Die Schlange Sehnsucht

Der Tag ist eine unachtsam geöffnete Champagnerflasche, deren Korken sich mit voller Wucht in meinen Augapfel bohrt. Bekleidet und trotzdem so vielversprechend in seinem Anfang, wendet und biegt er sich unter dem Druck der Geschehnisse. Tote Vögel sind es, trunken lachende Möwen, schieben sich durch den Himmel. Tropfend und zerrend hängen Hemd und Hose am tauben Körper, der sich immer noch mit Leben zu füllen versucht.

Verhasste Unstetigkeit, sie bleibt nicht in den Bereichen, die ihr zugesprochen waren. Sie drängt, schiebt nach vorne und drängt, schiebt mich zurück. Zurück in den Schrank, den ich geschliffen und neu lackiert in mein Haus, meine Häuser gestellt hatte. Unter kontrollierendem Blick der Überwacher und Kommentatoren verteilen sich alle Muster neu und ungeordnet. Das Prisma verstört, zerstört und bewegt mich in Richtungen, die ich mir zugestellt, versperrt hatte. Ungesichert und absichtlich nicht bewacht, springe ich von Feld zu Feld, von schwarz zu weiss. Grau war nie meine Farbe und der Tag zeigt, dass es das auch niemals wird. Umgestellt im Haus, in den Häusern, mit Tüchern verhangen, zeigt sich der Verlauf mit aller Kraft und sucht sich den Weg.

Tausende Blitze räumen den Platz frei, nichts jedoch wird zum Füllen geliefert. Keine Idee brennt, kein Fußbreit Neuland kommt auf die Karte. Da ist die rote Blume, duftend und keimend löst sie langsam die Pflaster, klebt unfreiwillig neue auf und versteckt sich in der alten Heimat. Der sichere Hafen ist geflutet, die Möwen lachen weiter, ich tropfe.

Die vereiterten Wunden verheilen. Die neuen Wunden bilden Krusten, die ich beständig löse und darunter liegendes Fleisch mit dreckigem Nagel zerkratze und salze, mich aufbäume, der Beobachter zu Liebe. Niemals, keinen Fuß breit. Nicht zurück, nicht nach vorn. Bleib da hocken, ekelhafte Schlange Sehnsucht und dein verhurter Freund Erkenntnis. Lass mich singen. Lass mich.

1 Kommentar

  1. OLIVERSUM
    Mrz 2, 2014

    Wow!

    Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
    Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
    noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
    noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

    denen niemand als das eigne Herz,
    das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht;
    und an denen niemand als der Schmerz,
    der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

    Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
    dir, in dessen Aug mein Sinn versank,
    und aus dessen tiefem, dunklen Schacht,
    meine Seele ewige Sehnsucht trank.

    Christian Morgenstern

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