Das Glück der Erde

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Auf dem Rücken der Pferde? Wer hat sich denn den Schwachsinn ausgedacht? Ich war´s nicht. Ich hab aber auch noch nie nachgesehen. Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich die Möglichkeit, mal nachzusehen. Genauer gesagt hätte ich unter meinem Arsch nachsehen müssen, denn damit sass ich ja schliesslich auf dem Rücken des Pferdes.

 

Ein Gaul, so gross wie ein Feuerwehrauto, so mein Eindruck damals. Das Glück zu dieser Zeit bestand eher darin, diesen Ritt lebend zu beenden. Ich hasste Pferde. Heute machen sie mir nur noch Angst, weil sie so emotionslos aussehen. Diese riesigen Augen, die langen Beine und dann noch die Youtube Videos, in denen sie Leuten in die Oberarme beissen oder ihnen mit einem Tritt das Licht ausknipsen. Ich mache einen grossen Bogen um Pferde. Und manchmal auch um das Glück. Vielleicht sollte ich mal wieder Pferde aufsuchen, auf ihrem Rücken nachsehen, ob das Glück da irgendwo liegt. Obwohl das wahrscheinlich zwecklos ist, jemand hat was gesucht, dass sich auf „Glück der Erde“ reimt, mehr nicht.

 

Das Glück der Erde liegt im Darm eines Opossums wäre kein guter Titel für einen so tiefgründigen Inhalt gewesen. Gibt es das denn überhaupt? Das Glück der Erde? Ist Glück denn so gleichsam, dass es auf der ganzen Erde das gleiche Glück ist? Ist Glück nicht für jeden anders und dann auch noch unterteilbar in zeitabhängiges und dauerhaftes Glück?

 

Sachen, die mich vor 20 Jahren glücklich gemacht haben, sind jetzt oft weniger erstrebenswert und mein heutiges Glücksempfinden hätte früher wohl eher Kopfschütteln ausgelöst.

Mit 5 Jahren war ich glücklich, wenn ich durch die Milchglasscheibe unserer Wohnzimmertür das bunte Schimmern der Weihnachtsbaumbeleuchtung erspähen konnte und die Vorfreude auf die Bescherung für unkontrollierbaren Harndrang sorgte. Heute bin ich am Heiligabend um die gleiche Uhrzeit meist schon besoffen und schenken will mir auch kaum noch jemand was.

 

Als ich 10 Jahre alt war, hat es mich glücklich gemacht, zu wissen, dass ich am Samstag nach dem Baden mit meinem Plastik-U-Boot, nur noch einen hellblauen Frotteschlafanzug anziehen und auf der Couch der Eltern vor dem Fernseher Platz nehmen musste, um den Tag zu beenden. Keine Verabredungen, keine Termine, kein WhatsApp und vor allem nicht auf irgendwelchen Pferderücken nach Dingen suchen, die ich mir gar nicht vorstellen konnte.

 

Später verschieben sich die Prioritäten. Mit 16 Jahren fand ich die Badewannen anderer Menschen viel interessanter, die von meiner Freundin zum Beispiel. Besonders wenn sie mit mir darin sass. Glück kann auch geil sein, oder geil machen.

 

Als ich vier Jahre später aus dem Gefängnis entlassen wurde, wäre eine Badewanne nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen, um den Zustand der Glückseligkeit zu erreichen. Auch nicht die dazu gehörige Freundin, wie man vielleicht meinen könnte. Nein, damals hat mich etwas so profanes glücklich gemacht, dass es mir heute nur noch ein Lächeln entlockt. das Erste, was ich gemacht habe, war in eine Frittenbude zu gehen und mir eine Currywurst-Pommes-Mayo zu holen. Gott, war ich glücklich. Als das Zeug etwa eine halbe Stunde später meinen Körper wieder auf der anderen Seite verlassen wollte, hielt sich das mit dem Glücklichsein in Grenzen.

 

Glück kann man nicht konservieren, so viel ist sicher. Es fliesst durch mein Belohnungszentrum, verweilt kurz, hinterlässt manchmal Spuren und zieht dann weiter. Glück gehabt, heisst es dann. Das kann es aber auch heissen wenn man in der fünften Klasse seine Hausaufgaben nicht dabei hatte und bei den stichprobenartigen Überprüfungen übergangen und der Sitznachbar erwischt wurde.

 

Das Glück des Einen ist oft das Pech des Anderen. Ein kleiner, vietnamesicher Junge wurde an einem nicht genau bekannten Tag des Jahres 1973, welches auch mein Geburtsjahr ist, in einem kleinen Dorf namens Sóc Trâng geboren, in einem Waisenhaus in Saigon abgegeben, von einem Hubschrauberpiloten und seiner Frau aus Niedersachsen adoptiert, besuchte ein Gymnasium in Deutschland, wurde Gesundheitsminister und Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, anschliessend sogar Vizebundeskanzler. Das war Glück für den kleinen Fipse Rösler. Pech für die FDP. So kann´s gehen.

 

Glück liegt nicht auf dem Rücken der Pferde. Glück liegt auch nicht auf der Strasse, da liegt ja schon das Geld. Glück hat man nicht, Glück muss man sich nicht erarbeiten. Glück ist ein flatterhafter Begleiter eines Jeden, es fliegt dir zu. Dann musst du es fühlen, so lange es da ist. Wenn es geht, darfst du es nicht vermissen. Man darf es anderen gönnen und sollte es niemandem neiden. Glück ist überall und für alle da. Glück ist wahrscheinlich der Zustand, der uns dazu befähigt, es überhaupt zu erkennen. Ich sehe Glück als einen Freund, der sich selten meldet. Wenn er es dann tut, sollte man nicht sowas sagen wie:

„Ach, du lebst auch noch?“

 

Dann wird das Glück zum Unglück, der Freund zum Unfreund. Lass es rein und wälze dich mit dem Glück auf dem Boden, umarme es und lass es wieder los, dann hat es vielleicht Bock öfter mal vorbeizuschauen. Such nicht auf dem Rücken von Tieren, such nicht in deinem Portmonnaie, such nicht in deiner Liebe. Such gar nicht. Es findet dich.

 

Gestern bin ich nach dem Saufen aufgewacht, glücklicherweise. Mein Mund fühlte sich an, wie mit Epoxidharz ausgegossen und ich hatte einen ekelhaften Geschmack im Mund. So als hätte ich die Pissrinne im „Spirit“ in Dortmund mit der Zunge gesäubert. Als ich mich zur Seite drehte, sah ich mein Glück ganz deutlich. Eine ungeöffnete, kühle Flasche Mineralwasser, direkt neben meinem Bett. Manchmal ist das Glück also in Glas verpackt und es gibt sogar noch Pfand drauf. Ein Pferderücken hätte mich wohl auch eher wütend gemacht.

 

Frauen machen glücklich. Wenn man sie kennenlernt und manchmal auch wenn man sie wieder los wird. Bei Männern soll das ähnlich sein, sagte mir eine Freundin mal. Sie ist übrigens Dressurreiterin, hat also auch schon Vergleichsmöglichkeiten bei all den Optionen.

 

Glück ist Gesundheit und Gesundheit ist Glück. Glück ist nicht erhältlich, es erhellt dich. Glück ist für mich, da zu sein, wo ich jetzt bin. Überhaupt zu sein. Zu tun, was mir gefällt und zu leben, wie ich es mir aussuche. Morgen ist Glück vielleicht schon wieder was anderes für mich. Mein Glück ist ein wechselhafter Begleiter. Aber es ist da. Schon immer und für immer. Das zu wissen, macht mich glücklich.

 

Glück auf!

 

8 Kommentare

  1. Headbangin' Psychologist
    Jun 1, 2014

    YEAH!

  2. Supergirl Black
    Jun 2, 2014

    …ein Glück, dass du uns überraschen kannst…:) sehr schön geschrieben

  3. Simone
    Jun 2, 2014

    Vielen Dank!

    Endlich stellt das mal jemand richtig mit dem Glück und so. Ich bin nicht immer glücklich und will es auch gar nicht sein, um so mehr genieße ich das kleine Glück wenn es mal auf einen Sprung vorbei schaut.
    Dieses ewige: „Du musst glücklich sein! Das Glück liegt in Deiner Hand.“ Ach lasst mich doch in Ruhe! Eine ordentliche Portion Zufriedenheit tut es doch auch… und ein verschmitztes Lächeln und ein Getränk nach eigener Wahl (oder ist das schon Glück?)

    Und Pferde? Pferde haben mit Glück gar nichts zu tun…

    In diesem Sinne – alles Gute!

  4. JudgeDark
    Jun 3, 2014

    Ich glaube, wenn Du nach einer durchzechten Nacht beim Aufwachen auf einen Pferderücken starrst (anstelle der Wasserflasche), dann wärest Du nicht wütend sondern eher irritiert. Wie ist das Pferd in meine Bude gekommen, wo hab ich das Pferd kennen gelernt und was in Herrgotts Namen hab ich mit dem Pferd getrieben? 😀

    Aber wieder ein paar Gedanken von Dir, in denen sich glaube ich viele wiederfinden. Danke dafür.
    Schließen möchte ich mit einem Zitat von Pearl S. Buck (die übrigens 1973 verstorben ist), über das ich mal gestolpert bin.

    „Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große vergebens warten.“

  5. Ä.P.
    Jun 5, 2014

    5 min, in denen ich durchgehend lächeln musste. man sascha, du wirst alt.. und weise! 😛

  6. Oliversum
    Jun 26, 2014

    Dat haste doch sicher mit Blick auf die Apotheke geschrieben 😉 …sehr gut!

  7. Neno
    Jul 12, 2014

    OneLove Brother!

  8. Der Duke
    Jul 17, 2014

    Glück gehabt diesen Erguss lesen zu können…

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