Hund, Katze, Arsch

Die kleine, schwarze, Nase schnüffelt sich zuckend über den Asphalt, als ich an der Strasse stehenbleibe, um nochmal einen Blick nach rechts und links zu werfen, bevor ich über die Kreuzung gehe.

Die Autofahrer in der Nordstadt nehmen das mit den Ampelzeichen manchmal nicht so genau, und da ich ja mit Wanda, meiner Hündin, noch eine Schutzbefohlene mit mir führe, ist Kontrolle jetzt definitiv besser als Vertrauen. An der Haltelinie kommt ein mattschwarz foliierter Audi 80 älteren Baujahrs, Gott sei dank kontrolliert, zum Stehen. Der Fahrer tippt in seinem Handy wahrscheinlich gerade eine SMS an einen Homie, Quizduell oder Foursquare traue ich ihm irgendwie nicht zu.
Seine Beifahrerin lächelt Wanda mit verträumtem Blick an. Sie hat ihre pinken Airmax auf dem ohnehin abgerockten Armaturenbrett geparkt und ihr, mir verhasstes, Hundegrinsen von einer dieser beschissenen Fellkapuzen eingerahmt, die alle Durchnittsmösen am oberen Ende ihres schwarzen Daunenmäntelchens tragen, zugeworfen.
Die beiden sind so klischeehaft und austauschbar, dass ich kurz nachdenke, ob ich sie vielleicht kenne und das Grinsen deswegen aufgesetzt wurde. Nein , ich kenne sie nicht. Ihn auch nicht. Gut so.

Es ist ein extrem verbreitetes Phänomen. Wildfremde Menschen lächeln meinen Hund an. Nicht mich, meinen Hund. Manchmal schon aus mehreren Metern Entfernung. Das sind ganz unterschiedliche Typen von Menschen.
Ältere legen gerne den Kopf dabei auf die Seite und kommentieren dann den Faktor des Süßseins des Hundes wenn sie auf gleicher Höhe sind. Junge Frauen, sagen nichts, ihr Lächeln ist allerdings das einer Irren. Ich nehme die Leine dann extra kurz, da ich manchmal befürchte, sie könnten auf die Knie gehen und Wanda die Lefzen lecken. Pärchen grinsen den Hund an, dann ihren Partner um sich eine wortlose Bestätigung in Form eines zu einem „Oooooh“ geformten Mundes abzuholen und dann mit einem verklärten, sich dem Kinderwunsch entfernenden, Semilächeln weiterzugehen.

Sie alle wirken wie Verrückte auf mich, welchen Eindruck ich bei ihnen hinterlasse, kann ich mir nur schwer vorstellen. Eigentlich nehmen sie mich ja gar nicht wahr, ich bin uninteressant für die Irren, es sei denn, Wanda kackt. Dann geht die Niedlichkeit dahin und das andere Ende der Leine gewinnt an Bedeutung. Macht er die Scheisse weg oder lässt er sie liegen. Auch hier wird aber nochmal abgewogen. Macht er sie weg, ist alles auf Null und man geht seiner Wege. Macht er sie nicht weg und er sieht so aus wie ich, also tätowiert und möglicherweise angetrunken, ist auch alles ok. Macht er sie nicht weg und strahlt eine Art hilflose, schwächliche Stimmung aus, wird er auf sein Fehlverhalten hingewiesen, beschimpft oder mit der Scheisse seines Köters beworfen und von einem fackeltragenden Mob durch die Straßen gejagt.

Menschen sind komisch. Also nicht komisch wie ein Clown, sondern komisch wie ein Erdbeben. Jeder hat davon gehört, man kennt es irgendwie aber wenn man mal live dabei ist, ist es halt komisch. Komisch wie schrecklich oder komisch wie Scheisse. Wie Hundescheiße.

Wanda und ich gehen über die Kreuzung in den Park am Naturkundemuseum, schlagen ein paar Haken durch die Scherbenhaufen, die die Modernisierungsverlierer hier bei ihrem letzten Gelage, in gleichgültiger Unachtsamkeit, durch den Wurf ihrer Flaschen gegen die mannshohen Findlinge, hinterlassen haben und kommen am Zielort an. Das Hundeghetto.

Ein, von einem freundlich, dunkelgrün gummiertem Drahtzaun, abgesperrtes und begrenztes Areal, das an einen Truppenübungsplatz nach einem Panzermanöver im Maßstab 1:25 erinnert und mit Kotbomben, Fäkalminen und Einschlagskratern durch Buddelangriffe übersät ist. Welcher Hund soll sich hier wohlfühlen?

Meiner nicht. Wanda fühlt sich eh nicht wohl, wenn andere Hunde zuviel Interesse an ihr zeigen und in diesen Ghettos sind meist eh nur gestörte Köter, da ihre Herrchen und Frauchen keinen Bock haben einen echten Spaziergang zu machen und sich mit einer Plastiktüte unter dem Arsch auf die integrierten Holzbänke setzen, um zu rauchen und das lecker Pils zu genießen, das sie von der Bude um die Ecke mitgebracht haben. Für viele der Hundebesitzer eine willkommene Auszeit von der selbstgewählten Hölle zu Hause, der Hund ist nur ein Vorwand, dem Partner das Saufen am Vormittag nicht erklären zu müssen.
Die Bezeichnung Hundeghetto habe ich gehört und übernommen, da ich sie echt treffend und einleuchtend fand und sie, auch ohne Bezug auf Warschau oder Johannesburg, für mich eine bezeichnende Darstellung von Ausgrenzung und Abschottung der Unterprivilegierten und Gehassten vermittelte. Hunde sind süß, wenn sie dir auf der Straße entgegenkommen, wenn sie kacken oder laufen wollen, hört der Spaß allerdings auf. Ähnlich wie bei Kindern.

Kinder haben aber noch die Möglichkeit, sich mitzuteilen, die kleinen Scheissviecher. Kackblagen, die Tjorben und Inken heißen, können ihren Eltern, die Susanne und Balian heißen, sagen, dass sie keinen Bock haben. Zumindest können sie es ihnen vorheulen. Diese Geschrei in jedem Café, jeder S-Bahn und jedem öffentlichen Ort, an den sie mit Buggies, Maxicosis und Tragegurten gekarrt werden, um dort ihrem Unmut Luft zu machen.
Sie quengeln, sie wollen, nein sie verlangen und sie schreien. Schreien für die Freiheit, schreien für ein Spielzeug oder einfach nur schreien, weil einer ihrer jetzt schon durch Apfelschorle kariösen Zähne durch das kleine, rosige Zahnfleisch drängt. Kinder schreien. Und man kann nicht mal einfach rübergehen und ihnen was in die Fresse hauen. Das wäre unpassend. Also für Susanne und Balian jedenfalls, für mich nicht. Ich hab mir das schon öfter bildlich ausgemalt, wie ich rübergehe an den Tisch dieser glutenfreien Mutter und mir den kleinen, fetten Samuel schnappe, ihm sage, dass er seine scheiss Fresse halten soll, weil ich gerade schreibe, mich unterhalten möchte oder einfach in Ruhe mein Bier trinken will. Die erschrocken glotzende Susanne bekommt Schnappatmung und sucht nach adäquaten Worten bevor ich sie teuflisch angrinse und ihr ins Gesicht brülle:

„Halte deinen kleinen Cerberus mal zurück, sonst trete ich ihm in die nicht vorhandenen Zähne, du dämliche Nutte. Und nimm das Wort Säugetier nicht zu wörtlich, das ist ein Café. Also pack deine welke Titte wieder ein, die mich stark an eine Orange in einer Tennissocke erinnert. Siehst du mich an der Titte meiner Begleitung lutschen? Nein! Also erwarte ich das von dir und deinen Bübchen-Öl-Freundinnen auch. Die Kellnerin war vorhin nur zu feige, dir in die Schnauze zu hauen, als du sie gefragt hast, ob du auch „nur“ einen entkoffeinierten Espresso bekommen kannst, da du selbst laktosefreie Milch mitgenommen hast, die du ungefragt schon in deiner rotmetallicfarbenen Warmhalteflasche von Sigg auf dem Tisch platziert hast, bevor sie antworten konnte. Ich traue mich, ich hau dir ins Maul!“

Wo war ich gleich noch? Ach, ja…, Hunde. Menschen kann man grob einteilen, sagte man mir des öfteren. Einteilen in Hunde- und Katzenmenschen. Wahrscheinlich gibt es auch noch Kindermenschen, ich will gar nicht erst wieder davon anfangen. Hundemenschen sind so Typen wie ich, glaube ich. Ich mag Hunde. Nicht alle. Die kleinen Fotzenlecker, die in Handtaschen leben und Petersilie auf ihrem Nassfutter serviert bekommen, gehören nicht immer dazu. Sie mögen ja niedlich sein, aber spätestens wenn man sie mal so richtig durchkrault oder sie spielerisch von der Couch schubst, muss man sich ’nen neuen kaufen. Irgendwie auch Hunde, aber nicht so richtig halt.

Genauer gesagt, mag ich MEINEN Hund, die von Freunden auch und dann wird’s auch schon eng.

Katzenmenschen sind fanatische Verteidiger dieser Lebensform und lehnen Hunde meist ab. Sie umgibt eine elitäre Grundhaltung, die sich und ihr Tier über den Hund und seinen Besitzer stellt. Affektiert hochgezogene Einzelaugenbrauen kräuseln sich, wenn sie dir erklären, wie eine Katze, ihre Katze funktioniert. Diese Katzenmenschen beginnen gerne Sätze mit dem Wort Du oder deinem Vornamen, oder mit einer Kombination aus beidem.

„Du, Sascha…, der Anubis ist ein ganz stolzer Kater. Er sitzt auf seiner Fensterbank, beobachtet alles, schenkt aber nur den wichtigen, bedeutenden Dingen seine Aufmerksamkeit. Anubis ist extrem intelligent, nicht wie Hunde. Die machen, was du ihnen sagst, ohne nachzudenken. Wirfst du ein Stück Wurst auf die Autobahn, siehst du was ich meine…“

Dann muss ich mich kontrollieren, aufpassen, dass ich nicht mit dem Stammtischaschenbecher grobe Muster in den Katzenmenschenschädel schlage.
Das ist also Intelligenz? Ach was! In seinem Bühnenprogramm hat der begnadete Hasscomedian Götz Frittrang es mal ziemlich treffend beschrieben. Er bemerkte ganz nebenbei, dass Katzen ja sooo intelligent seien, das man nach Naturkatastrophen ja immer die Katzenstaffel ruft, um Menschen zu retten. Ganz zu schweigen von der bekannten Schweizer Lawinenkatze, die verschüttete Snowboarder regelmäßig aus den Schneemassen der schwarzen Pisten befreit. Dann gibt’s da noch die Blindenkatze, deren Aufgabe darin besteht, ihr Herrchen an einer roten Ampel zu stoppen. Tolle Tiere. Ich lach mich tot.
Das Kackvieh sitzt auf der Fensterbank, weil direkt darunter die Heizung montiert ist und sie sich nicht den Arsch abfriert, wenn sie sich hinter der sicheren Scheibe vor Wanda’s Fangzähnen versteckt, die ihr den pelzigen Arsch beim ersten arroganten Miauen aufreißen würden. Intelligenz manifestiert sich nicht beim Jagen eines roten Punktes aus dem Laserpointer auf der Wand und die Katze wird auch nicht besser als ein Hund, nur weil sie sich selbst sauberleckt. Wenn ich das könnte, wüsste ich auch ein, zwei Stellen, die ich mit meiner Zunge bearbeiten würde. Das ist also vollkommen gewöhnlich.

Anubis und Mietzi, Jorle und Felix. Sie alle können mal MEINEN Arsch lecken, ich scheisse auf sie. Auf sie und auf ihre affektierten Halter, die denken, Sheba wäre ein eigener Planet mit kleinen Trabanten, die Brekkies oder Whiskas heißen. Katzenmenschen treffen sich nachmittags in ihrem Königreichssaal der Katzen Jehovas und halten Versammlungen ab, in denen sie den Bau von Hundeghettos beschließen und sich anschließend gegenseitig ihre Analdrüsen reinigen. Katzenmenschen machen Granulat-Wandbilder aus Katzenstreu und versuchen nichts anderes als die Weltherrschaft an sich zu reißen. Katzenmenschen sind wie Kindermenschen. Ich scheisse auf sie.

Wanda scheisst gerade auf den Weg im Park vom Naturkundemuseum, ich nehme mit einem geübten Griff durch die Kacktüte ihr Häufchen auf und werfe es in den Mülleimer am Wegesrand. Eine ältere Dame geht vorbei und lächelt. Ich kann es ihr nicht verübeln. Ist ja auch echt ein schöner Tag.

12 Kommentare

  1. Alex
    Feb 9, 2014

    Ich bin begeistert, passt und schön zu Worte gebracht…
    Lg Alex

  2. meikbert
    Feb 9, 2014

    Fan der ersten Stunde und ab dem ersten Wort wie immer in der Geschichte gefangen. Herr Bisley ich ziehe den imaginären Hut .Ein Grinsen ist bei jeder Story dabei. Sehr geil…weitermachen..ich liebe es

  3. Ingo Baumeister
    Feb 9, 2014

    Volltreffer!! Ich erkenne mich in Deinen Gedanken zum Katzen- und Kindermenschen!! Danke!!

  4. Steffi
    Feb 9, 2014

    Dieses Katzenklogranulat habe ich gestern auch gesehen, und zwar bei Oil und Vinegar unter den Essigflaschen, aus denen abgefüllt wird. Die Tröpfchen waren leider zu klein, um wurffähige Klümpchen zu bilden.

  5. OLIVERSUM
    Feb 10, 2014

    Tja, – Säugetiere in der Öffentlichkeit… saved my Mittagspause 😉

  6. Polle
    Feb 17, 2014
  7. FB
    Feb 18, 2014

    Sehr treffend beobachtet und wieder einmal stilsicher und polemisch geschrieben! Das Argument der Lawinen- und Blindenkatzen werde ich mir merken und anbringen, wenn mal wieder das „Argument“ von der klügeren Katze kommt. Übrigens meist von chronisch unterfickten Sheeba-Fotzen!

  8. melke
    Feb 27, 2014

    …ich hab nichts gegen Granulat-Wandbilder aus Katzenstreu und das mit der Weltherrschaft is ne gute Anregung!

  9. Jul
    Mrz 6, 2014

    Hält mich ständig von der Arbeit ab und lässt mich süffisant grinsen

  10. Simone
    Jun 4, 2014

    Zu geil und mir aus dem Herzen gesprochen wegen den Schratzen! Leider musste ich feststellen, dass ich laut „Menscheneinteilung“ ein Mischwesen bin: ich bin ein Hunde- und Katzenmensch. Ich wusste doch das mit mir etwas nicht stimmt…

  11. Bolle
    Okt 4, 2014

    Ihre Nachricht …Du solltest ein Buch schreiben ^^

    • Bisley
      Okt 7, 2014

      Danke…, bin gerade dabei. Erscheint am 6.3.2015 im Econ/Ullstein Verlag und heisst „Zurück aus der Hölle“….

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