In Dortmund essen sie keine Hunde…

Sie stand auf einmal einfach da. Ich hab nur eine Bewegung hinter mir gespürt, mich umgedreht und da war sie. Ihre Augen sahen mich an mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Langeweile. Sie war nicht halb so interessiert an mir, wie ich an ihr. Ich stammelte so etwas wie ein „Hallo“ und hielt ihr die Hand hin. Sie hob ihren Kopf leicht an und drehte sich von mir weg. Dann verschwand sie ins Nebenzimmer.

Es tat mir nicht weh, abgewiesen zu werden, ich war zu forsch, hatte es verdient. Ich bemerkte mein Lächeln, das wie festgeklebt in meinem Gesicht hing. Anna, die junge Dame bei der ich hier eigentlich zum Essen verabredet war, hatte mir ja schon den Kopf verdreht aber wenn ich gewusst hätte, daß ihre Mitbewohnerin mich dermaßen aus dem Sessel haut, hätte ich mich nie auf dieses Treffen eingelassen. Schließlich sollte mich nichts von meinem Date ablenken.
Anna stellt zwei Gläser auf den Tisch und bittet mich, eine Flasche Chablis zu öffnen, den sie gut gekühlt daneben platziert hat. Den Tisch deckt sie mit Bambusmatten als Platzdeckchen und Tellern und Besteck, daß nicht zueinander passt.

„Das meiste ist aus Gastronomien geklaut…!“ sagt Anna und lächelt mich an. Sie hat dieses Lächeln, daß nicht nur den Mund sondern auch die Augen verändert. Bei einem ehrlichen Lächeln blitzen sie auf und man möchte darin versinken. Anna ist aus Ungarn und sie rollt das „R“ ziemlich heftig, früher fand ich das mal ganz schlimm, jetzt macht es mich auf einmal an. Alles an ihr ist neu und aufregend, ihre schlanke Figur, die sie total unkonventionell in eine braune Jogginghose gesteckt hat. Dazu trägt sie ein buntgestreiftes Neckholdertop, sie ist ungeschminkt, ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Bei anderen Dates haben sich die Mädels immer chic gemacht für mich, Anna nicht. Anna sieht aus wie ein Zigeunermädchen, daß nur mal schnell zum Kippenautomaten geht oder den Müll rausbringt. Und doch ist sie so sexy in diesen und in wahrscheinlich allen anderen Klamotten, daß ich Schwierigkeiten habe, ihr nicht die ganze Zeit auf den Arsch zu starren.

Kennengelernt hab ich Anna als ich nach Dortmund gezogen bin. Nachdem ich meine erste eigene Rolex unter Tränen verkauft habe um meine Kaution, die erste Miete, TV und Xbox zu bezahlen, bin ich durch mein Viertel gelaufen und habe nach einer Stammkneipe gesucht. Ich brauche in meiner Nähe einen Ort, an dem ich mich abends volllaufen lassen oder einfach nur ablenken kann, Kneipe, Club, Restaurant oder Bar, völlig egal. Mein Freund Jan rief mich an und fragte mich, ob ich ihn in den Bakuda-Club begleite, auf zwei, drei Bier und ein paar Kurze. Der Club war etwa einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt und ich willigte aufgrund der Tatsache, daß ich nach Hause laufen kann wenn ich voll bin, sofort ein.
Jan und ich treffen uns also vor dem Club und öffnen die Tür. Vor uns steht Hoppe, ein Türsteher, den man ruhigen Gewissens als Dortmunder Original bezeichnen kann. Seine Stimme ist tief und rauh, fast wie nach einer Kehlkopf-OP. Er trägt Bomberjacke und Pferdeschwanz, seine Nase ist riesig und er sieht mich an, als wollte er mir gleich eine reinhauen. Kein guter Start für einen neuen Stammladen, denke ich so bei mir. Wir bezahlen, bekommen unsere Getränkekarte und gehen die Stufen der Treppe zur Garderobe hinunter. Ich gebe meine Lederjacke nicht ab, der Club ist kalt und am Tresen seh ich mit dem Ding auch viel cooler aus.

Hinter der Garderobe geht Jan um die Ecke in den Club, ich folge ihm. Der Laden ist echt klein, man steht direkt auf der Tanzfläche, kleine Hocker und Sitzecken Laden zum Abhängen ein und das DJ-Pult sieht aus wie nach 40 Jägermeister selbstgebaut. Wir sind die einzigen Gäste, mir völlig egal, ich Brauch nur Kronen Pils und Jägermeister. Dann seh ich sie. Anna. Sie steht hinter dem Tresen, lächelt zu uns rüber und dreht sich irgendwann zu ihrer nicht weniger attraktiven Kollegin um und flüstert dieser etwas ins Ohr. Beide sehen uns an und lächeln. Ich greife Jan’s Arm und sage:

„Ey, die Alte da hinterm Tresen, die Lange…, die werde ich heiraten!“

Jan sieht mich an und erwidert:

„Bist du dämlich? Fick die erstmal, dann kannze ’se von mir aus heiraten!“

Ich versichere ihm, daß das mein voller Ernst war und ich das nicht erklären kann, wie ich darauf komme. Es sei so ein Gefühl und ich wäre mir nun ganz sicher. Diese Frau will ich heiraten und ich will mein Leben mit ihr teilen.

Er sieht mich an als wolle er lachen oder kotzen, oder beides zusammen. Ich kann es ihm nicht verübeln, hatte ich ihm doch gerade vor der Tür noch gesagt, wie geil ich es finde, endlich mal Single zu sein. Vorher war ich immer in einer Beziehung, 4 Jahre, 2 Jahre, 6 Jahre…, wenn dann Schluß war, hatte ich spätestens eine Woche danach eine neue Freundin oder die Neue war sogar der Grund dafür, daß ich mich von der Alten trennen musste. Ich verkündete Jan freudestrahlend, daß ich ab heute meinen Schwanz in jede Frau stecke, die attraktiv, gesund und geil ist. Wobei mir oft nach 5 Bier die Attraktivität nicht mehr ganz so wichtig war. Im Sauerland hat man entweder alle Frauen schon gefickt, die als fickbar eingestuft waren oder man war mit ihnen verwandt. Das neue Terrain bot neue Möglichkeiten, viel bessere Frauen aus anderen Großstädten, die hier studierten oder einfach Partygirls mit einer Offenheit, von der man in meiner alten Heimat nur träumen konnte. Jan leuchtete nicht ein, warum ich diese Chance auf zügellosen Rockstarsex mit Heiratsplänen sabotieren wollte.

Es war mir scheißegal, ob Jan das nachvollziehen kann, ich will diese Frau. Mein Blick klebt an ihrem komplett tätowierten Rücken, der durch das Oberteil sichtbar wird sobald sie sich nach einem Kronen Pils aus dem Kühlschrank unter dem Tresen bückt. Und bücken muss sie sich heute Abend recht häufig für uns.

Anna und ich kommen schnell ins Gespräch, ich habe sofort das Gefühl, willkommen zu sein, vielleicht nicht direkt zwischen ihren Beinen aber auf jeden Fall an ihrem Tresen. Anna kann was am Glas und trinkt jede Runde Jägermeister mit, ausnahmslos. Ihre langen, schlanken Hände mit den feingliedrigen Fingern bewegen sich wie bei einer Pianistin wenn sie die Jägermeistermaschine anschmeißt und uns dabei anlächelt. Überhaupt sind alle ihre Bewegungen so grazil und anmutig als würde sie nach einer Choreographie handeln, tut sie aber nicht. Sie ist gar nicht einstudiert, konventionell, austauschbar. Sie ist toll. Ich bin verliebt. Fuck!

Gestern hab ich mir noch von einer Kellnerin im Restaurant auf der Toilette den Schwanz lutschen lassen und dabei gedacht, daß Dortmund trotz seines Fussballvereins gar nicht so übel ist. Jetzt betreibe ich gedanklich schon wieder Nestbau, obwohl ich langsam so voll bin, daß der Wunsch nach Paarung überwiegt.

Ich hebe meinen wasweissichwievielten Jägermeister an und proste erst Jan, dann Anna zu. Sie nimmt ihr Pinnchen und geht um den Tresen herum zu mir und setzt sich auf den Barhocker zu meiner Rechten. Wir stoßen an und trinken, danach sie nimmt mein Bier und trinkt einen Schluck daraus. Sie lächelt mich an. Sie sagt:

„Du siehst gut aus. Ich hab dich noch nie hier gesehen.“

Artig bedanke ich mich, erzähle von der Reise ins Exil aus dem Sauerland und allem möglichen Schwachsinn. Es ist keins von diesen Gesprächen, bei denen man sich versucht zu verkaufen und stets ins beste Licht rücken will. Anna hört mir zu, sie lacht an den Stellen, an den ich auch lachen würde, sie sieht mir tief in die Augen, sie mag mich, das merke ich. Wir tauschen Telefonnummern aus und versprechen uns, daß wir uns melden werden. Wer, wann, wie zuerst ist egal, einer wird’s schon machen, da sind wir uns sicher. Ich werd sie morgen anrufen, da bin ICH mir sicher.

Anna nimmt mich zum Abschied in den Arm und flüstert mir ins Ohr, daß sie sich freut, daß wir ihr den Abend versüßt haben. Verdammt, du kannst dir nicht vorstellen, was ich dir sonst noch alles gerne versüßen würde, du geiles Ding, denke ich. Jan und ich verabschieden uns gerade, als Hoppe, der Türsteher mit der Reibeisenstimme zum Tresen kommt und nach einem Kaffee verlangt. Er sieht Anna mit ernster Miene an.

„Baggern die Penner dich an, Anna? Dein Freund kommt gleich noch kurz rein, hat er gesagt…, der wird sich freuen!“

Freund? Fuck, das hat sie nicht erzählt. Und als wenn er auf seinen Auftritt gewartet hat, kommt ein grosser, muskulöser Typ, wahrscheinlich Yugo, mit seinem kleinen, glatzköpfigen Kumpel rein, beugt sich über den Tresen und gibt meiner zukünftigen Ehefrau einen Kuss auf den Mund. Der kleine Kojak kriegt zwei. Küsschen rechts, Küsschen links.
Hoppe grinst mich an und geht wieder hoch zur Kasse. Jan und ich gehen langsam hinterher, ich drehe mich nochmal zu Anna um und wundere mich, daß eine so tolle Frau mit so’nem jugoslawischen Vollidioten zusammen sein kann. Der Typ sieht aus als wäre er als Kind in den Zaubertrank gefallen. Plötzlich sieht er mir direkt in die Augen und ruft:

„Ey, warte mal,“

Die 100 Kilo Muskeln kommen auf mich zu, er hält mir nen Flyer hin und sagt:

„Kennze die FASTER? Ist meine und Mahans Party, legendär…, kommt vorbei!“

Jan und ich versprechen, daß wir vorbeischauen, ich bin erstmal froh, daß ich mein Kronen nicht aus der Schnabeltasse saufen muss. Schuldig fühlen brauche ich mich eigentlich nicht, ich hab sie nicht angefasst oder derbe angebaggert. Aber das schlechte Gewissen ist trotzdem vor Ort. Egal, für die Frau würde ich mir auch die Schneidezähne mit ’ner Kombizange extrahieren lassen.
Aber meine Befürchtungen sind eh unnötig da das Muskelmäuschen mich tatsächlich nur auf diese Party einladen will. Irgendwie ist er mir sympathisch. Auf eine unerklärliche Art.

An der Kasse bezahle ich bei Mr. Unfreundlich und fange nochmal ein paar Blitze aus seinen Augen, Jan hält mir die quietschende Stahltür auf und wir verlassen den Bakuda Klub. Draußen ist es wärmer als erwartet, ich strecke meinen Kopf in die Luft und atme tief ein. Es fühlt sich gut an. Der Abend, das Mädel, Bier, Jägermeister…, die neue Stadt hat mich jetzt schon, Überzeugungsarbeit ist unnötig.
Der Heimweg ist endlos lang, nicht anhand der Kilometer gemessen, ich bin nur so voll, daß ich mehr schleiche als zu gehen und gut koordiniert sieht auch anders aus. Die Hamburger Strasse zieht sich und von Weitem kann ich schon meine Heimatstrasse beim Coca-Cola Werk sehen. Gott sei dank. An der Kreuzung zur Werderstrasse pisse ich in das Rosenbeet an der Straßenecke und verliere das Gleichgewicht. Wie eine Katze, die sich beim freien Fall an allem festklammert, klammere ich mich an meinem Schwanz fest und schlage flach mit dem Gesicht ins Beet.
Jan hat Mühe mir wieder hochzuhelfen, meine Lederjacke reißt sich an den Dornen kleine Muster in den Brustbereich und wir müssen lachen.
Meine Fresse brennt und ich merke wie mir Blut über die Wange läuft…, ich hab mir an den Dornen nicht nur die Jacke aufgerissen. Jan und ich wohnen im gleichen Haus und torkeln die Strasse hinunter zum Eingang. Die Treppen knarren unter unseren alkoholbeeinträchtigten Aufstiegsversuchen, Jan muss noch zwei Stockwerke höher als ich, hehehe, ich bin da.
Kurze Verabschiedung im Hausflur, wir rülpsen uns zu und verschwinden dann im Land der Träume.

Der nächste Morgen fühlt sich schwer an. Schwer, wie ein mit Pisse übergossener Amboß, der auf meiner Brust liegt. Beim Einatmen pfeift meine Lunge den River Kwai Marsch und ich schüttel mich kurz, als ich mitbekomme, welche Faulgase aus meinem Mund austreten. Wieso hab ich nach dem Saufen immer den Eindruck, daß nachts zwei verwesende Biber in meinem Mund gefickt hätten? Scheiß Jägermeister, dieses Dreckszeug macht mich fertig.

Anna! Das war doch kein Traum, oder? Ich greife in die Tasche meiner Lederjacke und merke erst jetzt, daß ich bis auf einen Schuh noch komplett bekleidet bin. Der Lucky Strike Zettel ist etwas verknittert, aber ich kann die Nummer lesen und darunter steht Anna und ein paar wirsche Striche und Kritzeleien. Meine Mundwinkel berühren sich beim Grinsen auf meiner Stirn und ich finde, daß jetzt ein guter Zeitpunkt ist, mich von dieser betonharten Morgenlatte zu befreien. Ich ziehe die Jeans runter, das Shirt etwas hoch, schließe meine Augen und hole mir einen runter. Nach getaner Arbeit säubere ich meinen Bauch und entferne mit meinem rechten Socken den letzten Rest Froschlaich aus meinem Bauchnabel.
Ich muss sie anrufen. Nee, ich schreib ihr. Morgen, oder am besten übermorgen. In amerikanischen Highschool Filmen reden die doch immer über diese 3-Tages-Regel. Oder vielleicht doch jetzt sofort, ich schreib ’ne SMS.
Nachdem ich dreimal den Text gelöscht und neu geschrieben habe, drücke ich auf „Senden“ und beiße mir auf die Hand. Ich Idiot.

Die Antwort lässt auf sich warten. Stunden. Gegen Abend, als ich mich eigentlich schon damit abgefunden hatte, daß ich für sie nur eine Tresenbekanntschaft war, kommt die SMS. „Kurzmitteilung von Anna“
Ich ertappe mich, wie ich ein helles, jauchzendes Geräusch von mir gebe, etwa so wie Mädchen beim Mingolf wenn der Ball reingeht. Mir egal, ich sitze auf der Couch vor dem Fernseher, trage Wollsocken und ne Pyjamahose, dazu nen Rollkragenpullover. Fehlt eigentlich nur noch eine Box Kleenex Tücher und die letzte Staffel von Desperate Housewifes, unmännlicher geht’s kaum, da kann man dann auch mal seltsame Geräusche von sich geben.
Es wäre der Hammer wenn ich sie näher kennenlernen dürfte, ihr SMS-Text ist kurz und nicht gerade persönlich aber das scheint ihre Art zu sein, immer Herrin der Lage. Sie freut sich, mich kennengelernt zu haben und würde gerne nochmal Zeit mit mir verbringen. Geil!

Ich schreibe natürlich direkt zurück und lade sie auf ein Frühstück in der nächsten Woche ein. Sie antwortet prompt mit den Worten:

„Sehr gerne, bis dann!“

Ich mache einen ziemlich schwulen Tanz in meinem Wohnzimmer und imitiere ein anstrengendes Herumrühren in einem großen, imaginären Kessel. Der Tag kann nicht mehr scheisse werden.

Die Tage schleichen an mir und meiner Erwartungshaltung vorbei und ich gebe dem Wunsch nach, Anna nach besagtem Frühstück zu fragen. Sie sagt zu und wir treffen uns ein paar Tage später im Café Max in der Dortmunder Innenstadt. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was ich bestellt habe aber es wird so etwas wie ein englisches Frühstück und ein Kaffee gewesen sein, Anna trinkt Milchkaffee und isst ein belegtes Brötchen mit Käse. Ich beobachte sie sehr aufmerksam, ich bin dankbar, daß sie den Scheiß Kaffee einfach trinkt.
Trinken eben, wie man das macht mit Getränken. Erst hatte ich die Befürchtung, daß sie den Milchkaffee in dieser riesigen Tasse so trinkt wie die ganzen anderen beschissenen Hühner, die das Ding nicht am Henkel anfassen obwohl er dafür gemacht ist, sondern die Tasse mit beiden Händen umklammern als wäre es ein Vogelbaby, daß gerade aus seinem Nest gefallen ist. Diese Frauen nippen nur schlürfend an dem Getränk und zelebrieren geradezu diese Handhaltung. Übertroffen wird mein Ekel dann meist nur durch den Umstand, daß sie zusätzlich die Ärmel ihrer wohligwarmen Pullover, die fast immer von Bench sind, zur Hälfte über ihre Handgelenke ziehen und somit ein wenig so aussehen wie ein armer Wichser, der zur Kommunion den Anzug seines großen Bruders tragen muss.
Anna nicht, sie ist ganz anders, wie gesagt. Sie sagt Worte, die ich schon lange nicht mehr gehört habe, redet manchmal im Knastjargon, den sie sich von einem Exfreund angewöhnt hat. Sie ist unkonventionell, roh und noch viel schöner als ich sie in Erinnerung hatte. Ich will sie. Ich will sie immer noch. Ich will sie immer noch heiraten. Das sage ich natürlich nicht, ich denke es.
Stattdessen frage ich sie, ob sie nach dem Frühstück Lust hat, mich zum Baumarkt zu begleiten. Ich möchte mir einen Klodeckel kaufen und würde mich freuen, wenn sie mich beraten würde. Was zum Teufel….?
Bevor ich mich selbst auspeitschen kann für diese dämliche Frage, lacht sie und sagt zu. Sie ist Klodeckel-Fachfrau, sagt sie. Ich bin verliebt. Noch mehr. Immer mehr.

Wir zahlen, also ich zahle, dann fahren wir zum Hornbach. Nur Schrott hier also ein paar hundert Meter weiter zum Hellweg-Baumarkt. Auf dem Weg zu den Klodeckeln entdecken wir eine Dusche. Es ist eine geschlossene, blickdichte Dusche in der Form einer Spirale. Man geht in einer Art Spirale kreisförmig hinein und erspart sich so Türen oder Duschvorhänge. Die Kabine besteht wie der schneckenförmige Eingang aus kleinen, hellblauen Mosaikkacheln. Wir gehen in die Dusche hinein und bewundern diese geniale Teil als wir auf einmal merken, daß wir zwar in einem Baumarkt sind, aber dennoch total abgeschottet, etwa 10 Zentimeter von einander entfernt, voreinander stehen. Wir sehen uns tief in die Augen, unser gezwungenes Lächeln verschwindet und für einen Augenblick bleibt die Zeit einfach stehen. Ich müsste sie jetzt küssen aber der Gedanke kommt mir nicht. Viel zu stark ist das alles um mich herum. Sie, ich, diese skurrile Situation in einer Dusche im Baumarkt, mein Herz schlägt wie verrückt. Unsere Augen duellieren sich unter den näselnden Ansagen aus dem Lautsprecher, der die sonderlichsten Sonderangebote anpreist.
Ich murmel etwas wie „Schönes Ding, oder?“ und bewege mich kurz. Kurz aber dennoch lang genug um ein nicht abgesprochenes Startsignal für uns beide zu geben, das uns aus der Dusche zwingt. Fuck, ich Idiot!

Ich finde keinen Klodeckel, der mir gefällt. Ich finde keinen Grund nochmal in die Dusche zu gehen. Ich fahre Anna heim. Sie wohnt in der Nordstadt, Nähe Hafen. Heftige Ecke, passt zu ihr. Sie drückt mich an sich zur Verabschiedung und ich atme alles ein, was sie ausströmt und mir überlässt. Sie riecht wie frische Wäsche, frisch geduscht und frischer Wind. Alles was gut ist halt. Ich bin überglücklich. Zu Hause nehme ich ihr ein Mixtape auf und nenne es den Klodeckel-Remix.

Sie geht mir nicht mehr aus dem Schädel. Ich denke pausenlos an sie und schreibe ihr auch oft. Sie schreibt zurück, ist aber sehr distanziert oder vorsichtig. Ich kann’s ihr nicht verübeln. Trotzdem lade ich sie ein. DVD-Abend! Sichere Nummer.

Anna ist pünktlich, riecht wieder wie Sommerregen und setzt sich auf meine Couch. Ich bin nervös, meine Lunge funktioniert nur noch zur Hälfte, ich habe das Gefühl, so kurzatmig zu sein wie noch nie. Wir entscheiden uns für einen Film von Gaspar Noé, „Irreversible“, legen uns hintereinander auf die Couch und starten den Film. Der Streifen ist heftig. Ekelerregende Szenen direkt am Anfang und ich bin froh, daß ich hinter Anna liege und nicht ihr Gesicht sehen muss, da ich Angst habe, sie hält mich für einen Wahnsinnigen.
Bei der 15minütigen Schlüsselszene, in der die Hauptdarstellerin Monica Belluci in einer U-Bahn Unterführung von einem schwulen Psychopathen extrem brutal anal vergewaltigt wird, überkommt es uns beide. Wir sehen uns in die Augen, lächeln und Anna sagt mir, daß sie nicht mehr mit ihrem Freund Alex zusammen ist, da sie Schluss gemacht hat. Wir küssen uns lange und leidenschaftlich unter Beluccis Röcheln, nachdem ihr Peiniger ihr das Gesicht zu Brei getreten hat weil ihm das Abspritzen in ihren Darm nicht demütigend genug gewesen ist. Ich bin glücklich. So glücklich wie noch nie zuvor in meinem Leben. So ist das also mit der Liebe, ein wahnsinniges Gefühl. Keine Schmetterlinge im Bauch, in mir spielen ausgewachsene Mammuts ein American Football Spiel und es fühlt sich an wie ein Endspiel, mein emotionales Finale.
Wir ficken nicht. Wir fummeln nicht. Wir reden nicht. Wir küssen uns. Stundenlang. Mein Schwanz ist hart wie Beton aber ich hab nicht vor ihn rauszuholen, noch nicht. Wir lecken uns durch den Rest des Films und Anna fährt nach Hause. Ich träume in dieser Nacht von ihr und mir und unserer Hochzeit. Idiot, Zweitfach: Hoffnungslose Romantik.

Unser nächstes Treffen wird großartig, das merke ich. Ich hab richtig Bock sie näher kennenzulernen, vor allem ohne Klamotten, mit Schnaps und Gras im Kopf. Mein Magen grummelt beim Gedanken daran und ich bin total aufgeregt. Als Anna dann vor meiner Tür steht, ist das Grummeln bereits zu einem gluckernden Röhren mutiert und ich merke, daß irgendwas nicht in Ordnung ist. Nicht mit Anna, dafür mit meinem Magen. Ich bitte sie herein und wir denken gar nicht daran, ins Wohnzimmer auf unsere Kennenlerncouch zu gehen, wir bewegen uns direkt ins Schlafzimmer. Ich habe Kerzen angezündet und wir räkeln uns züngelnd auf meinem Bett. Langsam tasten wir unsere bebenden Körper ab und befreien uns Stück für Stück von unseren Klamotten. Anna ist megaschlank, ihre Titten sind perfekt und der Arsch lässt mich aus lauter Vorfreude darüber meine Zunge gleich in ihn reinzustecken, zittern wie eine Gitarrenseite.

Ich stütze mich auf meinen Armen ab und bewege mich langsam über sie als es mich plötzlich überkommt. Mein Magen zieht sich zusammen und lässt mich ruckartig wie einen Boomerang zusammenfalten. Ich muss kacken, so heftig wie ich noch nie kacken musste. Fuck, warum jetzt, Zimmermannssohn aus Nazareth? Was hat dein scheiss Vater für beschissene Ideen wenn es um mich geht? Wenn ich das hier überlebe, konvertiere ich. Egal wohin und zu wem.

Anna sieht mich verdutzt an weil ich mich auf die Seite rolle. Ich entschuldige mich und eile zur Toilette. Das Klo ist eine kleine Abstellkammer ohne Fenster mit einem Scheisshaus und einem Miniwaschbecken darin, die Wände sind beklebt mit Fotos aus meiner alten Heimat im Sauerland und Partyflyern, mit Pornobildern und russischen Gottes-Ikonen. Obwohl die Tür vom Schlafzimmer und die Tür vom Klo geschlossen sind, kann ich deutlich jedes Geräusch aus dem Schlafzimmer hören. Ich höre wie Anna sich im Bett bewegt, in der Chipstüte raschelt und sich ab und an räuspert. Ich höre sie. Sie hört mich also auch. Verdammte Scheisse!
Meine Magenkrämpfe verbiegen mich rhythmisch und ich kann nicht mehr. Mit einem Schwung reiße ich meine Unterhose runter und noch bevor ich richtig auf dem Klo sitze, platzt mir der Arsch. Ich feuere einen Durchfall aus mir heraus, wie er ekelhafter, schmerzhafter, aber auch befreiender und leider auch lauter nicht hätte seien können. Nochmal, und nochmal, immer wieder von Fürzen und Stöhnen begleitet ergießt sich mein Darm wie die große, braune Amazonaswelle, die einmal jährlich vom Meer die Strömung heraufkriecht, in mein Klo.
Nach der letzten Abgriffswelle des Darmvirus ist es still. Im Klo und auch im Schlafzimmer. Ich sitze auf dem Thron und möchte weinen. Sie wird wohl gegangen sein nach den ersten Fäkal-Taifunen, die sie mitbekommen hat. Verständlich.
Ich wische ab und ziehe meine Unterhose hoch. Gut, daß ich mich heute morgen nicht für die weiße Boxershorts entschieden habe. Ich betätige die Spülung und Wäsche mir meine Hände als die zweite Welle über mich herein bricht. Meine Vermutung bestätigt sich, es ist ein Magen-Darm-Virus. Das geht dann über 30 Minuten so weiter und ich komme gar nicht dazu Anna um Verzeihung zu bitten oder nachzusehen ob überhaupt noch jemand da ist, der mir vergeben könnte. Mir geht’s hundeelend und mein Arschloch hängt mittlerweile in blutigen Fransen an mir herunter. Nach der vierten Welle wische ich nicht mehr ab, ich tupfe…

Vorsichtig öffne ich die Tür und versprühe noch etwas Deo bevor ich in Schlafzimmer zurück gehe. Anna liegt nackt auf dem Bett und sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Sie lächelt und sagt:

„Na, Süßer, Scheißerei?“

Wir müssen beide lachen und lege mich neben sie. Ich bin ihr so dankbar für ihre Reaktion und sehe verschämt an mir runter. Ich lasse die Unterhose an, da mein Schwanz nach der unfreiwilligen Darmreinigung eher an ein putziges Pimmelchen erinnert und mein Sack aussieht wie eine zusammengeschrumpelte Dörrpflaume. Toll, was so ein Körper alles drauf hat. Ich sage Anna, daß ich glaube, der großen Aufgabe heute nicht gewachsen zu sein und sie nickt verständnisvoll. Ich gehe wieder scheißen.

Anna geht irgendwann nach Hause und ich bin traurig. Traurig, wütend und wund.

Ein paar Tage später lädt mich Anna zum Essen ein, ich freue mich über die zweite Chance und finde mich also in der besagten Küche mit dem geklauten Besteck, den Bambustischsets und den vier unterschiedlichen Küchenstühlen wieder. Es gibt Lachs mit Spargel, Kartoffeln und Sauce Hollandaise. Anna fragt ob mein Magen das mitmacht und nachdem wir laut lachen müssen fegen wir das restliche Essen beiseite und ficken auf dem Küchentisch als wäre es unsere letzte Chance dazu in diesem Leben. Nachdem ich das Bambusset von Annas Rücken geschält habe steht also auf einmal ihre Mitbewohnerin neben mir. Ich bin auf der Stelle verliebt und will ab sofort mein Leben mit diesen beiden Mädels verbringen, für immer. Bitte!

Anna zeigt auf ihre Mitbewohnerin, stopft sich ein Taschentuch zwischen die Beine und sagt:

„Das ist Wanda.“

Wanda ist jetzt mittlerweile 10 Jahre alt, sie ist ein Windhundmischling, tollpatschig, liebevoll, verspielt und das Zweitbeste, das mir in meinem Leben passiert ist. Das Beste in meinem Leben und das Schlimmste war und ist Anna.

Wir haben drei Jahre später geheiratet.

27 Kommentare

  1. Oli
    Sep 10, 2013

    …tupfen…nicht wischen! Die Entscheidung war goldrichtig!
    Oli (10b)

  2. Name
    Sep 11, 2013

    Romantik aus dem Untergrund- ich freu mich

  3. Florian
    Sep 11, 2013

    Ganz groß… nagyon szeretem!

  4. Melle
    Sep 11, 2013

    So schön ehrlich und ungeschminkt. Einfach fantastisch.

  5. Ä-P
    Sep 11, 2013

    Zigeunermädchen sind die besten Mädchen! <3
    Der schönste, lustigste und ehrlichste Liebesbrief ever.

  6. Casi
    Sep 11, 2013

    Großartig! In den Momenten, in denen ich nicht neidisch auf Dein Talent spucke, applaudiere ich – großer Sport mal wieder 🙂

  7. Steffi
    Sep 11, 2013

    Ihre Nachricht …….schön…..mehr fällt mir dazu nicht ein

  8. Dave
    Sep 11, 2013

    herrlich amüsiert!
    Da ich dich kenne hatte ich auch herrliches Kopfkino dazu.
    made my day
    gruss dave

  9. Ben
    Sep 11, 2013

    Ist heute deine Geschichte im RSS-reader aufgetaucht. Ich weiss schon gar nicht mehr was das fuer ein Blog ist sooft erscheint hier ein Artikel und wie jedes mal bin ich dann total ueberrascht was fuer tolle Geschichten du erzaehlst. Die sind einfach grossartig, weiter so!

  10. Jessie
    Sep 12, 2013

    Nun sitze ich also in der Bahn und muss mich zuammenreißen, nicht laut zu lachen. In meine Hand und mit Tränen geht ja grad noch…Den Teil ab „Ich muss Nacken“ bis “ Egal wohin und zu wem“ kannte ich noch nicht. Den Rest habe ich schonmal gehört oder zumindest hab ich das Gefühl, wo ich doch die Protagonisten gut kenne. Danke, mein Lieber, für den Einblick! Liest sich auch gut, wenn man alles kennt… Oder gerade deswegen… Ach ja, und Alex wird sich bedanken 😉

  11. Jessie
    Sep 12, 2013

    … Ach ja, Pipi hatte ich natürlich auch am Ende in den Augen. Und das nicht vor Lachen… 🙂

  12. mabu
    Sep 13, 2013

    herrlich, einfach nur gut und schön geschrieben 🙂

  13. Baty
    Sep 17, 2013

    Einfach nur geil…… 😉

  14. discipulussenecae
    Sep 17, 2013

    Ihre Nachricht …

    So hoffnungsfroh romantisch … und dann klappt das auch noch …

    Ich mag das!

  15. Vicky Amesti
    Sep 19, 2013

    Lieber Sascha! Das lesen dieses Textes war die reinste Achterbahnfahrt der Gefühle. Zwischen tiefster, romantischer Ergriffenheit und damit einher gehendem Mitfiebern, grenzdebilem Abgeiern zu deinem Darm-Malheur (sorry, aber mein Mitgefühl weicht kindischer Albernheit, wenns um Scheiße geht) und der Freude darüber, dass nicht nur ich so krank bin ‚Irreversible‘ an einem Videoabend mit möglichem Happy End, laufen zu haben, freute ich mich sehr über die Offenheit deines Textes und die vielen bunten, bilderreichen und fantasievollen Beschreibungen.

  16. Dirk M.
    Sep 20, 2013

    Geschichten mitten aus dem Leben, wie man sie selbst kennt… (oder ähnlich)
    Was du hier schreibst ist ganz grosses Kino.
    Herzliche Grüsse und ein donnerndes PROST aus Letmathe

  17. Nick Kahonna
    Sep 21, 2013

    Boar Kerl….
    würde sagen, alles richtig gemacht.
    bis halt der Arsch brennt.!!!

  18. jens
    Sep 24, 2013

    Harhar wieder einmal köstlich. Aber, lass uns doch nicht immer so lange warten.

  19. Oliversum
    Okt 2, 2013

    Jau, wie geil! Das will ich auf Papier lesen und in der Hand halten.

  20. Mike
    Okt 4, 2013

    killer …großartiges dingen, hat mir gerade die dreckslaune vertrieben, props!

  21. Carrie-Ann
    Okt 20, 2013

    Einen wunderbaren Text hast du da geschrieben! So detailliert, so bildlich und vor allem so lustig. Ich habe beim Lesen so herzlich gelacht, dass ich vor lauter Lachtränen in den Augen diesen Kommentar erst gar nicht schreiben konnte. Ganz spannend finde ich auch, dass ich als Dortmunderin deine Ortsangaben genau zuordnen kann und nun in Erinnerungen von meinen Bakuda-Club-Besuchen von vor Jahren schwelgen kann.
    Wirklich toll! Weiter so!

    C.

  22. Dirk
    Jan 20, 2014

    Bin nur zufällig hier gelandet ich muss sagen das Lesen dieser Texte ist einfach nur der Hammer, man möchte gar nicht mehr aufhören.

    • Bisley
      Jan 21, 2014

      Vielen Dank, Dirk. Die Regelmässigkeit hat etwas nachgelassen, aber ich gelobe Besserung, sobald mein Buch fertig ist… 😉

  23. Der Lange
    Feb 10, 2014

    Immer wieder ein Fest! Danke dafür

  24. penelope
    Feb 27, 2014

    .. eine köstliche Geschichte .. grandioser Schreibstil 🙂 !!
    Freu mich auf Deine Lesung .. bis dahin mit ’nem lieben Gruss

  25. fil
    Dez 6, 2014

    roh.mantik…ganz gross.

  26. Nicole
    Feb 24, 2015

    Top! Ich sitze hier auf der Arbeit und lache Tränen, bin voll dabei. Einfach geil.

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