Auf der Niere…

Winzige Fliegen stecken zwischen meinen Zähnen. Ich halte an, spucke und versuche durch das Sammeln und Entsorgen von Speichel den undefinierbaren Geschmack der Eintägigen loszuwerden. Ich hoffe, daß nicht die Affinität für Scheiße die Fliegen dazu gebracht hat gerade meinen Mund als Landeplatz zu wählen, die Zähne hatte ich mir jedenfalls heute morgen geputzt. Wahrscheinlich einfach ein Zufall. Ich spucke ein weiteres Mal auf den Boden.

Ich stehe an der B54 in Höhe des Hilton Hotels, meine Beine zittern und ich bin etwas kurzatmig. Mein Fahrrad, ein tiefschwarzes Velo mit starrer Nabe, hat mich alten Sack an meine Grenzen gebracht. Ich muß mir das Rauchen dieser Gitanes abgewöhnen, das Rauchen an sich vielleicht. Oder einfach mehr Fahrrad fahren. Na ja, wenn ich die Zeit dazu hätte, würde ich das höchstwahrscheinlich auch tun. So wie mehr Schreiben, mehr lesen, mehr essen, mehr Freunde besuchen und Meerjungfrauen ficken.

Ich bin auf dem Weg zur Niere, eine alte Betonstrecke in der Form dieses schlackefilternden Organs, das jedem inne wohnt, gebaut für Radrennfahrer und welche, die es werden wollen. Die Strecke ist 800 Meter lang und birgt so seine Tücken, auch wenn man diese erst nach der ersten Testfahrt auf der Strecke entdeckt. Es ist Mittwoch und für die letzten Wochen ist es heute verhältnismässig warm. Obwohl das auch an meiner körperlichen Verfassung liegen kann, subjektives Empfinden wohlmöglich. Nachdem ich mich von der Bundesstraße aus durch das Gebüsch gekämpft habe betrete ich dieses Jahr den heiligen Asphalt hier zum ersten Mal. Da man nur in eine Richtung fahren darf, was einem die urdeutschen Pfeile sofort mit Bestimmtheit vermitteln, biege ich nach rechts ab und fahre die restlichen 700 Meter bis zum Ziel. Eine weiße Linie markiert das Ende der Runde und lädt mich ein kurz Platz zu nehmen.

Unter einem Wellblechdach, daß geschätztermaßen seit dem Krieg die darunter befindliche Bank vor den gröbsten Wettereinflüssen schützt, sitzt ein Mann gehobenen Alters. Er trägt eine Radlerhose mit Trikot, unter seinem nagelneuen, stylischen Helm ein zusammengeknotetes Bandana und eine darauf farblich abgestimmte Sonnenbrille von Oakley mit leicht getöntem Rauchglas. Seine Augen sind geschlossen und er hält seinen Kopf etwas höher um die aufkeimende Sonne und deren Strahlen einzufangen. Seine Beine sind rasiert und die Waden lassen vermuten, daß er nicht immer nur in der Sonne sitzt.

Ich raune ihm ein leises „Guten Tach“ zu, er erwidert und wir sitzen zusammen eine Weile auf der Bank. Ich denke darüber nach, wann ich wohl mal soweit bin und wie ich dann aussehen werde, was ich mache und vor allem, ob ich dann auch so ein Fahrrad haben werde oder ob ich dann aus gesundheitlichen Gründen ein Elektrobike fahre. Ich muß schmunzeln. Fast zeitgleich stehen wir auf und fahren langsam in die erste Runde. In den Kurven nehme ich etwas Geschwindigkeit raus, da ich mit dem Starrgang Probleme habe, nicht mit den Pedalen aufzusetzen. Mein Mitstreiter setzt sich langsam von mir ab und verdeutlicht mir ein weiteres Mal, daß Kondition nichts mit dem Alter zu tun hat, sondern eher auf den Lebensstil hinweisen kann. Ich habe nicht den Hauch einer Chance. Nach etwa 10 Runden brennen meine beine und ich sehne mich nach der Bank unter dem Wellblechdach, welche ich dann auch dankbar aufsuche.

Er fährt und fährt. Runde für Runde kommt er immer wieder an mir vorbei, lächelt mir kurz zu und sieht fit aus. Manchmal kommt er sogar freihändig vorbei gerast. Sauber!

Ich lächle als ich aufstehe und mich auf meinen Bock schwinge. Als der fremde Dauerrundendreher vorbeifährt rufe ich ihm ein kurzes „Tschö“ hinterher. Er winkt nur und biegt in die erste Kurve nach der Zielgeraden ein, verschwindet dann aus meinem Blickfeld.
Auf dem Weg nach Hause strömt der Fahrtwind zusammen mit einem Gedanken durch meinen Kopf…

„Das könnte man öfter machen!“

4 Kommentare

  1. Bjoern Wortmann
    Jun 18, 2012

    Wieder mal genial geschrieben !

  2. Bob Blume
    Jun 19, 2012

    Ganz ehrlich? Bin beeindruckt und neidisch, da ich auf meine Wortwahl so viel Rücksicht nehmen muss. Die Schüler halt. Deshalb kann ich nur mit den Meerjungfrauen schwimmen…

  3. Nick Kahoona
    Jun 20, 2012

    In mir hast du eh ein neuen Fan gefunden….

    Und auf dem Fixie abkacken… das kenn ich…
    Rock on

  4. Tanja K.
    Aug 9, 2012

    😀 ey Sascha du bist toll, ich sing immer auf dem Rad Fliegenlunch inklusive !

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