In Österreich essen sie Latinos

Nach langer Abstinenz und der intensiven Vorbereitung auf das erste eigene Buch bin ich froh, die Stille auf dieser Seite von unserem Gastautor PIPPO unterbrechen zu lassen. Lehnt euch zurück und genießt sein Silvestererlebnis.


Während andere sich feierlich die Krönung für die Nase zum besonderen Anlass Silvester verpassten, machte ich ´nen Relaxten und mein Schnee lag auf den Bergspitzen der Alpen. Ich lüge mich jedes Jahr auf neues an: „Sylvester, braucht kein Mensch.“ – „Mein Jahr war Scheisse, es gibt nix zu feiern.“

Doch irgendwie mag ich den Scheiss doch und irgendwie muss es ja jedem so gehen, sonst würden ja nicht Millionen Euro in Großstadtreisen wandern und Unmengen in gute Lebensmittel fließen. Frag mich eh warum auf man auf einmal ´nen Scotch für 40€ kauft und dann am Alltags-Weekend wieder auf erlesen Discounter-Tropfen zurückgreift der gerade so mit Cola ertragbar ist.

Also wieder zurück zu meiner Silvesterlüge. Vattern wohnt mit Gattin am Bodensee, ich muss am 2.Januar wieder im Büro knechten und in Berlin sind nur Events, die mich am zweiten arbeitsunfähig machen oder sie lohnen sich nicht. Also ne ruhige Kugel schieben…
Ich sitz am Laptop und mir ist langweilig. In sozialen Netzwerken wünsche ich Leuten ´nen guten Rutsch, deren Nachnamen ich nicht kenne und vermutlich nie wissen werde. Fängt geil an. Um 19:00 geht´s zur anderen Bodenseeseite. Nach Lindau. Wüsste ich es nicht besser, könnte Hitler hier geboren worden sein.

Willkommen in Vatterns Welt. Ein Pärchen als Host, dann Hubert (Name v.d.Red. geändert) und Huberts Muddi. Hubert ist bzw. wird noch zentraler Bestandteil der Geschichte. Hubert ist Mitte 30, ´nen richtiger Ösi-Dorflümmel. Hubert hat sich gerade von seiner Ehefrau ausquartiert und geht zur Eheberatung, wohnt derweil bei den Hosts.
Es gibt Raclette, guten Single Malt und die Gesellschaftsspiele kann ich souverän für mich entscheiden. Hubert wirkt frustriert. Pech in Spiel und Liebe. Das Leben kann schon asozial sein.
Den Jahreswechsel erlebe ich mit Radio ÖsiMösi im Auto auf den Weg zum Bodensee. Nett. Innerlich hake ich den Abend ab, seh mich gelangweilt im Bett. Doch Hubert will noch zu seiner Frau, die zappelt in einer Ösi-Großraumdisco. Kurz überlegt. Leber und Schwanz sagen: „Auf ins Abenteuer!“ Kopf sagt: „Die beiden lagen selten falsch.“
Also befand ich mich pronto vor einer Großraumdiskothek. Allerhand leicht bekleidete, minderjährige Schweizerinnen, ein Haufen kleiner Männer mit geschwollener Brust und Türsteher die in Berlin vor der Selekteurin im Kater Holzig gekuscht hätten. Der Schwanz kapitulierte schon, die Leber sah sich im Duell gegen sich selbst und der Kopf sagte: „Hab ich ja gleich gesagt!“ Doch wie es mein Glück will, kommt Huberts Entourage, Huberts Bruder und Schwester und die Ehefrau, uns entgegen. Ab gehts…Partyhopping in Austria. Nun gut. Der neue Laden ist kleiner. Am Eingang heult eine hysterische Südländerin, die auf Beyoncé kleben geblieben ist. Meine Erwartungen sinken in den Mariannengraben. Eintritt kommt mit 25€ mit dem Benefit hier Getränke für noch mehr Geld zu erwerben. Aber es war ja Latino-Nacht…
Die Latinos waren hier ersatzweise Osmanen, was aber ok ist. Heisse Latinas oder Latinos erwartet wohl keiner bei einer Latino-Nacht in mitteleuropäischen Gefilden, eher Mittvierziger Damen die ihren Träumen hinterherlaufen und ihre unsportlichen, hüftsteifen Gatten augenrollend über die Tanzfläche schleifen. In Rekordzeit gab es nun Whiskey-Sour für Kollege Leber, für Kollege Kopf hingegen gab nun Hubert sein Bestes. Hubert umgarnte seine Gattin. Operation: Broken-Relationship nahm seinen Lauf. In feinster Bauernmanier bewegte Hubert Arme und Beine mit einer Motorik, die auf eine schwere Spastik schliessen lassen konnten. Dem nicht genug, zu feinsten R´nB Tunes ging sein Becken auf Angriffskurs, nicht ohne vorher mit dem Zeigefinger anzukündigen wo die Reise hingeht.

Drink fünf und sechs ließen meinen Kopf pausieren. Ich lernte an der Bar den Andi kennen. Andi ist jenseits der 50 und jedes Tattoo auf seinem Körper schloss darauf, dass jede Minute für Ihn wie für mich hier vergeudet war. Kopf und Leber waren nun im Einklang. Jetzt jammerte der Schwanz. Also ab auf die Tanzfläche, mir die Alte vom Hubert geschnappt und ihr mal gezeigt das ein Becken keine Tretmine ist und Arme keine Luftschlangen. Nun hatte ich es binnen 10min geschafft die ganzen Probleme einer Ehe auf mich zu laden. Die Alte war einfach ungevögelt und wollte raus aus dem Kaff. Frau Hubert säuselte mir nun schmutzige Sachen ins Ohr und der Hubert guckte mich traurig an. Was macht man nun?
Entweder ich schenke Frau Hubert das Gefühl von Freiheit oder ich lasse das Jahr 2013 von Hubert nicht gleich mit Vorschlaghammer in der Fresse anfangen. Ich entschied mich für letzteres, rettete mein Gewissen und hoffe, daß das nächste mal Silvester in Berlin ist und mir Frau Huber glücklich geschieden eine Revanche verpasst.

4 Kommentare

  1. あっちゃんは、自分の夢の為に地道に頑張れ!

  2. Anni
    Feb 6, 2013

    Schade, dass ich nicht zur Lesung da war. Ich hab gestern zufällig deinen Blog entdeckt und leider heute erst gelesen. Deine Art zu schreiben ist wirklich sympathisch, humorvoll und hat so eine angenehme Leichtigkeit.

  3. Hitec
    Apr 2, 2013

    Kann ich nur bestätigen, lässt sich echt schön lesen… Greetz

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