Es Iserlohnt sich!

Jetzt ist es wieder soweit. Ich sitze an einem Tisch, rede in ein Mikrofon und starre in erwartungsvolle Gesichter. Vor mir liegen Zettel mit Geschichten, Notizen und wahrscheinlich steht auch irgendwo ein Bier in der Nähe. Ich lese. In meiner Heimat. In Iserlohn. Das erste Mal.

Die Stadt hab ich vor 10 Jahren verlassen, bin nach Dortmund ausgewandert. Mir ging hier einfach alles auf den Sack. Angefangen bei dem lächerlichen Nachtleben, das damals auf dem Tiefpunkt war, über das kulturelle Angebot bis hin zu den Arschlöchern, die mich nachts auf dem Nachhauseweg versuchen abzustechen, nur weil ich ihnen ein „Frohes Neues“ gewünscht habe. Eigentlich wollte ich nie weg, wollte in Iserlohn bleiben, eine Familie gründen, ein kleines Häuschen in Letmathe am Waldrand kaufen, meinen Hund ausführen, am Wochenende in die Dorfkneipe gehen und mit meiner Frau und meinen Kindern auf der Veranda sitzen, grillen und Iserlohner Pilsener saufen.

Dann kam alles anders. Iserlohner schmeckte auf einmal nach Pisse und ich zog in eine Fabrikhalle in einem sozialen Brennpunkt und ließ meinen Hund ab da die Bordsteine der Dortmunder Nordstadt vollkacken. Die Veranda ist eine Dachterrasse, die stark an einen syrischen Hinterhof erinnert, nachdem dort zwei Fassbomben aus ’nem Hubschrauber abgeworfen wurden. Trotzdem bin ich da sehr glücklich. Warum, weiß ich auch nicht genau.

Iserlohn war früher für mich der Ort, an dem ich alt werden wollte. Idyllisch, zwischen Bergen und grünen Wiesen, trotzdem schnelle Autobahnanbindung in den Ruhrpott und das zu Hause meiner Freunde und Familie. Nachtleben war vor vielen Jahren noch ein Begriff in Iserlohn, das Mühlentor lockte Leute aus umliegenden Städten an, und auch wenn man es nicht glaubt…, es gab damals Türsteher vor den Kneipen, die den Andrang kontrolliert bewältigten und hier und da Zähne fliegen ließen. Unvorstellbar wenn man sich die Brachlandschaft der Innenstadt heute reinzieht. Es gab die Galerie und die alte Liebe, Gaby’s Pub und die Juke Box. In der Ellipse und im Cheeta konnte man Mumien durch die Gegend schieben wenn man auf Milfs stand. Da waren Kneipen wie der Lindenhof und Pfänder im Sack, die Raketenbar und die Bombe. Man traf sich in Alberts Pinte und sein Dope kaufte man im Café Kaiserplatz, wo einem direkt noch die neuesten Infos über die bevorstehende Alieninvasion mitgegeben wurden.
Es fühlte sich familiär an, man kannte jeden und jeder kannte Dich. Im Kiosk vom süßen Mann konnte man importiertes Dosenbier klauen und zwei Stunden später konnte man dem gleichen Opa im Posthorn beim Singen von alten Fliegerliedern lauschen. Die Kelly Family spielte für umme auf dem alten Rathausplatz und wenn man die Stadt überhaupt mal verließ, dann nur, um das Point One in Hemer voll zu kotzen. Goldene Zeiten.

Heute sieht die Innenstadt aus wie die Anfangssequenz von 28DaysLater, es reihen sich 1Euro-Shops und Handyzubehörgeschäfte aneinander, um die Asozialen mit dem Nötigsten zu versorgen. Kleine Einzelhändler sind pleite oder haben aufgegeben und alle 500 Meter findet man jetzt einen EasyCreditStore, der mit Krediten ohne Schufaauskunft auch dem letzten Köter einen zwei Meter Plasma TV ermöglicht, obwohl der sich nicht mal Kippen leisten kann. Alte Omas suchen mit den anderen Pfandwölfen in Mülleimern nach Flaschenpfand, die die lächerliche Rente aufbessern sollen und das alte Gloria-Kino, in dem man rauchen und saufen durfte, ist jetzt ein Laden der Klamotten verkauft, die mit Ohrfeigen bestraft werden sollten. In den kleinen Cafés der Altstadt konnte man damals das beste Koks der Stadt kaufen und bekam noch einen schwarzen Tee dazu, heute stehen die Läden leer, in denen sich zwischendurch noch verzweifelte Cowgirls auf dem Tresen tanzend Whiskey über ihre faltigen Titten gossen.

Aber die Stadt macht ja auch was, ist ja nicht so als wäre Iserlohn sich selbst überlassen. Man klatscht ein riesiges Cineplex mit Kino, Gastro und einer unsäglich asozialen Grossraumdisko mit Besuchern aus Plastik an eine der Hauptstraßen, damit es im Vorbeifahren wenigstens so aussieht, als würde hier was passieren. Dass unter dem Cinestar alle zwei Monate ein neues Restaurant eröffnet, weil sie alle Pleite gehen, interessiert dann auch niemanden mehr. Man tut ja was. Man eröffnet zum Beispiel ein Millionengrab in Form eines Hallenbades, in dem nach der Eröffnung nur die Legionellen schwimmen gehen und das Rathaus, das lässt man einfach so wie es ist. Hat ja auch Charme, der Gebäudekomplex aus der Nachkriegszeit. Rathaus und Karstadtbrücke sehen so aus, als wenn sich ein Hagener Architekt an der Stadt Iserlohn rächen wollte. Ist ihm geglückt.

Früher gab es geile Clubs und kleine Puffs in Iserlohn, heute ist selbst bei Nina im Laden so wenig los, dass ich beim letzten Besuch mir selbst ’nen Prosecco ausgegeben und an der Stange getanzt habe. Alte Kneipen mit ihren urigen Wirten existieren nicht mehr viele, die Absteige an der Bombe heißt jetzt Bistro Positiv und wenn man da mal aus nem Glas getrunken hat, weiß man auch dass der Name mit dem Ergebnis des Hepatitistests übereinstimmt. Der Lindenhof macht den Eindruck eines Saloons, in dem der letzte Cowboy vor langer Zeit erschossen wurde und das Friedensfest wird von Möchtegernpunks belagert, die ihre Ramones-Shirts bei H&M kaufen und Tokio Hotel für eine provokante Band halten. Vor dem alten McDonalds in der Innenstadt treffen sich nicht mehr die Urgesteine der Psychobillyszene, sondern da sitzen Muttis, die ihren Kindern in der SB-Bäckerei nebenan ein Milchhörnchen kaufen und aufpassen, dass sie nicht einen Fuss am gummierten Spielplatzboden verstauchen.

Was ist aus dir geworden, Eisenwald, kleine Perle des Sauerlands? Wo ist dein Geist, dein Gesicht, dein Charme hin? Du bist ein ungezogener Junge, der sich beim Spielen dreckig gemacht hat. Und trotzdem hege ich tiefe Gefühle für dich. Gefühle, die so deep und true sind, dass ich selbst leider keine passenden Worte dafür finde. Mein Wortschatz ist zu klein, um die tiefgründige und alles umfassende Schönheit dieser Stadt einzufangen. Daher gibt es nur eine einzige Möglichkeit, um deiner gerecht zu werden. Wer könnte also deinen Glanz und deinen besonderen Look besser beschreiben als ein Song? Ein Song einer Sängerin, die als einzige die Deepness und natürlich auch die Trueness dieser pulsierenden Metropole, dem ungezogenen Jungen des Sauerlands, gebührend beschreiben, einfangen und euch entgegenschleudern kann. Ich spreche, wie wahrscheinlich längst jeder von euch erraten hat, von Rihanna….

Deswegen lese ich jetzt einen Auszug aus dem, ins Deutsche übersetzten, Song:

Rudeboy/Rihanna 19.2.2010 – 6 Autoren

Komm her ungezogener Junge, Junge!
Bekommst du einen hoch?
Komm her ungezogener Junge, Junge!
Ist er groß genug?
Nimm es, nimm es,
baby, baby,
nimm es, nimm es,
liebe mich, liebe mich!
Komm her ungezogener Junge, Junge!
Bekommst du einen hoch?
Komm her ungezogener Junge, Junge!
Ist er groß genug?

Magst du es, Junge?
Ich wi-wi-will,
was du wi-wi-willst.
Gib’s mir baby,
wie bumm, bumm, bumm.
Was ich wi-wi-will,
ist was du wi-wi-willst.
Na, na-aaaah!

Was Rihanna und ich damit rüberbringen wollten, ist eine einfache und klare Message. Die Liebe zu einer Stadt kann bröckeln, aber sie wird nie ganz vergehen. Danke Iserlohn!

11 Kommentare

  1. Bettina
    Okt 20, 2014

    …so was von treffend erinnert!!! Da kann man schon ein wenig wehmütig werden…:(

  2. NedIs
    Okt 20, 2014

    Klasse! Chapeau!

    Du schreibst mir so aus der Seele mit der nötigen Portion Humor! Oft habe ich Heimweh nach Iserlohn und wenn ich dann voller Erwartungen ankomme, will ich am liebsten auch gleich wieder weg und weiss gar nicht warum!

    Du hast dieses „komische“ Gefühl in Worte gefasst und ich verstehe nun…

  3. JudgeDark
    Okt 24, 2014

    Ich lege jetzt erstmal das Taschentuch weg, denn du triffst den Nagel bzgl. „Eisenwald“ so sehr auf den Kopf, dass man als Iserlohner wehmütig werden muss, ein bis sechs Tränchen verdrückt und gleichzeitig Kopfschmerzen bekommt. Dazu noch die eindeutigen Worte, die du mal wieder gefunden hast … ach fuck, ich heul jetzt weiter!

  4. glumm
    Okt 30, 2014

    solingen klingt nicht umsonst so ähnlich wie iserlohn, kaff bleibt kaff. wers in solingen schafft, der schaffts überall. zb in iserlohn-mitte.

  5. Oliversum
    Nov 6, 2014

    Yeah, – auf den Punkt genau getroffen 🙂

    • Tanjascha
      Dez 10, 2014

      Du nun wieder!

  6. VirtualRonin
    Nov 12, 2014

    Verdammt,

    leider sehr gut getroffen.
    Ich bin da zwar schon vor sehr langer Zeit, mit 18 abgehauen.
    Und lebe jetzt schon länger ausserhalb als 18 Jahre.

    Es ist aber doch immer noch viel mehr als mein Geburtsort.
    Auch wenns wehtut, 2x/Jahr bin ich dann doch da.

  7. gordo
    Nov 17, 2014

    ich war als kind und jugendlicher viel nebendran und wenn ich da war war ich auch viel in iserlohn… unvergessen die tage als neben so mancher Tür der kasten iserlohner stand – der geschmack war da noch da, der regionalstolz auch… oma ist tod und die gründen schwinden die alte nachbarschaft zu besuchen – danke für den reminder!

  8. TiRa
    Nov 18, 2014

    Auf den Punkt getroffen…. 🙂

    War einige Jahre weg und wohne nun nur ein paar km von der tristen Stadt entfernt. Im Innenstadtbereich war ich schon Jahre nicht mehr… Aber die Stadt hinterlässt dennoch einen eigenartigen Bann..

    Viele „alte“ Gesichter zieht es wieder zurück… eigenartig…

    Gruß an Mr. Bisley von einem alten Bekannten….

  9. svdocn
    Nov 25, 2014

    good job,
    rude boy!

  10. Nicole
    Feb 24, 2015

    Gleiche Stadt – andere Welt und trotzdem 1 Ergebnis im Endgefühl. Vielleicht ist das aber immer so, wenn man seine Heimatstadt verlässt, weil man nicht mitwächst, entwächst, nicht heimatblind wird. Man kommt „nach Hause“ und es ist nur der Schatten einer Erinnerung, als hätte man eine andere Stadt über die eigene gestülpt. Ein Gefühl, das sich nicht richtig ausleben will und erst wieder kommt, wenn man bei Mama auf der Couch sitzt und uralte Gerichte isst, die man selbst nie so kochen kann und das Draußen wieder weg ist. Im Anschluß fährt man wieder und ist eigentlich froh, dass das Brachland, auf dem man kein Blümchen mehr pflanzen möchte, immer kleiner wird.
    Ansonsten muss ich sagen, bist du entweder eindeutig viele Jahre älter als ich oder ich bin doch sehr, sehr behütet aufgewachsen, ich habe den Eindruck, Iserlohn sei eine Lasterhöhle gewesen… 😀
    Bestes Gegrüße

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