liste seiner Wunschpraktikanten gewesen. Verständlich.
Meine Tätigkeiten beschränkten sich auf Kiffen und billiges Bier trinken, auf Abhängen und Ärger machen. Ich war so perspektivenlos, dass ich dieses Wort nicht mal kannte. Was zur Hölle sollte ich also als Praktikant machen? Ein Praktikant, der praktisch pragmatisierend permanent Panik propagiert und penibel pingeligen Praktikumsprobanten als Parität des Prästandum dient. Das Grinsen im Gesicht meiner Mitschüler als Herr Tull, mein rundbäuchiger Klassenlehrer, mich fragte, ob ich nun einen Platz im angehenden Arbeitsgewerbe vorweisen könnte, war breit und zweifelsfrei von Schadenfreude geschwängert. Ich selbst war einfach nur genervt.

 

Ich, der Typ, der nach eigener Erkenntnis zu den Leuten zählte, die im Restaurant selbst in einer Portion Käsespätzle einen Kirschkern entdecken würden. Der angetrunkene Dauerloser, der auf Parties seiner Klassenkameraden nicht eingeladen wurde, aus Angst, er könnte den After Shave Vorrat des Vaters wegsaufen. Der Kartenverkäufer im Kino der Underdogs, der Captain Ahab Iserlohns, der sich selbst auf den weißen Wal der drogenaffinen Verlierer festgeschnallt hatte, nur um bei jedem Auftauchen der restlichen Besatzung mit einer Dose Hansa Pils zuzuprosten und dabei doch optisch lediglich an Queequec zu erinnern.

 

Was sollte dieses Mal anders sein? Doch wie üblich drehte ich mich auch hier mit dem linken Fuß in der Bärenfalle zu meinem Lehrer um und lächelte, als ich mit an Wahnsinn grenzender Überzeugung sagte:

 

„Ja, sicher! Ich mache mein Praktikum als Verkäufer bei Karstadt in der Spielwarenabteilung.“

 

Diese Antwort war so abstrus, so lächerlich, so abenteuerlich und gleichzeitig so falsch und an den Haaren herbeigezogen, daß niemand, wirklich niemand, meine Antwort anzweifelte. Her Tull wirkte kurz, als hätte ihn der Vereisungsstrahl eines alternden Superhelden mitten ins Gesicht getroffen. Überrascht und gleichzeitig begeistert entgegnete er mit verbalem Schulterklopfen, was wiederum den gleichen Gesichtsausdruck bei meinen Mitschülern auslöste.
Die restlichen Schulstunden verbrachte ich damit, über die Möglichkeiten nachzudenken, diese Lüge in Wahrheit umzuwandeln. Nach dem Unterrichtsschluss begab ich mich umgehend in die Telefonzelle, die mir schon zwei Jahre zuvor dazu gedient hatte, einen Bombenalarm an meiner Schule auszulösen. Heute nutzte ich sie, um bei Karstadt in Iserlohn anzurufen. Ich räusperte mich während der Wartezeit, die das Tuten des Verbindungssignal benötigte und säuselte nach dem Abhenben des Hörers am anderen Ende der Leitung mit meiner freundlichen Fickstimme in den Fernsprecher.

 

„Hallo, mein Name ist Sascha und ich wollte mich nach einem Praktikumsplatz erkundigen, können Sie mir da weiterhelfen?“

 

Die nette, nicht weniger fickfähige Stimme, entgegnete mir mit einer unerwartet freundlichen Antwort.

 

„Die Praktikumsplätze sind seit Wochen vergeben. Allerdings schickt sie der Himmel, denn eine unserer Praktikantinnen kann ihre Stelle aus Krankheitsgründen nicht antreten. Allerdings ist das wahrscheinlich nicht gerade ihre Wunschvorstellung…, wir suchen noch jemanden in der Spielwarenabteilung. Als männlicher Bewerber wohl nicht gerade das Praktikum ihrer Wahl, oder?“

 

Ich vollzog einen alten indianischen Tanz in der Telefonzelle während ich mit einer Hand den Hörer zuhielt und der Dame am Telefon anschließend versprach noch morgen meine persönlichen Unterlagen ebenso persönlich vorbeizubringen.

To make a long story short, ich schaffte es tatsächlich diesen von mir erfundenen Platz zu bekommen, die Täuschung vor den Lehrern zu verheimlichen und alle im Glauben zu lassen, der richtige Kandidat für diesen Job zu sein. Ein paar Wochen später war es soweit. Mein erster Arbeitstag. Eigentlich sollte ich mich freuen. Tat ich aber nicht, denn Arbeit war mit Dingen verbunden, die mir gar nicht behagten. Die da waren:

 

Früh aufstehen
Pünktlich erscheinen
Nüchtern sein
Arbeiten

 

Wer konnte das ahnen? Allerdings gelang es mir, meine fehlende Motivation und deren Auswirkungen mit Hilfe eines von Geldsorgen geplagten Rucksackurlaubers, der Ketama-Haschisch aus Marokko nach Deutschland geschmuggelt hatte, zeitweise in die Belanglosigkeit zu verbannen. Ehrlich gesagt war es sogar ganz witzig. Ich betrat das Kaufhaus morgens durch den Personaleingang und ging im Halbdunkeln durch die einzelnen Abteilungen bis zu den Spielwaren. Es ähnelte meinen Kindheitsträumen, in denen ich mir ausgemalt hatte, in ein Kaufhaus eingeschlossen zu werden und dort mein Unwesen zu treiben. Natürlich konnte ich mich hier nicht um 8:30 Uhr mit Wackelpudding einreiben und Bowlingkugeln durch die Gänge schieben, um von mir zuvor aufgestellte Schaufensterpuppen umzuballern. Auch die ewig geplante Fressaktion mit gesalzenen Chips und Nutella würde hier nicht auf Begeisterung stoßen. Ich war allerdings so breit, daß die Vorstellung ausreichte, um eine Art der Zufriedenheit und Professonalität auszustrahlen.

 

Die sogenannten Arbeitstage strichen dahin und ich erschien fast gerne in der Spielwarenabteilung des Iserlohner Karstadts. Die Kollegen lachten und scherzten mit mir und hatten sich schnell an mich, meine roten Augen und den mir inne wohnenden, seltsamen Humor gewöhnt. Ich wurde sogar zur Weihnachtsfeier im Warsteiner Eck eingeladen. Der Abend war ungezwungen, gemütlich und es wurde viel Warsteiner getrunken, bis ich den Verzehr von Appelkorn ankurbelte und die Weihnachtsfeier dadurch zu einer Trinkspielparty modifizierte.

Die Feier war an einem Donnerstag, der Abteilungsleiter, Herr Kleinmann, erschien Freitags nicht zur Arbeit. Jedenfalls nicht pünktlich. Gegen 11:00 Uhr kam Michael, wie ich ihn seit gestern nennen sollte, total zerfickt den Gang zur Abteilung herunter getorkelt. Er trug nicht nur den gleichen Anzug, wie gestern, sondern auch einen riesigen Karton vor sich her.

 

Nachdem er mir offenbarte, daß er nicht Michael, sondern Herr Kleinmann heiße und von Spaziergängern im Gebüsch am Seilersee, dem Naherholungsgebiet Iserlohns, gefunden und geweckt wurde, mega Ärger mit seiner Frau hatte und sich noch ganz genau daran erinnern konnte, daß ich ihm und seinen Angestellten im Warsteiner Eck mehrfach meinen Penis gezeigt hatte, drückte er mir den Karton in die Arme und sagte schroff:

 

„Hier, auspacken, anziehen, mitkommen!“

 

So sehr es auch in mir brodelte, ich verkniff mir ein Lachen, denn es wäre mir eh im Hals stecken geblieben, nachdem ich den Inhalt des Kartons gesehen hatte. In der angeknacksten Pappkiste lag ein lebensgroßes Werbekostüm der Firma Steiff. Ein großer, hellbrauner, plüschiger Teddybär-Anzug, in den man reinschlüpfen konnte und der, nachdem man sich den dazu gehörigen, riesigen Kopf übergestülpt hatte, die Illusion eines zwei Meter großen Steifftiers hinterlassen sollte. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

 

War ich doch in meinen Augen der Outlaw meiner Heimatstadt und sorgte lieber für Ärger als für Gelächter. Warum ich? Es gab allerdings weder eine Erklärung, noch eine Option für mich. Ich vermutete, daß es eine Mischung aus Praktikantenaufgabe und der Bestrafung für das Entblößen meiner Genitalien auf der Weihnachtsfeier war.
So schlüpfte ich also in das Bärenkostüm und ging, wie mir aufgetragen wurde durch die Gänge der Spielwarenabteilung, um Kinder zu begrüßen und zu bespaßen. Einige der kleinen, halslosen Monster zerrten und zupften an mir und dem kleinen flauschigen Bürzel, der meinen pelzigen Hintern zierte und ich musste mich hier und da mit gezielten Arschtritten von den Blagen befreien, wenn ihre Eltern nicht in der Nähe waren.

 

Nach etwa einer Stunde lief mir mein eigener Schweiß in die Augen und ich hatte Schwierigkeiten, zu erkennen, mit wem Herr Kleinmann da vorne am Infoschalter redete und dabei auf mich zeigte. Dann erkannte ich Herrn Tull, meinen Klassenlehrer, der mit einem sehr breiten Grinsen auf mich zu kam, etwa einen Meter vor mir stehen blieb, mich langsam von oben bis unten musterte und dann zu mir sagte:

 

„Ach, Sascha, mein Bärchen, dass ich das noch erleben darf.“

 

In diesem Moment trafen wir, also Herr Tull, Herr Kleinmann und ich eine stille Vereinbarung. Niemand erfuhr, daß Herr Kleinmann auf der Weihnachtsfeier seine Zunge in Frau Hampe gesteckt hatte, Herr Tull erfuhr nicht, daß ich nach einem Liter Appelkorn meine Fleischpeitschen-Nummer aufgeführt hatte und ich erfuhr, wie demütigend es sein kann, wenn nach Praktikumsende im Klassenraum eine öffentliche Bewertung der Tätigkeiten stattfindet. Meine Mitschüler hatten einen Bärenspaß…

4 Kommentare

  1. Headbanging Psychologist
    Nov 9, 2015

    Sehr schön! …Frau Hampe?!?

  2. JudgeDark
    Nov 17, 2015

    Haha … genial! Insbesondere der Verweis auf die Telefonzelle und ihre Bedeutung! 😀

  3. Westmar
    Sep 23, 2016

    Klasse Geschichte.
    Vor allem wenn man selbst in dem Laden, nur nicht in Iserlohn, arbeitet.
    Es ist aber fast überall sehr ähnlich!
    🙂

  4. Adam
    Dez 26, 2016

    ob ich lachen, heulen oder kotzen sollte!

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