Night of the raging bulls

Night of the raging bulls

Die Umkleidekabine erinnert ein wenig an alte Wochenschauberichte über Bergwerke und deren Kumpel, wie sie in ihren Waschkauen stehen und die Kohle aus ihren geschwärzten Poren waschen. Der Geruch ist fast unerträglich. Eine Mischung aus altem und neuem Schweiß, Kunststoff und Duschgel, man gewöhnt sich erst ganz langsam daran. Es ist Dienstag und ich habe heute Training. In vier Wochen ist mein großer Tag, dafür muß ich fit werden. Unbedingt. In vier Wochen wird sich zeigen, ob ich der großen Herausforderung gewachsen bin. In vier Wochen ist mein erster offizieller Boxkampf.

Seit etwa drei Jahren trainiere ich jetzt Muay Thai. Ich gehe nicht auf Wettkämpfe oder so, ich mache das, um fit zu bleiben und etwas Bewegung zu kriegen. Effektiver als ein Boxtraining geht es eigentlich nicht mehr. Als ich damals das erste Mal da war, hat es genau 20 Minuten gedauert, bis ich kapituliert habe. Ich war beim Aufwärmen schon so fertig, daß ich ernsthaft Probleme hatte, mein Essen in mir zu behalten. Vor Erschöpfung kotzen? Ach, das gibt´s nur bei Marathonläufern! Mmmh.., oder hier!

Es war schon ein wenig seltsam beim ersten Training. Ein guter Freund hat mich mitgenommen und mir Mut zugesprochen. Den hatte ich auch bitter nötig, als ich in die Trainingshalle kam. Alle starrten mich an, dachten aufgrund meiner Tattoos natürlich, daß ich hier für den Ernstfall auf der Straße übe und meine soeben gewonnenen Kampfkunstfähigkeiten direkt einsetzen werde um wehr- und harmlosen Omas ihre Handtasche zu entreißen, nachdem ich ihnen mit einem Kehlkopfschlag den nötigen Atem für Hilferufe genommen habe.
Ich blicke in Gesichter, die ebenso gut aus einem Scorsese-Film hätten stammen können. Die üblichen, türkischen Kids, die definitiv häufiger hier auftauchen als beim Freitagsgebet. Ein paar Russen, die stundenlang ohne Handschuhe auf Echtlederpratzen einschlagen, als wären ihre Fingerknöchel aus Beton und natürlich die Schwachköpfe. Schwachköpfe findet man in jedem Sportstudio, egal ob Fitnessbude oder Kickboxschuppen. Das sind die Typen, die nach zwei Minuten am Boxsack einen halben Liter Eiweißdrink in sich reinschütten um dann weitere zehn Minuten vor dem Spiegel zu posieren und ihre nicht vorhandenen Trizepsstrukturen zu flexen. Vornehmlich tauchen diese Vögel im Rudel oder zumindest zu zweit auf. Da lobt man sich dann gegenseitig, hält dem anderen die Stange beim Bankdrücken und auch wenn einer mal sein Duschgel vergessen hat, so ist auf seinen Freund Verlaß.

Ich werde meinem Trainer vorgestellt. Joe ist ein feiner Kerl, das merkt man gleich. Er hat dieses verrückte Glänzen eines Straßenkämpfers in den Augen, daß er allerdings geschickt mit der väterlichen Freundlichkeit eines professionellen Boxtrainers zu verbinden weiß. Joe ist im Vergleich zu mir ziemlich klein, nachdem er mir zur Begrüßung die Hand gegeben hat, weiß ich jedoch, daß das nichts mit seiner Fähigkeit zu tun hat, dir innerhalb von Sekunden das Grinsen aus der Schnauze zu hauen. Ein kerniger Typ, ich bin gespannt.
Joe erklärt mir die Ausgangsposition und lässt mich etwa eine Stunde lang stupide Schrittfolgen und Schläge machen, langweilig! Aber obwohl ich eigentlich nur kleine Tippelschritte gemacht und ausschließlich den linken Jab geschlagen habe, fühle ich mich wie ein Kartoffelsack. Mein linker Arm hat ein eigenes Gehirn entwickelt und gehorcht mir nicht mehr, ich bin erschüttert. Wie unfit kann man sein, daß man einen Muskelkater im Arsch kriegt, nur weil man eine Stunde einen Fuß vor den anderen gesetzt hat? Jetzt rächt es sich also, daß ich immer mit dem Taxi zur Pommesbude fahre wenn ich zu voll zum Laufen bin.
Joe ruft mich zu sich. Er erklärt mir, wie man mit Pratzen trainiert…., Pratzen, nicht Bratzen, wie er hinzufügt, als wäre er sich meiner bevorstehenden Frage bewußt, ob er damit meine Trainingspartner meine. Pratzen sind unförmige Lederkissen, die man sich an die Unterarme schnallt und dann seinen Trainingspartner darauf einschlagen lässt. Links, rechts, links. Links, links, Aufwärtshaken. Links, rechts, linker Haken. Links, rechts, links, Highkick zum Kopf. Bäääm!
Highkick zum Kopf hört sich easy an, ist es aber nicht. Natürlich kriege ich mein Bein so hoch. Allerdings reißt es auf halber Strecke mein anderes Bein mit hoch und ich liege für einen kurzen Moment horizontal in der Luft bevor mein Steißbein eine Delle in den Fußboden schlägt. Daher muß der Ausdruck kommen „der Gearschte sein“, der Schmerz ist so ekelhaft und unerträglich, daß man sich wünscht, man wäre mit der Fresse aufgeschlagen. Kein Schmerz im Gesicht kann dem Schmerz eines geprellten Steißbeins das Wasser reichen. Besonders wenn man merkt, daß den Aufschlag fast jeder gehört hat und sich alle nach dir umsehen. Dann heißt es cool bleiben. Jeder fällt mal hin oder um, es kommt darauf an, wie man wieder aufsteht und vor allem, wie man dabei aussieht.
Ich beiße auf die Zähne als ich mich wie eine Robbe auf den Bauch drehe und versuche in eine Art „100Meter-Sprint-Startposition zu kommen. Die Tränen schießen mir in die Augen als ich endlich wieder gerade stehe. Franzl, mein Trainingspartner, pisst sich fast in die Hose vor Lachen weil er sieht, daß mein Versuch cool auszusehen eher an den Bildband „Faces of Wurzelbehandlung“ erinnert. Ich stelle mich zu den Schwachköpfen an den Spiegel, trinke etwas und nehme mir eine kleine Auszeit. Franzl haut in der Zeit jemand anderem in die Schnauze. Das kann er.

Die Wochen und somit auch die Trainingsstunden ziehen ins Land, ich treffe mittlerweile mehr mit meinen Fäusten als mit meinem Arsch und die Fortschritte sind unübersehbar. Es macht echt richtig Spaß, ich trainiere mittlerweile vier bis fünf mal die Woche, kenne die Namen der anderen Haudegen hier und werde auch nicht mehr so dämlich angeglotzt wenn ich zum Training erscheine. Fitty, ein Freund von mir, ist zu meinem dauerhaften Trainings- und Sparringspartner geworden und Franzl bemüht sich weiterhin um den Feinschliff bei uns beiden Bewegungslegasthenikern. Fitty und ich nehmen uns öfter mal, wenn wir Sonntags abends alleine im Gym sind, beim Sparring mit der Videokamera auf, um dann zu Hause vor den Frauen mit unseren urtriebigen Höhlenmenschenfähigkeiten zu prahlen. Die Szenen, wo man auf den Arsch fällt, kann man ja vorher rausschneiden. Kurzum, es ist ein geiles Hobby, das fit hält und auch noch Spaß macht. Sport war nie so wirklich mein Ding und darum freut es mich umso mehr, gerade in dieser Disziplin meine Leidenschaft gefunden zu haben.

Es ist schon spät als ich nach dem Training zum China-Imbiss fahre, um mir meine Kohlenhydratbombe zum Mitnehmen abzuholen. Der schmierige Tresen in der Bude ist mit Zetteln beklebt, die mir mitteilen:

„TOILETTE 50 CENT“ oder auch JEDER TAG KNURPSIGE ENTE“

Die Zettel sind allerdings wohl zu klein gewesen, denn die Schrift darauf fängt auf der linken Seite groß an und wird nach rechts immer kleiner bevor sie sich dann schließlich sogar nach unten neigt, um noch auf das DIN-A4 Blatt zu passen. Ich grinse und stelle mir vor wie Gung mit raushängender Zunge vor dem Blatt sitzt und beim Schreiben immer sagt: „Ohohohohohoh!“

Mein Handy klingelt und Gung sieht kurz von seinem Sudoku hoch und nickt mir kräftig zu, als wenn ich die Challenge, in einem Imbiss auf dem Handy angerufen zu werden, hiermit bestanden hätte. Ich nicke zurück und gehe ran.
Am Telefon meldet sich Ricardo, ein Freund aus Köln und gleichzeitig der Mann von Kristina, einer langjährigen Freundin aus meiner alten Heimat im Sauerland. Nach kurzem Smalltalk erklärt er mir, daß er Freunde in Köln habe, die einen Boxkampf veranstalten. Jeder könne sich anmelden und gegen einen Kumpel boxen, so richtig mit offiziellem Wiegen, Pressekonferenz, eigenem martialischem Filmeinspieler und dem ganzen Scheiß. Die Jungs nehmen sich und die Veranstaltung nicht ganz ernst, das Ganze ist ein bißchen Comedy und ein bißchen Show, geboxt wird aber richtig und nach internationalem Boxreglement. Man denkt sich einen Kämpfernamen aus, strickt sich eine abgefahrene Biographie zusammen und macht dann abends bei dem Kampf so richtig ein Faß auf. Mit Drohungen bei der Pressekonferenz, Beleidigungen des anderen Kämpfers und so richtig auf dicke Hose machen. Boxen eben.
Ricardo macht eine bedeutungsschwangere Sprechpause bevor er mich direkt fragt:

„Sascha, würdest Du gegen mich boxen?“

Ich sehe mich in dem China-Imbiss um als hätten alle das Gespräch mithören können. Vor mir spult sich bereits der Film ab. Ich, von den Scheinwerfern des Boxrings stimmungsvoll ausgeleuchtet, Schweiß tropft in Zeitlupe von meiner Stirn, die Frauen kreischen meinen Namen und drängen zum Rand des Rings. Mein Coach nickt zufrieden während mein Gegner reanimiert wird und sein Trainer mit einem Handtuch das Blut vom Ringboden zu wischen versucht. Hinter mir steht Michael Buffer, nach meinem Arm greifend um ihn in die Höhe zu strecken, und ruft:

„The NEW Heavyweight Champion of the World….“

Ich bekomme eine Gänsehaut, auf der man Möhren raspeln könnte und höre mich in das Handy sagen:

„Alles klar, Ricardo, ich bin dabei!“

Er erklärt mir noch kurz, daß er mir die genauen Eckdaten der Veranstaltung noch zukommen läßt und wünscht mir einen netten Restabend. Uns beiden ist sofort klar, daß das das letzte Mal ist, daß wir uns etwas Nettes wünschen, bis der Kampf beendet ist. Ab jetzt sind wir Gegner, Feinde, Kontrahenten. Mein Blick verengt sich als ich das Essen lasziv mit einer 10€ Note bezahle und dem Asiaten ein wissendes Bruce-Lee-Auge zukneife.

Ich verlasse den Laden und fahre nach Hause. Nachdem ich den Glutamat Tsunami mit Zwischenstopp in meinem Magen in die Toilette gejagt habe, verbringe ich die restliche Nacht damit, über einen Kampfnamen nachzugrübeln. Gar nicht so einfach. Wie kann man sich denn nennen, ohne billig oder aufschneiderisch zu klingen und trotz allem noch Angst und Schrecken zu verbreiten? Alles ist besser als Arthur Abraham, denke ich so bei mir. Ok, toll, wenn du mit gebrochenem Kiefer noch acht Runden lang Zähne fliegen lassen kannst, jedoch verliert das ganze etwas an Männlichkeit wenn du vorher mit einer weißen, penisähnlichen Kopfbedeckung zum Lied der Schlümpfe in den Ring einmarschiert bist. Vielleicht bringt Ferrero ja bald Überraschungseier raus, wo in jedem siebten Ei ein Boxer drin ist. Dann sieht man in zwanzig Jahren Asoziale, die bei RTL2´s Trödeltrupp versuchen, ihre Ü-Ei Sammlung zu verticken…

„Kumma hiä, dat is de Axel Schulz…, isch hab noch de original Fackelmann Mütze dazu. Ohne die is der nur die Hälfte wert!“

Aber ich verrenne mich hier nur wieder in Nonsens, ich brauche einen Namen. Einen Namen. Einen Namen. Ich hab´s!
Ich nenne mich „EL PULPO“, der Tintenfisch. So nannten mich die Hotelangestellten in meinem letzten Urlaub in Spanien, immer wenn ich als der tätowierte Vollassi, der ich bin, aus dem Pool geklettert bin. Aufgrund der Farbe in meiner Haut und dem Wasser drum herum, fanden sie Tintenfisch wohl witzig. Hehe.., Die Spanier.
Klar, das passt. El Pulpo, the mexican Kickass…, ein Name, der Köln erschüttern und in aller Munde sein wird wenn meine eiserne Faust sein Denkmal in das Gesicht meines Gegners geschlagen hat. Apropos Gesicht…, ich muß das Mysterium perfekt machen, ich brauche etwas, daß mich abhebt von den anderen Pennern, etwas geheimnisvolles, unverkennbares, so etwas dämliches wie eine Maske! Ja, ich werde eine Maske tragen! Ich lache geheimnisvoll in meinem Bett und werfe mir meine Decke über wie einen Superhelden-Umhang. Lächelnd schlafe ich ein.

Der nächste Morgen ist energiegeladen und macht auf mich den Eindruck, als hätte ich über Nacht ein autogenes Training absolviert, daß Körper, Geist und Schwanz stärkt. Ich fühle mich gut, stark.
Vor dem Spiegel im Bad sehe ich mir tief in die Augen und sage mir ins Gesicht:

„Guten Morgen, Champ!“

Ich kneife mir ein Auge zu, mache dabei einen schnalzenden Laut und imitiere mit meiner Hand einen Colt Peacemaker, den ich gerade dämlicherweise auf mich selbst abgefeuert habe. Bescheuerte Geste eigentlich.
Die Oral-B oszilliert wie bescheuert und während sich mein Placque löst, denke ich über ein Script für meinen Trailer nach. Trailer sind ungeheuer wichtig im Showbiz. Eine kurze, eindringliche, verfälschte, dramatisierte und manipulierte Vorstellung des eigentlichen Hauptprodukts…, so etwas brauche ich. Heute abend nach der Arbeit werde ich die Kamera und ein Stativ zum Training mitnehmen.

Die Tage ziehen ins Land, ich trainiere mittlerweile nicht mehr jeden Tag sondern jeden zweiten. Die Muskeln sollten Regenerationsphasen bekommen und meine Leber auch. Also haben sie abwechselnd alle zwei Tage einen Erholungstag, das ist doch fair.
Die Kamera ist recht häufig im Einsatz, Fitty filmt mich, ich filme Fitty. Da ich die Möglichkeit habe, den ganzen Scheiß zu Hause zu schneiden, bin ich in der Lage, die brauchbaren Szenen von den unbrauchbaren zu trennen. Männer, die sich beim Furzen filmen, klasse. Aber auch unbrauchbares Material wurde verwertet. Ich habe zum Beispiel an einem Trainingsabend, als ich allein im Gym war, die Kamera auf ein Stativ gestellt, den Ausschnitt kontrolliert und auf Aufnahme gedrückt. Dann postierte ich mich vor dem Spiegel, der im Bild zu sehen war und begann mit Seilhüpfen. Schnelles Seilhüpfen. Verdammt sauberes, schnelles Seilhüpfen. Ich trug dabei eine thailändische Shorts mit dem Aufdruck „DESTROYER“. Wenn man genau hinsieht, merkt man, daß ich nicht so schnell seilpringen kann, sondern ,daß ich gar kein Seil in der Hand habe. Statt dessen halte ich in meinen Händen zusammengerollte Handbandagen, die den Eindruck der Seilgriffe hinterlassen. Die schnelle Handbewegung sorgt dafür, daß man denkt, das Seil drehe sich so schnell, daß man es nicht mehr erkennen kann. Noch´n alter Filmlook Effekt mit Flimmern drüber gelegt, hat bis heute keiner gemerkt.
Dazu ein paar Schläge am Boxsack gefilmt, weitere an der Boxbirne und das Ganze mit guter Musik unterlegt. Was bietet sich hier mehr an als „Eye of the Tiger“?
Der Clip gefällt mir. Er ist dynamisch, bedrohlich und irgendwie auch unterhaltsam. Und das alles in nur einer Minute Spieldauer.

Es ist also Dienstag, mein Kampf ist in vier Wochen und ich habe heute Training. Ich sitze im Wohnzimmer meiner Bude und packe meine Tasche. Bandagen, Boxhandschuhe, Mundschutz, Tiefschutz, alles wird mehr oder weniger lustlos zusammen gepackt und verstaut. Die Unlust zum Training zu gehen fordert mittlerweile mehr Disziplin als das Training selbst, solche Zustände sind bekannt und laufen unter dem Namen „Übertrainiert“. So muss sich das anfühlen, ich habe ernsthaft keine Lust aufzustehen, der Weg zum Auto allein ist für mich jetzt schon unüberwindbar, was ist bloß los mit mir?

NEIN! So nicht! Ich habe einen Auftrag, ich habe eine Herausforderung angenommen und ich werde sie bestehen. Ich gehe jetzt zum Training, und zwar eine Stunde länger als sonst, eine Stufe härter als sonst, ein Level derber als sonst. Zeigs ihnen Sascha!
Ich mache ein hasserfülltes Gesicht als ich mir die Tasche über die Schulter werfe und gerade in Richtung Tür gehen will als mein Blick über den Wohnzimmertisch streift. Neben alten Happy-Weekend-Heften und verkrusteten Rotweingläsern steht ein großer Aschenbecher, der zum Bersten gefüllt ist, ein sogenannter Kippen-Igel.
Inmitten des Igels steckt ein halber Joint. Eigentlich fast ein ganzer Joint, nur angeraucht und dann vergessen oder einfach in der Camouflageumgebung der anderen Stummel, im Igel untergegangen. Wie dem auch sei, das Wort „Frevel“ taucht deutlich sichtbar über dem Igel auf. Wie eine Mahnung blinkt der ganze Aschenbecher und lockt mich mit seinem verführerischen Duft von kalter Asche und…, ja von kalter Asche halt!
Ich stelle die Tasche neben mir auf den Boden und setze mich wieder auf die Couch. Training ist ja so gleitzeitmäßig angelegt, da kann man später kommen und dann auch länger bleiben, das stört niemanden. Einmal kann ich ja ziehen.
Nachdem ich die kleine Kakerlake aufgeraucht und den Filter in die Untiefen des Igels gepresst habe, lehne ich mich zurück und greife mir die Fernbedienung. Morgen ist ja auch noch Training.

Die Abende in den nächsten Wochen gleichen sich in der Gestaltung, die Trainingsabende werden seltener, die Tütchen häufiger. Es gesellen sich, wie vor dem Beginn meiner Fighterkarriere, des öfteren Wein, Bier und Schnaps zu den einsamen Joints und bilden eine Workoutbarriere, die mir schier unüberwindlich scheint. Wenn ich dann doch mal zum Training gehe, kommt es mir so vor, als wäre ich wieder beim ersten Mal. Kurzatmig, verschwitzt und völlig fertig knie ich in der Dusche und sehe ein bißchen aus wie der Terminator nachdem er in dieser Blitzkugel auf dem Parkplatz auftaucht. Allein die athletische Körperform unterscheidet uns.

Mein Trainer, mein Sparringspartner, alle diese Leute lassen mich wissen, daß es für sie ausgeschlossen erscheint, daß ich mit der Einstellung auch nur ansatzweise etwas hinbekommen werde, das wie ein professioneller Boxkampf aussieht. Ich teile ihre Meinung, bin aber nicht ehrlich genug zu mir selbst, um das auch wirklich zuzugeben.

Heute ist der 16.07.2005…, der große Tag. Ich scheiß mich ein!

Der Morgen beginnt schon ziemlich fahrig für mich, ich stehe mit einem Grundzittern in den Knochen auf und mache mir zuerst mal einen Kaffee. Ich muss auf der Stelle kacken. Mein Magen grummelt und rumort, ich fühle mich nicht gut. Der Rotwein von gestern abend macht das Ganze nicht besser und auch Freunde können die Stimmung nicht retten. Sie geben sich wirklich Mühe um mir die Angst auszutreiben und mir einzureden, ich sei der weltbeste Boxer und würde nicht nur meinem Gegner, sondern auch dem Lampenfieber mit Leichtigkeit auf die Fresse hauen.
Es kommt mir vor, als wäre ich noch im Tiefschlaf und würde das alles nur träumen. Die Realität holt mich allerdings ein als es klingelt und Franzl, mein Trainer und Alex, mein Manager vor der Tür stehen. Alex soll bei der Pressekonferenz den Part übernehmen, den ich nicht machen will. Er soll reden, auf Fragen aus dem Publikum und von der Presse antworten. Ich sitze nur grimmig daneben und spucke in Richtung meines Gegners.

Die Fahrt nach Köln ist endlos lang obwohl ich apathisch durch die Windschutzscheibe auf die Straße sehe und eigentlich nichts mehr mitkriege, außer des rythmischen Schaukelns des Fahrzeugs. Super…, noch nicht mal geboxt und optisch schon auf dem gleichen Level wie Muhammad Ali.

Franzl schiebt seinen alten, weinroten 190er Benz durch die Aneinanderreihung von Einbahnstraßen und verkehrsberuhigten Zonen der Domstadt bis wir unser Ziel sehen können. Das Gloria.

Ich kenne das Gloria aus dem Fernsehen, drin war ich noch nie. Wir parken den Ludenkarren um die Ecke und gehen langsam in Richtung Menschenmenge. Etwa 100 Leute stehen in Reih und Glied vor dem Eingang, saufen, lachen und gröhlen durch die enge Straße. Die Frauen sehen aus wie Schlampen, sie tragen falsche Pelzmäntel, hohe weisse Lederstiefel oder Netzhemden zu Hotpants. Die Kerle schmücken sich mit Pornobärten, Carrerasonnenbrillen und Hüten zu schwarzen Anzügen und Schlangenledercowboystiefeln. Das Motto ist Pimps & Hoes, wie ich an der Kasse erfahre. Auch auf der Eintrittskarte steht deutlich geschrieben:

„HALBSEIDENES PUBLIKUM AUSDRÜCKLICH ERWÜNSCHT!“

Ich muss lächeln. Das gefällt mir irgendwie. Natürlich auch nur eine scheiß Mottoparty aber durch die Veranstaltung und den Anlass wirkt es nicht so peinlich wie sonst, wenn erwachsene Männer in Schlaghosen und mit Blumen in den Haaren durch die Innenstadt zu 70er Party gehen müssen. Manche von den Gästen hier sehen verdammt authentisch aus und ich wäre mir bei dem ein oder anderen nicht sicher, ob er nicht gerade seine Alltagskleidung trägt.

Der Pöbel muß noch etwas draußen warten und wir gehen durch den Kassenbereich in den Hauptraum. Ich erstarre. Vor mir ist ein recht großer, komplett ausgeleuchteter Raum mit Bühne, verschiedenen Bars, Großleinwänden und in der Mitte….ein Boxring.
Alt, speckig, fast wie aus einer Boxbude einer Kirmes im Sauerland. Die sonst weißen und elastisch gefederten Ringseile sind hier bei diesem Modell allerdings aus Naturhanf, gedreht und ausgefranst weisen sie Spuren etlicher Kämpfer auf, die sich ihre Haut daran abgeschreddert haben. Ich atme tief ein und drehe mich zu meinen Jungs um. Franzl und Alex grinsen mich an. Sie wissen, wie es in mir aussieht und weil es nur eine Spaßveranstaltung ist und das Schlimmste, das passieren kann ist, daß ich mich der Lächerlichkeit preisgebe, sind sie relaxt, gut gelaunt und, ja, fast etwas belustigt. Ich kann ihre Einstellung nicht auf mich übertragen. Ich stelle mir vor, wie ich gleich in diesem Ring, vor vielleicht 200 Leuten, gegen einen anderen Typen boxen soll, ohne jemals einen echten Kampf nach Boxregeln bestritten zu haben.
Von der Bühne aus ruft mich jemand…

„El Pulpo! Hier…, komm rüber!“

Ein Typ wie aus einem 70er Jahre Pornofilm mit passendem Schnäuzer und Trainingsanzug winkt mich zu sich. „El Pulpo“…, ich muss lachen. Das erste Mal, daß mich ein Fremder mit diesem scheiß Namen begrüßt, den ich mir bekifft im Bett ausgedacht habe.
Sönke, so heißt der Kölner John Holmes, reicht mir seine Hand, erklärt uns den Ablauf des Abends und zeigt uns die Kabinen. Er ist einer der Begründer und Veranstalter der „Night of the raging bulls“. Man merkt, daß man ähnlich tickt und wird schnell warm miteinander, Sönke ist ´ne coole Sau. Alleine schon weil er den ganzen Scheiß hier entworfen und durchgeführt hat, den Abend organisiert und auch noch selbst boxen wird. Ich sehe in seine Augen und versuche Nervosität oder gar Angst zu entdecken, das kann ich riechen. Nichts! Keine Anzeichen von mangelnder Kontrolle über irgendwas. Arschloch!

In der Kabine angekommen lerne ich die anderen Boxer des Abends kennen, mein Kontrahent ist nicht dabei. Meine Mundwinkel zucken als ich den Raum betrete.

„Hey…, El Pulpo mein Name. Wo kann ich mich umziehen und warmmachen?“

Die anderen sehen mich erfreut an und begrüßen mich mit Ghettofaust, nicht nur aufgrund der bandagierten Hände, glaube ich.
Was dann folgt ist an Wahnsinn eigentlich nicht mehr zu überbieten. Die Kämpfer stellen sich mir nicht mit ihrem richtigen Namen vor sondern tun es mir gleich und präsentieren ihren Kämpfernamen. Ich lerne kennen:

„Be God“, der gegen „The Bone Breaker“ antreten wird. „Oldboy“, der sein Glück gegen Sönke, „Der Fleischer“ versucht und natürlich „El Ritmo“, dessen Gegner „Das Nackenkotelett“, wie ein laufendes Sixpack aus Bauchmuskeln aussieht. Unterstützt werden die Kämpfer von dubiosen Managern und Typen, die „Tank“ oder „Highroller“ heißen und zum Schluß wird mir noch ein Veteran der Veranstaltung vom letzten Jahr vorgestellt, „Schubdawg, da pimpin fist“, der seinen Gegner, „Die knochenbrechende Pumpgun“ klar besiegen konnte.

Ich halte mir den Bauch vor Lachen und freue mich, daß hier alle einen am Schädel haben und ich folglich in bester Gesellschaft bin. Konzentriert ziehe ich mich um und versuche meine Gedanken auf das zu fokussieren, was ich gelernt habe. Was war das noch gleich?

Franzl bandagiert mir professionell die Hände und wir gehen runter in einem Raum hinter der Bühne, in dem wir zum Aufwärmen, mit den mitgebrachten Pratzen von Joe, ein paar Schlagübungen machen. Nach ein paar Minuten bin ich drin. Ich schlage kurze, schnelle Schläge. Links, rechts, linker Haken. Links, rechts, links…usw. Die Nervosität weicht und ich merke, wie gut manche der Schläge sitzen, das hört man am Geräusch, daß die Pratzen machen wenn die Schlagfläche des Handschuhs optimal getroffen hat. Die Power ist auch ok. Ich schmunzel etwas bei dem Gedanken daran, heute Abend mit einem Boxgürtel ausgezeichnet zu werden. Die Sicherheit, das schaffen zu können, wächst mit jedem Schlag auf die Pratze und läßt sogar noch Platz für Euphorie in meinem kleinen, manischen Gehirn.

„Hey, Tintenfisch-Typ!“

ertönt es hinter mir und ich dreh mich rasch um. Da steht er. Mein Gegner. Ricardo. Ricardo…, Ricardo, „De fiesen Möpp“!

Trotz seines lächerlichen Kampfnamens macht er einen imposanten Eindruck. Er ist muskulös, zwar etwas kleiner als ich aber er läuft Marathon. Kampfsport hat er aber glaube ich noch nie gemacht, jedenfalls nicht über einen längeren Zeitraum. Als ich bemerke, daß er schon länger hinter mir gestanden haben muß und die Härte und Perfektion meiner Pratzenschläge mitbekommen hat, sehe ich Sie. Die Angst in seinen Augen. Ein verzerrtes Lächeln, leicht gerötete Wangen, unsicher hängen die Arme am Torso wie Spaghettis mit eigenem Hirn. Ich kenne diesen Blick…, ich hatte ihn selbst bis gerade noch. Jetzt bin ich mir sicher. Ich werde ihn in der ersten Runde etwas taktieren und sehen wie er sich bewegt und sobald die Glocke zur zweiten Runde läutet, haue ich den Lappen aus den Schuhen. Sicher!

„De fiesen Möpp“ lächelt mich an und dreht sich zu seinem Manager um, ein halbseidener Typ in grauem Glitzeranzug und mit blaugetönten Gläsern in der goldenen Brillenfassung, der ihm andeutet, in die Kabine zu gehen.

Nachdem alle soweit fertig aufgewärmt und umgezogen sind, klärt uns Sönke backstage darüber auf, daß wir gleich zur Pressekonferenz auf die Bühne müssen. Immer die beiden Gegner mit Trainer und Manager. Fragen aus dem Publikum, offizielles Wiegen in Unterwäsche und den Rest der Zeit Witze über seinen Kontrahenten machen und Beleidigungen absondern.

„Es ist doch mehr los als wir dachten…, 700 Leute wollen heute euer Blut sehen!“ Sönke lacht und zeigt mit dem Finger auf uns. Hat er vergessen, daß auch nach seinem Blut verlangt wird…?

Der nervöse Blick von Ricardo springt direkt wieder in meine Fresse und ich stelle mir vor, wie es vor der Bühne wohl aussieht. 700 bescheuerte Typen und Mädels, die aussehen wie Zuhälter und Nutten, schreien sich die Kehle wund und klopfen mit den flachen Händen auf den Ringboden. Kolloseum- Atmosphäre. Es wird ernst. Ich frage mich nun wirklich, ob das die richtige Entscheidung war. Der Blick in die Gesichter der Anderen verrät mir, daß ich nicht der einzige Verunsicherte in diesem Raum bin. Alle haben den Blick mit der tanzenden Unterlippe aufgesetzt und jeder gibt alles, um bloß nicht so auszusehen.

Die Trailer der Kämpfer werden unter lautem Gejohle auf Leinwand vorgeführt und wir erhaschen einen Blick auf die Halle, durch den Vorhang, durch den wir später einmarschieren werden. Das Blut gefriert mir in den Adern. Das ist ein Tollhaus. Nur Wahnsinnige. Alle auf laut und dreckig eingestellt. Chaos mit Alkohol und Koks. Eigentlich eine fast perfekt Party, wenn die nicht alle hier wären, um zu sehen, wie wir uns auf die Fresse hauen.

Da Ricardo und ich gewichtsmässig im Schwergewicht antreten, sind wir der Hauptkampf des Abends und müssen als Letzte ran, sagt der Fleischer. Ich freu mich.
Völlig desorientiert taumeln unsere Mitstreiter durch den Ring, Referee Tobias Take ist professionell und hat trotz allem Mühe, die Kämpfer so aufeinander losgehen zu lassen, daß es keine Toten gibt. Alles Amateure. Das war Vorraussetzung bei der Anmeldung und jetzt zeigt sich, daß diese Entscheidung ein gerissener Schachzug des „Fleischers“ und seiner Mitveranstalter war. Erwachsene Männer in 16 Unzen Ballonhandschuhen mit großen Kopfprotektoren hauen aufeinander ein und könnten dabei nicht unprofessioneller aussehen. Sie jagen sich durch den Ring, erfinden unglaubliche Schlagkombinationen und holen manchmal so weit aus, daß es an einen Tanz erinnert. Sirtakiboxing in Köln. Wir sind alle total enthemmt und schreien jeden Fight in Grund und Boden, ein geiler Abend. Wenn nicht gerade angekündigt würde, daß der nächste Kampf in fünf Minuten beginnt.

„De fiesen Möpp“ versus „El Pulpo, da mexican Kickass“

Mir ist schlecht. Ich hab Bock auf Schnaps. Ricardos Trailer läuft an und ich gehe hinter die Bühne um auf meinen Einmarsch zu warten. Der „Möpp“ kommt die Treppe hinunter und sein Walk-In-Theme erklingt…… Wir sehen uns nicht in die Augen, ich stehe seitlich hinter ihm als sich der Vorhang öffnet und der Ringsprecher Ricardos Namen brüllt. Als Announcer fungiert heute Abend ein Typ, der seine Ansagen beatboxt und die Namen mit wahnsinnigen, im Hals erzeugten gutturalen Lauten unterlegt. Dazu war dieser Ringsprecher in der Lage, sich innerhalb von drei Kämpfen in den Ringpausen, während der Moderation, eine ganze Flasche Gin reinzufeuern. Nun, zu unserem Kampf ist er so voll, daß man ihn nicht nur nicht mehr versteht, sondern er auch zu besoffen ist um nicht immer wieder durch den Ring zu torkeln und den Ringrichter als Stütze zu benutzen.

Nachdem der Vorhang sich geöffnet hat, sehe ich, von den gleissenden Scheinwerfern geblendet, in die geifernden, schreienden Grimassen des Publikums. Ich bekomme ein paar Spritzer Bier ab. Hände greifen nach Ricardo, als er sich den Weg durch die Menge, hin zum Ring, bahnt. Er verschwindet durch den Nebel und die Scheinwerfer wie in Mareike Amados Zauberkugel. Im Moment erinnert es allerdings eher an „Running Man“.

Franzl flüstert mir ins Ohr, ich solle ruhig bleiben. Mein Brustkorb hebt und senkt sich wie der Arsch eines Teenies beim ersten Fick. Ich lege Handschuhe und Kopfschutz an. Dann höre ich meinen Walk-In-Theme…, ein Remix von Michael Jacksons „Beat it“! Mein Herz springt in meiner Brust, ich springe durch die Nebelwand in die Menge. Meine Leute klopfen mir auf die Schulter, ich werde mit Bier geduscht, Frauen kreischen, fast wie in meiner Vorstellung als mich Ricardo beim Cina-Mann angerufen hat. Nur lauter, viel lauter, härter und animalischer, als ich mir das hätte ausmalen können. Ich stürze die Menschengasse hinunter zum Ring, klettere über einen Stuhl als provisorische Treppe hoch und betrete den Ring mit einem langbeinigen Schritt über das oberste Ringseil. Die Menge tobt und ich sehe mich langsam um. Der Laden ist gerappelt voll, die Luft ist heiss, dick und nass. Schweiß, Bier und Kippenduft schlagen dir entgegen, der absolute Wahnsinn. Ich sehe in viele bekannte Gesichter, noch mehr unbekannte. Alle sehen mich an, sehen Ricardo an. Alle erwarten von uns, jetzt so richtig Gas zu geben. Ich hyperventiliere. Tobias Take nimmt uns an die Hand und gibt die übliche Schiedsrichter Einweisung, dann gehen wir in unsere Ecken. In meiner wartet Franzl und sieht besorgt aus. Er kaut an seinem Daumen. Franzl kaut nur an seinem Daumen wenn etwas nicht richtig läuft. Ich scheiß drauf. Das ist meine Chance. Ich bin hier um zu kämpfen, also kämpfe ich. Und ich will gewinnen, also gewinne ich. Der Gong zur ersten Runde ertönt.

Wir reissen beide die Arme zur Doppeldeckung hoch und gehen langsam aufeinander zu. Ich fühle mich wie eine hölzerne Puppe, gar nicht mehr geschmeidig und mit ordentlich Power, wie vorhin an den Pratzen. Eher so glibberig und lahmarschig wie nach´m Ficken. Es sind erst zehn Sekunden der ersten Runde vergangen und ich fühle wie ich Schwierigkeiten habe, regelmässig zu atmen. Ich pumpe wie ein Maikäfer, versuche einen Jab zu schlagen. Ricardo schlägt zurück. Wir schlagen wie Mädchen. So geht das hin und her, bis ich bei einer Rückwärtsbewegung mit dem linken Fuß aus dem Ring rutsche und fast ins Publikum falle. Die Zuschauer buhen und pfeiffen, manche schreien uns entgegen, daß wir Flaschen wären und nach Hause gehen sollen. Gong, Pause.

Ich watschel in meine Ecke, wo Franzl mit Sprühflasche und Handtuch wartet.

„Was zum Teufel machst du da? Du könntest jetzt schon einpacken wenn der nicht genau so Scheiße wär!“

Ich atme. Ja, außer atmen mache ich eigentlich nicht sehr viel. Gong, Runde zwei.
Ok, ich muss das jetzt hinbiegen, der kann auch nix, also los, hau drauf, das klappte doch sonst auch. In etwa zur gleichen Zeit, in der Ringecke gegenüber, hatte „De fiesen Möpp“ meiner Meinung nach, exakt die gleiche Idee. Seine neugewonnene Motivation merkte ich deutlich im ersten Schlag, den ich geschickt mit meinem Gesicht stoppte. Ricardo hatte Blut geleckt. Seine Kondition durch das Marathonlaufen hatte nun die Oberhand über die Angst gewonnen und er kam wie ein wütender D-Zug immer wieder auf mich zu. Ich war im Rückwärtsgang unterwegs und stoppte in den folgenden zwei Minuten etwa 30 Dinger mit dem Kopf. Die Anwesenden johlten laut bei jedem Treffer, ich wurde durch den Ring geschleudert wie eine Puppe und hatte echte Mühe, nicht einzuknicken. Zwischendurch war ich so benommen, daß ich immer wieder mein linkes Bein anheben wollte, wie ich es vom Thaiboxen kannte. Es wäre fatal gewesen, jetzt wegen eines Lowkicks disqualifiziert zu werden, nachdem man voll auf die Fresse bekommen hat. Gong, Pause.

Ich torkel auf die Ecke meines Gegners zu, sein Trainer dreht mich um und schiebt mich in die richtige Richtung. Ok, das mit dem K.O. in der zweiten Runde hat nicht geklappt. Zwei Runden muss ich noch. Ich bin fertig! Franzl schüttelt den Kopf und sagt resigniert:

„Ich kann dir nur Tips geben…, umsetzen mußt du das. Du hängst da wie ein nasser Sack in den Seilen und läßt dir die Schnauze einhauen. Mach was!“

Er sprüht mir ein paar mal Wasser ins Gesicht und wischt mir kurz über die Augen bevor er durch die Seile aus dem Ring verschwindet. Er ist sauer. Ich auch. Ich merke, wie ich mich aufbäume. Meine Lunge fühlt sich an, als würde sie auf einmal doppelt soviel Volumen haben. Ich nehme die Hände zur Deckung hoch, die rechte Faust am Kinn fixiere ich „De fiesen Möpp“ und kaue wild auf meinem Zahnschutz. Jetzt zieh´dich warm an. Ich werde über dich kommen wie ein Tsunami, dich mit Treffern eindecken bis du dich einpisst. Wie bei Karate Kid, am Schluß, wenn alle denken, das ist gelaufen…, dann komme ich wie ein Phoenix aus der Asche und reisse das Steuer rum. Komm her, ich bin bereit! Gong, Runde drei.

Ricardo kommt auf mich zu und ballert mir eine rein. Ich wanke rückwärts in die Ringseile. Mein Rücken gleicht dem eines Zebras, da ich die Hälfte der Zeit damit in den Seilen hing. Rote Abschürfungen von den manche bluten und die ich erst am nächsten Tag bemerken soll. Treffer am Kinn, ich wanke, Ricardo setzt nach, ich ducke mich ab. Dann kriege ein volles Pfund und drehe mich um die eigene Achse, Ricardo schlägt mir dabei auf den Hinterkopf und erntet böse Zwischenrufe, Pfiffe und Buhen des aufgebrachten Publikums. Das Affentheater geht weiter und wir gleichen mittlerweile zwei kleinen Mädels, die sich um einen Lolly prügeln. Unsere Arme hängen am Körper herunter, eine Deckung ist praktisch nicht mehr vorhanden, wir wirken wie teilgelähmte Frauenfußballer. Gong, Pause.

Der Ring erscheint mir nicht mehr eckig sondern rund, es wird schwer, Franzl zu finden. Besonders weil der besoffene Moderator und der Ringrichter auch im Ring stehen. Die letzte Runde wird angekündigt, das Publikum ist total besoffen, asozial und hat den Spaß des Jahrhunderts mit uns beiden Schießbudenfiguren. Franzl grinst mich an und sagt:

„Scheiß drauf, ist eh gelaufen, sieh zu, daß du stehen bleibst, dann haste wenigstens etwas geleistet!“

Ich habe keinen Kampfgeist, ich stehe da einfach unter den Scheinwerfern, blinzel rüber in die andere Ecke, wo Ricardo ähnlich fertig zu mir rübersieht. Wie in Zeitlupe gehen wir aufeinander zu, schlagen mit den Handschuhen vor der letzten Runde ab und gehen zurück in unsere Ecke. Take sieht uns an, nickt beiden zu und sagt zum letzten Mal an diesem Abend:

„FIGHT!“

Gong, letzte Runde, Runde vier. Ich stürze auf „De fiesen Möpp“ zu und decke ihn mit rechtslinks Schlägen ein, ein Dauerhagel von Schlägen von denen der letzte ihn mit voller Wucht an der Schläfe trifft, das Geräusch ist laut und klatschend. Ricardos Schädel wird von der Wucht des Aufpralls herumgerissen, er taumelt, seine Arme fallen herab und er schüttelt seinen Kopf, er ist angeknockt. Ich mache einen schnellen Schritt nach vorne und versuche noch einen Todesstoß nachzulegen, da trifft mich sein unerwarteter Konter mitten in die Fresse. Fünf oder sechs weitere folgen, ich lehne an den Seilen, tauche seitlich ab und treffe hier und da Ricardos mittlerweile leicht aufgeweichte Birne. Meinen Schlag hat er mittlerweile verdaut und bei mir ist die Luft raus. Wir wedeln noch ein paar Sekunden mit den Armen und klammern uns aneinander bis das erlösende Geräusch ertönt. Gong, Kampfende.

Das Publikum ist begeistert, alle schreien und lachen, es ist eine Stimmung wie bei Kriegsende. Ricardo und ich liegen uns in den Armen, hecheln und schwitzen. Wir beglückwünschen uns zu diesem Schwachsinn und sind ernsthaft froh, daß es vorbei ist. Die Jury ist das Publikum. Durch einen Applausometer wird die Entscheidung gefällt. Mein Name wird ausgerufen und die Halle tobt, meine Leute versuchen sich die Stimmbänder aus dem Hals zu brüllen, um die Sache noch etwas zu beeinflussen. Ich bin stolz und überrascht, wie viele hier meine klägliche Leistung eindrucksvoll genug fanden um für mich zu schreien.
Ricardos Name ertönt. Die Halle bebt. Köln hat seinen Favoriten gewählt. Erschöpft sehe ich von der Seite zu, wie Ricardo, „De fiesen Möpp“, Heavyweight Champion der NOTRB, den Weltmeistergürtel umgelegt bekommt. Es ist ein blauer Gewichthebergürtel, auf den mit ein paar Popnieten ein Wandteller aus Zinn genagelt wurde. Der Schriftzug NOTRB prangt darüber in schwarzen, fetten Lettern aus Gaffertape. Ricardo reisst die Arme in die Luft und schreit dem Publikum entgegen. Die Menge brennt. Mir brennt die Fresse. Und die Oberarme. Der Rücken auch etwas. Nee, sogar ziemlich.

Obwohl ich eigentlich an die 50 Schläge mit meinem Gesicht abgewehrt habe nachdem ich vorher total auf dicke Hose machen wollte, war es ein gelungener Abend. Ein fast pädagogischer Ansatz war zu erkennen. Ich hatte meine Grenzen kennen gelernt, neue Freunde gewonnen, alte neu entdeckt und ich hatte echt verdammt viel Spaß.
An die Aftershowparty kann ich mich nicht mehr genau erinnern, nur, daß ich noch bei Joe angerufen habe, um ihm von der Niederlage zu berichten.

Joe lachte kurz und trocken: „Das war mir klar, du hast ja auch im Biergarten trainiert…“

Ich nicke stumm am Telefon, lege auf und gehe zur Bar. Für El Pulpo gibt´s heute Freibier. Noch ein Kampf, der gewonnen werden muß. Und auch den habe ich noch verloren.

9 Kommentare

  1. Ben
    Feb 6, 2013

    Sehr schön geschrieben – aber das video zu dem Kampf würde mich ja mal interessieren 😀

    • Nadja
      Feb 6, 2013

      Ihre Nachricht

      wat fürn geiler Name….EL PULPO ROCKS….und bei der Geschichte ist mir eingefallen, dass ich friedliebendes Wesen mal tatsächlich nem Freund das Steißbein geprellt habe…wusste gar nicht, dass das soo weh tut ….

  2. Tina M.-K.
    Feb 17, 2013

    „Kein Schmerz im Gesicht kann dem Schmerz eines geprellten Steißbeines das Wasser reichen“…
    Ganz, ganz großartig!!!

  3. Kiki
    Feb 19, 2013

    Ganz grosses Tennis, vielen Dank! Die Trainingsmethoden kommen bekannt vor und sind auch prima auf andere Sportarten übertragbar.

  4. susanne marik
    Mrz 9, 2013

    …perfekte begleitung zu meinem roastbeefbrötchen heute morgen!

  5. discipulussenecae
    Mai 6, 2013

    Ich war gestern bei der Bochumer Lesung in der Rottstraße: Geil geschriebener Text – mit packender Empathie vorgetragen. Es hat nicht nur mir großen Spaß gemacht!

    • Bisley
      Mai 9, 2013

      Vielen Dank…, ick fands ooch super! Schön, daß es euch gefallen hat.

  6. Thanks-a-mundo for the blog.Really thank you! Will read on…

  7. Olli
    Aug 5, 2013

    „Jetzt rächt es sich also, daß ich immer mit dem Taxi zur Pommesbude fahre wenn ich zu voll zum Laufen bin.“

    Spektakuläre Beschreibung für eine Situation, die ich sehr gut kenne!

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