So ist das halt…

Freitag Abend, leicht bewölkt, ein arschkalter Dezembertag. Ich bekomme von all dem nichts mit. Da wo ich bin, ist es recht dunkel. Ich sitze im Theater. Ich sitze im Theater an einem Tisch. Ein kleiner Tisch mit dem Nötigsten bestückt und von oben leicht beleuchtet. Ich sitze im Theater der Stadt Dortmund an einem kleinen Holztisch und lese diese Geschichte.

Vor mir sitzt das Publikum, Gäste, Freunde, Bekannte, zufällig Reingestolperte, wie auch immer. Vor mir sitzen auf jeden Fall Männer und Frauen. Die Männer sitzen hier weil sie entweder auf eklige Sachen und Literatur stehen oder weil sie von jemandem hierhin geschleppt wurden. Die Frauen sind hier weil sie auf eklige Sachen und Literatur stehen und nicht wussten, wo sie ihren Typen sonst hinschleppen sollten.
Alexander ist Dramaturg hier am Theater und sitzt im Hintergrund auf einem Barhocker und grinst, im Nebenraum sorgt eine nette Bedienung für das leibliche Wohl in Form von flüssigem Brandbeschleuniger und Bier. Ein angemessener Zeitpunkt für einen ordentlichen, nicht zu aufdringlichen oder gar gespielten Applaus, der den Veranstalter und die Servicekräfte angemessen wertschätzt. Danke!

Das reicht nun auch mit dem versöhnlichen und ungewohnt harmonischen Ton, der hier von Anfang an im Subtext mitschwingt. Für meine Verhältnisse ist das schon mehr Nettigkeit, als meine Geschichten sonst ertragen können. Wurde doch in der Ankündigung zu dieser Veranstaltung ein Spagat zwischen Eloquenz und Ekel versprochen. Dann wollen wir mal….

Nein, ich werde jetzt nicht über Körperausscheidungen reden, das hatten wir zu genüge. Und da ich nicht ständig über meinen Durchfall schreiben kann ohne in Verdacht zu geraten, darminkontinent zu sein, bleibt ja nicht mehr viel. Was soll man über Körperabfälle sonst so schreiben? Man könnte so eine Mario-Barth-Grätsche machen und Sachen anführen, mit denen sich jeder identifizieren kann. Zum Beispiel, dass man nach dem Kacken nie einfach so spült, sondern erst nachsieht, was man da fabriziert hat. Das Gleiche gilt für den Blick ins Taschentuch nachdem man sein halbes Gehirn dort hinein geschossen hat. Das kennt jeder, das macht jeder, und die, die jetzt angewidert ihren Nebenmann ansehen und den Kopf schütteln, essen sogar manchmal davon.

„Kennze, Kennze, Wa?“ würde Mario Barth da sagen, obwohl er dieses Thema wohl zu hart finden würde. Er würde eher über seine imaginäre Freundin herziehen und dazu Grimassen schneiden und während des Beifalls seiner gleichsam debilen Gefolgschaft die Wartezeit mit überzogenen Gesten überbrücken, die bis zum Ausklingen des Applaus immer wiederholt werden würden. Dann würde er auf einen männlichen Zuschauer im Publikum zeigen, ihm ein Auge zukneifen und sagen:
„Du weest, wat ick meene, wa?“

Ich hasse diesen Spasti. Mannomann, und wie ich den hasse. Noch mehr als Typen, die sich beim Bukkake vordrängeln.

„Hah, du weest, wat ick meene!“ (..ich zeige auf irgend jemanden im Raum..)

Aber er füllt ganze Stadien, riesige Hallen und verkauft mehr DVDs als Deutschland ertragen kann. Mario Barth ist alleiniger Inhaber der Firma „Hauptstadt Helden Merchandising“ und liess bei seinen Video-on-Demand Auftritten im Internet das Vorspulen verbieten und deaktivieren. Ausserdem hält er einen Weltrekord, und damit meine ich nicht die 70.000 Verwirrten im Olympiastadion, sondern den längsten Abspann auf einer DVD mit 40 Minuten und 48 Sekunden. Unglaublich.

So lange würde mein komplettes Programm dauern wenn ich nüchtern lesen würde. Aber ich will ja auch gar nicht sein wie Mario, vielleicht wie Supermario. Den ganzen Tag Kart fahren und mit Bananen werfen, das wäre genau mein Ding. Aber wie bin ich auf den Schwachkopf gekommen? Ach ja, Ekel!

Ich hab mich letztens mit dem Thema beschäftigt und darüber nachgedacht, woher es kommt, dass sich Menschen vor so unterschiedlichen Sachen ekeln oder fürchten. Ich zum Beispiel ekel mich nicht vor Fingernägeln, die über eine Tafel kratzen sondern vor Ballerinas, aber das ist ja hinlänglich bekannt. Mein Freund und Nachbar ekelt sich vor Frischhaltefolie und auch vor Honigmelone. Da sich das gut miteinander verbinden lässt, kann sich vorstellen, was ich ihm gerne mal vom Einkaufen mitbringen möchte. Mein Arbeitskollege Ingo hat einen Freund, mit dem er im ehemaligen Jugoslawien in einem See tauchen war. Der Typ fand eine Schnecke oder Muschel oder sowas unter Wasser und als er sie nach dem Auftauchen hochhielt um sie gegen die Sonne zu halten und zu betrachten, lief eine grüne, schleimige Flüssigkeit über seinen offenen Mund. Der damit verbundene Ekel liess seine Unterlippe um das dreifache anschwellen. Diese Lippe bildete sich nie mehr zurück und sieht noch heute aus wie eine Bockwurst, die man ihm ins Gesicht getackert hat.

Laut Wikipedia ist Ekel nicht angeboren, wird bis zum dritten Lebensjahr erst gar nicht wahrgenommen oder empfunden. Erklärt auch, wie man sich ein Stück des eigenen Kotes in den Mund stecken und trotzdem noch ein breites Grinsen hinbekommt, das die braunen Zähnchen freilegt. Ekel wird angelernt, ist die erste Lernerfahrung der frühkindlichen Sauberkeitserziehung, sagt Freud. Paul Ekman geht sogar noch weiter und stellt Ekel auf eine Stufe mit anderen kognitiven Einstellungen, wie Freude, Trauer, Angst, Verachtung, Wut und Überraschung. Ein Experiment an der Uni Groningen zeigte, dass sexuelle Erregung zu einer Absenkung der Ekelempfindlichkeit führt.
Das kennt man. Wenn ich geil bin, lecke ich auch gerne mal an einem Arschloch, nachmittags beim Einkaufen in der Stadt, kommt mir die Idee eher selten.

Wenn Ekel nicht angeboren ist, wie würde man dann reagieren, wenn man ganz unbefangen an alles heran gehen würde? Könnte ich auf dem Klo der Hirsch-Q ein Stück Schwarzwälder-Kirsch-Torte vom Boden essen? Könnte ich bei Frauen Cunnilingus praktizieren nachdem sie in Frottee Unterwäsche den New-York-Marathon gelaufen sind? Könnte ich mir Samstags auf einer Party anstelle von Kokain vielleicht Smegma unter das Zahnfleisch reiben?
Ich weiss es nicht. Ich will es auch gar nicht wissen, denn manche Sachen ergeben einfach Sinn. Man muss nicht alles hinterfragen. Das ist genau wie bei dem Sinn dieser kurzen Geschichte. Fing eigentlich ganz interessant an und endet jetzt hier. Einfach so. So ist das halt manchmal.

1 Kommentar

  1. JudgeDark
    Dez 7, 2014

    😀

    Ich seh dich gerade mit nem Kart auf dem Ring um die City in Dortmund heizen und mit Bananen auf Passanten werfen … HERLICH!

    Und die coolen Klamotten dazu … ! 😀

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