Die Ruhe nach dem Sturm

Es ist noch dunkel draußen, als ich das erste Mal wach werde. Die Schmerzen sind stark und stechend, ich greife mir an die Brust, den Bauch, die Nieren. Alles tut mir weh, ich kann es gar nicht richtig lokalisieren oder beschreiben. Es fühlt sich an, wie eine Mischung aus einer nicht enden wollenden Blähung, die sich verkeilt hat und den Folgen eines festen Fußtritts in die Rippen.
Ich drehe mich von einer Seite auf die andere, stöhne und fluche in verschiedenen Lautstärken. Gestern hab ich noch gemütlich vor einer Kneipe im Dortmunder Norden gesessen und hatte neben drei Kronen Pils einen leckeren Salat mit gratiniertem Schafskäse, um den Abend abzuschließen. Dabei hätte ich’s belassen sollen.
Hab ich aber nicht. Kurz nach 22.00 mache ich mich mit dem Fahrrad auf den Weg in die Hirschkuh, der letzte Ort, wo man an einem Dienstag um diese Uhrzeit noch an einem abgerockten Tresen sitzen kann, um sich mit Bier und Schnaps wegzuballern. In solchen Momenten bemerkt man erst wieder, dass Dortmund nur zahlenmäßig eine Großstadt ist und vergnügungstechnisch manchmal unter einer Kleinstadt im Sauerland rangiert.

Der Abend fing schon beschissen an, an der Tür zur Hirschkuh wird mir von einem volltrunkenen Idioten der Weg versperrt und ich muss ihm deutlich klarmachen, dass mir nicht nach Spielchen zumute ist und er mir nicht auf den Sack gehen soll. Die klare Ansage hat zwar Wirkung gezeigt, jedoch pimmelt das alkoholisierte Kleinhirn immer wieder um mich herum, um abzuchecken, ob er nicht doch noch einen Faustkampf mit mir hinbekommt. Am Tresen bestelle ich Bier und Vodka und das alte Ritual beginnt.
Um das Ganze etwas abzukürzen, gegen halb eins morgens bin ich rabenvoll und schwinge mich auf mein Fahrrad in Richtung Nordstadt. Vorbei an geschlossenen Dönerbuden, geschlossenen Waschsalons, geschlossenen Shisha-Bars und geöffneten Grasdealer-Hauseingängen, rolle ich in Schlangenlinien die Münsterstrasse herunter bis nach Hause. Man kennt die Abende, an denen man nicht mehr weiß, wie der Rest verlaufen ist. Bis zur Haustür erinnert man sich noch vage, der Zeitraum bis der Schlaf einem das Licht ausmacht, ist allerdings weg. Bei mir auch. Bis ich diese Schmerzen verspüre.
Kein Blut im Bett, also keine Stichwunde, obwohl es sich genau so anfühlt. Ich drehe mich ständig und schreie, bis der Punkt gekommen ist, an dem ich kapituliere. Ich will ins Krankenhaus. Irgendwas ist da kaputt in mir, wahrscheinlich der Magen oder der Schafskäse, oder was aus den Gläsern der letzten Nacht. Scheißegal, jemand muss mir helfen. Die Schmerzen sind unerträglich und werden schlimmer.

Langsam, fast wie in Zeitlupe, schleiche ich die letzten Stufen zum Haupteingang des Krankenhauses hoch. Meine Sicht verengt sich zunehmend, von Schritt zu Schritt, wie eine beschlagene Taucherbrille. Die letzte Stufe, die automatische Tür öffnet sich, ich schlurfe in T-Shirt und kurzer Hose in die Lobby, als mich ein Stich in der Magengegend zu Boden wirft.
Ich bekomme kaum noch Luft, bin kurzatmig und verdreh die Augen, während umstehende Besucher und Patienten mich in einem nicht zu erkennenden Stimmenwust ansprechen und mir Fragen stellen. Ich antworte mit einem langezogenen, leidenden „Auaaaa!“

Ein, aus drei hübschen, jungen Mädels bestehendes, Notfallteam findet sich in der Lobby ein und redet mir gut zu. Ich bekomme noch auf dem Fußboden liegend einen Zugang gelegt und werde auf eine Trage gehievt. Im Vorbeigehen erkundigt sich eine Ärztin nach mir und ich bekomme mit, wie sie sagt:

„Ist der hier zusammen geklappt oder ist der besoffen?“

Ich würde ihr gerne sagen, dass ich gestern ihre Mutter gebumst habe und mir deswegen jetzt noch schlecht ist, aber mein Zustand lässt das nicht zu. Eigentlich habe ich gar nichts gedacht. Ich glaube, ich habe gelächelt. Etwas verzerrt gelächelt, weil es so typisch war.

Dreieinhalb Stunden im Schockraum der Notaufnahme mit Clip an meinem Finger, Infusion in meinem Arm und einem dauernden Piepgeräusch in meinen Ohren. Piep_Piep_Piep. Das Feld „Apnoe“ leuchtet immer wieder auf dem Monitor auf und nervt nach einer Stunde so gewaltig, dass es mir langsam auch egal ist, ob ich atme oder nicht.
Die chinesische Unfallärztin sagt mir ganz klar, dass meine Werte nicht gut aussehen, sie will aber nochmal eine Internistin zu mir schicken. Ich bedanke mich auf chinesisch und sie grinst über ihre Schulter, als sie den Behandlungsraum verlässt. Alle sind supernett und machen einen sehr kompetenten, professionellen Eindruck. Bewundernswert, bei dem Menschenschrott, den sie hier täglich verarzten müssen. Selbst bei mir, dem volltätowierten Kernassi, der in der Lobby zusammenbricht und nach Restalkohol riecht, ist jeder freundlich und höflich, lächelt und beruhigt mich auf eine nicht überhebliche, freundschaftliche Art.
Die Internistin sieht aus wie ein indisches Fotomodell und stellt sich vor meine Behandlungsliege. Ihre dunkel geschminkten Augen sehen mich durchdringend an und sie sagt in einem Ton, der bestimmter nicht sein könnte, dass es sich bei den Werten, die angeblich nicht gut aussehen, um meine Bauschpeicheldrüsenwerte handelt. Ihre Augen verengen sich als sie mich fragt, ob ich viel Stress habe, mich schlecht ernähre, viel rauche oder trinke.

„Ja!“ sage ich.
Ist ja auch so. Alles, was sie sagt…, ich bin der, von dem sie redet. Ich hab Stress mit den drei bis vier Jobs, die meine Maschine am Laufen halten. Ich fresse eigentlich täglich mindestens einmal etwas, das die Bezeichnung Essen nur bedingt verdient und erst durch Ketchup erträglich wird. Ich rauche etwa zwanzig Gitanes oder Rot-Händle am Tag und ich saufe. Ich saufe nicht wie ein Alkoholiker, obwohl ich medizinisch mit Sicherheit einer bin. Ich saufe halt. Ich mag Bier, Wein, Whiskey, Vodka und viele andere tolle Sachen.
Ich mag sie am Wochenende, zur Belohnung nach Feierabend, zu einem guten Essen, nach einem schlechten Essen und wenn ich frustriert bin. Ich saufe in Gesellschaft und alleine, ich saufe auf der Terrasse, in der Kneipe, im Restaurant, bei Parties, auf Geburtstagen, Volksfesten, Hochzeiten und vor, während und nach abgeschlossenen Projekten.
Ich stehe nicht morgens auf und zittere oder brauche einen Liter Rotwein aus’m Tetrapak, den ich hinter den T-Shirts im Kleiderschrank verstecke und auf Ex trinke, um den Tag beginnen zu können. Ich saufe gerne. Ich mag es, besoffen zu sein. Das angeduselte Gefühl, die lakonische, manchmal gleichgültige Leichtfüssigkeit und die Gedanken, die mir in solchen Momenten kommen. Ich mag es einfach.
Sicher kann ich auch ohne. Natürlich. Wenn ich will. Die Internistin sagt, es gehe hier nicht mehr um Wollen. Ich muss!
So deutlich hat mir das noch niemand gesagt, das hat gesessen. Ich sehe auf den Boden, gedankenverloren. Kann ich das wirklich? Nicht rauchen, nicht saufen und die Ernährung umstellen? Womöglich noch Sport machen. Ich weiß es nicht, hab’s ja auch noch nie ausprobiert.

Jetzt sollte der Moment gekommen sein, an dem ich es ausprobieren werde. Sicher. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie das ist, aber ich werde jetzt und hier aufhören zu rauchen. Das ist der erste Schritt. Das Saufen schränke ich nur ein, aufhören ist undenkbar. Zwei Wochen gar nicht und dann mal sehen, wie hoch die Dosis sein muss. Da fangen die Einschränkungen der Willenskraft schon an. Ich lass es einfach mal auf mich zukommen.

Wichtiger ist die Begegnung, die mir die Entzündung ermöglicht hat. Ich lag im Johanneshospital mit zwei älteren Herren auf einem Dreibettzimmer. Was sonst eigentlich der Albtraum eines jeden Patienten in meinem Alter wäre, entpuppte sich schnell als Erfahrung, die ich im Regal unter „Gewinnbringend“ ablegen würde.

Franz, ein Dortmunder Einwanderer aus Wiesbaden und Bernd, ein Kaninchenzüchter aus dem Hombruch, verkürzten mir meine Zeit im Hospital und sorgten für eine Atmosphäre, die ich eher mit einem Kneipentresen in Verbindung gebracht hätte. Wir redeten über Reisen, über Herkunft und Verwurzelung, über Besonderheiten von Mitmenschen und über Politik, Kunst und den verfickten Alltag mit Sorgen, Krankheiten und dem großen Thema Liebe. Jeder auf seine Art, mit seiner Perspektive und mit einer Ehrlichkeit, die man Unbekannten normalerweise nicht entgegenbringen würde.
Ich fühlte mich wohl in diesem Zimmer, trotz kleinerer Frotzeleien meiner Bettnachbarn, als sie erfuhren, dass ich schreibe. Den „Intellektuellen“ in Bett 1, nannten die beiden mich öfter. Aber auch Zuspruch bekam ich ab, zum Beispiel als ich zur Magenspiegelung musste und meinen Unmut und meine Besorgnis darüber laut äußerte.

„Dat is doch kein Dingen mehr heutzutage, das macht hier der Pförtner!“ sagte Franz in einwandfreiem Ruhrpottslang, den er sich im Laufe seiner Wohnzeit in Kirchhörde angeeignet hatte.

Bernd wurde sogar in seinem Krankenbett, vor unseren Augen, die Lunge punktiert und mit einer riesigen Spritze zog die Ärztin unter unserem Staunen über eineinhalb Liter gelbliches Wasser aus seiner Lunge.
Bernd sagte, dat man dat kaum fühlt. Bernd redete nur wenig und sehr angestrengt, da seine Stimmbänder sich aufgrund einer Entzündung parallel zum Lungenkrebs, verabschiedet hatten. Wenn er von seinem Schäferhund erzählte, der nur mit einem Leberwurstschnittchen in seinen Zwinger gelockt werden konnte, leuchteten seine Augen und er holte nach jedem Satz tief Luft, um sich für den nächsten Satz zu bewaffnen.
Franz hatte Verdacht auf Prostatakrebs, er musste zur Leberpunktion und hatte sicher schon etliche andere Untersuchungen hinter sich. Trotzdem hatten die beiden, also Bernd und Franz, das Feuer noch in den Augen.

Das Feuer, das ich beim ersten Krampf im Bauch, der mich zu Boden zwang, verloren hatte und dachte, dass ich sterben muss und dass das das Schlimmste wäre, was einen erwarten kann. Ist es nicht. Manche gehen früh, andere später. Manche zu früh, andere viel zu spät. Manche Leben vorsichtig, manche geben Vollgas. Aber eins haben wir alle gemeinsam.

Wir haben gelebt. Gute Sache das. Ich bin jetzt übrigens seit drei Wochen rauchfrei, inklusive eines kleinen Rückfalls. Aber nur ein ganz kleiner. Ich hab Bock auf ein paar weitere Jahre. Nicht weil ich nicht so früh sterben will, sondern weil ich die Ruhe, die Franz und Bernd haben, noch bei mir selbst miterleben möchte.

7 Kommentare

  1. teddy
    Aug 26, 2014

    scheint noch nicht so lange her zu sein das ganze…ich mach mir Gedanken…um mich……………..

  2. Dense
    Aug 26, 2014

    Knorke! Viel Glück weiterhin beim Nichtrauchen!!!

  3. Steffi
    Aug 26, 2014

    Bei mir sind’s im November neun Jahre und ich muss mich jeden Tag aufs Neue gegen die Zigarette entscheiden. Fiese Sucht.

  4. el-flojo
    Aug 27, 2014

    Alter! Aber der erste Schritt ist gemacht. Und nachdem mein Vatter damals von über 100(!) Zichten am Tag auf 80 und dann ganz radikal auf 0 runter ist, kann mir eh keiner erzählen, dass er das nicht kann.

    Ich drück dir die Daumen und hoffe doch stark, dass das ein oder andere Pilsken noch geht.

  5. Oliversum
    Aug 28, 2014

    BINGO!

  6. JudgeDark
    Sep 11, 2014

    Ja … die Lust auf das Leben. Klar, man lebt gerne, verbindet das mit Genussmittelkonsum und irgendwann holt es jeden ein, den einen früher, den anderen später. Doch Leben ist was anderes, ein vielschichtiges Wesen … und wenn man das einmal gemerkt hat, dann weiß man es zu schätzen und vielleicht ändert man dann was; ist aber nicht einfach.

    Hau rein und halt die Ohren steif … auch wir wollen diese Ruhe in dir noch miterleben.

  7. Elle
    Feb 4, 2015

    Bahhhhh ich bin so schwach! Mein Ziel: Rauchfrei und 20kg leichter bis 30!!! Wenn ich mir die Geschichte jetzt jeden Tag durchlese, schaff ich es vielleicht! Danke! 🙂

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