Die durch die Hölle gehen

Die durch die Hölle gehen

Es ist wirklich arschkalt. Nass und arschkalt. Ich sehe mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Straße und wundere mich über die Temperaturen. Trotz Sonnenschein ist es für einen Tag im September wirklich sehr früh winterlich geworden. Es ist also ein kalter Tag im September des Jahres 1989 und wir wollen gleich losfahren. Dennis meint, für psychedelische Pilze sei jetzt die beste Zeit zum Ernten. So ein schwachsinniger Scheissdreck…

Andy fährt den dunkelroten Ford Sierra vor und wir bestücken unsere Taschen und Rucksäcke mit Bierdosen und allem möglichen Krimskrams. Eine Taschenlampe, obwohl wir erst 13.00 Uhr haben, eine Glasbong, Brötchen, eine Fleischwurst und ein paar Flachmänner Büchter-Korn. Andy´s Ford ist ein fahrendes Stück Scheiße. Ford hat eh die seltsame Idee gehabt, alles andersrum zu machen. Die Türen schließt man andersrum auf und zu und sogar die Scheibenheberkurbeln dreht man in die entgegengesetzte Richtung um den Fahrtwind reinzulassen oder auszusperren.

Ich öffne angewidert die hintere rechte Autotür, an der noch deutlich die Reste meiner Kotze vom letzten Ausflug kleben. Ich konnte irgendwann nicht mehr und hab während der Fahrt aus dem Fenster gekotzt. Da ich aber so lange brauchte, um es zu öffnen, weil ich immer die Kurbel in die falsche Richtung drehen wollte, ging die Hälfte in die Türablage und der Rest verteilte sich über Tür, Heck und Hinterreifen. Ganz schön hartnäckig, das Zeug, denke ich noch so bei mir, als ich mit meinem Fingernagel versuche, etwas von der Kotzkruste von der Tür zu knibbeln. Wir sind zu fünft, Andy der Fahrer, Frank, Nico, Dennis und ich. Dennis hat uns angefixt mit der bescheuerten Idee. Gestern fing er auf einmal an uns diese unglaubliche Geschichte zu erzählen. Er habe ein paar Freunde, die ihm geraten haben, jetzt zu ernten, da die Pilze wohl gerade am besten wären.

Häh? Was für Pilze? Hab ich was verpasst?

Außer auf `ner Jägerfrikadelle hab ich den Typen noch nie Pilze essen sehen. Das ist doch ein Scherz. Dennis will mir allen Ernstes erzählen, es gäbe Pilze, Psyllus, wie er sie nennt, die knallen sollen.„Knallen“ ist so´n Wort, daß man in den Achtzigern und Neunzigern gerne benutzt hat um die Wirkung von Alkohol oder Drogen zu umschreiben. Die Psylluspilze sollen knallmäßig angeblich ganz weit vorne liegen. Ich lach mich tot. Wenn diese dämlichen Pilze existieren würden, also frei verfügbar für jedermann wachsen und geerntet werden könnten, dann hätte ich doch schon längst davon gehört und ausserdem wäre hier diese dämliche Wiese voller Menschen.

Der Ford schiebt sich die Waldwege des Sauerlands hoch und erreicht mit einem ruckelnden, letzten Schwung die Kuppe des Berges hinter dem unser Bestimmungsort liegen soll. Ich traue meinen Augen nicht! Die Kuppe, auf der wir stehen, ist wie eine Art Aussichtsplatform. Man kann über die weiten Hügel des Sauerlands sehen und den Blick in die Täler schweifen lassen. Das satte Grün, die klare, kalte Luft und in all diesem Postkartenausblick sehe ich sie dann.

Mindestens 30 Leute mit Körbchen, Plastiktüten oder Tupperdosen bewaffnet, laufen gebückt über diese Kuhwiese und suchen langsam und gleichmässig den Boden ab. Ich werd bescheuert, hat der dumme Sack doch wirklich Recht gehabt. Ich meine, warum sollten diese ganzen Freaks hier rumlaufen wenn es nicht echt Drogen auf lau geben würde. Von denen sieht keiner so aus als würde er sich mit der Zubereitung seltener Speisepilze auskennen. Man braucht als Fachmann für Pfifferlinge sicherlich mehr als nur ´ne Cordhose und rotgelbe Dreadlocks.

Ehrlich gesagt, ist es mir jetzt auch egal. Ich will auf diese Wiese und endlich einen dieser seltsamen Hutgewächse mit eigenen Augen sehen. Doch Dennis scheint diesen Gedanken geahnt zu haben und rät uns, erst einen Blick in sein Buch zu werfen, in dem die Psylluspilze abgebildet sind. Das Buch ist eine Leihgabe aus der Bücherei, seit Jahren in Dennis´ Besitz und stammt aus der Reihe „Breites Wissen“…, wie passend. Dennis schlägt das Kapitel „Pilze und mehr“ auf und zeigt auf ein Farbfoto. Scheiße, die Dinger sehen aus wie ´ne kleine Titte. Runder Hut mit kleinem, helleren Nippel obendrauf. Das erkenne ich wieder, los geht´s!

Wir verteilen uns und grasen die Wiese Stück für Stück ab. Nico findet den ersten Pilz. Mit seiner manchmal etwas gewöhnungsbedürftigen Stimme ruft er uns zu sich.

„Ey…., komma her…!“

Wir staunen und begrabschen das Ding als wäre es ein Alien. Jetzt hat uns das Jagd- und Sammelfieber gepackt und lässt uns mit noch mehr Einsatz über das grüne Feld wandern. Nach und nach finden alle einige Pilze, meine Plastiktüte ist merklich voller geworden und das Sammeln macht echt Spaß. Wie auf einer Party zeigen sich die Sammler ihre Beute und lassen sich hier und da auf der Wiese nieder um ein Bierchen zu trinken oder ein Tütchen zu rauchen. Wir auch.

Unsere Glasbong befüllen wir an der Trinkwanne der Kühe mit Wasser und bringen uns erstmal auf Diskussionslevel. Wir zählen grob durch unseren Fang und sind der Meinung, daß wir genug gesammelt haben, knapp 200 Pilze nennen wir nun unser Eigentum. Rückzug ist das Kommando. Am Auto angekommen beglückwünschen wir uns gegenseitig und haben nicht nur aufgrund der Glasbong glänzende Augen, die Vorfreude ist groß!

Die Kotzkarre nagt sich durch die Wälder des Sauerlands zurück in die zivilisierteren Bereiche der Unterschicht, nach Hause. Dennis wohnt bei seinen Eltern und hat im Keller ihres Hauses ein Zimmer direkt neben dem Partykeller, eine Zweiraumwohnung so zu sagen. Autark durch einen separaten Eingang hat uns dieses Kleinod schon manches Wochenende versüßt. Wir alle beneideten Dennis um diese Möglichkeit seine Freizeit unabhängig zu gestalten und schon in dem Alter so etwas wie eine eigene Wohnung zu haben. Der Partykeller der Eltern gehörte eigentlich sogar noch mit dazu, da er nicht mehr genutzt wurde. Dennis Vater war einverstanden, daß wir uns am Wochenende mit ein paar Leuten einquartierten bis zu diesem kleinen Zwischenfall als wir Gérard, einen Jungen aus der Nachbarschaft, mit Feuerzeugbenzin getränkt und angezündet haben. Danach war erstmal Schluß mit lustig und wir mussten Gérard ein paar mal im Krankenhaus besuchen und ihm klarmachen, daß wir nur wieder in den Keller können wenn er von diesen abstrusen Beschuldigungen Abstand nehmen würde. Schließlich hatte nicht nur er Verbrennungen dritten Grades, auch der Teppich im Partykeller war total im Arsch nachdem wir literweise Lambrusco über Gérard auskippten. Als wir ihm die Jeanshose langsam auszogen, schälte sich die Haut von seinen Oberschenkeln direkt mit ab und seine Beine hatten etwas rosiges. Wir hätten mit dem Löschen früher beginnen sollen…, aber was macht man nicht alles wenn die Videokamera läuft.

Ich setze mich also mit den anderen auf den Boden in Dennis Kellerbude und breite die Pilze auf einer Zeitung vor uns aus. Wir entfernen kleine Schnecken und Käfer und versuchen den ganzen Scheiß irgendwie sauber zu machen.

 

„Wie viele muss man nehmen?“ Frank sieht mit skeptischem Blick zu Dennis.

„Keine Ahnung…, 30, 40?“ erwidert dieser.

„Du weißt es nicht? Ich fresse die Scheiße hier doch nicht auf Verdacht!“ Eine Tasse Kaffee zuviel und ich vibriere durch meine Wohnung…, ich zittere bei der Vorstellung an eine Überdosierung halluzinogener Substanzen. Wo ich doch so´n Kontrollfreak bin. Das „Loslassen“ habe ich erst viel viel später gelernt.

„Doch, ich kenn mich aus…, hier, ich fress jetzt 40 und du frisst auch 40. Wer noch? Frank, Nico, hier, nehmt euch welche!“

 

Dennis nimmt eine handvoll Pilze, zählt grob durch, es müssen so 10 oder 12 gewesen sein, und rollt sie mit beiden Handflächen wie einen Schneeball zu einer kleinen Kugel aus der Stiele rausgucken. Er holt Luft, steckt sich den Stachelball aus Pilzen in den Mund, kaut, kaut, kaut, kaut…., und schluckt. Und schluckt nochmal. Anschließend rollt er weitere Pilze zusammen und das geht so bis er die 40 Dinger runtergeschluckt hat. Ablöschen mit Iserlohner Pilsener. Ich bin dran.

Dennis Taktik hat sich bewährt und ich rolle mir meine erste Kugel. Ich nehme ein paar Pilze weniger, die Kugel ist also kleiner. Dafür nicht weniger ekelhaft. Der modrige Geschmack von Erde und Mykosen in ihrer reinsten Form vermischen sich in meinem Mund zu einer widerlichen Speichelbrühe, die kaum zu ertragen ist. Ich schlucke und muss mich schütteln, zweite Kugel. Dritte Kugel. Vierte Kugel ist größer, 40, fertig. Der nächste.

Nachdem wir alle fertig sind, sehen wir uns an und lachen. Ob man schon was merken würde, fragen wir uns. Niemand merkt schon was. Ich merk noch nichts.

Nico hat gehört, daß es besser sei wenn man nicht in geschlossenen Räumen bleibt, sondern raus in die Natur geht. Der Turn wäre einfach besser. Leuchtet ein, also gehen wir zu unserem Treffpunkt. Jedes Bauerndorf und auch manche Städte haben so einen Treffpunkt. Das sind Stellen auf Plätzen oder vor Brunnen, Stellen an öffentlichen Gebäuden oder im Park, Stellen, wo man sich zum Saufen trifft.

Da ist Platz für drei bis vier Mofas, ebenso viele Rahmen Bier und wenn man auf der Fläche und der Lehne der Parkbänke sitzt, auch für bis zu 20 Leute. So einen Platz gibt es auch hier bei uns um die Ecke. Da Dennis und ich als erstes Pilze gefressen haben, und wir immer noch nichts merken, nehmen wir jeder nochmal eine Kugel aus 10 weiteren Pilzen. Sicher ist sicher.

Wir verlassen die Zweiraumwohnung durch den separaten Eingang und nehmen noch ein paar Bier aus dem Kasten von Dennis Vater als Proviant mit. Ich fühle mich in Wanderlaune. Das sage ich dann auch laut. Die anderen sehen mich an und bestätigen die Bereitschaft zu einem ausgedehnten Fussmarsch.

Das Auto bleibt stehen und der Troß bewegt sich die Straße hinunter. Kronkorken klingeln über die Straße als wir an den Einfamilienhäusern mit Vorgärten vorbeiziehen. Ich fühle mich beschwingt, mein Muskel unter dem Kiefer scheint etwas verkrampft, ich drücke mit meinem Daumen unter mein Kinn und kann spüren, wie der Muskel nachgibt und sich lockert. Ein Krampf also, ok. Von den Pilzen hätte es ja auch nicht sein können. Ich merk noch gar nichts.

Dennis auch nicht. Seine Hand juckt, irgendwas auf der Wiese muß ihn da erwischt haben. Ameisen oder eine Nessel, wer weiß. Aber es juckt ganz schön, sagt er und reibt die Hand in rythmischen Bewegungen an seiner Hosennaht auf und ab.

Frank macht ziemlich lange Schritte dafür daß er so langsam geht. Ich frage ihn, ob er schon was merkt aber er verneint es. Wir sind schon ein wenig enttäuscht vom Ausbleiben jeglicher Wirkung dieser tollen Zauberpilze, wollen mit dem Nachlegen aber noch etwas warten. Wir haben mal einen Kakao mit richtig gutem Haschisch aus Marokko getrunken und das Ding hat uns eineinhalb Stunden später völlig unerwartet die Beine weggehauen. Ich stand gerade bei McDonald´s am Tresen als der Kakao einschlug und der drei Meter große Iraner, der mich bediente, erinnerte mich stark an einen Klingonen. Ich krabbelte damals auf allen Vieren aus dem Laden. Das wollen wir sicher nicht nochmal erleben, also langsam.

Zwei Straßen weiter nehmen wir nochmal jeder fünf Pilze und das war´s dann auch mit dem Ekelzeug. Das Schlucken fällt mir schwer, mein Kiefer ist wie verbogen durch diesen Krampf, den ich mir immer wieder mit meinem Daumen durch Druck von unten lösen muß. Frank zeigt in den Himmel und bleibt stehen. Dennis hat seine Hand mittlerweile an der Hosennaht blutig gerieben und auch die anderen wirken irgendwie angespannter als sonst. Ich will die Stimmung wegen der ausbleibenden Wirkung der Pilze nicht zerstören, deswegen sage ich nichts, drücke meinen Daumen unter mein Kinn und schnalze ein paar Mal. Nico erwidert das Schnalzen. Wir merken immer noch nichts.

Dennis wird langsam sauer, daß die scheiß Dinger nicht anschlagen und reibt sich mittlerweile die andere Hand blutig. Ich frage mich, ob eine juckende Wunde an einer Hand zur anderen Hand überspringen kann und strecke meine Arme vom Körper weg, damit meine Hände soweit wie möglich voneinander entfernt sind, obwohl sie ja eigentlich gar nicht jucken. Aber sicher ist sicher!

Irgend jemand fehlt, wir bleiben stehen und drehen uns um. Frank steht immer noch an dem selben Fleck wie gerade und zeigt stur in den Himmel, zwischendurch kommen Luftschlangen aus seiner Fingerspitze und schießen in Richtung Firmament. Wir alle sind davon schwer beeindruckt, auch wenn Frank uns partout nicht sagen will, wie er diesen Trick hinbekommen hat.

Wir stellen uns rechts und links neben Frank und summen eine Melodie, die wir aus unerklärlichen Gründen im Kopf haben. Jeder summt eine andere Melodie aber im Zusammenspiel ergibt diese Kackophonie den Titelsong der Muppet Show, abgefahren! Dennis fällt das als erstes auf und er sagt:

„Alter, die Muppet Show!“

Stop! Jetzt werde ich misstrauisch. Dennis muß unter Drogeneinfluß stehen, er kann mir nicht erzählen, daß er nichts von den Dingern merkt. Seitdem ich ihn kenne, war er nicht in der Lage „Muppet Show“ korrekt auszusprechen. Er sagte immer, und ich meine IMMER „Mumpet Show“…, das war bei uns schon ein Running Gag. Genau wie er immer anstelle von „Sirene“ „Risene“ sagt.

Man kennt solche Leute, fast jeder hat einen im Freundeskreis, der Sachen wie „Halleluja“ nicht aussprechen kann oder für den das Wort „Regisseur“ eine unüberwindbare Hürde darstellt. Dennis war so jemand. Daß er ausgerechnet jetzt nicht von den „Mumpets“ redet, kann nur halluzinogene Hintergründe haben.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn mit meiner Erkenntnis konfrontieren soll, er sieht glücklich aus, ich laß ihm seinen Spaß lieber. Das kann ja auch mal ganz schnell nach hinten losgehen, wenn man Kritik auf jemanden ausübt dessen Neocortex durch die Einnahme von Psychedelika die Konsistenz eines nassen Toastbrots angenommen hat. Kenn ich. Die erste Begegnung mit LSD25 hatte ich vor knapp einem Jahr und ich lag damals etwa vier Stunden in einer sauber gestutzten Hecke vom Nachbarn in Embryonalstellung und habe mir die Seele aus dem Leib geschrien sobald mich jemand berührt hat. Schrecklich…

Aber Dennis´ neu gewonnener Wortschatz verliert eh gerade an Interesse, da Frank erneut eine Luftschlange aus seiner magischen Fingerspitze in den Himmel feuert und dazu sagt:

 

„Sehet mich an! ICH bin die Hebamme von Kreta! Ich werde euch führen!“

 

Wow! Überwältigt von soviel Selbstsicherheit und der absoluten Bereitschaft uns zu leiten und Übel von uns abzuwenden, machen wir anerkennende Grimassen in Frank´s Richtung und gehen mit den Händen auf dem Rücken verschränkt ein paar mal um ihn herum. Beipflichtendes Schulterklopfen ist leider nicht möglich, da Frank mittlerweile eine Betriebstemperatur von etwa 200 Grad Celsius angenommen hat und die Luft über seinen Schultern und dem Kopf flimmert wie auf einer asphaltierten Straße im Hochsommer. Sein Blick ist starr geradeaus gerichtet und er zeigt immer noch auf die gleiche Stelle am Himmel.

Dann sehen wir alle, warum er dies tut. Am Horizont erblicken wir ein Objekt, das ich nicht näher beschreiben kann. Es verändert sich ständig und leuchtet. Andy sagt, es sei der FUJI-Zeppelin, das könne man ja wohl eindeutig erkennen. Das verunsichert mich ein wenig denn ich hatte schon das Wort „Heissluftballon“ auf der Zunge liegen und wenn mein Daumen nicht bis zum Anschlag in meinem Kiefer stecken würde, hätte ich das auch gesagt.

Nico sagt etwas auf aramäisch und verdreht die Augen.

„Ahahahahaaaaaa, die Engelchen backen Kekse!“ , fügt er schnarrend hinzu.

„Mit Sicherheit nicht, du Pfogel!“ , erwidert Dennis und zeigt auf seine Schuhe. Der Zusammenhang bleibt uns allen verschlossen. Ich bin etwas angenervt. Das hatte ich mir spektakulärer vorgestellt. Ich merke immer noch nichts.

Der Treffpunkt am Platz vor dem Hochhaus ist in Sichtweite, Euphorie macht sich breit und wir geben uns Highfive…, außer Dennis, den lasse ich aus, da ich Angst habe, meine Hand würde danach auch zu jucken beginnen. Durch das Abklatschen mit den Anderen haben wir unseren inneren Akku irgendwie aufgetankt und wir fangen an zu hüpfen. Erst nur ein klein wenig, dann etwas mehr und schliesslich so hoch, daß wir uns immer wieder die Knie in die eigene Fresse hauen. Das ist unangenehm aber lustig.

Nach circa 20 Minuten hüpfen und springen steht auf einmal Baba vor uns, ein Freund, der uns, wie er sagt, aus sicherer Entfernung eine Weile kopfschüttelnd zugesehen hat. Baba verfügt über eine fundierte Drogenkenntnis und riecht den Braten sofort.

„Was habt ihr genommen und wieviel habt ihr davon noch?“, ist seine erste Frage.

Wir erklären ihm in plattdeutschem Akzent, daß wir unter Einfluß von Psyllocibin stehen und mega enttäuscht sind von der schwachen bis fast gänzlich ausbleibenden Wirkung. Auf seine Frage, wieviele Pilze wir denn genommen hätten, sagen wir ihm das wir jeder zwischen 40 und 60 Pilze intus haben. Baba schreckt zurück und reißt beide Arme hoch, er hält sich die Seiten seines Kopfes, sieht uns entsetzt an und sagt:

„Oh Scheiße…, was habt ihr getan?“

DAS war genau das, was ich nicht hören wollte. Ich kriege eine Ganzkörpergänsehaut und meine Stirn kribbelt wie ein Ameisenhaufen, ich seh mich schon wieder schreiend in einer Hecke liegen. Doch Frank entschärft die Angelegenheit ein wenig, in dem er Baba fragt, ob er uns als Außenstehender nicht bei der Frage helfen könne, was das da oben am Himmel sei. Frank zeigt in den Himmel und verschießt eine weitere Luftschlange aus seinem Finger. Wir applaudieren und sehen uns das Ding am Himmel nochmal ganz genau an. Alle sind gespannt.

Baba schlägt Nico mit der flachen Hand in den Nacken und schnauzt ihn an.

„Das ist die Sonne. Und man sollte da auch nicht so lange direkt reinglotzen…, mein Gott, seid ihr verbimmelt. Euch kann man doch so nicht alleine lassen.!“

Wir sind erschüttert. Sind wir wirklich schon so drüber und merken das gar nicht mehr? Sind wir überhaupt ehrlich zu uns gewesen? Franks Luftschlangentricks, die juckenden Hände und die daraus resultierende Paranoia…, vorhin haben wir uns im Kreis aufgestellt und wollten mit einem Kanaldeckel Hackysack spielen. Das Hüpfen und Springen…, fuck. Baba hat Recht, wir sind drauf. Warum merke ich dann nix?

Als Baba uns erzählt, daß man so 5-10 Pilze nimmt wenn man Spaß haben und vielleicht 20 wenn man hart abgehen will, beschließen wir nach Hause zu gehen. Also zu Dennis. Unseren Eltern wollen wir jetzt nicht über den Weg laufen. Der Rückweg zu Dennis ist schrecklich. Baba hat uns ein Stück begleitet, war allerdings irgendwann mit dem Hüten der verstrahlten Schäfchen überfordert und suchte das Weite nachdem wir anfingen uns nur noch über Klicklaute zu verständigen. Den Rest schaffen wir auch allein, Klick Klick Klick.

Die nächsten zwei Tage waren furchtbar und wir verbrachten fast die komplette Zeit auf der Terasse von Dennis vor einem Grillkamin, in dem wir so ziemlich alles verfeuerten, was brennbar war um in den kalten Nächten nicht zu erfrieren. Ins Haus trauten wir uns nicht. Wir machten alles durch, was man auf einem solchen Horrortrip durchmachen kann. Von Halluzinationen über Weinkrämpfe bis hin zu Schließmuskelfehlfunktionen.

Wenn ich jetzt so daran zurück denke, wird mir echt mulmig. Was da alles hätte passieren können. Das Wochenende darauf waren wir immer noch total neben der Spur, wir hatten einen seltsamen Geschmack im Mund und ab und an hätte man sich als orientierungslos beschreiben können. Das sollte uns eine Lehre sein. Nach dem Sammeln nahmen wir dieses Wochenende jeder nur 20 und das war  dann auch irgendwie noch ganz witzig…, obwohl ich eigentlich nix gemerkt habe.

 

14 Kommentare

  1. Enno
    Mrz 24, 2013

    Danke Sascha ….mal wieder beim lesen köstlich amüsiert … und dabei zurück denken müssen..Tränen wech wisch ….herrlich ….!

  2. Frank
    Mrz 24, 2013

    Hammer, Weltklasse, meine Jugend. Vielen Dank!

  3. Martin
    Mrz 24, 2013

    Oh, danke sehr für die Story. Ähnlich haben wir es damals auch erlebt. Auch bei uns gab es einen Typus wie Gérard und Mofas und einen Dennis, bei dem wir unseren Freiraum hatten. Und Pschüllus. Acid. Alk. Metal.

  4. Oliver
    Mrz 28, 2013

    Oh Mann, – da kommen herbe Erinnerugen hoch… Danke für den feinen Text, Sascha!

  5. Nadine
    Mai 27, 2013

    Die Mine hat mir Deine Seite geschickt, ich krieg mich gar nicht mehr ein vor Lachen. GANZ GROSSES TENNIS!!!

    • Bisley
      Mai 29, 2013

      Vielen Dank…, dann hab ich alles richtig gemacht!

  6. Vicky Amesti
    Jun 2, 2013

    Hahaha! Super geschrieben! Ich war so ein braver Teenager.

  7. Ricardo
    Jun 13, 2013

    Schön…. hab meinen Screen grad‘ eingespeichelt! Fein, fein Herr Bisley!

  8. Mark
    Jun 15, 2013

    Was hab ich gelacht ;-))))))))))))))

    Super geschrieben, Mister Bisley.

  9. Dennis
    Jun 28, 2013

    WIESO habe ich diesen Blog nicht schon vorher gefunden?
    Super, einfach klasse, den Luftschlangentrick erkläre ich dir beizeiten. :X

    Macht Bock auf mehr.

  10. Kati Fischer
    Sep 4, 2013

    Oh man..herrlich!! Ich kenn die Akteure alle und schrei mich noch immer weg vor lachen!! Bombastisch 😉

  11. heide witzkar
    Mrz 30, 2014

    pahaha Sascha ey, das les ich ja jetzt erst…ker ich hab auch ne 2 Raum Kellerbude mit eigener Haustür gehabt. UND einen vollgetränkten Teppich durch Lambrusco und Krugmann-Schnapps Bitterkirsch. Angezündet haben wir allerdings nur das Inventar… scheiße ich lach mich kaputt.Treffpunkt und Drogenbörse bei den assis ( also wir) war immer das alte Aliddach… Dieses sauerland… ich denke an die Grube! Psychose lässt grüßen . danke für die story und die Zeitreise haha

  12. Burny
    Apr 26, 2014

    Oh Mann…die Frönsberger Wiesen.

    Und immer sind die ersten Male von Überdosierung geprägt gewesen.

    Sauerländer Jungs halt.

  13. fil
    Dez 6, 2014

    immer wieder schön.da juckt et zart nach.auf reise.scheibe.film.mixis.drachen.psyllos.diesdas…

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