Warten auf´s Leben

Warten auf´s Leben

Ich nahm drei Groschen, hob den Hörer ab und fütterte den Fernsprecher. Die Telefonzelle konnte man von drei Seiten einsehen, ihre Rückwand wurde von einer Poststelle geschützt. Mein Blick wanderte über das Fahndungsplakat der RAF, das an der Eingangstür zur Filiale klebte.
Ich war dreizehn Jahre alt. Die Telefonzelle war gelb. Eckig und gelb. Drei dicke Telefonbücher mit dünnen, speckigen Seiten, pergamentartig und von der Konsistenz an ein Mad-Magazin erinnernd, hingen in den schwarzen Bakelit-Arretierungen. Kleine Brandflecken von abgelegten und vergessenen Kippen zierten den Kunststoff.
Es war Mittwoch, ich hatte in der ersten und zweiten Stunde Englisch, nach der Pause zwei Stunden Mathe. Meine dreißig Pfennig klickerten durch das Zählwerk des Telefons und fielen in den hörbar leeren Geldtank. Ich drückte die schwarzen, abgegriffenen Tasten – kurz und fest. Ich wählte eins, eins, null.

Die Schule war eine Realschule und fünfzig bis sechzig Meter von mir entfernt. Durch die zerkratzten und bespuckten Scheiben konnte ich den Haupteingang und die Einfahrt zum Lehrerparkplatz ganz gut sehen. Schüler gingen an mir vorbei, kleine, bunte Trauben von Capri-Sonne-Trinkern und Adidas Allround-Trägern, die im Gleichmarsch zum verhassten Tempel pilgerten.
Aus der linken Tasche meiner Vanilia-Hose zog ich das Stofftaschentuch meines Vaters und legte es über die Sprechmuschel des Hörers. Das hatte ich im Fernsehen gesehen. Dadurch war man in der Lage, selbst mit den vertrautesten Personen zu sprechen, ohne daß diese bemerken würden, mit wem sie gerade telefonieren. Es klingelte genau drei Mal, bis ein leises Klacken und eine monotone Stimme das Ende der gefühlten 10 Minuten verkündeten.

“Polizei Notruf?”
“In der Realschule liegt eine Bombe, sie explodiert zwischen 9.30 und 10.00!”
“Ja, aber….Moment…, ich, äh….”
KLICK!

Ich starrte auf die Initialen meines Vaters, als ich das Taschentuch zwischen Hörer und Telefon wegzog, nachdem ich hektisch aufgelegt hatte. Hastig verließ ich die Telefonzelle, eilte aber nach ein paar Metern zurück, da ich meine Schultasche vergessen hatte. Es war die obligatorische Adidas-Sporttasche, die die Industrie dazu veranlasste Rücksäcke für Kinder herzustellen, da diese ihre Sporttaschen bis dato immer mit den angenähten Ledergriffen über die Arme stülpten und so wahrscheinlich unwissender Vorreiter einer neuen Trageära wurden. Meine Tasche war blau-weiß.

Ich rannte über die Straße zur Schule und betrat nach kurzem, zurückhaltendem Smalltalk mit Mitschülern meine Klasse. Das übliche Geschrei und Geräusche von rutschenden Stühlen auf gebohnertem Linoleum unterlegten meine angespannte Nervosität wie der Soundtrack eines 50er Jahre Horrorfilms. Die Tür öffnete sich, und meine Klassenlehrerin betrat den Raum mit ernster Miene. Sie verkündete, nicht ohne vorher zur Ruhe zu ermahnen, daß wir nun alle zusammen das Klassenzimmer, die Schule und auch unsere persönlichen Gegenstände zu verlassen haben. Es sei eine Bombendrohung eingegangen und obwohl alle davon ausgingen, daß es sich um einen dummen Streich handele, wäre es trotzdem angebracht dem Folge zu leisten. Aus Sicherheitsgründen. Für´s Protokoll.

Unter aufgesetztem Kreischen und Lachen verließen wir im Entenmarsch scherzend die Räumlichkeiten und sammelten uns mit den anderen Klassen gegenüber des Schulhofes, etwa 80 Meter vom Schulgebäude entfernt. Volksfeststimmung! Dankbares Lächeln erfüllte selbst die Gesichter derer, die sonst nur den Blick abwärts in Richtung Trinkpäckchen mit Strohhalm kannten. Allerdings wollten auch alle wissen, wem sie diese unerwartete und mehr als willkommene Auszeit zu verdanken haben.

Ich stand am Eingang des Schulhofes und blickte in die Gesichter der anderen Kinder. Mein Herz drückte die dicke, rote Pampe durch meinen Hals, und ich hatte Mühe nicht vor Aufregung zu kotzen. Dann der emotionale Super-GAU! Der Sprengmittelräumdienst fuhr in langen, dunkelgrünen Mercedes-Transportern vor und bahnte sich einen Weg durch die johlende Menge. Männer in bleiernen Schutzschürzen und mit Helmen wurden von Polizeibeamten mit Spürhunden in die Schule begleitet, es war ein Fest!

Mittlerweile mischten sich immer mehr Lehrer unter die feiernden Schüler und mich beschlich die Vermutung, daß dies nur dem Zwecke der Bespitzelung und dem sprichwörtlichen Abklopfen des Busches dienen sollte. Ich beschloss also den Tatort zu verlassen. Die Telefonzelle würdigte ich keines Blickes, als ich an ihr vorbei ging, da ich so wenig mit dieser ganzen Sache in Berührung kommen wollte wie nur möglich.
In meiner Schultasche befanden sich neben den Heften, Büchern und Stiften auch zwei Brötchen mit Salami und Senf, eine Schachtel Reval ohne Filter und zwei Dosen Hansa-Export. Für Letzteres war jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen. Ich setzte mich an eine Bushaltestelle, von der ich ausgehen konnte, abgelegen genug zu sein, um nicht gesehen zu werden. Ich riß den Verschluss der Dose ab und nahm einen großen Schluck. Ekelhaft. Ich trank einen weiteren Schluck. Ich zitterte etwas, als ich mir eine Reval anzündete, die ich meinem Vater Tags zuvor geklaut hatte. Mein Gehirn krampfte sich zusammen bei dem Gedanken an meine Eltern und deren Reaktion, wenn sie rauskriegen würden, daß ihr Sohn ein Terrorist im ersten Lehrjahr ist.

Ich verbummelte den Vormittag, besuchte einen Freund, mit dem ich mich köstlich über das Geschehene amüsierte, um dann später zu Hause den Anschein einer normalen Erlebniskette aufrecht zu erhalten. Meine Eltern merkten nichts. Ich erzählte ihnen natürlich von diesem unerhörten Dummejungenstreich, verschwieg aber geschickt den Protagonisten. Ich dachte, ich sei aus dem Gröbsten raus.

Eltern waren so eine Art letzte Instanz, eine oder mehrere weitere Instanzen darüber waren für mich eine etwas abstrakte Vorstellung zu dieser Zeit. Ich hatte sie überzeugt, was sollte mir noch passieren?

Nach etwa zwei Wochen rauchte ich heimlich in der Raucherecke der “Großen”, als meine Klassenlehrerin und der Vertrauenslehrer unserer Schule sich den Weg mit ernstem Gesicht und Stechschritt durch die Menge bahnten. Sie wußten, wo sie mich finden. Die Anrede war unerwartet kurz, trocken, fast höflich und ich folgte den beiden umgehend in das Büro des Direktors. Mehr Auskunft als das Ziel bekam ich nicht. Brauchte ich auch nicht.

Die lederbespannte Tür öffnete sich und im Konferenzbereich des Direktors saßen an einem großen Tisch mehrere, mir bekannte Lehrer, ein Polizist und der Direktor himself. Auf dem Tisch stand neben 0,33 Liter Flaschen Staatlich Fachingen ein Kassettenrekorder und daneben lag eine Kassette mit der Aufschrift “SASCHA”. Ich war geehrt und geschockt zur gleichen Zeit. Alle, wie sie da sitzen, haben sich auf die Suche gemacht. Nach dem Anrufer. Nach dem Jungen hinter der Stimme. Nach mir. Sie haben sogar Kassetten mit meinem Namen beschriftet. Das wär doch nicht
nötig gewesen!

Das Verhör war kurz. Ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könne, warum ich in dieses Büro gerufen wurde, und ich bejahte die Frage. Kurzes unsicheres Schweigen und die nochmalige Nachfrage, ob ich wirklich zugeben würde, daß ich der gesuchte Bombenleger sei, was ich wieder mit “Ja” beantwortete. Das Tribunal zeigte sich eingeschränkt bestürzt und wirkte etwas enttäuscht, mich nicht nach allen Regeln der Kunst verhören, bedrängen und ausquetschen zu können. Sie baten mich doch bitte in meine Klasse zu gehen und dort zu warten. Das kam mir sehr entgegen.

Ich wankte wie betäubt die Treppen zu meinem Klassenzimmer hinunter und betrat den Raum, der mit schweigenden, ungläubig aussehenden Mitschülern gefüllt war. Ich wollte gerade damit beginnen, den anderen meine Wahnsinns-Story endlich aufzutischen, als ich draußen vor dem Schulgebäude einen Polizeiwagen vorfahren sah. Gedanken-Fragmente schossen wie Blitze durch meinen Kopf. Mama, Papa, die ganze Verwandtschaft, alle würden es nun erfahren. Ich, das schwarze Schaf der Familie, hatte es mal wieder geschafft den kompletten Clan zu blamieren und die Medaille für die asozialste Familie der Stadt war uns bei der nächsten Wahl sicher.

Mir wurde schlecht. Szenarien von Sanktionen mütterlicherseits bildeten eine Allianz mit dem Staccato meines Herzschlags um sich zu einem Endzeitfilm in meinem Kopf zu vereinigen. Ich sah mich schon nackt an einen Heizkörper im Keller gefesselt, weinend und bereuend, flehend um Gnade auf dem von mir eingenässten Betonboden sitzend, während meine Mutter und die Ratten und Mäuse mich auslachten.

Auf keinen Fall, ihr kriegt mich nicht! Ich werde hier nicht warten, bis ihr mich zum Schafott führt. Ich bin dreizehn Jahre alt, und ich kann verdammt nochmal alleine zurecht kommen in dieser Welt! Ich brauche Euch nicht!

Die Angst wurde für einen Moment von Wut abgelöst und ich beschloss mich der Verhaftung zu entziehen. Ich schnappte mir meine Jacke, öffnete das Fenster meines Klassenraums und sprang unter Schreien und Johlen meiner Mitschüler hinaus. Meine Klasse war im Erdgeschoß, der Fenstersims etwa eineinhalb Meter vom Boden entfernt. Trotz dieser eher unspektakulären Höhe und des Umstandes, daß die Tür nur einen Meter daneben einen ungleich besseren Fluchtweg geboten hätte, fühlte ich mich ein bißchen wie Steve McQueen. Da kein Militärmotorrad zur Fortsetzung meiner Flucht zur Verfügung stand, machte ich mich zu Fuß auf den Weg, den Ort der familiären Entweihung zu verlassen. Für immer!

Nach zwei Stunden Fußmarsch mit immer wiederkehrendem Verstecken hinter Bushaltestellenhäuschen, Gebüschen und Garageneinfahrten, um vorbeifahrenden Polizeiwagen zu entkommen, erreichte ich die Nachbarstadt. Großstadtdschungel! Die beiden Salamibrötchen hatte ich bereits auf dem Weg vertilgt, das heißt, eines hatte ich gegessen, das andere war bei einem Hechtsprung durch eine Buchsbaumhecke der grünen Hölle zum Opfer gefallen. Ich hatte Hunger. Durst auch. Geld nicht. Angst vor zu Hause hatte ich genügend.

Im Laufe der nächsten Stunden schnorrte ich mir bei Passanten einen Hamburger und eine Cola zusammen. Der ruhmreiche Neuanfang meines Outsider-Lebens verlor allmählich an Glanz und die Fassade, die sich mein jugendliches Gehirn mit Hilfe von Abenteuerromantik aufgebaut hatte, bröckelte vor sich hin wie der staubtrockene Keks, den mir ein älterer Herr von seiner Kaffeeuntertasse gegeben hatte, als ich ihn nach etwas Kleingeld fragte. Das Leben auf der Straße ist ein Haifischbecken.

Meine Gedanken kreisten um meine Eltern und die Sorgen, die ich ihnen bereitete. Was zum Teufel sollte ich jetzt tun? Den Weg nach Hause einschlagen und wie ein räudiger Köter zu Mutti kriechen, alles bereuen, Besserung geloben und die Strafe hinnehmen? Oder sollte ich lieber eine Spielzeugpistole bei Karstadt klauen, einen Kiosk oder eine Tankstelle überfallen und mit dem Geld einen gefälschten Reisepass kaufen, auf dem ich 46 Jahre alt bin, Dr. Richard Kimble heiße und somit meinem Neuanfang in Nicaragua nichts mehr im Weg stehen würde?

Ich ging nach Hause.

Auf halber Strecke sah mich im Vorbeifahren eine Nachbarin, die sich, wie sie mir aufgeregt erklärte, nachdem ich in ihr Auto eingestiegen war, an den Suchtrupps beteiligt hatte, die jeweils zur Hälfte aus besorgten Nachbarn und Polizeikräften bestand. Mein Magen zog sich zusammen und die Erwähnung der Todesangst meiner Eltern machte es nicht besser.

“Deine Mutter wird zu Hause von einem Notarzt versorgt…, was hast du dir bloß dabei gedacht, Junge, du bringst uns alle noch ins Grab!”

Mh, auch eine Alternative! Aber diesen Gedanken verwarf ich recht schnell. Ich wollte nur noch nach Hause, meine Mutter sehen und mir mit einem Kochlöffel oder von mir aus auch mit einem stacheldrahtumwickelten Bauarbeiterhandschuh die gerechte Strafe abholen, um zur von mir noch vorhin so verhassten Normalität eines Dreizehnjährigen zurückkehren zu können. Die Fahrt schien endlos lang, und ich sah aus dem Fenster um nicht mit unserer Nachbarin reden zu müssen.

Laternenmasten, Zäune und parkende Autos reihten sich aneinander und bildeten ein laufendes Band bis vor die Tür unseres Hauses. Mein ganzer Körper zitterte als die Tür nach einmaligem Klingeln geöffnet wurde, und unsere Nachbarin stolz und hysterisch laut verkündete:
“Ihr glaubt nich, wen ich gerade gefunden habe!”

Dämliche Kuh! Ich schob meinen Kopf vorsichtig, um den Türrahmen zum Wohnzimmer und sah in das Gesicht meiner Mutter. Verheult, gealtert und irgendwie wahnsinnig. Als sie mich sah hellte ihre Miene auf, und sie sprang auf mich zu, drückte mich an ihre riesigen Titten und schluchzte immer wieder: “Junge, mein Junge!”

Mein Vater saß erstarrt auf der Couch und hatte wie üblich in solch emotionalen Situationen nichts zu melden. Ich sah ihnen beiden nicht in die Augen, das konnte und wollte ich nicht. Spätestens jetzt hatte mich der Spirit von Steve McQueen, Dr. Kimble und den anderen Abenteurern verlassen. Meine Mutter, mein Vater und ich redeten an diesem Abend nur kurz über den Ablauf meiner Flucht, über den Bombenalarm redeten wir nicht. Niemals. Da ich noch nicht strafmündig war, blieben mir auch die Kosten des Einsatzes und das Gespräch mit der Polizei erspart.

Erst in den nächsten Tagen, als ich langsam wieder zur Normalität zurückkehrte, bemerkte ich, daß es gar nicht so schlimm ist, ein normaler, dreizehnjähriger Junge zu sein.

 

5 Kommentare

  1. Marina
    Mrz 12, 2012

    Immer wieder ein Genuss, deinen Blog zu lesen.
    Ehrlich, direkt und mitten aus der Wirklichkeit.

    Hör‘ nicht auf zu schreiben! 😉

  2. Anni
    Apr 22, 2012

    So großartig…

  3. Tiff
    Mai 22, 2012

    Hehehe !!!!! XD

  4. Sylvie Fadenhaft
    Jun 11, 2012

    Die Geschichte hat mir bei der Lesung im Djäzz den Abend erheitert. Schöne Art zu Schreiben haste!

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