Mann ohne Manko

Die Augen lassen sich nur schwer öffnen, der Körper ebenso schwer aus dem Bett bewegen, die Nacht war kurz und nicht erholsam. Montag, Wochenbeginn und die monoton wiederkehrende Einleitung zur Unerträglichkeit des Arbeitslebens.
Kaffee, Hundespaziergang, Kacken, Duschen, Autofahrt, Radio ausmachen, Menschen hassen, nicht reden.

An der Ampel kurzer Blick aufs Handy, die Rotphasen reichen aus um Facebook zu checken. Das erste Foto in meiner Timeline öffnet sich dank reduzierter Internetgeschwindigkeit langsam von oben nach unten wie ein schließendes Garagentor. Ein Selfie. Aber ein gutes Selfie, nicht der übliche Duckface-Scheiß von überbräunten SB-Bäckerei Kassenkräften. Ein Freund hat sich selbst fotografiert, schwarzweiss, irgend ein Hipstamaticfilter drüber, seine Gesichtstattoos sind zu sehen und er schaut in die Ferne. Ich finde es kitschig und schön zugleich.

Ich scrolle etwas runter und lese unter dem Bild den ersten Eintrag. Da steht nicht wie sonst „hässlicher Kanisterkopp“ oder „fiese Fresse“ oder sonst ein männlich verschwurbeltes Liebesgeständnis, das als Beleidigung getarnt daher kommt. Da steht „Rest in Peace“. Blöder Scherz, denke ich noch bei mir. Ist es aber gar nicht, es ist kein Scherz. Das Foto wurde vom Account eines anderen Freundes hochgeladen, als Beileidsbekundung. Er nannte sich „Mann ohne Manko“ bei Facebook. Er ist tot. Er ist wirklich tot, weg für immer.

Ich schlucke, das Handy in meiner Hand sehe ich in den Beifahrerfussraum, minutenlang. Der Fahrer des Wagens hinter mir hupt und ich fahre los als die Ampel wieder auf Rot umspringt. Nach zweihundert Metern fahre ich rechts ran, mache den Motor aus und sinke mit leerem Blick in den Sitz. Freitag hatte ich noch mit ihm geschrieben. Wir würden uns zu selten sehen, schrieb er, schlug ein Treffen im Real Life vor. Ich sagte zu, müsse ja mal wieder sein, sei ja schon zwei Jahre her. Etliche Fotokommentare und Kurznachrichten über oberflächliche Scheiße verband uns seit unserer letzten Begegnung. Er ist der fünfte Mensch, der aus meinem Umfeld dieses Jahr gestorben ist, die Einschläge kommen näher. Einige fielen ihrem Lebensstil zum Opfer, andere wurden getötet, wieder andere fahren mit selbstgewählter Ignoranz in die Hölle und machen ihrem Desaster selbst ein Ende.

Ich hab ein beklemmendes Gefühl, mein Hals scheint enger als zuvor und das Atmen fällt mir schwer. Durch das Autofenster sehe ich das Bühnenstück, in dem ich gerne Protagonist bin, einigen Regeln folge, andere selbst aufstelle. Es scheint verzerrt, unecht. Da ist dieser Ball, auf dem wir leben, darüber der Himmel, weit umspannt von leerem Raum und anderen Planeten. Irgendwann hat das alles angefangen, ohne uns. Dann kamen wir und haben angefangen, den Planeten etwas zu verändern. Nach unseren Bedürfnissen.

Wenn es den guten, alten Smokey, wie ihn Stanley Kubrick nannte, da oben wirklich gibt, was würde er wohl denken. Egal ob Buddha, Allah oder Adhonáj, Jesus, Krishna oder Justin Bieber, was würden sie denken, wenn sie ihr Werk betrachten und sehen, was wir daraus gemacht haben. Ich meine nicht einmal die Kriege und die Ungerechtigkeit, die Tierquälereien und Lügen, die Menschen perfektioniert haben.
Ich meine diese ganzen Strukturen, die Architektur unseres Lebens. Wer hat sich das ausgedacht und schlimmer, wer hat es für gut befunden und umgesetzt. Wir leben auf einem einzigartigen Planeten, der uns selbsterhaltend zur Verfügung steht und was machen wir damit?

Wir denken uns Sachen aus, Strukturen und Dinge, die uns das Leben erleichtern sollen. Stellt man sich in Kasachstan in die Steppe oder irgendwo in die Wildnis Kanadas, Brasiliens oder Australiens kommen einem die meisten Sachen ziemlich bescheuert vor. Erklär einem Yanomami-Indianer mal, was eine Steuererklärung ist oder wozu dein Onkel einen Parkettschleifmaschinenverleih eröffnet hat, warum es Worte gibt, die sich gegenseitig aufheben, wie Doppelhaushälfte, Holzeisenbahn oder Frauenfußball. Wer kam auf Dinge wie Haarglätteisen, Fahrkartenentwertungsstempelautomaten und Gulaschkanonen, wer glaubte, dass solche Dinge notwendig und unverzichtbar für uns seien?

Vielleicht die gleiche Sorte Mensch, die sich soziale Netzwerke ausdenkt, Internetseiten, die einem das Mittagessen anderer präsentieren, zu Candy Crush einladen und mir jetzt auch noch aus erster Hand Infos über den Tod meiner Freunde liefern. Ohne Facebook hätte ich nicht so schnell erfahren, daß mein Kumpel tot ist. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Ich weiß auf jeden Fall, daß das Leben seltsam, manchmal kompliziert aber auf jeden Fall kurz ist. Den einen Tag schreibt man noch mit jemandem oder trifft sich mit ihm und am nächsten Tag könnte er schon tot sein. Ich könnte morgen tot sein. Ihr könntet morgen tot sein.

Konsequenzen zieht man selten aus dieser Erkenntnis. Morgens wieder aufstehen, Kaffee, Hundespaziergang, Kacken, Duschen, Autofahrt. Irgendwo hin. In eine der Tretmühlen, in denen wir jeden Morgen auftauchen und sie und uns dafür hassen. Dabei zwingt uns doch niemand dazu. Kein Chef steht morgens mit gezogener Waffe vor unserem Bett und schreit:
„In 30 Minuten sitzt du an deinem Schreibtisch oder es passiert was!“

Nein, wir gehen freiwillig dorthin und nehmen uns fest vor, daß das irgendwann ein Ende haben wird. Mit dem Millionengewinn spätestens oder vielleicht auch schon früher, ein paar Jahre noch, um etwas Geld an die Seite zu legen für den Neuanfang. Dann kommt die Zylinderkopfdichtung dazwischen, und überhaupt ist der neue A3 ja auch noch gar nicht abbezahlt. Man muß ja arbeiten. Von nix kommt nix und schenken wird uns keiner was. Nur noch ein paar Jahre mehr und dann kann man sich um sich selbst kümmern. Um die Träume und Pläne, die man seit dem Teenyalter mit sich herum trägt. Dann wird man reisen, dann wird man Fremdsprachen lernen und dann wird man die ganzen Leute besuchen, die man Woche für Woche vertröstet.

Nein. Das wird man nicht. Der Zeitpunkt kommt nicht. Man macht so weiter wie bisher bis zur Rente oder bis man zu krank oder kaputt ist, um zu arbeiten. Dann hat man noch weniger als vorher und schliesslich ist man zu alt, um seine Träume noch umsetzen zu können. Was will ich in Las Vegas wenn ich siebzig bin, ich bräuchte vier Viagra und ´ne Rolle Blumendraht um meinen Schwanz für die Nutten zu präparieren. Was will ich mit Spanischkentnissen wenn „Goodbye Deutschland“ auf VOX eh untertitelt wird. Das alles ist hinfällig. Wir haben zu lange gewartet. Zu lange gewartet, um mit dem echten, dem richtigen, dem Wunschleben anzufangen.

Dieses Leben findet jetzt statt, jetzt gerade. Während wir unsere Bausparverträge durchrechnen, unsere Rendite schätzen und unsere Pläne schmieden, uns um die Werbepause unseres Daseins kümmern, läuft die ganze Zeit das Hauptprogramm an uns vorbei. Und soll ich euch noch was sagen? Das Leben…, es wartet nicht. Es macht einfach weiter, ohne euch, ohne mich.
Denn im Zeitplan des Lebens ist euer scheiß Aneurysma nicht vorgesehen, euer Darmkrebs nicht vermerkt und es konnte auch niemand ahnen, daß ihr vier Jahre vor der Pension von einem Auto angefahren werdet.

Jeder von euch hat mit absoluter Sicherheit eine Geschichte über einen Typen oder ein Mädel parat, die noch sooo jung waren und doch ganz plötzlich verstorben sind. Ich will keiner von den Typen sein, ich will nicht, daß man solche Sachen über mich sagt. Ich will leben. Und zwar jetzt, mit allen Konsequenzen und mit Vollgas. Nur noch ein oder zwei Jahre, dann hab ich genug Geld für ein Wohnmobil. Dann fahre ich mit meinem Hund nach Kasachstan, drehe ein Roadmovie von der Reise und schreibe darüber. Sonst lege ich die Füße hoch und lasse es mir gut gehen. Ja, darauf freue ich mich. Nur noch ein, zwei Jahre…

9 Kommentare

  1. Esra
    Dez 6, 2014

    …das ist schön. Und herzlichen Beileid. Allah taksiratini affetsin.

  2. Ingo Baumeister
    Dez 6, 2014

    Hallo Sascha,

    genau wie dir ging es mir in dem Moment, als ich von seinem Tod erfahren habe!! Eine Freundin hat es mir per SMS mitgeteilt und ich verharrte auch erst sehr nachdenklich!!
    Habe mir auch gedacht, dass JETZT die Zeit ist zu leben!! Der Mann mit der 17 hat einiges wachgerüttelt!! Er hat es geschafft, dass ich den Job Job sein gelassen habe um ihn auf dem letzten Weg zu begleiten, was ich bisher bei niemandem ausserhalb der Familie getan habe!!
    Jetzt heisst es Gas zu geben, solange es geht!!

    • marco
      Dez 6, 2014

      Thx Sascha&Ingo!

  3. Sassi7801
    Dez 6, 2014

    Der Sinn des Lebens ist: dem Leben einen Sinn zu geben!!!! Insofern….macht was daraus…

  4. Stephy
    Dez 6, 2014

    wahre Worte!
    Ich hatte einen Klos im Hals, als ich deinen Text gelesen habe
    Allu war klasse! Krass, aber immer ehrlich und direkt, und verdammte Scheisse ja, wenn jemand sein Leben gelebt hat, dann er!!!!

  5. Sassi7801
    Dez 6, 2014

    Ihre Nachricht …

  6. JudgeDark
    Dez 7, 2014

    Es erfordert Mut aus den Konventionen des Lebens auszubrechen und den haben vielen nicht … dabei schließe ich mich selbst nich aus.
    Man fragt sich öfter, gerade wenn man älter wird oder nach solchen Nachrichten, ob das alles so richtig ist, ob es so sein muss. Ne Antwort findet man höchst selten und macht daher weiter.
    Im Grunde sind wir alle Lemminge, die auf dem Pfad des Lebens wandeln und jeder, ja jeder fällt irgendwann irgendwo runter. Das ist der Lauf und wir in der „zivilisierten“ Welt laufen halt anders als die Menschen, die z. B. in Kasachstan in der Steppe leben.
    Wer ist nun glücklicher, wer hat mehr gelebt … eine philosophische Frage, die ich nicht beantworten kann!

  7. Dagmar
    Dez 8, 2014

    Ja gute Erkenntnis! Deshalb habe ich vor circa 8 Jahren aufgehört Dinge zu tun die ich nicht tun will. ich arbeite sogar ein bisschen, aber nur weil es mir echt Spaß macht. jeder kann das..man muss sich nur trauen!!

  8. Oliversum
    Dez 9, 2014

    Lass rollen …

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