Das Leben mit Piemontkirsche

Das Leben mit Piemontkirsche

Der Geruch von Kopiermatritzen liegt in der Luft und ich frage mich, ob mir nur davon schlecht ist oder ob es vielleicht an dem Umstand liegen könnte, daß ich gleich ins Lehrerzimmer muss. Wahrscheinlich ist es eine gute Mischung aus beidem.

Das Lehrerzimmer in meiner Schule ist riesig. Jeder der Schüler war schon mal kurz drin oder hat zumindest einen kurzen Blick in die Spielerkabine des Kollegiums werfen können. Ein alter, holzvertäfelter Raum mit hohen Decken, an denen verqualmte Plastikkästen noch verqualmtere Neonröhren beherbergen. Regalanlagen zieren die Wände und es riecht, außer nach Bohnerwachs, nach schlechtem, starkem Kaffee. Ich sitze zusammen mit meiner Mutter auf der wahrscheinlich absichtlich unbequemen Holzbank vor dem Lehrerzimmer und warte auf meine Verhandlung. Der Bombenalarm, den ich vor 4 Wochen an der Schule ausgelöst habe ist immer noch in aller Munde und heute soll an mir ein Exempel statuiert werden.

Die Tür des Höllenlochs öffnet sich und meine Mom und ich werden herein gebeten. Meine Mutter vermittelt mir durch das Aufsetzen ihrer gefürchteten „Angela-Merkel-Mundwinkel“ wie sehr sie ihrem schwarzen Schaf dafür dankt, daß es sie in eine solche Situation gebracht hat. Einmal mehr kommt mir der Gedanke, ihr ein T-Shirt drucken zu lassen, auf dem steht „Was sollen denn die Nachbarn sagen?“

Drinnen angekommen kriege ich einen kleinen Vorgeschmack auf mein kommendes Leben denn das Mobiliar wurde so gestellt, daß es dem Aufbau eines Gerichtssaals ähnelt. Am Richtertisch sitzen der Rektor, der Conrektor und meine Klassenlehrerin, Rechts und links die Lehrerschaft und auf der Anklagebank sitzt neben Mutter Merkel und mir noch mein Verteidiger, Herr Teipel. Teipel ist der unkonventionellste und meistgehasste Lehrer an dieser Schule, ein Pedant, ein jähzorniger Geselle, der bekannt und berüchtigt ist für seine direkte und schonungslose Art, die er gerne in persönlichen Demütigungen und Sprüchen zur Schau stellt. Teipel sagt Sachen wie:

„Gabi, du musst mitarbeiten, sieh zu, daß du auf 5 kommst!“

…oder aber auch gerne Sätze wie:

„Thorsten…, das sind Einzelschicksale, die kann ich hier nicht berücksichtigen!“

Bei Teipel gab´s auch keinen Tittenbonus. Das lag nicht nur daran, daß außer meinem heimlichen Schwarm Katja, die Mädels in meiner Klasse zu dieser Zeit noch keine Titten hatten, es war einfach so, daß Teipel Kinder hasste. Mädchen genau so wie Jungs. Seinen Job allerdings liebte er, wenn man dieses Wort bei ihm überhaupt anwenden darf. Er sah den Lehrauftrag als eine Art Mission und kannte die allgemeine Schulordnung besser als jeder andere. Das wußte ich und wählte ihn deshalb zu meinem Verteidigungslehrer. Wenn jemand Schlupflöcher findet und sich in etwas verbeißt, dann Herr Teipel.

Die Verhandlung war nicht nur beschämend sondern auch zäh und langwierig. Es wurde diskutiert, gebrüllt und notiert, ich wurde befragt, bedroht und beschuldigt. Alles wie in einem richtigen Gerichtssaal. Dann kam das Plädoyer der Anklage…, Verweis von der Schule und Realschulenverbot in NRW!
Wow, das muss ich erstmal sacken lassen. Ich war sprachlos und bekam erst jetzt mit, daß ich wahrscheinlich als abschreckendes Beispiel für folgende Generationen dienen sollte, da man der überall verbreiteten Legende vom 13jährigen Bombenleger, der zum Schulheld wurde, etwas entgegensetzen wollte.
Herr Teipel war da etwas weniger zurückhaltend und holte tief Luft bevor er zum Todesstoß ansetzte. Ich beobachtete ihn amüsiert, wie er hochrot, schreiend und spuckend um die Tische ging während er in Matlock-Manier die Hobbystaatsanwaltschaft verbal zerhackte. Ich wußte, daß er der richtige war!

Nach kaugummiartigen zwei Stunden Verhandlung wurde das Urteil gefällt. Ich bekam eine mündliche Verwarnung und wurde in eine Parallelklasse strafversetzt, da mein Verteidiger der Ansicht war, daß ich durch falsche Freunde und die schlechte Gesellschaft meiner jetzigen Klasse dazu verleitet worden wäre, den Weg der Gerechten zu verlassen. Was für ein geiler Typ!

Nachdem ich schon aufstehen und mit meiner Mutter den Saal verlassen wollte, stand Herr Teipel allerdings nochmal auf und richtete das Wort an das Kollegium:

„Bevor wir die Verhandlung schließen, möchte ich noch kurz im Interesse meines 13jährigen Mandanten erwähnen, daß er die Tat zutiefst bereut, nicht stolz darauf ist und als Zeichen seines Schuldanerkenntnises einen freiwilligen, dreimonatigen Sozialdienst in einem Altersheim seiner Wahl verrichten wird.“

Waaas? Das war nicht abgemacht, du Spinner, was erzählt der da, die Sache war doch schon gelaufen. Ich fühle, wie sich mein Hals zusammenzieht als ich mich zu meiner Mutter umdrehe, die wissend grinst und mir dabei nickend mit einer Hand über den Rücken streicht.

Das war mit mir so nicht abgesprochen und ich frage mich ob Herr Teipel beim Feilschen auf ´nem Flohmarkt auch 20€ für ´ne Schallplatte bezahlt, die eigentlich nur 10 kosten soll. Ich? In einem Altersheim? Auf keinen Fall werde ich dort hingehen und arbeiten! Niemals! Ich wäre lieber tot!

„Altenzentrum St. Kilian“ steht auf dem großen, schwarzen Schild vor der Eingangstür, auf daß ich gerade starre während ich auf der hauseigenen Parkbank sitze und eine selbst gedrehte Kippe rauche. Die weißen Klamotten passen mir nicht besonders gut und in Verbindung mit den Birkenstockschlappen sehe ich so schlacksig aus wie ein 13jähriger in Altenpflegerkleidung nur aussehen kann. Das Päckchen VanNelle und die Blättchen verstecke ich wieder unter dem Blumenkübel, der mir bis jetzt gute Dienste als toter Briefkasten geleistet hat.

Seit einer Woche bin ich nun hier und habe mich noch nicht so ganz eingelebt. Alte Menschen sind Scheiße, jedenfalls riechen sie so. Und sie sind unfreundlich, verhärmt und haben jegliche Freude am Leben verloren. Es kommt mir zumindest so vor. Jeden Tag der gleiche Scheiß, aufstehen, waschen, essen und dann irgendwo abstellen. Die Omis und Opis werden zum Beispiel im Garten geparkt oder bei schlechtem Wetter in den Gemeinschaftsraum gebracht, eine Art Wartehölle mit dem Charme eines SED-Funktionär-Büros. Tische, Stühle, Gesellschaftsspiele und ganz selten auch mal Verwandte der Insassen findet man hier.

Macht sich hier eigentlich niemand Gedanken darüber, ob es vielleicht eine Alternative zu dieser stumpfen Massenverwahrung gibt? Ich meine, da sitzen drei demente Ü90-Mädels an einem Tisch und vor ihnen ist ein Activity-Spiel aufgebaut! Den taubstummen Herrn Fischer setzt man vor´s Radio und einige der faltigen Säcke haben kurz vor dem Abendessen immer noch die Krümel vom Nachmittagskuchen im Mundwinkel weil es dem Personal am Arsch vorbei geht. Herr Hellwig stellt alle zwei Meter ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Püppchen auf den Handlauf des Hauptgangs, nur um sie danach mit gekonnter Tennisrückhand wieder runterzufeuern. Ich hebe sie dann auf und gebe sie ihm für einen weiteren Versuch zurück. Irgendwie erinnert mich das Ganze hier an den Film „Einer flog über´s Kuckucksnest“, ich wünschte, ein großer Indianer würde gleich reinkommen um mir den Fluchtweg mit einem Waschbecken freizumachen, nachdem ich ihn mit einem Kaugummi bestochen habe.

Da es in diesem Film eigentlich erst so richtig lustig wird, als Jack Nicholson beginnt aufzubegehren, beschließe ich, es ihm gleich zu tun. Vor einer Lobotomie brauche ich keine Angst zu haben, deswegen schreite ich gleich zur Tat. Ich setze mich in den Gemeischaftsraum und beobachte die anwesenden Senioren. Einer, nur einer hier reicht aus um herauszufinden, ob die wirklich alle Zombies sind oder ob es an der Art der Haltung liegt, die aus den alten Menschen hier todeserwartende Sabbermonster macht. Mein Blick schweift durch den Raum und tastet wie ein Scanner die Umgebung ab, als ihn plötzlich entdecke.

Herr Schlummer sitzt in einem Lehnstuhl am Fenster und starrt vor sich hin. Herr Schlummer hat nicht nur einen geilen Nachnamen sondern ist auch der bestgekleidete Herr im Haus, er trägt immer einen Anzug mit Hemd und Krawatte, auf seinen goldenen Manschettenknöpfen prangt das schlummersche Familienwappen und seine wenigen, grauen Haare trägt er stets mit Brisk-Frisiercréme streng nach hinten gekämmt, alte Schule eben.

Ich setze mich neben ihn und frage ihn nach seinem Befinden.

„Wie geht´s uns denn heute, Herr Schlummer?“, frage ich ihn und bin mir dessen bewußt, daß ich jetzt schon im Plural rede, wie meine verhassten, kaffeesüchtigen Kolleginnen auch.

„Häh? Wer is da?“

Scheiße, Herr Schlummer ist nicht nur schwerhörig sondern auch blind, na super. Hab ich mir ja den Richtigen rausgesucht. Egal, ich zieh das jetzt durch.

„Wie geht´s uns denn heute, Herr Schlummer? Ich bin der Sascha, ich mache hier Sozialstunden!“

„Häh? Wer is da?“

„Ich heiße Sascha“, wiederhole ich artig etwas lauter und muß über mich selbst lachen. Was mache ich hier eigentlich?

„Wie…, wer?“

„SASCHA!“

„Wasser?“

„SAASCHAA!“

„Wasser?“

„Nein, SASCHAAA!“

Herr Schlummer schüttelt den grauen, faltigen Kopf, holt tief Luft und stößt diese dann wieder zischend aus.

„Pfffft…., Wasser! Das ist aber ein seltsamer Name, sind sie Afrikaner?“

Ich muß lachen. Herr Schlummer erklärt mir laut, daß er früher Briefträger war und dadurch viel mit Menschen jeglicher Herkunft zu tun hatte. In manchen Ländern nennen die Menschen ihre Kinder oft wie das, was sie am meisten begehren. Gläubige Spanier heißen oft Jesus oder Maria, türkische Namen bedeuten häufig sowas wie Blume oder Glück…, da läge es ja auch nahe, daß ein hungriges und durstiges Afrikanerpärchen ihrem Sproß den Namen Wasser gäbe.

Das kann ja lustig werden hier, schlagfertig ist er jedenfalls, auch wenn er ziemlich einen an der Mütze hat. Seine Augen sind weit geöffnet und sie zucken ständig hin und her wenn er redet, in den Augenwinkeln haben sich große Mengen getrocknete Tränenflüssigkeit gesammelt, sieht ziemlich eklig aus. Ich frage mich, wie sein Leben wohl verlaufen ist. Krieg, Familie, Kinder…, der ganze Scheiß eben.

„Herr Schlummer, wollen wir raus in den Garten?“

„Ach…, nääh!“, entgegnet er mir gelangweilt.

Ich schnappe mir seinen Rollstuhl und schiebe ihn einfach durch den Hauptflur zum Ausgang. Er protestiert nicht, seine anfängliche Ablehnung war vermutlich ein angelerntes NEIN, daß er immer von sich gibt, da ihm eh nur scheiß Vorschläge zur Freizeitgestaltung gemacht werden. Das sieht man ja schon daran, daß sie einen Blinden ans Fenster stellen und er dort eh nichts sehen kann und sich zu allem Überfluß noch in der Sonne den schönen Anzug vollschwitzt.

Herr Schlummer freut sich über das schöne Wetter, er atmet tief ein und aus und lächelt dabei verschmitzt.

„Weisst du, Wasser, als ich früher Postbote war, da hab ich so einige Sachen erlebt. Wenn die Damen die Post geliefert bekommen haben und ihre Männer auf der Schicht arbeiten waren, da bin ich oft auf ein Küsschen ins Haus eingeladen worden. Aber ich war immer ein Gentleman, das darfst du nicht falsch verstehen, ich weiß ja nicht, wie das bei euch in Afrika so läuft…“

Verdammt! Schlummer, du alter Stecher. Ma schön die ungebumsten Weiber der HOESCH-Malocher abgegriffen, so ist das richtig! Ich kann ihn mir bildlich vorstellen, wie er am Gartenzaun lehnt, die Postmütze leicht schräg auf dem Hinterkopf sitzend während er kräftig mit den Damen possiert. Spitze, er wird mir immer sympathischer.

Im Laufe der nächsten Wochen freunde ich mich mit mehreren Bewohnern im St. Kilian an, Klara Pütter ist über 90 und kann sich nichts merken außer meinem Namen, obwohl mich hier mittlerweile eh alle nur noch „Wasser“ nennen, und wann ich Dienst habe, das fühlt sich gut an. Hermine kann angeblich nicht sprechen und hat zu meinen Kolleginnen noch nie ein Wort gesagt, sie ist irre und bösartig sagen die anderen Pflegerinnen. Komisch, denn bei mir hat sie sich schon zweimal augenzwinkernd bedankt nachdem ich sie gefüttert habe und dabei von mir erzählt habe. Mir war es egal ob sie davon was mitbekommt und ich hab mir Zeit gelassen. Ich war höflich zu ihr und hab gelacht, auch wenn es meine eigenen Witze waren, scheint ihr das gefallen zu haben.

Mittlerweile kennt mich jeder Bewohner auf meiner Abteilung und ich freue mich schon jedesmal auf die Stories der hübschen 73jährigen Zwillinge Rosa und Helga, die hier schon als junge Hüpfer gelten. Herr Schlummer und ich aber werden echte Freunde. Er sitzt jeden Tag vor der Tür im Rollstuhl und wartet auf mich, wie er dahin kommt ist mir und allen anderen ein Rätsel. Wir verbringen viel Zeit miteinander wenn ich meine Leibeigenendienste für den Opaknast soweit verrichtet habe. Es werden schmutzige Witze ausgetauscht, Anekdoten erzählt und vor allem gelacht, viel gelacht.

Bei schlechtem Wetter besuche ich Herrn Schlummer auf seinem Zimmer, es ist sehr ordentlich und aufgeräumt denn obwohl er blind und fast taub ist, kennt er in seiner gewohnten Umgebung jeden Quadratzentimeter und sorgt dafür, daß alles an seinem Platz ist. Das beruhigt und gibt Sicherheit, das leuchtet auch mir ein.
Herr Schlummer hat eine große Büchersammlung und seit er nicht mehr sehen kann ist es ihm leider verwehrt geblieben, sich der schönen Kunst zu widmen. Seit etwa einer Woche lese ich ihm vor. Laut. Sehr laut. Manchmal so laut, daß andere Bewohner sich danach für das schöne Vorlesen bedanken obwohl sie gar nicht mit im Zimmer waren. Herr Schlummer liebt das. Er verdreht manchmal seine eh schon ziemlich verdrehten Augen und reibt sich dann mit dem Handrücken Tränen aus den Augen. Er sagt dann Sachen wie:

„Heute ist es wieder schlimm mit dem Brennen in den Augen:“

Ich weiß aber genau, daß er vor Freude weint weil ihm die Stelle des Textes so nahe geht. Meist wenn es darin um Familie oder Kinder geht. Seine eigene Familie habe ich hier noch nie gesehen, seine Tochter und ihr Mann schicken ihm in regelmäßigen Abständen Pakete, die immer das Gleiche enthalten, ein Fläschchen Rasierwasser „Tabak Original“, manchmal neue Hosenträger oder eine Krawatte aber immer mindestens zwei Schachteln „Mon Cherie“. Diese stapeln sich überall in Schlummers Zimmer, da er mit dem Essen nicht nachkommt und er sie so langsam auch nicht mehr sehen kann.

Jedesmal, wenn ich ihm vorlese, mache ich vorsichtig mit einer Hand eine Schachtel auf, nehme langsam ein paar „Mon Cheries“ heraus und esse sie schnell in den Atempausen beim Vorlesen. Da er eh kaum etwas hört, bekommt er davon natürlich nichts mit und somit verdrücke ich in den drei Monaten meiner Sozialstunden geschätzte 200 „Mon Cheries“, die anscheinend niemand vermißt.

Die Tage kleckern so vor sich hin und meine Meinung zu den Bewohnern hier hat sich im Laufe der letzten Wochen stark verändert. Menschen, die ich erst für total weggetreten oder zumindest debil gehalten habe, erscheinen mir jetzt wie Überlebenskünstler, die selektiv entscheiden, wem sie sich öffnen und die ihre Energie für die wirklich wichtigen Sachen und die richtigen Menschen aufsparen. Abscheu und Ekel ist Bewunderung und Freundschaft gewichen und ich fühle mich reifer und besser als jeh zuvor.

Die Strafe ist im Endeffekt eine Belohnung, denn ich gehe mittlerweile richtig gerne zum Dienst und auch wenn manchmal unschöne Dinge passieren, wie Bewohner, die sich und ihr Zimmer mit ihrem Durchfall dekorieren, könnte es schöner nicht sein. Als Frau Pütter gestorben ist war ich wahrscheinlich trauriger als ihre eigene Familie, die mich beim Abholen von Klara´s persönlichen Sachen verwirrt anschauten, weil ich schluchzend in ihrem Zimmer stand als sie hereinkamen. Auch das gehört dazu.

Dann war es soweit. Ich gehe den Weg von unserer Wohnung zum St. Kilian zum letzten Mal entlang, gedankenversunken lasse ich mir alles nochmal durch den Kopf gehen, was mir in dieser Zeit passiert ist und was ich daraus mitgenommen habe. Ich bin durch diese Erfahrung sicher kein Heiliger geworden und nach dem Dienst habe ich auch weiterhin mit Freunden im Park oder vor McDonalds gekifft oder mir den Arsch vollaufen lassen. Aber irgendwie sehe ich einige Sachen jetzt anders und das fühlt sich richtig und gut an.

Ich drehe mir vor der Tür noch eine Zigarette und suche Herrn Schlummer. Er ist nicht da. Liegt wahrscheinlich daran, daß er bei dem leichten Nieselregen in seinem Zimmer auf mich wartet. Nachdem ich den Tabak unter dem Blumenkübel versteckt habe, gehe ich zu meiner Abteilung. Ich gehe um die Ecke des Treppenhauses auf den Flur zu, als es mich wie ein Schlag trifft. Alle Bewohner der Abteilung stehen oder sitzen da, sehen mich an und winken mit kleinen, weißen Taschentüchern. Die Tränen schießen mir in die Augen als ich über ihnen das selbstgemalte Plakat entdecke, auf dem steht:

„Auf Wiedersehen, Wasser!“

Um den Schriftzug haben sie ihre Hände mit Farbe aufgedruckt und wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich denken, eine Pflegerin mit 50 Jahren Berufserfahrung würde hier verabschiedet werden. Ich bin zutiefst berührt und glücklich und als wenn diese Nummer nicht schon genug gewesen wäre, kommt nach all dem noch eine Steigerung. Eine der Pflegerinnen macht sich den Weg durch die Bewohner frei und führt an ihrem Arm Herrn Schlummer zu mir.

Er trägt seinen schwarzen Sonntagsanzug und eine breite, gelb-blaue Postkrawatte, keine von den neumodischen, schmalen, die seine Tochter ihm immer schickt. Seine verkrusteten Augen sind ganz feucht und es fällt ihm sichtlich schwer, sich von mir zu verabschieden. Er hat eine Plastiktüte in seiner linken Hand, die er versucht hinter seinem Rücken zu verbergen. Das macht er gar nicht schlecht für einen Blinden. Wortlos streckt er mir die Tüte entgegen und ich nehme sie zitternd an mich. Ich sehe hinein und darin befinden sich 5 Schachteln „Mon Cherie“.

Schlummer zieht mich an sich und drückt mich fest an seine Schulter während er mir ins Ohr flüstert:

„Hier, Sascha, auch wenn mir Wasser besser gefällt…, die magst du doch so gerne und dann brauchst du auch nicht immer meine fressen!“

Wir lachen beide lauthals los und ich bin wirklich und wahrhaftig gerührt von soviel ehrlicher Menschlichkeit und Offenherzigkeit.
Da ich nach diesem Erlebnis heute unmöglich noch arbeiten kann, werde ich von den Pflegerinnen aus dem Dienst entlassen und verbringe die restlichen Stunden mit den Bewohnern im Gemeinschaftsraum. Es gibt wie immer schlechten Kaffee und billigen Kuchen, nur daß es diesmal richtig gut schmeckt.

Herr Schlummer und ich sehen uns auch nach meinem Dienst im Gulag St. Kilian noch in unregelmäßigen Abständen zum Vorlesen und Spazieren bis er ein halbes Jahr später stirbt. Die Pflegerinnen wollen mir Herrn Schlummers Büchersammlung mitgeben nachdem sie das mit seiner Tochter abgesprochen hatten. Ich lehne dankend ab. Das, was ich aus diesem Haus mitgenommen habe, ist größer und bedeutsamer als jedes Buch.

20 Kommentare

  1. Furio
    Jul 5, 2012

    Ich teile ähnliche Erfahrungen aus meiner Zivikröten Zeit. Danke für die Wiederauflebung der Erinnerungen.

    • Felix aus Frankfurt
      Jul 8, 2012

      Ich auch. Hab dann dann in „meiner“ Wohngruppe noch zweimal während der Semesterferien gearbeitet.

  2. mapim
    Jul 5, 2012

    Wundervolle Geschichte Sascha danke das du sie mit uns geteilt hast.

  3. teddyinlet
    Jul 5, 2012

    ähem, Diggah….ähem du, weisste was? ich habe ein bisschen Tränen in den Augen und muss das unbedingt meiner Frau zeigen oder vorlesen weil sie Altenpflegerin (aber eine von den guten!!!! die auch mehr weint als so mancher Angehöriger wenn einer von denen gehen muss) ist, vom Feinsten die Story……

  4. Nick
    Jul 5, 2012

    Thumbs up!!!

  5. Jenni
    Jul 5, 2012

    Toll geschrieben! Hat richtig Spaß gemacht zu lesen!!!

  6. jens
    Jul 6, 2012

    Meeeensch Junge. Ich hocke hier im Büro und kämpfe hart mit den Tränen. Hammer Artikel. Danke.

  7. Bombasstard
    Jul 6, 2012

    Wow … dieser Text ist irgendwie anders als die anderen, auch wenn der Stil gleich ist.

    Ich schließe mich meinen Vorrednern an, auch ich hatte gerade einen spontanen Anfall von Augenbrennen …

    Großartig – und gerade wenn man diesen Text im Kontext mit den anderen setzt.

    Warum bist du nicht Altenpfleger geworden? 😉

  8. Kiki
    Jul 6, 2012

    Jackpot.

  9. Falk
    Jul 7, 2012

    Wenn man Dich fast 30 Jahre kennt und eine Teil Deiner Sch… auch ein Teil der eigenen ist… Ich glaube, dass Dich damals hier fast keiner wirklich verstehen wollte oder auch nur im Ansatz konnte; heute, durch Deine eigene Reklefektion und dem Wissen um viele der damaligen Umstände funtioniert das komischerweise…
    Übrigens – Michael Teipel ist mittlerweile auch bei Erich, dem poppenden Postboten…

  10. mr
    Jul 8, 2012

    Das war schön – danke!

  11. lottalotter
    Jul 8, 2012

    was für eine freuede, das zu lesen. danke.

  12. steve
    Jul 8, 2012

    dank dir für den einblick. es macht spaß deine geschichte zu lesen und läßt mich selbsthinterfragend zurück. top!“

  13. Claudia
    Jul 12, 2012

    Du bist echt ein Typ…..unglaublich. Beim Lesen gelacht, geheult und an meine Oma gedacht….und mir gewünscht, dass sie in ihrer Altenheimzeit auch so jemandem begegnen konnte.

  14. Seppl
    Aug 8, 2012

    Großartig!

  15. Annie
    Aug 9, 2012

    Wunderschoen x

  16. android mobile phones
    Mai 18, 2013

    I am impressed with this web site, rattling I am a big fan.

  17. Nadine
    Mai 27, 2013

    Einfach nur wow……

  18. fil
    Dez 6, 2014

    memorabile…schön.

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