Mach endlich!

Das ist schon ein seltsames Gefühl. Aber es ist ein Gefühl. Das ist ja schon mal was. Seit Stunden sitze ich jetzt schon hier und starre abwechselnd auf meine Füße und auf meinen Hund. Mein Hund, das ist Wanda. Windhundmischling, 12 Jahre alt, Tierheimabsolvent, Freigeist, Dackelhasser und professionelle Schnüfflerin. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt. Das hat einerseits mit der Leine zu tun, an der ich sie hinter mir her ziehe, andererseits mit der Loyalität, die nur ein Hund zu empfinden vermag.

Ich muss nochmal kurz auf meine Füße starren. Alles ok. Alle Füße sind noch da. Nach unten sehe ich in letzter Zeit oft viel lieber, als nach oben. Oben sind die Arschlöcher. Die Macher. Die Besseren. Die, die denken, sie wären wirklich oben, und das meine ich nicht perspektivisch. Die, die wirklich was bewegt haben im Leben. Haben sie das? Die, die mich mitleidig oder auch verächtlich anschauen. Die Mitleidigen sind oft Mitte 40, kniehohe, schwarze Stiefel von Deichmann, Jeansrock, dazu weiße Bluse mit schwarzer Weste und eingerahmt von einem asymmetrisch geschnittenen Bob findet man die rahmenlose Brille mit durchsichtigen Kunststoffbügeln und den eigenen Initialen in Form von falschen, kleinen Swarovskisteinchen, die den unteren Rand des linken Brillenglases zieren. Der Mann trägt ein hellblaues Hemd von Olymp. „Business kann am Weekend auch Casual sein“, sagt er manchmal zu seinen Freunden. Über dem Hemd baumelt der Sylter Knoten des Lacoste-Pullovers, den er in rot, hellgrün und lachsfarben in seinem Schwenktürenkleiderschrank von Ostermann hängen hat. Nein. Nicht hängen. Er legt sie in den Schrank, nachdem er sie mit Hilfe seines magischen Faltbretts in die, für den Schrank vorgesehene und genormte Form gebracht hat. Das kennt er von der Bundeswehr. DIN A4 Blatt groß und wehe, es steht ein Zipfelchen über. Seine Frau erinnert ihn manchmal an seinen Hauptfeldwebel. Das Lieblingszitat seines Hauptfeldwebels wiederholt er oft auf Geburtstagen und Betriebsfeiern seines Arbeitgebers, einem führenden Anbieter von Infrastrukturplatformen für Webtraffic. Das Zitat fasziniert ihn so sehr, da es die Einfachheit eines Alltagsgegenstandes in ein für ihn verständliches Format verpackt. Der Alltagsgegenstand ist eine Mausefalle. Der, ihm, in der Bundeswehr zugeteilte, Fachausdruck lautet:

„Falle/Klapp für Kleintier/Grau“

Die beiden gehen zu ihrem bezahlten, bewachten und überteuerten Parkplatz gegenüber vom Dortmunder Hauptbahnhof, als sie mich erblicken. Sie sieht mich an, lächelt kurz mit eingeknickten Mundwinkeln, die ihr verdörrtes und spassloses Gesicht noch schlimmer aussehen lassen. Der Augenkontakt ist genau das, wofür der Ausdruck „marginal“ erfunden wurde. Dafür und für ihre Attraktivität.
Er, der Olymp unter den Hemdträgern, lächelt in die Schaufenster hinter mir. Ist sicherer. Sie drückt im Vorbeigehen seine Hand und in sicherer Entfernung sehen sie sich kurz an. Sie sagt so etwas wie:

„Aber der Hund war schon süß.“

Er zuckt mit seinen hellblau bestofften Schultern und wagt einen kurzen Blick über die selbigen, der aber zurückgeschleudert wird, just, als er auf meinen trifft.
Warum glotzen die so bescheuert, denke ich noch so bei mir. Hab ich Scheisse im Gesicht? Oder Essensreste? Oder vielleicht sogar beides? Nein, es liegt wie immer an meinen Tätowierungen.

Ich muss fairerweise dazu sagen, dass ich tätowiert bin. Nicht tätowiert wie David Beckham, mit ein paar schlauen Sprüchen an den Stellen, die trotz Fussballtrikots sichtbar sind, oder mit drei Chinazeichen versehen bin, obwohl ich weder chinesisch spreche, das Land jemals besucht oder Freunde aus dem Reich der Sonne habe. Ich habe in meiner Leiste auch keine blaue Banane, die andere für einen Delfin halten sollen. Nein. Ich meine so richtig knastmässig zugehackt, von oben bis unten voll. Hände, Hals, Oberkörper, Arme, Beine, Füße, alles voll.
Mich zieren die unterschiedlichsten Bilder. Bescheuerter Schrott teilweise. Auf meinen Rippen habe ich eine Currywurst-Pommes-Mayo, im Schälchen, inklusive Holzgäbelchen und Serviette. Ich mag so’n Scheiss. Namen von Ex-Freundinnen stellen sich neben Totenköpfe, neben Portraits meiner Lieblingsschauspieler, neben alten, aus den Neunzigern geretteten, nicht mehr zu erkennenden, verlaufenen Mustern, die ich mir im jugendlichen Alkoholrausch habe ballern lassen.

Nicht jedes Bild muss eine Bedeutung haben, wie in den einschlägig bekannten Fernsehsendungen, wie Miami Ink oder ähnlichen Shows. Sendungen, in denen die Kunden vorher ein Casting durchlaufen müssen, eine traurige Geschichte vom verstorbenen Großvater oder anderen, ihnen nahestehenden Personen vorweisen müssen, bei deren Ausführung die Kamera auf die Tränen zoomt und unten im Bild eine Bauchbinde eingeblendet wird, auf der steht, dass der Kunde „am Boden zerstört“ ist und das Tattoo die Verbindung wieder herstellen soll. Die Tätowierer nicken verständnisvoll und sagen nach kurzer Begutachtung der Lage, dass der Kunde in 15 Minuten wieder zurückkommen solle, dann wäre der Entwurf fertig.
Wer schonmal in einem Tattoostudio war, weiß spätestens dann, dass diese Sendung ausgemachter Scheiß ist. Kein Tätowierer hört sich den Dreck vom verwesten Opi im Schützengraben an, keiner verschweigt den Preis für das Kunstwerk und keiner, wirklich keiner zeichnet dir in 15 Minuten deinen scheiss Großvater und lächelt auch noch noch unter diesem Zeitdruck. Keiner!
Ich hab über hundert Totenköpfe tätowiert. Nicht besonders tiefgründig. Ich entgegne oft, wenn ich nach dem Grund gefragt werde, dass Totenschädel etwas ganz natürliches und nachvollziehbares seien. Unter seiner scheiss Fresse hat schließlich jeder einen. Das ist dann schon etwas tiefgründiger. Nicht!
Na ja, tiefgründiger als eine Unendlichkeitsschleife oder ne Pusteblume, aus der Vögel rausfliegen. Vielleicht sollte ich aber auch einfach mal das Maul halten, ich hab schließlich „Lebe deinen Traum“ auf meinem Hals tätowiert. Dass das lange vor der Abnutzung dieses Spruches war, macht es auch nicht besser. Bei mir fällt es aber Gott sei Dank nicht so auf.
Worauf wollte ich eigentlich hinaus?
Auf einer meiner letzten Lesungen hat mal jemand zu mir gesagt, dass meine Geschichten oft nach hinten ausfransen. Er hat es damals in so einem künstlerischen Ton gesagt. So nett und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. So, wie ich es richtig hasse. Aber er hatte Recht. Die Stories haben oft keinen roten Fäden, sind oft Gedankendurchfall und schleppen sich aus meinem Hirn über meine Finger in die Tastatur und landen dann da wo sie hinwollen. Heute landen sie hier bei euch, ich hoffe, das ist ok. Ihr könnt ja aufstehen und gehen, wenn es nicht euer Ding ist.

Dass ist ja das Schöne, jeder kann eigentlich machen, was er will. Wir können zuhören, können’s lassen, können kreativ sein oder stumpf vor der xBox sitzen. Wir können leerstehende Kirchen besetzen, können Ideen umsetzen und wir können Großes im Kleinen vollbringen. Wir können uns Eiswassereimer über den Kopf gießen und es als eine Challenge bezeichnen. Wir können aber auch die Challenge, die sich Leben nennt, in Angriff nehmen und Dinge wirklich und nachhaltig verändern.
Das geht mit Hemd und Krawatte, mit Delphintattoo, mit Iro und mit Seitenscheitel, das geht mit Stock im Arsch oder mit Swingercluberfahrung. Wichtig ist nur, dass man aufhört zu labern. Laber nicht, mach es. Mach deine verfickte Indienreise, schreib dein scheiss Buch, lass dir dein Tattoo machen, schwänger deine Langzeitfreundin, kauf dir das Moped, besetz ein Haus, rasier dir eine Glatze, kündige deinen miesen Job, arbeite im Ausland in einem anderen miesen Job, sag der süßen Bedienung aus dem Café um die Ecke, dass du sie geil findest, verkauf deine Modellautosammlung, mach den Fallschirmsprung oder fick endlich mit dem Typen, den du seit Wochen datest.
Nur tu mir einen Gefallen. Mach endlich und hör auf zu labern. Because no Good Story started with „Irgendwann…“

9 Kommentare

  1. Dense
    Aug 29, 2014

    Ich stelle mir das so vor: „So so, meine Geschichten sind zum Ende hinausgefranzt? Meine Arschloch ist zum Ende hin ausgefranzt, wenn ich beim Mexikaner fressen war!“ Währenddessen kloppst du ihm das Mikro auf den Helm, bis er platzt. Danach fragst du ihn, ob es ihm gefallen hat und lässt das verbeulte Mikro im Weggehen beiläufig auf ihn fallen mit den Worten „Und jetzt ist dein scheiß Kopf ausgefranzt!“

    Ich glaube, ich brauche eine Anti Gewalt Therapie!

    • Bisley
      Aug 29, 2014

      Hahahahahahaaaa, jaaa, die brauchst du anscheinend!

    • Headbangin' Psychologist
      Aug 29, 2014

      Hahaha, ja sicha Scheenese… check dis:

      http://youtu.be/ROA7iHD6NsI

      Suicidal cover von BC mit neuen lyrics 😉

      „DO YOU KNOW HOW MUCH BLOOD
      THERE IS IN THE HUMAN BODY?“

  2. fil
    Aug 29, 2014

    stark.

  3. OLIVER*S ARMY
    Aug 29, 2014

    Losers find excuses,
    Winners find ways.

  4. Steffi
    Sep 1, 2014

    Ich widerspreche aufs schärfste! Niemand mit einem Delphintattoo verändert Dinge nachhaltig.

  5. Go Vegan
    Sep 6, 2014

    Lass ma die Delfine in Ruhe. Das sind super Therapeuten..damit das ma klar ist..

  6. JudgeDark
    Sep 11, 2014

    Delfine, die mit ner Pusteblume in der Flosse auf nem Stern sitzen und damit durch die Unendlichkeitsschleife rutschen … ne, lass mal. Bei Totenköpfen bin ich eher dabei! 😉

    Ach … es war wieder ein Genuss diese Zeilen zu verschlingen, danke dafür. Wobei ich schon wissen möchte, wie es nach dem Blickkontakt mit dem Olymphemdoiden weiter ging. Vielleicht hättest du Wanda verklicken sollen, dass der Typ ein Dackel ist; und der Ollen hätte bestimmt ein freundliches „Opfer“ auf die Stirn tätowiert gut zu Gesicht gestanden (im wahrsten Sinne des Wortes).

    In diesem Sinne: das Leben ist granatenstark, volle Kanne, Hoschi!

  7. Nicole
    Feb 24, 2015

    Ich begebe mich mit dir auf eine Reise, nehme deine Hand, lasse dich führen und am Ende bin ich irgendwo angekommen, wo ich mich nie erwartet hätte.
    So sehe ich deine Geschichten.

    Und zu dem Angucken will ich mal gesagt haben, wer vorurteilsfrei ist, werfe den ersten Stein.
    Ansonsten will ich an der Stelle mal lachen, denn wer aussieht, wie er aussieht, weiß, dass er beguckt wird. Oder so ähnlich.

    Ich geh jetzt weiterlesen. Spannend.Auch wenn ich jetzt nicht mehr alles kommentiere. 😉

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