A bavarian in Dortmund

Hier ein Artikel über das Auswandern im großen Stil…, ein Bayer in Dortmund, von Gastautor Thomas Selzle:

Ich wusste, was ich wollte, und glaubte zu wissen, was mich erwartet, als ich mich an einem Märztag in meinem altersschwachen, überbeladenen Audi vom immer noch wintergebeutelten und von grauem Altschnee überzogenen Alpenrand in Richtung Dortmund aufmachte.
Ich wusste, dass ich nicht nur von München weg, sondern dahin wollte, wo Menschen Klartext sprechen; dahin, wo eine Stadt in ihrem aalglatt historisierenden Erscheinungsbild nicht von Bau-, Ordnungs- und sonstigen Behörden und von neureichen, unkultivierten Immobilienhaien, deren Geschmack sich umgekehrt proportional zu ihrem Kontostand verhält, geprägt wird; dahin, wo sich die Menschen ein buntes Kulturleben selbst zusammenzimmern und nicht darauf warten, dass ein Nobel-Caterer irgendwo ein paar samtbeklebte Tapeziertische aufbaut, eine Großbank ein paar Bilder an die hauseigenen Museumswände tackert oder irgendein öliger Popper seine Plastikcombo im ansonsten verwaisten Olympiastadion aufdudeln lässt und Uschi Glas & Co. dazu pseudovolksnah und gesellig ihr Champagnerglas im Takt hin und herschwenken; dahin, wo es noch ein paar schmutzige Ecken gibt; dahin wo nicht alles organisiert ist; dahin, wo man seine Karre ungestraft auch ohne Anwohnerparkausweis abstellen kann; dahin, wo sich nicht aufgrund von vollflächig in der ganzen Stadt zu zahlenden Horrormieten nur ein einziger Menschenschlag Marke „reich und gelangweilt“ angesiedelt hat; dahin, wo man nicht Gefahr läuft, nach ein paar Bier die falsche Frau mit nach hause zu nehmen, weil die Damen aufgrund des gleichen In-Friseurs, des gleichen In-Labels, des gleichen Schönheitschirurgen und der gleichen Hohlheit völlig austauschbar sind; dahin, wo Rock’n’Roll noch ein Lebensgefühl und nicht nur ein zu erratender Begriff aus Jauchs Rateshow ist.
Nach sechs Stunden und der Erkenntnis, dass das Hochsauerland in puncto Schneesicherheit die Alpen weit übertrifft und ich gut daran getan hatte, die Winterreifen nicht abzuschrauben, war ich in meinem Mekka Dortmund angelangt. Voll Abenteuerlust und Vorfreude auf die nächsten Jahre. Leicht verunsichert und in meiner Euphorie etwas eingebremst angesichts der im südlichen Dortmund vorgefundenen alpenländisch anmutenden Schneeflächen; wie gut, dass ich mich nicht ausschließlich aus klimatischen Gründen zu meinem Wohnortwechsel entschlossen hatte. Ich bezog meine kurios möblierte Wohnung im Dortmunder Süden, machte mich auf den Weg in die Stadt und alles war gut. Augen und Ohren saugten die ersten Eindrücke auf, ich testete in diversen Kneipen die verschiedenen Biersorten, – und das Testergebnis bestätigte meine Umzugsentscheidung nachhaltig. Alles war gut, ich fühlte mich selig, glaubte angekommen zu sein; und ich glaubte, alles im Griff zu haben.
Dass letzterer Glaube mehr als naiv war, durfte ich ganz flott feststellen. Da jagte ein Kulturschöcklein das nächste. Wenn ich mal die kleineren Ereignisse, wie etwa die erste handgreifliche Auseinandersetzung seit meinen Schultagen außer Acht lasse, lehrte mich vor allem eines staunen: die in krassem Gegensatz zu dem sprachlich eher muffigen bayerischen Süden stehende Art und Weise der kommunikativen Auseinandersetzung des Dortmunders.
Das beginnt schon mit der Form der Kommunikation. War ich es in Bayern gewohnt, dass man ungefragt keinesfalls, aber schon gar nicht mit irgendeinem bis dato unbekannten Menschen ein Gespräch beginnt, durfte ich bereits am zweiten Abend meines Dortmund-Seins eine für mich äußerst fragwürdige und befremdende Erfahrung machen: Nach des Tages Mühe presste ich vor meiner Wohnung angekommen mein Auto in eine nicht sehr üppige Parklücke. Ich steige aus meiner Karre und verharrte schlagartig noch mit einem Bein im Auto wie vom Donner gerührt. Da glotzen mich, – zugegebenermaßen sehr freundlich d’reinblickend – , zwei mir völlig unbekannte Herren älteren Semesters aus einem Meter an und krakeelen mir abwechselnd lauthals entgegen: „Suuuupa!!!“ „Hasse klasse gepaakt, die Karre!!“ „Wa ja echt ne kleine Lücke!!!“ „Wenn ich da an meine Olle denke (Gelächter von beiden)!!“ „Meine kricht nichma n Kinnawaan inn Buspaakplatz!!“ „Tschüss! Schön Amd noch!“ Und weg waren sie. Ich schluckte meine Verblüffung herunter, krächzte den beiden ein „ja, auch tschüs“ hinterher, schüttelte mich kurz und war eine knappe Stunde später den beiden Herren für ihren Kurzcrashkures in Sachen „Richtig kommunizieren in Dortmund“ sehr dankbar.
Denn dann schlug ich zum ersten Mal in der von meiner Wohnung nur 50 Meter entfernten Dorfkneipe auf; außer mir nur ein Mensch am anderen Ende des Tresens. Und dank der beiden älteren Einparkbegutachter blieb ich halbwegs gefasst, als der fremde Mann, – kaum dass ich mein erstes Pils bestellt hatte – , herüberbrüllte: „Hey!! Ja Du da!! Is ja sons keina daa! Sama! Wea bisn Du!!? Wo komse hea!!?“ Ich brüllte artig meine Antworten zurück, registrierte, dass die stumm und ostentativ teilnahms- und planlos auf der Spüle herumwischende Wirtin mich erstmalig freundlich anlächelte, als sie aus dem Inhalt des Hin- und Herbrüllens entnehmen durfte, dass hier unerwartet ein neuer Stammgast geboren worden sein könnte, und ich kam mir wieder ein kleines bisschen heimischer werdend vor. Aber da war ich ja noch in dem Stadium, in dem ich glaubte, die gehobene Lautstärke, in der Klaus (ich hatte ihm mittlerweile meinen Namen mitgeteilt und seinen konnte ich dem Kontext seiner mir inzwischen bekannten Lebensgeschichte incl. aktueller Probleme mit Frauen und Geld entnehmen) auf mich einredete, wäre dem zufällig gewählten größtmöglichen Abstand zwischen uns geschuldet. Erste Zweifel an meiner Theorie kamen mir, als irgendwann ein dritter Gast auftauchte, sich neben Klaus setzte, jedoch kein Wort mit ihm (notabene auch nicht mit mir) sprach bzw. brüllte. Dieser unbekannte Dritte, – völlig unbeeindruckt von Klaus’ in immer üppigeren Farben dargebotenen Anekdoten über sein offensichtlich sehr promiskuitives Vorleben – , hatte ja nur auf einen weiteren Tresengast und SEINEN Gesprächspartner gewartet, der auch bald auftauchte. Ein kleines Männlein mit dicken Brillengläsern, – was aber, wie ich sehr schnell schmerzhaft erfahren durfte, keinerlei Rückschlüsse auf seine Stimmkraft zuliess. Das kleine Männlein setzte sich mit einem „nAmd“ neben mich und damit in größtmöglichen Abstand zu Klaus und Gast Nr. 3 an den Tresen und ich hoffte auf ein neues Gespräch mit ihm und in ruhiger Stimmlage. Aber denkste! Das Männlein brüllte nun seinerseits, – eine kurze Sprechpause Klaus’ ausnutzend – , quer durch die Kneipe: „Kallheinz! Wie iss et!!“. „Jou! Wie soll et schon sein!!“ dröhnte es zurück.
Es entspann sich nun ein fröhliches vierstimmiges Hin- und Hergebrülle, das meine höchste Konzentration einforderte. Denn die beiden Gesprächsstränge zwischen Klaus und mir einerseits und zwischen dem Männlein und Kallheinz andererseits blieben streng voneinander getrennt und ich musste höllisch darauf achten, dass sich nicht irgendwelche Fetzen aus dem Parallelgespräch in meine Ohrmuschel frassen.
Eine für mich völlig neue Erfahrung, dass Menschen ihre intimsten Dinge bewusst in höchster Dezibelstärke und in Anwesenheit Dritter quer durch Dorfkneipen krakeelen.
Als ich mich nach Wochen schon halbwegs an diese Gepflogenheit gewohnt hatte, durfte ich mich dann noch einmal von einer kleinen Steigerung dieser Form von Kommunikation verblüffen lassen. Auf dem Weg zum Einkaufen, an einem Samstag, an dem die Strassen doch eher belebt waren, tauschten zwei Herren auf den Fenstersims gelehnt quer über die Strasse brüllenderweise ihre Nöte über die zunehmende Lustfeindlichkeit ihrer Gattinnen aus. Noch an der nächsten Strassenecke konnte ich das wutentbrannte „und wennse dann in Puff gehs, kriegse auch noch die Bratpfanne auffe Rübe“ deutlich vernehmen.
Ich war wieder ein Stück mehr dort angekommen, wo ich hinwollte.
Ich stelle mir gerade die gleiche Szene in München vor……..nein! Geht nicht! Ist unvorstellbar!
Dagegen kann ich mir nun gut vorstellen, welche Schoten sich die Handvoll Nachtigallen quer über den kleinen Park zwischen Museum am Ostwall und Junggesellenstrasse allnächtlich so zuzwitschern.

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