„Safety Dance“

Wir sitzen vor dem TV, es läuft. Es läuft gut für uns. Obwohl Phillip, der Klassensprecher, gesagt hat, dass er nächstes Jahr nicht mehr am Turnunterricht teilnehmen wird. Das trifft uns. Das trifft uns richtig hart.

 

Schon komisch, wie sehr uns solche Sachen mitnehmen. Wir trauern. Wir trauern um Menschen, die wir nicht kennen. Nicht um alle. Und nicht mal um die, die sterben. Wir trauern um die, die uns verlassen, die unsere Welt verlassen, die wir uns aufgebaut haben. Das ist nicht die Welt, die wir kennen, sondern die Welt, die wir vorgesetzt bekommen.
Vorgesetzt durch Fernsehen und Zeitungen, vorgesetzt durch Meinungen anderer und Bilder der Chefredakteure, die uns dafür fähig erachten, das zu ertragen, was sie uns präsentieren. Schlagzeilen rahmen sie ein, Schlagzeilen in einer dramatischen Typografie in Größe 144Punkt. Wir lesen sie nicht, wir schlucken. Wir saugen alles auf und wenn uns jemand was anderes präsentiert als die verordneten Dinge, schreien wir „Fake!“

 

Flugzeugabstürze sind langweilig. Alles schon gehabt. Alles schon gesehen. Wenn keine Livebilder vom iPhone dazu auf Youtube erhältlich sind, schalten wir eh schon gedanklich ab. Wir brauchen definitiv eine direkte Verbindung um Empathie aufzubauen.
Bei Weltmeisterschaften bedarf es nicht viel, wir brauchen nur ein „Wir“, ein gemeinsames, kollektives Empfinden einer Zugehörigkeit. Nationalstolz, Nationalbewusstsein, was auch immer. Nennt es, wie ihr wollt, aber es ist eine erfundene Zugehörigkeit, ein erzwungenes Dabeisein, ein ausgedachtes Event, an dem wir teilnehmen.
Man kann nicht stolz sein, Deutscher zu sein, man kann nicht stolz sein, Türke zu sein, man kann nicht stolz sein, Amerikaner zu sein. Nationalität ist Zufall. Stolz hat etwas mit Errungenschaften zu tun, mit etwas, das man erreicht hat, das man geschafft hat. Ein Aufnäher für die Bomberjacke, auf dem steht „Ich bin stolz, meinen Hauptschulabschluss geschafft zu haben!“, würde Sinn ergeben. Wir können stolz sein, eine schwierige Aufgabe bewältigt zu haben, wir können stolz sein, Dinge erreicht, erledigt oder geschafft zu haben aber wir können nicht stolz sein, Deutsche zu sein. Das ist ein verdammter Zufall, nicht mehr und nicht weniger. Wir haben einen Scheiss dazu beigetragen. Wenn meine Eltern zufällig neun Monate vor ihrem Urlaub in Mosambique gefickt hätten und ich da zur Welt gekommen wäre, könnte ich heute mit meinem weißen Arsch vor dem Fernseher sitzen und wäre stolzer Afrikaner. Schwachsinn.

Warum sind wir dann nicht ebenso stolz, Menschen zu sein. Der Flugzeugabsturz bohrt sich nicht nur in den Boden der Ukraine sondern auch direkt wieder in mein Gehirn. Bei solchen Unglücken ist das Nationalbewusstsein wieder voll da. Opfer werden nicht nur einfach erwähnt, sie werden aufgeteilt in Nationalitäten.
„Bei dem Absturz am Donnerstag waren alle 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder der Malaysia-Airlines-Boeing ums Leben gekommen – unter ihnen 193 Niederländer und vier deutsche Frauen.“

Die Bildzeitung sagte, dass auch Amerikaner dabei waren…, die sind ja bekanntlich mehr wert, als alle anderen Opfer auf der Welt, deswegen zählen sie schon gleich doppelt. Da ist man dann solidarisch. Verdammt, so viele Deutsche und Amerikaner waren dabei und auf dem Cover der Bild sehen die Opfer dann auch noch so hübsch aus. Blond sind sie und sie lächeln. Gute Menschen waren das, wir erkennen uns wieder in den Fotos. Sie sehen aus wie wir. Sie grinsen in die Kamera, haben gerade gut gegessen und freuen sich auf das Spiel am Wochenende, den Braten am Sonntag und den Nachbarschaftsflohmarkt.

Was ist mit den anderen? Wir sehen doch auch Nachrichten, in denen wir die Bilder von Bombenangriffen im nahen Osten und Hungersnöten in Afrika kurz aufgetischt bekommen. Das ist geografisch ähnlich weit weg aber die Gesichter, die Menschen sind anders. Die Städte wirken surreal in den Medien, die Städte sind dreckig und kaputt, die Menschen auch.
Die Babies haben Fliegen um die Augen und Erwachsene haben oft seltsame Klamotten an und stehen hinter grauen Häuserecken, um Deckung zu suchen, wenn sie nicht gerade mit Steinen auf nicht sichtbare Feinde schmeißen. Das kennen wir nicht, das können wir nicht nachvollziehen. Weil es uns gut geht.

Wir müssen nicht im Sprint zum Supermarkt aus Angst vor Scharfschützen und wir müssen auch nicht morgens um 7.00 mit ´nem Plastikeimer auf dem Kopf sechs Kilometer zum nächsten Brunnen laufen, um Trinkwasser zu holen. Es lässt uns kalt. Schrecklich anzusehen und auch sehr, sehr bedauerlich, was den armen Leuten dort passiert, aber es lässt uns kalt.

Kein Stolz auf unsere Zugehörigkeit, unsere Zugehörigkeit als Menschen. Da hört es auf. Wir sind das Volk. Wir sind nicht der Planet.

 

So gehen die Palästinenser, die Palästinenser, die gehen so….., SO GEHEN DIE ISRAELIS, DIE ISRAELIS, DIE GEHEN SO! So gehen die Ukrainer, die Ukrainer, die gehen so….., SO GEHEN DIE RUSSEN, DIE RUSSEN, DIE GEHEN SO! So gehen die Bulgaren, die Rumänen, die Juden, Brasilianer, die Gauchos, die Kanacken, die gehen so…, so gehen Deutschen, die Deutschen, die gehen so.

 

Wir sollten nicht stolz sein, wir sollten uns auch nicht schämen. Wir sollten zusammen halten. Und wir sollten was ändern. Punkt.

7 Kommentare

  1. Ingo Baumeister
    Jul 21, 2014

    Respekt – Du bringst es mal wieder auf den Punkt!!
    Dann sind „Wir“ zum Glück nicht 80 Millionen sondern maximal 79.999.998 abgesehen von den vielen sonst nicht gern gesehenen Freunden mit dem gefürchteten Migrationshintergrund, welche für das grosse Fest(??) mit in die Germanensuppe geworfen wurden.
    Danke!!
    Gruss, Ingo
    … der es irgendawnn in die Lesung schafft!!

  2. Sven
    Jul 22, 2014

    Respekt! Hervorragend geschrieben, perfekt auf den Punkt gebracht. Danke dafür!

  3. Ben
    Jul 23, 2014

    Sauber, so und nicht anders!

  4. Headbanging Psychologist
    Jul 27, 2014

    BLUE PLANET HELL…

  5. Tina
    Jul 31, 2014

    !!! Großartig mal wieder !!!

  6. JudgeDark
    Aug 4, 2014

    Gerade den letzten Absatz kann ich nur unterschreiben … so und nicht anders sollte es sein!

    Danke für diese erbaulichen Worte!

  7. Ätsch Peck
    Okt 19, 2014

    Am Samstag in Iserlohn noch live gelesen gehört! < geiler Satz 😀
    Hammerhart, wie du das schreibst, was ich
    denke!!
    Vielleichts liegts an der selben Brandmarkung! 😉
    Auf jeden Fall scheine ich zu einem abgedroschenen "Follower"
    zu mutieren! 😉
    Schreib Junge schreib :p

Kommentar absenden