Die Insel der Verdammten

Die Insel der Verdammten

Es ist schon wieder ein Jahr vorbei und ich habe die Bilder des letzten Jahres nicht mal so richtig aus dem Kopf bekommen. Jedes Jahr fahre ich mit den Kollegen aus dem Tattoostudio, in dem ich arbeite in den Urlaub. Letztes und dieses Jahr ist es Mallorca, Cala Ratjada. Es wirkt auf Außenstehende wahrscheinlich so, als wenn der Hochsicherheitstrakt der JVA Stammheim einen Betriebsausflug macht. Wir sind immer so zehn bis fünfzehn Leute und keiner, wirklich keiner sieht aus wie der Standard-Mallorca-Urlauber. Es ist morgens 02.50 Uhr, ich stehe am Bahnhof und warte mit den anderen auf den Zug, der uns zum Flughafen bringen soll. Der Kreuzzug kann beginnen.

Zwei ältere Damen stehen am Bahnsteig und erzählen uns, daß sie seit 27 Jahren nach Ibiza fliegen, zusammen. Alle sind begeistert. Ich auch irgendwie. Allerdings glaube ich, daß sie uns unterschwellig unser Urlaubsziel entlocken wollen, um sicher zu gehen, daß sie nicht mit uns fliegen müssen. Verständlich. Sie lächeln beruhigt als wir kundtun, daß nur Mallorca vor uns zittern muss. Das Lächeln verschwindet prompt als einer meiner Kollegen einen Rülpser von sich gibt, der an ein rostiges Nebelhorn erinnert. Der Urlaub hat also begonnen.

Ein besoffener Schwarzafrikaner gesellt sich zu uns, er ist stark angeschlagen, singt alte Reggae Hits und geht fälschlicherweise davon aus, auf Freunde zu treffen, da wir ähnlich neben der Spur stehen. Er merkt recht schnell, daß der ganze Trupp eine eingeschworene Gemeinschaft ist, die Fremde langsamer toleriert als Nordkorea ausländische Journalisten…, und das nicht wegen der Hautfarbe. Man hat es einfach schwer bei 12 ausgefeilten Charakteren, die jeder für sich schon schwierig sind. Aber gegen alle auf einem Haufen mit jeweils 2,5 Promille ist es so gut wie unmöglich. Er geht. Genau wie die anderen Fahrgäste in unserem Bahnabteil. Es wird gefurzt, gelacht und geschrien bis Düsseldorf. Als wir endlich da sind, entspanne ich mich ein wenig. Der Flughafen ist etwas weitläufiger als die Regionalbahn, dadurch verläuft sich unser Geräuschpegel ein wenig leichter. Es ist nicht so, daß ich nicht ebenfalls zu einem asozialen Trunkenbold mutiere wenn ich mit den Jungs unterwegs bin, aber manche Sachen lösen selbst bei mir den Fremdschämmodus aus.
Ich öffne eine Dose Bier und winke einem Ehepaar zu, die mich mit offenem Mund anstarren. Meine nicht freundlich gemeinte Freundlichkeit lässt sie zusammenzucken. Der Mann zeigt auf ein imaginäres Ziel neben mir um zu verdeutlichen, dass sie nicht mich angestarrt haben sondern ihr Kopfschütteln dem Blumenkübel neben mir gilt. Ich grinse und rülpse in ihre Richtung, dabei zeige ich vorwurfsvoll auf den Blumenkübel und schüttelt meinen Kopf. Sie drehen sich rasch um und gehen Richtung Bistro. Schlechte Wahl, denn da gehen auch wir jetzt hin.
Auf halbem Wege jedoch ertönt die Ansage die uns dazu aufruft, den Flieger sofort zu besteigen. Wir werden namentlich aufgerufen und haben es damit drei Jahre in Folge geschafft, ein Flugzeug auf uns warten zu lassen. Erschreckend!
An der Tür zum Ferienflieger werden wir nicht begrüßt und bekommen auch keine Zeitungen angeboten. Die anderen Urlauber sind stinksauer und wenn hier heute jemand nach der Landung applaudiert, dann nur, wenn uns die Stewardessen mit einem Kissen im Schlaf erstickt haben. Drauf geschissen. Ich verstehe eh nicht wieso die Leute klatschen, wenn der Pilot das Ding runtergebracht hat, das ist sein scheiss Job! Ich applaudiere nicht wenn der Bus hält oder das Taxi vor meiner Tür ankommt, nicht wenn der Müll abgeholt wird und erst recht nicht wenn das Flugzeug landet. Ein Applaus impliziert doch immer, dass es eine zweite Option gibt, nämlich, dass er es nicht schafft. Ich persönlich würde nur klatschen, wenn das Ding von einem der Fluggäste gelandet wird, weil der Pilot einen Schlaganfall hatte.

Da wir nur noch die übrigen Plätze zugewiesen bekommen, sitzen wir natürlich nicht zusammen sonder über das ganze Flugzeug verteilt. Ich habe richtig Glück und sitze alleine in einer Dreierreihe auf einem Exit-Seat, der meinen fast zwei Metern Körpergröße sehr entgegenkommt. Ich schnalle mich an, bestelle zwei Fläschchen Grauburgunder und lehne mich entspannt zurück. Zwei Stunden, drei Wein, zweimal pissen und acht schmutzige Witze später landen wir auf Mallorca…, oder Malotze, wie die Einheimischen sagen. Mein Mund ist klebrig weil ich besoffen mit offenem Mund geschlafen habe und die Klimaanlage meine Schleimhaut in ein Nutellabrot verwandelt hat. Sie mit dem Rest Wein zu befeuchten ist auch keine gute Idee, ich versuche es trotzdem.

Wie immer stürmen alle gleichzeitig los, plündern die Gepäckklappen und verlassen das Flugzeug, nur um dann wieder gemeinsam am Gepäckband zu warten. Ich schlurfe langsam hinterher und werde für meine entspannte Grundhaltung belohnt, in dem mein Koffer als Nummer drei aus dem Gepäckschlund geworfen wird. Ein guter Anfang meines Urlaubs. Am Zoll nochmal kurz zittern wegen des ganzen Partymaterials in unseren Körperöffnungen und dann sind wir auch schon am Bus, der uns nach Cala Ratjada bringt. Eine Stunde fahren wir vom Flughafen bis zum Hotel, eine Fahrt durch die wüstenähnlich verdorrte Landschaft Mallorcas, gesäumt von alten Hunden und frisierten Motorrollern mit gebräunten Poolanimateuren, die ihren Sturzhelm grundsätzlich am Arm tragen statt auf dem Kopf. Ich bestaune einige Finkas und Häuschen und nehme mir fest vor, nach meinem nächsten Lottogewinn auch so ein Anwesen zu kaufen und dann aus purer Verschwendung niemals darin zu wohnen.
Die ersten Hotelburgen tauchen am Horizont auf und die Dichte der kleinen Läden, die Luftmatratzen und Sonnenschirme verkaufen, nimmt ebenfalls zu. Ich habe mich sehr auf das Meer und die Sonne gefreut, die fetten Deutschen, die sonst überall auftauchen, wollte ich geschickt ausblenden, gar nicht so einfach in der Praxis. Das erste Elefantenpärchen erblicke ich Steuerbord und mir wird klar, daß es immer gleich ist. Also die Namen und Wohnorte der Urlauber sind wahrscheinlich unterschiedlich, die Kleidung und das Verhalten allerdings nicht.
Die Männer tragen, wenn sie über 50 sind, kurze Jeanshosen mit zugeknöpftem Polohemd, durch das man die Konturen des Schiesser-Unterhemdes noch erahnen kann. Dazu braune Ledersandalen mit weißen Socken, die bis zum Knie hochgezogen werden. In der Hand eine Videokamera und um den Hals ein Fotoapparat, beide Geräte natürlich aus der vor-vor-vor-vorletzten Generation und an Größe und Gewicht nicht zu überbieten.
Die Frauen tragen, wenn sie über 50 sind, ein buntes Kleid, vorzugsweise mit Blumenmuster und dazu einen Schlapphut von Ambre-Solair aus den Siebzigern, den sie seitdem immer im Urlaub trägt. Man holt sich ja so schnell einen weg in der Sonne. Die verhornten Hacken zieren weiße Ledersandalen mit leichtem Absatz und darin verhindern fleischfarbene Nylonsocken die Blutzufuhr zu den geschundenen Füssen. Über der Schulter trägt sie eine Einkaufstasche „Big Shopper“, in dem sich alles befindet, was es auf diesem Planeten gibt. Sonnenmilch, Taschentücher, Tupperdosen mit Apfelspalten, Pflaster, alle Busfahrpläne von Spanien, Ausweise, Impfpass, Butterbrote mit Käse, eine Flasche Kölnisch Wasser, zwei Bananen, zwanzig Blatt Toilettenpapier, eine Tube Wund- und Heilsalbe, die aktuelle HÖRZU und natürlich die Ersatzakkus und das Ladegerät für die Videokamera des Gatten.

 

 

Die Männer unter 50 tragen Dreiviertelhosen mit Trekkingsandalen und ein CampDavid Hemd mit Applikationen, die nach Prügel schreien. Auf dem  Kopf eine Basecap von VW, die es damals für zwanzig Liter Sprit an der Aral Tanke dazu gab und um den Hals ein enges Lederkettchen mit einer Muschel oder wahlweise einem Miniatur-Haifisch-Gebiss als Anhänger daran. In der Hand halten sie nur ein Smartphone, mit dem sie filmen und fotografieren. Allerdings sind alle anderen Funktionen deaktiviert, da es sonst zu zusätzlichen Kosten im Ausland kommen könnte.
Die Frauen unter 50 sehen exakt genau so aus! Der einzige Unterschied mag vielleicht sein, daß sie statt der Trekkingsandalen meist diese total widerlichen Crocs tragen, eine Gartenschuhwerkdesignkatastrophe, die ausschließlich hergestellt wurden um Menschen von Arschlöchern zu unterscheiden.

Alle diese Urlauber, egal welchen Alters, haben am Flughafen eine Software aufgespielt bekommen, die sie solche Sachen sagen lässt wie zum Beispiel:

„Nee, das ist aber ganz schön teuer!“

…oder aber:

„Kerlokiste, ist das heiß hier!“

Unser Bus ist vor dem Hotel angekommen und eine unverständliche Stimme nuschelt ins Bordmikrofon. Wir steigen aus und checken ein. Das Hotel ist eine Art Bungalow Anlage mit Selbstversorgung, finde ich ganz ok. Der Strand ist von hier zu sehen und die Bucht, in der das Hotel liegt, ist echt ein Traum. Ein Albtraum sind wir allerdings für unsere Nachbarn. Mit nacktem, volltätowiertem Oberkörper und einer Dose San Miguel in der Hand stehen wir auf den Balkonen und prosten uns zu. Revier angepisst!
Kurz frischmachen und dann geht’s auch schon zum Strand, der zwar etwas voll ist, aber das sind wir ja auch. Ich schnappe mir meine wasserdichte Kamera und filme mich beim Pissen und Bier saufen im Meer, herrlich, darauf hatte ich mich gefreut. Das Meer hat nicht nur dank mir eine tolle Temperatur und obwohl Wasser eigentlich gar nicht mein Element ist, plansche ich verzückt hin und her und genieße die heiße Sonne, die mir meinen angesoffenen Schädel röstet. Das ist so ein Moment, wo man lächelt und genau weiß, daß man deswegen hierher gekommen ist und alle Strapazen, fetten Urlauber und andere Querelen gerne dafür in Kauf nimmt.

Morgen werde ich nach dem ersten Kaffee und dem darauf folgenden Kacken ein Auto oder ein Motorrad mieten und nach einem Strand suchen, an dem ich vielleicht alleine bin. Oder ich baller nochmal nach Palma, da war ich letztes Jahr auch und hatte den besten Tag des Urlaubs als ich durch die Gassen der Stadt geschlendert bin. Mal sehen, ich mach mir keinen Terminstress, ich bin ja schließlich im Urlaub…

3 Kommentare

  1. Der Große Bruder
    Sep 15, 2012

    Viel Spaß, Kleiner….!

  2. richtig richtig gut
    Sep 28, 2012

    habe sehr gelacht

  3. Queenn Esra
    Nov 20, 2012

    …ja hast recht, wenn du sagst „genauso war es auch“… Musste echt lachen :)… Sehr detaliert :p

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  1. Link(s) vom 15. September 2012 — e13.de - [...] Die Insel der Verdammten „Ich verstehe eh nicht wieso die Leute klatschen, wenn der Pilot das Ding runtergebracht hat,…

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