Blutiger Freitag

Ich sitze jetzt seit über einer Stunde im Auto und beobachte das Haus gegenüber. Drogen kaufen ist mega lästig und die Zeit, die man dafür aufbringt, steht manchmal in keiner Relation zu dem Spaß, den man damit hat. Irgendwie aber auch eine seltsam schöne Situation. Der Regen prasselt auf das Autodach, die Luft riecht nass und das Autoradio hat in diesen Momenten manchmal die besten Einfälle. Es läuft „Wonderful Life“ von Black. Wie wenig wonderful dieser Tag für mich werden soll, ahne ich jetzt allerdings noch nicht.

Der dunkelblaue Fiesta meines Dealers biegt in die Straße ein und ich frage mich, warum man bei diesem Job nicht etwas Repräsentativeres fährt als diese überdachte Zündkerze. Wahrscheinlich macht er es richtig. Die Jungs, die trotz Arbeitlosengeld einen 7er BMW fuhren, sind komischerweise alle nicht mehr in diesem Gewerbe tätig, die sitzen in Haft.
Ich mache Lichthupe, er erwidert und rollt auf den privaten Stellplatz seiner Mutter, die ein ziemlich hohes Tier im Strafverfolgungssystem ist. Wie passend. Die Begrüßung ist formell und oberflächlich, das Drogengeschäft ist kein Ort um Freunde zu finden. Ich folge ihm in die kleine Einliegerwohnung im Haus seiner Eltern und setze mich auf die abgeranzte Couch, die durch ihre vielen Gäste ganz durchgesessen ist und mich zu verschlucken droht.

„Was brauchst du, Sascha?“

Er redet nicht viel. Nicht wie ich. Für ihn muß jedes Wort auch einen Nutzen haben, Information enthalten oder Fragen beantworten. Ich beuge mich dem Durst nach präzisen Aussagen.

„Vier Gramm Pep, zwei Gramm Koka und´n Fuffi Gras.“

Er nimmt drei Tupperdosen aus dem kleinen, gammeligen Kühlschrank hinter der Tür und holt die Waage. Alles ist etwas ungezwungener als heute und weil wir das Jahr 1994 schreiben, ist das Paranoideste was man machen kann, ab und an die Jalousien mit den Fingern zu spreizen und nach Bullen Ausschau zu halten, da Handys noch nicht erfunden sind. Jedenfalls nicht für die breite Masse.
Er wiegt das Gras und das Speed ab und der Geruch des noch feuchten Amphetamins füllt schnell den ganzen Raum und sorgt bei mir unweigerlich für einen starken Kackreiz. Klassische Konditionierung, denke ich so bei mir. Wenn jemand am Wochenende das Wort Kokain oder Speed laut sagt, muss ich kacken. Sofort. Manchmal reicht auch der Geruch von Ammoniak, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bezahle meine Waren und wünsche ein schönes Wochenende. Kurze Floskeln über´s „Gas geben“ und das „Krachen lassen“ ausgetauscht und ich sitze wieder in meinem Wagen Richtung Heimat. Heute abend will ich mit meiner Freundin und ein paar Jungs nach Iserlohn in die „Jukebox“, kein Hochglanzladen, eher so die Art Boxbude mit Tresen.

Vorher allerdings habe ich noch einen Termin bei meinem Tätowierer in Hagen, ich lasse mir heute ein Piercing stechen. Es ist nicht mein erstes aber ich mach mir schon ziemlich in die Hose, ich hab irgendwie den ganzen Tag schon ein komisches Gefühl.

Auf der Autobahn in Richtung Hagen wird das Gefühl stärker, ich überlege ernsthaft ob ich den Termin absagen soll. Das Grummeln im Magen kann nicht nur vom Kackreiz kommen, irgendwas liegt in der Luft. Das Tattoostudio ist alt und etwas unaufgeräumt, der Piercer ist ein Arzt aus Norddeutschland, der hier seine damals noch verwegenen Dienste anbietet. Heute würde ich nie zu einem Mediziner gehen wenn ich mir die Dinger nicht eh selbst stechen würde. Damals war das normal, Piercer gab es noch keine und die Tattoostudios, die das anboten waren eher spärlich gesät.

Ich sitze mit meiner Freundin, ich nenne sie hier mal Katja, im Wartebereich des Studios und fülle meine Einverständniserklärung aus, die den Arzt dazu ermächtigt, den Eingriff bei mir durchzuführen. Name, Adresse, Telefonnummer und Körperstelle. Jetzt wird´s ernst. Bei Körperstelle trage ich ein: HODENSACK.

Was für ein scheiß Wort, Hodensack.
Nüsse, Eier, Balls, Knicker oder was auch immer. Aber beim Sex sagt doch niemand:

„Los, du kleine Hure. Leck meinen Hodensack!“

Selbst beim Arzt ist mir das immer zu doof, auch da sage ich Eier. Im Moment hat er den Namen Sack eh nicht verdient, durch die von Nervosität durchzogene Angst ist er in sich zusammen geschrumpft und erinnert momentan eher an eine halbe Walnußschale. Fuck, bevor es losgeht und ich da vor dem Arzt blank ziehe, muss ich die Optik noch etwas verändern. Ich lege meine Hände in den Schritt und wärme mir meine Eier, damit der Sack seinen Namen auch wieder verdient.

Dr. Caligari ruft mich ins Behandlungszimmer, ich grinse Katja an und frage sie, ob sie mitkommen will um sich das Gemetzel anzusehen. Sie willigt ein. Gut, ich hab nämlich mega Schiss vor der Aktion und bin beruhigt, dass ich in ein vertrautes Gesicht sehen darf während mir jemand eine 2mm dicke Nadel durch meine Eier jagt.

Der Doc klärt mich über Risiken und mögliche Komplikationen auf, die im Grunde genommen immer eins zur Folge haben. Verlust der Zeugungsfähigkeit oder Verlust der Hoden. Schön. Ich höre nicht mehr zu, nicke nur noch alles ab und lächel verzerrt. Die Tür öffnet sich und herein kommt die äusserst attraktive Ehefrau und Assistentin des Herrn Doktors.

„Hallo, zieh dir die Hose und Unterhose schon mal aus und setz dich auf den Bürosessel dort.“

Sie deutet auf einen kunstledernen Drehstuhl und lächelt mich an. Dominante Frauen fand ich noch nie besonders lustig und der Befehlston ist hier jetzt auch nicht gerade förderlich. Scheiße, meine Eier sind mir mittlerweile in die Bauchhöhle gerutscht und ich würde wahrscheinlich als stark tätowiertes Mädchen mit Bart und riesigem Kitzler durchgehen.
Die Assistentin grinst als ich mir mit den Daumen versuche die Nüsse in Position zu drücken, sie sagt das wäre ja normal wegen der Angst, Schutzreaktion der Hoden, blabla und so… In Wirklichkeit denkt sie bestimmt:

„So ein eierloser Wixer!“

Egal, ficken will ich sie eh nicht und deshalb kann es mir auch egal sein. Meine Eier sind noch etwas aufgeregt aber sie sind wenigstens wieder da, wo sie hingehören. Im Hodensack.

„Du kannst ruhig Anke zu mir sagen.“ sagt die Assistentin als sie mit der linken Hand meinen Schwanz anhebt um dann mit der rechten Hand meine Eier zu desinfizieren. Das Desinfektionsmittel ist arschkalt und in dem Augenblick als der tropfnasse Mulltupfer meinen Sack berührt verschwinden die beiden Eier wieder in meiner Bauchhöhle. Ein ekelhaftes Gefühl. Sonst passiert das nur wenn ich dreimal abgespritzt habe, dann sind die Dinger so leer und klein, daß sie gar nicht mehr hängen können. Aber jetzt ist es pure Angst. Dazu noch eine hübsche Frau mit langen Fingernägeln, die meinen Schwanz hält und meinen Sack streichelt…, was zum Teufel mache ich hier eigentlich?

Der Arzt kommt rein und löst Anke ab, toll, jetzt hat er meinen Schwanz in der Hand und zieht an meinem Sack um die Hautfalte zu markieren, an der nachher das Piercing sitzen soll. Ich glaube, meine Nüsse werden sich nie mehr von diesem Schock erholen. Gut, daß er keine lackierten Fingernägel hat.

Der Doc markiert die Stelle und fragt mich, ob es so Recht sei. Ich nicke kurz und versuche dabei cool auszusehen, so, als ob mir das alles scheißegal wär. Ich habe mich für ein „Hafada-Piercing“ entschieden, ein kleiner Ring mit Kugelverschluß aus Stainless Steel an der rechten Sackfalte auf Schwanzhöhe.., ja, so könnte man das am besten beschreiben. Ich bin bereit. Es kann losgehen. Es muß losgehen. Sonst hau ich noch ab.

Ich weiß nicht mehr genau warum ich das überhaupt haben wollte. Der scheiß Ring hat doch gar keine Funktion, er bringt mir oder meiner Freundin beim Ficken überhaupt nix, außer meinen Haustürschlüssel oder ne Sonnenbrille dran zu befestigen, ist er eigentlich zu nix zu gebrauchen.

Im Radio dudelt mal wieder Joe Cocker vor sich hin und ich frage mich, wie oft ich wohl für den Song „You can leave your hat on“ auf ihn einstechen würde, wenn ich ihn persönlich treffen würde.

Meine Stimmung ist deutlich angespannter als noch vor ein paar Minuten, ich rutsche auf dem Bürostuhl nervös hin und her, mein rechter Fuß wackelt auf der Zehenspitze rhythmisch auf und ab. Katja zieht manchmal Grimassen um mich abzulenken. Klappt nicht so gut.
Der Doc steht mit dem Rücken zu mir vor einem kleinen Sideboard, dass er mit grünen OP-Tüchern abgedeckt und medizinischen Behältern und Desinfektionsflaschen bestückt hat. Langsam dreht er sich zu mir und zieht dabei eine Spritze auf, die er demonstrativ nochmal vor meinen Augen und meinen Eiern in die Luft feuert, um die letzten Luftbläschen aus der Spritze zu befördern. Sein Lächeln kommt mir jetzt fast etwas gehässig vor, er sieht mir in die Augen, nickt und fragt mich kurz und knapp:

„So, können wir loslegen?“

Ich nicke, ebenfalls kurz und knapp. Der Arzt beugt sich zu mir herunter, etwas zu langsam für meinen Geschmack, es wirkt wie eine Einleitung zum Blowjob. Anke, die Assistentin, zieht sich neue Gummihandschuhe an und kniet sich neben mich. Das gefällt mir schon besser. Sie greift vorsichtig nach meinem Sack und spannt mit den Zeigefingern und Daumen beider Hände die zu durchstechende Hautstelle, die ihr Mann zuvor recht fachmännisch markiert hat.

Es ist still. Ich bin still, Katja ist still und wenn mein Sack sprechen könnte, würde auch er jetzt lieber schweigen. Im Hintergrung hört man noch das Surren der Tattoomaschine, die einen übergewichtigen Rocker im Nebenzimmer quält. Der Geruch von Gras liegt in der Luft, der Rocker und der Tätowierer laben sich ungeniert an einem Joint, in den 90ern eine nicht unübliche Vorgehensweise. Dem Doc und seiner Frau scheint das nichts auszumachen, ich möchte wohl auch gar nicht wissen was die beiden so noch treiben. Sie haben zusammen über 110 Piercings, sehen kann ich davon keins…, ich kann mir denken wo die Schmuckstücke sich befinden.

Ich sehe verkrampft zu wie sich die wirklich fette Nadel meinem kleinen, süßen Beutelchen nähert. Mein Atem ist ziemlich flach und ich versuche nicht zu zittern, da ich Angst habe, bei zu starken Bewegungen könnte es vielleicht passieren, daß der Doc meine Eier perforiert und ich heute abend Blut pisse wie aus einer Giesskanne. Egal, ich muss da jetzt durch. Ich will diesen scheiss Ring an meinen Eiern, no turning back!

Katja drückt meine Hand fest zu als sich die Spritze in meinen Sack bohrt. Ein heller, ekelhafter Schmerz durchfährt mich und es kommt mir so vor, als würde die Nadel hinten aus meinem Arsch wieder raus kommen. Der Arzt spritzt noch zweimal in mich rein…, ich komme mir genau so vor, wie es sich gerade angehört hat.
Es ist allerdings noch erträglich. Glück gehabt. Wir warten ein paar Minuten und machen flache Witze über taube Nüsse und dergleichen. Dann packt er die Piercingnadel aus, ein Monster.
Die Betäubungsflüssigkeit lässt meinen Sack um die Einstichstelle herum anschwellen und es sieht ein bisschen so aus, als hätte ich mir drei Glasmurmeln implantieren lassen. Mir ist mulmig, mein Kreislauf ist allerdings stabil. Katja sieht mich mitleidig an, sie weiss um meine Sorge wenn es um meine Balls geht.

Anke lässt endlich meinen Sack los und streichelt mir anerkennend und beruhigend die Innenseite meines Oberschenkels. Vor einer Erektion braucht sie jetzt keine Angst zu haben, ich bin so androgyn wie es nur geht in diesem Moment. Der Doc nimmt vorsichtig die Piercingnadel und stellt die Nierenschale mit Schmuck und Mulltupfern neben meinen Stuhl auf eine Ablage, die sonst nur uralte Tattoozeitschriften und Leergut der letzten Besäufnisse des Tätowierers und seiner Kunden beherbergt.
Es wird ernst!
Ich räuspere mich, Katja drückt meine Hand zu Brei und der Arzt sticht zu. Das kalte, extrem scharfe Ding dringt in meinen Sack ein. Ich spüre nichts, geil. Die Betäubung ist echt super, keine Anzeichen von Brennen oder sogar Schmerzen, ich bin begeistert. Katja lässt meine Hand los und nimmt ihre Kamera um ein Foto von mir zu machen. Geiles Bild. Ich mit runter gelassener Hose in einem Bürostuhl, davor kniet ein Typ in weissem Kittel und seine Frau, beide haben ihre Hände in meinem Schritt und wir lächeln alle in die Kamera. Fast wie ´ne Hausgeburt.

Egal, ich freue mich, daß ich das so gut überstanden habe, beobachte den Doc wie er den Ring mit Kugelverschluss in die soeben gestochene Wunde einsetzt und kneife seiner Frau ein Auge zu, deren Hand zwischen meinen Beinen langsam anfängt mir zu gefallen. Für das nächste Foto posiere ich sogar etwas und strecke meine Zunge raus als Katja auf den Auslöser drückt. Mann, bin ich ´ne coole Sau. Wir haben 1994 und ich hab´n Ring am Sack, unglaublich. Heute zieht das keinen Fisch mehr vom Teller, damals hatte ich ein ähnliches Hochgefühl wie Felix Baumgartner als er aus dem All gehüpft ist.

Nachdem die Wunde gesäubert und mit etwas Mull und Klebeband notdürftig abgedeckt wurde, gebe ich dem Doc Highfive und nehme seine Frau für einen kurzen Knutscher in den Arm. Meine Hose ist immer noch unten und das wäre jetzt definitiv das bessere Fotomotiv gewesen.
Ich werde von allen beglückwünscht und sehe mir, während ich mit einer Hand den Schwanz hochhalte, vor dem Spiegel mein neues Piercing an. Sieht seltsam aus, die Schwellung des Anästhetikums lässt nur einen kleinen Teil des Rings erkennen und die Haut um die Einstichstelle ist stark gerötet. Aber ich hab´s durchgezogen, das muss gefeiert werden.

Katja unterhält sich mit Anke und dem Doc während ich auf dem Weg zum Klo kurz beim Tätowierer ins Zimmer gehe und meine neue Errungenschaft präsentiere. Der fette Rocker mit seinem halbfertigen Adler auf dem Rücken ist mässig begeistert als ich vor den beiden die Hose runterlasse und sage:
„Geil, wa?“

Ungläubiges Kopfschütteln der beiden begleitet mich auf dem Weg zur Toilette. Brian, der Tätowierer aus England ruft mir noch ein „You sick fuck!“ hinterher, doch meine Laune ist vom Adrenalin so angehoben, dass ich nicht mal antworte, sondern grinsend die Klotür hinter mir verschliesse. Ich hole das Speed aus meiner Hosentasche und lege mir erstmal eine fette Nase auf dem Klodeckel aus. Meine Bankkarte ist schon total zerkratzt und ausser zum Pulver hacken, ist das Ding seit Monaten nicht mehr zu gebrauchen und das hat nichts mit meinem Kontostand zu tun.

Ich beuge mich mit meinem Zwanzig-Mark-Schein im linken Nasenloch über das Klo und rüssel mir das komplette Ding rein. Hab ich mir verdient. Das chemische Kribbeln lässt meine Augen tränen und ich lege unter lautem Ächzen den Kopf zurück und reibe mir die stark brennende Nase. Das Gefühl zwischen den Beinen ist allerdings noch nicht wieder da, ich hab den Eindruck als hätte ich den dicksten Sack nördlich der Alpen, denn die Hose spannt von den Mullbinden und drückt ordentlich gegens Gemächt.

Zurück im Folterraum bedanke ich mich nochmal bei den Beiden für die nette Quälerei und frage Katja, ob wir langsam mal nach Hause fahren sollten, da ich befürchte, gleich einen heftigen Laberflash von dem Pulver zu kriegen und den Arzt mit meiner Geschichte über Theorie und Ethik in der europäischen Medizin etwas verwirren könnte. Katja willigt ein und wir verlassen den Laden.

Im Opel Corsa von Katja merke ich, dass ich kaum richtig sitzen kann mit dem dicken Sack. Ohne die Beine wirklich richtig breit zu machen, ist das Sitzen in dieser kleinen Karre fast unmöglich. Es erscheint mir simpler in einer Flugzeugtoilette einen Gangbang zu starten.

Der Corsa schiebt sich über die Anhebungen Hagens und Hohenlimburgs nach Iserlohn. Das Pep knallt voll rein, ich mache das Fenster auf und wieder zu, reibe mir über den Kopf und zupfe an meinem roten Holzfällerhemd als würde ich versuchen, tausende imaginärer Ameisen zu entfernen. Meine Hirnrinde kribbelt und ich bekomme Lust auf Alkohol. An der nächsten Bude stoppt Katja und ich hole mir eine Dose Bier gegen den ekelhaften Rotz, der mir nach dem Nasehochziehen den Rachen runterläuft, ich schüttel mich nach jeder Portion, die nach unten wandert, wie ein Hund nach dem Baden.

Ich quatsche Katja während der Fahrt ziemlich voll. Wir reden über das Auto, das Wetter, die Kokspreise und das Piercing. Also, ich rede. Katja hört zu. Sie hält mich ganz gut aus, Katja ist ´ne tolle Frau, die mich so nimmt, wie ich bin. Mit all den Ecken und den verbogenen Synapsen in meinem Gehirn. Jetzt hab ich Bock auf ihren Arsch, in Hagen an der Ampel aber nicht empfehlenswert also fahren wir weiter bis wir das Haus von Frank von weitem sehen können. Frank ist ein guter, wenn nicht sehr guter Freund von Katja und mir und das Wochenende beginnt meist bei ihm in der Wohnküche.

Frank begrüßt uns herzlich an der Tür und ich labere direkt weiter, Katja ist sichtlich erleichtert eine Ablösung für mein Geschwafel gefunden zu haben. Ich nehme mir unter verbalem Dauerfeuer aus meinem Mund eine Flasche Sekt aus Franks Kühlschrank. Frank ist schwul, Sekt ist also immer im Haus. Wir setzen uns an den Küchentisch und ich berichte mit etwas Sprechbutter in den Mundwinkeln von meinem durchstochenen Skrotum. Katja´s Begeisterung lässt mittlerweile nach, aber da langsam immer mehr Freunde bei Frank eintreffen, wird mein Laberflash gerecht auf alle verteilt. Ich sammle das Geld der Leute ein, denen ich Stoff mitbringen sollte und nachdem alle ein Sektglas haben, geht die scheiss Pulverzieherei los. Wie immer entbrennen natürlich Gespräche über Politik, den Sinn des Lebens und Ficken. Interessant, emotional, aufregend. Wie immer wenn ich drauf bin.

Die Hose spannt ziemlich und der Drang zu pissen wird von Sekt zu Sekt dringlicher. Ich stehe auf und gehe auf das kleine Klo, das in diesen Genossenschaftwohnungen eigentlich immer gleich aussieht. Nachdem ich mein Holzfällerhemd angehoben habe, greife ich nach meinem Reissverschluss und erschrecke. Ich glaube, ich hab mir in die Hose gepisst, es fühlt sich nass an.
Ich hebe das Hemd etwas weiter hoch und sehe an mir runter. Meine Hose ist im Schritt komplett nass. Es ist keine Pisse, es ist Blut.
Verdammt, was zum Teufel ist hier los. Ich habe Schiss die Hose zu öffnen um zu sehen wo das Blut herkommt obwohl ich mir schon denken kann, dass wohl mein Sack die Quelle allen Übels ist.

Ich löse vorsichtig meinen Gürtel und öffne langsam einen Knopf nach dem anderen. Als ich die Jeans herunterziehe, sehe ich das ganze Ausmass der Katastrophe, die Boxershorts ist getränkt mit Blut, nur an den äusseren Rändern der Oberschenkel ist noch was vom Originalmuster der Shorts zu erkennen. Der Rest ist rot, blutrot.

Ich will ein besorgtes Geräusch ausatmen und quietsche wie ein vierjähriges Mädchen beim Schaukeln als ich die Shorts langsam nach unten rolle. Meine Finger sind blutig nach dem ersten Anfassen und ich traue mich gar nicht richtig hinzusehen.

Als ich die Shorts über die untere Hodengrenze geschoben habe trifft mich ein Spritzer Blut unter dem rechten Auge. Alter, wo kam das denn jetzt her?

Ich wische mir mit dem Handrücken das Blut aus dem Gesicht und sehe mir mein Vergnügungszentrum etwas genauer an. Da, wo vorhin noch die drei Glasmurmeln, respektive Anästhesieflüssigkeit unter meiner Haut gesessen haben, ist ein kleines bis mittelgrosse Loch, aus dem im Rhythmus meines Herzschlags, der gerade recht schnell ist, dicke Ergüsse meines Blutes spritzen. Aaaaaaaaaaah!!!!

Soviel hab ich medizinisch noch drauf, dass ich weiss, wenn etwas im Intervall des Herzschlags blutet, muss es sich um eine Arterie handeln. Ich dämlicher Vollidiot. Hundertachtzig Mark bezahlt um mir viermal in den Sack ballern zu lassen und jetzt so auszusehen, als hätte ich versucht mit meinem Schwanz Rote Beete zu pflücken. Was mache ich denn jetzt?

Der Fussboden ist mittlerweile mit Blut verschmiert, ebenso die Toilette und der Handtuchhalter. Weil mein scheiss Hemd so lang war, hat es meinen Schritt verdeckt und so ist es mir nicht früher aufgefallen, dass ich blute wie eine Sau. Die Narkose und das Gefühl pissen zu müssen haben in Zusammenarbeit mit dem Speed, den zwei Joints und den paar Nasen Koks, die ich mittlerweile drin habe, mein Urteilsvermögen so aufgeweicht wie das Blut meine Hose.

Ich brauche Hilfe bevor ich hier in dem scheiss Genossenschaftsklo ausblute und die anderen mich erst in einer Stunde finden. Aber wie mache ich das jetzt…, ach scheiss drauf, ich sterbe hier untenrum. Mir egal, ob ich damit jemanden schocke. Ich reisse die Klotür auf, komme mit halb runter gelassener Buchse ins Wohnzimmer und sage:

„Hilfe, mein Sack blutet!“

Anfängliches Gackern und Lachen verstummt schnell als die ersten Tropfen Blut auf den Laminatboden klatschen und einen ziemlich horrormässigen Rohrschachtest hinterlassen. Ungläubiges Staunen mit offenem Mund duelliert sich mit Oh-mein-Gott-Rufen der anwesenden Personen. Katja springt sofort auf und Frank, der als Altenpfleger am meisten Ahnung haben sollte, sagt nur:

„Ins Krankenhaus, aber so schnell wie möglich. Sonst verlierst du deine Nüsse!“

Ich weiss nicht, ob ich heulen oder kotzen soll. Mein Sack. Mein schöner Sack. Ich hab nur den einen. Was mache ich wenn das in die Hose geht? Scheiss Wortwitz, ich weiss…

Katja nestelt nervös den Autoschlüssel aus ihrer Kuhfell-Hotpants und stützt mich während ich langsam den Hausflur hinunter wanke. Das Koks schlägt voll rein und ich merke wie mein Blutdruck den Saft aus meinen Eiern drückt. Die Hose ist blutnass bis zur Hälfte des Oberschenkels, da das Hemd aber so lang ist, kann man es nur sehen wenn ich es anhebe. Katja fährt schnell und wild. Ich jammere bei jedem Schlagloch obwohl es gar nicht weh tut. Es ist mehr so eine Art Phantomschmerz. Ähnlich wie bei Amputationen. Über dieses Thema will ich allerdings gar nicht weiter nachdenken.

Die Hügel der 30er-Zone zum Elisabeth Hospital machen mich wahnsinnig, da kann auch ein von Katja lustig und aufmunternd gemeintes „Let op, drempels!“ kein Lächeln bei mir auslösen. Ich habe Angst, Angst vor der Diagnose und dem was da noch so auf mich wartet.

Als wir die Rezeption sehen, sieht man auch uns bzw. mich. Ich gehe wie John Wayne auf den Empfangsschalter zu, sehe der korpulenten, ach Quatsch, ich sehe der fetten Frau hinter dem Tresen in die Augen und sage:

„Ich brauche einen Arzt. Schnell!“

„Ja, das wollen die meisten, die hier reinkommen…“, erwidert der Dreibauch.

„Was haben sie denn oder womit können wir ihnen helfen? Das ist etwas schwammig, sie müssten da schon genauer werden…“

Ich bin zu angeschlagen um über den Tresen zu springen und sie mit dem Mikrofonkabel für ihre Durchsagen zu erwürgen, deswegen gehe ich einen Schritt zurück und hebe mein Hemd an. Der Blutfleck ist mittlerweile so gross wie eine Pizza und sieht auch so ähnlich aus. Ich lächel sie überzogen an und sage ganz leise und freundlich:

„Ich blute aus meinen Eiern, gute Frau. Ist das präzise genug?“

Die Krankenhaus-Walküre reisst die Augen auf und geht mit dem Oberkörper zurück als wenn sie sagen wollte: „Damn!!!!!“
Sie greift nach einem Hörer, legt ihn auf, dreht sich einmal im Kreis und nimmt dann einen anderen Hörer. Hastig tippt sie drei oder vier Zahlen in das Bakelitmonster und sieht an die Decke während sie auf Antwort wartet. Sie sieht mich nicht an, ich sie umso mehr.

Bei ihrem Gespräch mit der anderen Person kann ich den Wortfetzen entnehmen, dass sie einen Urologen angerufen hat und ihm versucht die Dringlichkeit meines Falles bewusst zu machen. Das Gespräch dauert nicht sehr lange und nachdem sie aufgelegt hat, erklärt sie mir, dass der Herr Doktor gleich kommen wird. Ich werde in den nächsten Tagen wohl erstmal nicht mehr kommen.

Nach gefühlten zwei Stunden, die in Wirklichkeit nur zehn Minuten lang waren, kommt uns in der Lobby ein weisses Kittelchen entgegen. Seine hagere Statur und sein massiver Schnurrbart erinnern an eine osmanische Version von Jean Pütz. But don´t judge a book by it´s cover…, vielleicht ist er ja ein Vollprofi. Hoffentlich. Er sieht etwas belustigt aus und nach kurzer Begrüßung fragt er mich, wo denn das Wehwehchen sitzen würde. Ich zeige ihm die Pizza unter meinem Hemd und er zuckt zurück. Diese Reaktion hatte ich bei der Empfangsdame noch durchgehen lassen, bei einem Notfall-Urologen macht es mich allerdings etwas unsicher.

„Was zum Henker haben sie da gemacht? Kommen sie erstmal mit, das muss ich mir genauer ansehen.“

Sehr gut, eine Untersuchung meiner Hoden in der Lobby hätte mich zusätzlich traumatisiert. Katja und ich folgen dem Kittelchen durch Gänge und Türen in die Urologie. Auf sein Bitten hin mache ich mich frei und der rote Saft des Lebens schiesst durch den Untersuchungsraum. Die Blutung ist immer noch sehr stark und mein kompletter Intimbereich ist blutverschmiert. An meinen Eiern hängen geronnene Bestandteile meines Blutes herunter und ich sehe aus wie eine schlechte Halloween Verkleidung.

Der Arzt steht wie gelähmt vor mir. Er hat beide Hände auf dem Kopf liegen, die Finger verschränkt und seine Wangen aufgeblasen als würde er mein Aua wegpusten wollen. Er geht einen Schritt zurück, sieht mich an und fragt:

„Was ist das da an ihren Hoden und warum blutet es?“

Waaaas? Das ist doch dein Job, denke ich, sage aber etwas anderes.

„Das ist ein Intimpiercing, ich habe mir heute den Sack durchstechen lassen und glaube, dass der Piercer eine Arterie verletzt hat.“

Der Doc kneift seine Augen zu kleinen Schlitzen zusammen, sieht von meinen Eiern zu mir hoch und sagt:

„Sie haben was?“

Ich glaube, ich spinne. Während mein Blut durch den raum spritzt hält er Abstand um nicht davon getroffen zu werden und versteht nicht, was ich meine. Ich versuche es ihm zu erklären und frage ihn, ob er sich nicht mal die Wunde ansehen und meine Blutung stoppen könnte. Es könne ja wohl nicht sein, daß ein erfahrener Unfallarzt noch nie ein Intimpiercing gesehen hätte.

Er sagt: „Nein, das ist in 40 Jahren das erste Mal, dass ich so etwas sehe!“

Verdammte Scheisse, wieso immer ich? Es musste wieder so ein Mist kommen. Ich erkläre ihm den Sinn und Hintergrund des von mir favorisierten Körperschmucks und deute auf die Liege im Untersuchungsraum.

„Dürfte ich mich wohl hinlegen? Ich steh unter starkem Einfluss von Methyamphetamin, Kokain und natürlich Adrenalin, ich will hier nicht umkippen.“

Das einzige, was danach umkippt ist die Stimmung. Der Arzt hat sein Bild von mir in seinem Kopf in die richtige Schublade eingeordnet. Ein 21jähriger, tätowierter Junky, der aus seinen Eiern blutet.
Jetzt ist er bereit, mir zu helfen, er wollte mich also nur verstehen können.

Ich mache es mir auf der Liege bequem und der Doc hebt meinen Schwanz an um die Wunde besser zu sehen. Der zweite, mit Frank der dritte Typ, der heute mein Ding anfasst, guter Rekord.

Die Betäubung hat nachgelassen und der Arzt verursacht immense Schmerzen als er versucht, den Ring zu öffnen.

„Wie geht das Ding auf?“

Ich frage ihn nach einer Schere und einer Arterienklemme und öffne den Ring damit nachdem er sie mir gereicht hat. Der Arzt tupft dabei das Blut ab, das macht er ganz gut. Danach nimmt er eine Mullkompresse, sprüht sie mit alkoholhaltigem Desinfektionsmittel ein und presst die offene Hautstelle feste damit zusammen. So feste, dass seine Fingerkuppen vom Drücken ganz weiss werden. Der Alkohol brennt wie die Hölle und ich verziehe das Gesicht als ich Katja einen besorgten Blick zuwerfe, die hinter der Liege auf einem Hocker sitzt und mir mit einem Handzeichen andeutet, daß ich mir die Kokskrümel aus dem Nasenloch entfernen sollte. Nee, andere Seite…
Nach etwa drei Minuten feten Drückens nimmt der Doc vorsichtig die Mullbinde weg und wir sehen gespannt auf die Wunde. Die Blutung hat aufgehört. Yesssss.
Er wischt über die Wunde und versucht zu shen, was da los ist, als der ganze Scheiss wieder aufplatzt und mit noch etwas mehr Druck über meinen sack und meinen Bauch spritzt. Wir alle schreien kurz auf.

Das wäre wohl nicht lange genug gewesen und er müsse wohl nochmal drücken, meint Jean Pütz alias Dr. Hackethal. Die Arterie sei nicht ganz durch und man müsse das wohl eher nicht nähen, sagt er uns. Ich atme etwas auf, Katja auch. Nach zwei weiteren Versuchen, an deren Ende immer wieder der Himbeerbrunnen als Resultat steht, sieht er mich an und sagt:

„Wir nähen das doch besser…“

Er verlässt fluchtartig den Raum und ruft über seine Schulter in den Raum, dass er nur kurz Nähzeug holen müsste, da seine Kollegen ihm das immer klauen, die Räuber. Er lacht kurz, ich find´s nicht witzig.

Als er aus dem Zimmer verschwunden ist, bitte ich Katja, mir ein paar Mullbinden und etwas Jod zu geben. Ich drücke so feste, wie ich kann meinen Sack mit dem Zeug zusammen, bis der untalentierte Mr. Ripley wieder zurück kommt, ohne Nähzeug. Er müsse nochmal woanders nachsehen. Ich nehme die Mullbinde weg und die Blutung hat aufgehört. Der Arzt ist verwundert, sagt schliesslich aber:

„Schön…, selbst ist der Mann!“

Besser nicht antworten, Sascha, denke ich so bei mir und beobachte Katja, wie sie aus ihren Augen unsichtbare Laserstrahlen auf Dr. Frankenstein abfeuert. Der erklärt mir, dass er jetzt erstmal ein Ultraschall machen muss, um zu sehen, ob Blut in den Hodensack gelaufen ist, das dort gerinnen könnte und die Blutzufuhr der Hoden so beeinträchtigen würde, dass ein Verlust der Hoden die Folge wäre.
Er schiebt den Rollwagen mit der besagten Apperatur an die Liege und verheddert sich im Kabel des Ultraschallkopfes. Katja hilft ihm aus der Falle, was der Trottel als Einladung nimmt, sie zum aasistieren aufzufordern. Er bittet sie, das Gel auf meine Eier aufzutragen und meine Hoden etwas auseinanderzuziehen. Uns wundert jetzt gar nichts mehr. Der Arzt schielt auf den Monitor und verreibt mit dem Teil, das aussieht wie ein Barcodescanner, das Gel auf meinen Hoden, kalt aber auch geil.

„Da haben sie aber grosses Glück gehabt! Nur kleinere Einlagerungen, das ist nicht schlimm, jetzt müssen wir sie nur noch beobachten und morgen früh nochmal nachsehen, das kann ja über nacht innerlich weiterbluten, dann müssen wir operieren!“

„Gut, wann soll ich morgen hier sein?“ frage ich ihn und stehe von der Liege auf, um mir mit einem Zellstofftuch die Eier sauber zu wischen.

Er erklärt mir, dass er mich so auf keinen Fall gehen lassen kann und ich natürlich hier bleiben müsse. Über Nacht. Zur Beobachtung.
Ich will aber nicht hier bleiben. Über Nacht. Zur Beobachtung. Auf Koks. Und Speed. Mit ´ner Verabredung zu einer verdammt wichtigen Party. Auch über Nacht.

Ich erkläre ihm die Dringlichkeit meiner Vergnügungssucht und verlange nach einem Formular, das ihn von sämtlicher Verantwortung befreit. Er ist bestürzt. Ich unterzeichne, ziehe meine Pizzahose an und verdecke den Fleck mit meinem Hemd. Der Doc erklärt mir noch, dass ich dann auf jeden Fall sitzen oder liegen sollte, damit das Blut nicht zuviel druck auf die Wunde ausübt. Und ich solle natürlich keine Drogen mehr nehmen heute nacht. Aber das erkläre sich ja wohl von selbst, fügt er hinzu und betont es mit einem Fragezeichen am Ende. Ich lächle ihn an und nicke. Nachdem ich mir selbst die Blutung gestoppt und meine Freundin die Ultraschalluntersuchung gemacht hat, kriege ich den Rest wohl auch noch alleine hin. Wir verabschieden uns und einigen uns auf 7.00 Uhr am kommenden Morgen zur Nachuntersuchung.

Katja sehen auf die Uhr als wir wieder in ihrem Corsa sitzen. Es ist schon fast halb zwölf, es lohnt sich gar nicht mehr nach Hause zu fahren. Frank und die anderen sind schon im Club und umziehen ist unnötig wenn ich den Blutfleck mit meinem Hemd verdecke. Ich bin dermassen drauf, dass ich jetzt nicht noch mehr Verzögerungen brauche, ich will endlich feiern gehen. Katja schüttelt den Kopf und fährt los.
Der Club, die Juke Box in Iserlohn, ist ein kleiner, schammeliger Laden, der am Samstag immer rappelvoll ist. Ich kenne jeden da und jeder kennt mich. Aus verschiedenen Gründen, es sind nicht alles Freunde. Ander Tür werde ich von Günther und Thomas, den beiden Türstehern begrüsst, an die ich seit zwei Jahren Schmerzensgeld zahle, weil sie mich angezeigt hatten, nachdem ich Thomas in eine Glasvitrine geboxt hatte. Es gab Unstimmigkeiten, die wir nach der Gerichtsverhandlung allerdings ausgeräumt hatten. Jetzt sind wir Freunde. Ich gebe meine Waffe am Eingang ab und humpel in Richtung Tresen.
Günther will wissen, warum ich so komisch gehe und ich ziehe ein weiteres Mal heute Abend mein Hemd hoch und erläutere kurz die Umstände, damit er nicht denkt, ich hätte mir mit der Pistole in die Nüsse geschossen. Er lacht und begleitet mich zum Tresen. Nachdem wir uns kurz darüber unterhalten, dass ich heute laut Dr. Mengele besser liegen als stehen sollte, bittet er kurzerhand vier Gäste den Tisch am Tresen zu verlassen und legt mir die Sitzbank mit dicken Kissen aus, auf die ich mich lege und die Beine über den Tisch werfe. Mein Held, nach Katja, heute Abend. Die Musik ist noch etwas gedämpft und er dreht sich zu Steffi, dem äusserst attraktiven Tresengirl um, und ruft ihr lautstark zu:

„Steffi, der Sascha blutet aus´m Sack, du bedienst den heute bitte am Tisch, ja?“

Zu diesem Zeitpunkt sind etwa 40-50 Leute anwesend, die alles mitbekommen haben und nun um eine Audienz am Tisch der blutenden Klöten bitten. Klasse!
Ich beantworte brav alle Fragen und die Nacht im Club ist liegend gar nicht so übel. Leute kommen zu mir, setzen sich, laden mich ein, bedauern mich, lachen mit mir über den Scheiss und so vergehen die Stunden. Ich tanze natürlich nicht, steh nur zum Pissen auf und wenn ich eh gerade auf dem Klo bin, kann ich natürlich auch noch den Rest Koks wegmachen. Es ist ein gelungener Abend geworden, wer hätte das gedacht?

Das Tageslicht blendet uns, als wir den Laden verlassen, es ist 6.34 Uhr und ich bin so besoffen, wie man es als erwachsener Mensch nur sein kann ohne seine Würde zu verlieren. Ich wanke, da hat auch die letzte Nase nicht mehr geholfen.
Katja sagt, dass wir stinken, als wir auf den Parkplatz des Krankenhauses rollen. Ich weiss. Ich schäme mich. Ein bisschen jedenfalls.

Die Empfangsdame ist Gott sei Dank nicht da, deswegen gehen wir direkt zur Station und treffen Jean Pütz etwas übermüdet auf dem Gang. Er sieht verwundert an mir herunter und realisiert, dass ich noch die gleichen Klamotten anhabe. Meine Augen sind knallrot und weit aufgerissen als er mich wortlos in das Untersuchungszimmer bittet. Dieses Mal bekommt er den Ultraschalltest alleine hin, Katja würde es auch nicht mehr schaffen, so wie sie aussieht. Nach ein paar Minuten, in denen er immer wieder die Luft anhält um meinem Atem nicht zu erliegen, entlässt mich der Arzt mit den Worten:

„Alles in Ordnung, jedenfalls da unten. Sie sollten sich allerdings mal Gedanken machen, wie sie ihr Leben gestalten…, schönen Tag noch.“
Mann, das hat gesessen. Ich hab ein schlechtes Gewissen. Mein Blick ist nach unten gerichtet als ich mich verabschiede und Katja in den Arm nehme während wir den Gang zusammen runterschlendern. Heftiges Wochenende, und das war nur ein Freitag, verdammt viel passiert. Wir fahren nach Hause, begrüßen und füttern kurz Bonny, die fette, hässliche Katze, die ich aus dem Tierheim befreit habe und die mich abgrundtief hasst, und legen uns auf die Matratzen, die mir in meiner ersten eigenen Wohnung als Bett dienten, bis sie von unten vergammelt waren.

Wir müssen dringend schlafen. Wir haben eine Menge nachzuholen. Duschen gehe ich später. Abends oder kurz bevor wir losmüssen. Heute ist in der Juke Box Tequilaparty…

6 Kommentare

  1. Ben
    Nov 8, 2013

    Es zeugt wahrscheinlich nicht von meinem guten Character – aber ich musste einige mal laut auflachen. Geniale Story und ein weiterer Grund warum ich mich nicht in den Sack stechen lassen, danke dafuer 🙂

  2. Nicole
    Dez 5, 2013

    Und jetzt weiß ich auch endlich wieder den Namen des Tätowierers, der Anfang der 90er meine Tribals (inzwischen weitgehend zwischen anderem Zeug versteckt) verbrochen hat. BRIAN! Ich hatte ihn verdrängt, den britischen Hurensohn.

  3. Gero Freudenstein
    Dez 16, 2013

    Ein Sackpiercing ist wohl das letzte was ich mir nach dieser Geschichte anschaffen werde…Horror

  4. wiycc
    Dez 21, 2013

    Leider geil. 🙂

  5. OLIVERSUM
    Jan 13, 2014

    Danke dafür, Mann! Made my Day…

  6. fil
    Dez 6, 2014

    der stoff aus dem legenden sind.und helden.und stoff.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Lesestoff - Ausgabe 47 | DenkfabrikBlog.de - [...] Blutiger Freitag [...]

Kommentar absenden