Rückkehr von der Insel der Verdammten

Ich hasse alles. Alles und alle. Ich, der Philanthrop, beschreite gerade ein Gebiet, welches mir zwar nicht fremd ist, das ich aber in dieser ausgeprägten Form lange nicht mehr für mich entdeckt habe. Den Hass.

 

Es ist 08.59 Uhr und ich sitze auf dem Flughafen von Palma de Mallorca. Mein Flug hat über eine Stunde Verspätung und nachdem ich schon im Hotel von einer besoffenen Diskomöse auf dem Heimweg aus meinem verdienten Schlaf gerissen wurde, ist jetzt das Limit erreicht. Ich halte mich nicht mehr zurück, meine Augenbrauen berühren sich in der Mitte und ich gebe jetzt alles. Hass für alle. Hass in rauhen Mengen und für jeden. Keiner wird mich beruhigen, keine Worte mich besänftigen und kein Angebot könnte mich dazu verleiten ein Lächeln aufzusetzen.

Jeder, der Beleidigungen oder Fäkalsprache ablehnt, sich in irgendeiner Form verletzt fühlen könnte oder zart besaitet ist, sollte jetzt unbedingt weiter zuhören. Denn ich hasse auch euch. Und darum möchte ich der Welt und allem Leben darauf ein lautes FICK DICH etgegenschleudern. Willkommen in meinem Reich. Willkommen im Reich des Wahns und des Hasses.
Moment…, die Lautsprecherdurchsage! Was sagt er? Oder sie? Ich habe kein Wort verstanden. Ach so, das war Spanisch, jetzt kommt deutsch. Ich verstehe immer noch nichts. Wo ist der Raum mit den Ansagern für die Bekanntmachungen? In einem Zeitalter, in dem man im Fernsehen sieht, daß es möglich ist, in einen Honda Civic sieben Plasma-TVs und eine Stereoanlage mit 15.000 Watt Musikleistung einzubauen, ist man nirgendwo auf der Welt in der Lage, in einen Flughafen ein Lautsprechersystem zu installieren, daß eine einzige Aufgabe qualitativ zufriedenstellend bewältigt. Einen einfachen, live gesprochenen Audiokommentar verständlich wiederzugeben.
Ich stehe von meinem Sitz im Wartebereich auf und gehe rüber zum Burger King. Mein Blick wandert von den definitiv saudummen Angestellten, das erkenne ich am offenen Mund beim Entgegennehmen der Bestellung, über die dreckigen Sitzplätze bis hin zum leeren Burgerregal oder der Burgerrutsche, wie man in Systemgastronomiekreisen zu sagen pflegt. Leer. Natürlich. Wieso sollte man denn auch Burger vorbereiten oder schonmal welche in das Regal legen. Wer kann denn schon damit rechnen, daß von den 71 Menschen, ich nenne sie jetzt einfach mal Menschen, die hier jeweils vor den zwei geöffneten Kassen stehen, irgend jemand etwas essen will. Nein, da wartet man jeden Wunsch erst ab, gibt ihn durch das durch Speichel verklebte Headset an den nächsten Vollpfosten hinter der Rutsche weiter und sagt dann in einem unverständlichen Kauderwelsch etwas, das einem vermitteln soll, es sei gleich soweit und man solle an der Seite warten.

 

Da stehen dann natürlich schon acht andere Arschlöcher, die einen so ansehen, als würde man auf ihren und nicht auf den eigenen Burger warten. Und warum spricht die kleine Halbfrau mit dem zu engen, roten Polohemd und dem Lippenpiercing eigentlich kein Wort Englisch. Ich hab doch gerade absichtlich nicht auf deutsch bestellt, weil ich nicht davon ausgehen kann, dass das jeder versteht. Englisch ist doch zu erwarten. Auf einem Flughafen. In einem amerikanischen Fast Food Konzern. Oder hab ich mich verlesen? Da steht doch Burger King auf deinem Namensschild. „Maria“…, du kleine Fotze. Da steht nicht „Hamburguesa El Rey“! Grins mich nicht so debil an, Maria. Und wenn, säubere deine Zahnspange vorher von dem Dreck, den du mir auch gleich andrehst. Ich hasse dich. Dich und deinen Scheiß Laden hier.
Mein totes Rind im Brötchen ist endlich fertig und ich kann hier weg. Maria lächelt, ich zeige ihr den Mittelfinger und gehe zurück zum Wartebereich D93.

Das D steht für Doomsday und die 93 ist eine Hommage an den Flug vom 11. September, der über Pennsylvania beschloss, seine letzte Landung wie einen Bullseye-Wurf beim Darten aussehen zu lassen. Jetzt hätte ich beinahe gelächelt. Das kommt sicher vom Gammelfleischsandwich. Von dem Teil ist mir mittlerweile so schlecht, dass Andere das Grummeln meines Magens hören könnten.

 

Ich gehe zu den Toiletten und stoße die Tür zum Herrenwaschraum mit dem Fuß auf, um die Türklinke nicht anzufassen. Wieso sagt man eigentlich Herrenwaschraum? Hier wird gepisst und geschissen, aber selten gewaschen, nicht mal die Hände. Fragt mal Maria…
Drinnen angekommen weiß ich, wieso ich die Tür nicht mit der Hand aufmachen wollte. Papiertücher sind natürlich nicht in den Spendern, wozu auch? Wer sich nicht wäscht, braucht sich nicht abzutrocknen. Die Toilettenkabinen sind besetzt, bis auf eine. Die ist vollgeschissen. Und zwar so, als wenn man einen Super-Soaker mit Gülle gefüllt und dann dreihundertmal gepumpt hätte, bevor man ihn aus fünf Metern Entfernung auf die Kabine gerichtet und abgedrückt hätte.

 

Irgendjemandem scheint das nichts ausgemacht zu haben, denn in der Scheisse sind verschiedene Fußspuren zu erkennen, die nach dem Kackeattentat entstanden sein müssen. Die Pissoirs können nur noch mit Hammer und Meißel gereinigt werden und die Klofrau, die auch hier, wie in jedem Land natürlich schwarz ist, weil Weiße und Scheiße anscheinend nur auf dem Papier zueinander passen, hat längst kapituliert.
Dann eben nicht. Dan scheisse ich eben das Flugzeug voll. Ich gehe zurück zu den Wartesitzen und beschließe, mich etwas hinzulegen. Früher ging das. Heute sind die Sitze nicht mehr gepolstert, sondern aus Metall. Zwischen den Sitzen sind große Lücken und die Randbereiche sind ergonomisch angehoben, damit sie bloß keine gerade Liegefläche bilden. Man will im Flughafen keine Menschen liegen sehen. Nicht weil es an Mogadischu erinnert, sondern weil schlafende Menschen lange Wartezeiten verbildlichen und somit den Beförderungsfaschisten das eigene Versagen vor Augen geführt wird.
Ich setze mich auf den Boden und beobachte die anderen Arschlöcher, die auf ihren Flug warten. Wieviel menschlicher Schrott hier auf diese Insel kommt! Ich kann verstehen, daß die Einheimischen hier nicht so gut auf die Touris zu sprechen sind. Fette, deutsche Rentner und fette, englische Rentner saufen und huren um die Wette, in einem Paralleluniversum, das näher, günstiger und belastbarer nicht sein könnte.
Da! Wieder so ein Augenwinkelgucker! Das sind Typen, die sitzen schräg gegenüber und ihr Kopf ist geradeaus gerichtet. Die Augen allerdings starren dich seitlich an, das Gesicht versteinert sich, weil es in den Augen weh tut oder brennt oder beides. Unsinnig, und sieht Scheisse aus. Ich strafe ihn mit einem direkten Blickkontakt und gewinne das Duell.

Hier in der Flughafenhalle gibt es eigentlich momentan niemanden, dem ich nicht eine Zustellung eines Anthraxbriefes wünschen würde. ich weiß schon ganz genau, wie der restliche Trip ab hier aussehen wird. Wir steigen in den total runtergekühlten Flieger, das Ding startet, wir langweilen uns, das Ding landet, die Idioten klatschen und das war´s.

 

Wenn ich ehrlich bin, mache ich mir jeden Urlaub mit dem Rückflug wieder kaputt. Die Entspannung, die Alkoholexzesse, die Sonne, das alles verschwindet von meiner Seelenliste in dem Moment, wo die Organisation des Heimflugs beginnt. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich mir das immer wieder antue. Doch! Jetzt weiß ich´s wieder. Um es aufzuschreiben. Denn noch besser, als es zu erleben, ist es, davon zu erzählen…

 

10 Kommentare

  1. Dr.Notch
    Sep 30, 2012

    …wünscht dann noch n angenehmen Flug mit dumm grinsenden Flugbegleitern.

  2. Steffi
    Sep 30, 2012

    Muss es nicht politisch korrekt „Discomeurin“ heißen?

  3. ralfsiehtalles
    Okt 16, 2012

    Immer wieder schön zu sehen, wie entspannt und gelassen du durchs Leben gehst. 😉

  4. Der Metzger
    Jan 18, 2013

    einfach nur genial…du schreibst das, was ich so oft denke!!!

  5. Adam
    Sep 24, 2013

    Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich mir das immer wieder antue

  6. Dennis
    Nov 2, 2013

    Einfach genial!

  7. Markus
    Nov 2, 2013

    Danke für das Thema.

  8. Chris
    Nov 2, 2013

    Sehr schöne Gedanken.

  9. Sandra
    Feb 15, 2014

    einfach nur interessant sowas kann nur gratulieren

  10. Autoankauf Mainz
    Jul 16, 2015

    Hallo,
    das ist sehr schön, danke dafür!

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