Bleiben Sie dran!

Bleiben Sie dran!

„Ich kann in drei Sekunden die Welt erobern, den Himmel stürmen und in mir wohnen. Und das ist alles nur in meinem Kopf, alles nur in meinem Blog“…., was zum Teufel? Wenn meine Ohren kotzen könnten, hätte ich den ganzen Tag nasse Schultern. Es fällt mir mittlerweile mehr als schwer, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich komme mir verarscht vor. Verarscht und bevormundet. Und das in allen Breichen meines Lebens. Was ist bloß passiert?

Sachen, die im Radio laufen, die im Fernsehen ausgestrahlt werden, Sachen, die in der Werbung, auf dem Telefon oder in der Zeitung abgehen. Das alles macht mich fertig, echt fertig. Eine Zeit lang kann man sich ja zurückhalten, alles abnicken und auf Besserung hoffen. Doch dann kommt doch wieder der Moment, in dem man merkt, daß man nur nicht dagegen aufbegehrt, weil es einem nicht mehr auffällt. Die Scheiße hat sich dann so hoch um mich herum aufgetürmt, daß ich den Überblick verloren habe. Ich erwische mich, wie ich vor dem Fernseher liege und mir ernsthaft dreimal direkt aufeinander folgend einen Werbeclip ansehe, der für eine Telefonhotline wirbt…

„Der Sinn des Lebens? – Warum haben auch Männer Brustwarzen?“

Ich schrecke hoch und denke, daß das ja gar nicht sein kann, daß ich das freiwillig sehe. Irgendwas hat die Kontrolle übernommen. Keine Ausserirdischen oder sowas, sonst würde ich mir einfach ´ne schicke Mütze aus Alufolie basteln und die Attacke wäre abgewehrt. Nein, eine definitiv nicht höhere Macht, sondern eine ganz niedere hat mich geschwächt und verseucht mit ihrem gehirntodbringenden Wahnsinn. Ganz langsam fängt das an. In der Kindheit. Bei jedem einzelnen.

Ich habe es letzte Woche noch gesehen. Eine junge Frau, etwa 28 Jahre alt, modisch gekleidet, Kinderwagen dabei, hat ihr zweites Kind an der Hand und fragt die alles entscheidende Frage.

„Jonas-Maria…., magst du dein Eis nicht? Wenn du es nicht isst und dich nur damit vollschmierst…., soll ich es weiter essen?“

Uaaaah…., was passiert da mit Müttern? Vor zehn Minuten noch hat die Mutti geschätzte zwanzig mal gerufen:

„Tschüß, Jonas-Maria….., Tschüüüühüüüüüüß….., die Mama geht jetzt!“

In der Hoffnung Jonas-Maria wüßte, was sie meint und es würde ihn auch noch interessieren, schiebt sie den Kinderwagen langsam vor sich her, winkt ihm zu und deutet an, einfach weiter zu gehen, damit ihm die Dringlichkeit des eigenen Weitergehens bewußt wird. Das interessiert Jonas-Maria aber herzlich wenig, denn ein Kaugummiautomat mit Inhalt und angeflemmter Kunststoffscheibe ist für ihn definitiv aufregender als die völlig absurde Vorstellung, seine Mudder würde ihn wirklich alleine hier stehen lassen. Sie zieht die Nummer doch eh täglich durch und bis jetzt ist er immer wieder nach Hause gekommen…, und zwar mit der lausigen Schauspielerin.
Und jetzt, zehn Minuten später so eine diffizile Frage zum Eisessen. Da muß er doch verwirrt sein. Wenn er reden könnte, würde er ihr wahrscheinlich sagen, daß ihn das einen Scheiß interessiert, daß er sich mit Eis bekleckert. Er muß den Mist doch nicht waschen. Zu Hause putzt ihm die Alte den Arsch sauber und hier regt sie sich über Straciatella auf, da stimmt doch was nicht!

Und genau damit beginnt es. Dieses „hier-stimmt-doch-was-nicht-Gefühl“ beginnt genau hier und es wächst stetig und unaufhörlich. Manche hinterfragen es irgendwann nicht mehr, andere bemerken es gar nicht. Ich allerdings bin kurz davor, daran zu zerbrechen. Es macht mich direkt mürbe. Mürbe und müde.

Während der Schule, der Lehre, des Studiums, whatever, wird es langsam und unauffällig weiter ausgebaut. Der Wahnsinn manifestiert sich. Zu diesem Zeitpunkt hat ein durchschnittlicher Mensch schon so viele Lebensweisheiten, dumme Sprüche, Bilderfluten, Werbejingles, Photoshop-Ohrfeigen und unterschwellige Botschaften geschluckt, daß die Saat aufgehen und gedeihen kann.

Man hinterfragt weniger oder gar nicht mehr, hält es für normal wenn man alleine bei McDonalds am Tresen steht und nach einer Bestellung von vier Big Mäc Maxi Menüs gefragt wird, ob es zum Mitnehmen oder hier essen sei. Man wundert sich nicht wenn bei Umfragen 65% der Befragten glauben, daß es sich bei Willy Brandt um einen Zwiebackfabrikanten aus Hagen handelt oder daß man durch die Legalisierung von Schaschlik niederländische Zustände herauf beschwören würde.

Niemand würde eine 100qm Wohnung mieten wenn er nur 50qm davon nutzen würde, das wäre Verschwendung. Aber ich habe einen Handyvertrag mit 3000 Frei-SMS obwohl ich höchstens 100 verschicke. Niemand würde Fleisch in diesen Mengen essen wenn er sieht, wie es hergestellt wird. Aber da in Bärchenwurst gar keine Bären enthalten sind und auf der Verpackung nichts über den Tathergang des Tiermordes steht und sie auch noch lustig aussieht, kann es ja so schlimm nicht sein. Niemand, der sein eigenes Geld verdient, würde gerne Schutzgeld zahlen. Ich habe trotzdem eine Haftpflichtversicherung, eine Unfallversicherung, eine Hausratversicherung, eine Rechtschutzversicherung und eine…, Achtung, jetzt kommt´s…Lebensversicherung.Bei SATURN kauft man sich einen 3D-LED FULLHD Fernseher, obwohl kein Sender dementsprechendes Material ausstrahlt. Die Glotze kostet Saturn im Einkauf 350€, genau der Betrag, den sie dir dann noch als 5 Jahre Garantieverlängerung auf den Preis von 1500€ draufschlagen. Schnäppchen gemacht!

Aus dem überbewerteten Film „Fight Club“ stammt das Zitat „Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.“

Un das trifft es ganz gut. Den Einschlag, den die Werbemeteoriten in unseren Gehirnen hinterliessen, haben wir zwar nicht bemerkt aber man kann ihn deutlich sehen. Ein Beispiel:

Ich sage sowas wie „WASCHMASCHINEN LEBEN LÄNGER MIT….“, oder etwas wie „CARGLASS REPARIERT….“

Funktioniert mit etwa 500 anderen Teilzitaten genau so effektiv und herkunftsübergreifend. Das ist auch nicht „spooky“ oder „yolo“, das ist schrecklich. Schrecklich schlimm. Warum kommt das Gefühl dann nicht hervor? Das „hier-stimmt-doch-was-nicht-Gefühl“. Es ist nicht mehr da. Tot.

Dann sitzt man in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit, schlecht gelaunt, müde, verkatert oder gestresst, mit 120 anderen Idioten und man schüttelt kollektiv den Kopf über den Typen im grünen Parka, der um 08.30 morgens eine Flasche Weinbrand ansetzt und nach einem großen Hieb erst das Gesicht verzieht um dann in schallendes Gelächter auszubrechen. Jetzt gerade weiß ich gar nicht, wer ich lieber wäre. Aber das ist halt so. Das macht man so. Das haben wir schon immer so gemacht. Das wird weiter so gemacht. Was will man machen? Da machste nix.

Deshalb auch die Gleichgültigkeit. Im Radio läuft nach „Whistle“ von „Florida“ mittlerweile „Der Mond“ von „Deichkind“…., meine Stirn schmerzt. An meinem Türrahmen läuft Blut herunter. Ich brauche ein Tempo. Scheiße, ein anderes Papiertaschentuch geht auch.

21 Kommentare

  1. Reynolds-Jens
    Aug 8, 2012

    Alter, das trifft es so sehr, man kommt sich fast wie ein Zombie vor, frei nach John Carpenter: „OBEY“

  2. Bob Blume
    Aug 9, 2012

    Als Agnostiker springe ich über meinen eigenen Schatten und sage: Amen! Das ist die Welt. Haben statt sein. Ich habe, also bin ich. Und wenn in dem Film Schindlers Liste plötzlich ein Hund in das Bild hüpft, um auf den lustigen Hundefilm aufmerksam zu machen, dann stört uns das nicht mehr. Die meisten. Wir haben den Punkt verpasst, an dem man hätte aufstehen müssen und rufen: „Wir brauchen die Scheiße nicht.“ Zu spät? Ich hoffe nicht!
    Bei der Kleidung sieht es übrigens nicht besser aus: http://bobblume.de/?p=618

  3. Florian
    Aug 9, 2012

    Danke!

  4. Toni
    Aug 9, 2012

    Es ist immer wieder schön wenn man mitbekommt das auch andere Leute so langsam wach werden. Jetzt ist es an dir ob du dir das alles so sehr zu Herzen nimmst und daran zerbrichst ( wie dein Alki am Ende) oder du in der Lage bist dich an die „neue“ Situation anzupassen und das für dich beste heraus zu filtern. Ändern wirst du nix, Anpassung ist ALLES.

    • Bisley
      Aug 9, 2012

      Damn´right, Toni! Allerdings war Anpassen noch nie wirklich mein Ding…, da ich nichts ändern kann, versuche ich stattdessen das System zu untergraben und mit meinem Blog die Karten neu zu mischen. Ja, Größenwahn…, DAS ist mein Ding!

      • Toni
        Aug 12, 2012

        Hey, nicht den Fehler machen und anpassen mit umbiegen erwechseln. Passiert leider vielen. Die Tierwelt machts perfekt vor. Nur die anpassungsfähigsten kommen weiter, Starrheit verliert IMMER!!!!!!!!!!!

  5. nick kahoona
    Aug 10, 2012

    ich glaube man muss da nix mehr zusagen.
    wir werden zu werkzeugen gemacht und einfach nur benutzt um irgendeinem system zudienen.

    wehe du machst was anderes oder merkst das auch noch….

    TV aus seid langer zeit. hab mal drei jahre ohne gelebt. aber es gibt noch andere einflüsse.
    jetzt geh ich immer wandern, raus-… weg von alldem konsumverhalten. aber es ist schon so verinnerlicht…. was merke ich eigendlich wirklich , was ist unbewusst noch da.

    • sommi
      Jan 25, 2014

      Tja nick jetzt hast du es allen gezeigt! Bist ein held….fragt sich nur,ob du,wenn du irgendwann wieder raus kommen solltst das auch immernoch so siehst.

      • Bisley
        Jan 29, 2014

        Wo soll Nick wieder rauskommen und warum ist er ein Held und hat es allen gezeigt? Ich finde Nick´s Kommentar recht objektiv und aus seiner eigenen Sicht formuliert. Oder verstehe ich deine Botschaft einfach nicht…?

  6. jens
    Aug 13, 2012

    Geht mir wie dir, Mann.

    Es gibt da Begriffe wie „Tittytainment“, oder auch 80/20. Siehe dieses Wiki hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Tittytainment

  7. Tina
    Aug 20, 2012

    !!!

  8. -boa-
    Aug 27, 2012

    Word!

    Hierzu kann ich wärmstens Georg Schramm empfehlen:

    „Systematische Volksverdummung durch die Medien“
    http://www.youtube.com/watch?v=jitdvJ5U3I4

    Nicht durch die ersten 30 Sek der Anmoderation abschrecken lassen…

    so short,

    • Bisley
      Aug 27, 2012

      Super, bo@! Kenn ich schon…, gestern zwei Stunden Hagen Rether zum Einpennen gesehen. DENKEN ist die Devise!

  9. Queenn Esra
    Nov 23, 2012

    „…Zu Hause putzt ihm die Alte den Arsch sauber und hier regt sie sich über Straciatella auf, da stimmt doch was nicht!…“ hahahahaa einfach super verbildlicht!!!

    tja, das ist einer der Gründe, warum ich auch kein Fernseher zu Hause habe…bin eh „blöd“ genug, muss nicht weiter abstümpfen!…:P

  10. Janitzkibruda
    Dez 22, 2012

    Volltreffer!

  11. elle
    Jan 15, 2013

    Danke! Bitte gib uns zu den schon vorhandenen 10 Geboten 10 weitere um dem Wahnsinn zu entkommen;-)

  12. Ra Ma
    Feb 11, 2013

    Ich habe keinen Fernseher. Und wenn, dann sähe ich ausschließlich 3sat und arte.

    Mein Lieblingsbuch ist „Das Parfum“. Im Gespräch mit dem Pöbel.

    Wenn ich mit Germanisten oder Literaten in den Diskurs gehe, dann lese ich allerdings lieber Kafka und/oder Dostojewski und als Geheimnis verrate ich nach zwei Sektflöten, dass der Werther immer unter meinem Kopfkissen liegt. Punkte sammeln….

    Und ich liiiiiiiiiiieeeeeebbbbeeeeee Anne Geddes-Bilder. AAAAAAWWWWWWWEEEEEEE.

    Und jetzt muss ich los, Twittern, wessen Nachbar ich bald bin, es klappt dann mit mir….du weißt schon.

  13. MarieAlice
    Feb 14, 2013

    RIGHT!!!

    auch wenn dein blog-eintrag schon etwas älter ist, hier nochmal ein passender film dazu von temujin doran: “obey”

    http://rebelart.net/temujin-doran-obey/0014454/

    gruß M.

  14. Dani
    Jul 25, 2013

    Zitat: „Sag ja zum Leben. Sag ja zum Job. Sag ja zur Karriere. Sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern. Sag ja zur Gesundheit, niedrigem Cholesterinspiegel und Zahnzusatzversicherung. Sag ja zur Bausparkasse. Sag ja zur ersten Eigentumswohnung. Sag ja zu den richtigen Freunden. Sag ja zur Freizeitkleidung mit passenden Koffern, ja zum dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung, mit hunderten Scheiß-Stoffen. Sag ja zu »do it yourself« und dazu, dass Du am Sonntag Morgen nicht mehr weißt, wer Du bist. Sag ja dazu, auf Deiner Couch zu hocken und Dir hirnlähmende Game-Shows reinzuziehen und Dich dazu mit Scheiß-Junk-Fraß vollzustopfen. Sag ja dazu, am Schluss vor Dich hin zu verwesen, Dich in einer elenden Bruchbude vollzupissen und den missratenen Ego-Ratten von Kindern, die Du gezeugt hast, damit sie Dich ersetzen, nur noch peinlich zu sein. Sag ja zur Zukunft. Sag ja zum Leben … aber warum sollte ich das machen? Ich hab zum ja-sagen nein gesagt. Ich hab zu was anderem ja gesagt. Und der Grund dafür? Es gibt keinen Grund. Wer braucht Gründe wenn er Heroin hat?“

  15. Elisabeth
    Jul 25, 2013

    Hochdruckreiniger, Zellstofftücher, coffeinhaltiges Erfrischungsgetränk, Stoffschuhe mit viel zu hohem Schaft… Jeder kennt es ;o)

  16. Bruno
    Jul 25, 2013

    Für dieses denken genieße ich in meiner Familie die ich über alles liebe den noch liebevolleren frei aus dem polnischen übersetzten Namen besserwissende Großfresse. Wieviele unzählbare Stunden ich mit prädigen der Weisheit „es ist NICHT! So“ bzw. Müsste nicht so sein verbracht habe. Aber ich sag’s dir das sind alles Hardliner! Man wird müde. Mittlerweile glaube fange ich auch an zu glauben das Mitten im Leben echt sein muss und Actimel lässt dich unsterblich werden. Mit der Denkweise habe ich das Gefühl, mittlerweile eher den eigenen Seelenfrieden zu erlan… Erbläden.

    LG der Teilzeitmisanthrop

Trackbacks/Pingbacks

  1. Kundengespräch mit der Vodafone-Hotline | Bob Blume - [...] die Blödheit der schönen, neuen Welt aufregen, ist dieser geniale Artikel genau das richtige: http://dortmund-diary.de/2012/08/08/bleiben-sie-dran/  This entry…

Kommentar absenden