Happy Birthday to me!

Happy Birthday to me!

Es muss ja nicht jedes Jahr das Gleiche sein. Ich habe Geburtstag. Heute. Letztes Jahr auch. Am gleichen Tag. Da war ich in Berlin, hab mit guten Freunden in einer Kreuzberger Bar gesessen und mir etliche Kaltgetränke verklappt. Das war eigentlich sehr schön. Auch ohne Hornbrille und asymmetrischem Haarschnitt. Es war die richtige Mischung aus „kleiner Kreis“ und „wegballern“…, auf dem Heimweg nach Dortmund bekam ich dutzende Anrufe beladen mit Glückwünschen und Smalltalk. Abends feierten wir dann noch mal richtig im Bakuda-Club, für einen Dienstag Abend war die Veranstaltung mit knapp 130 Leuten auch gar nicht mal schlecht besucht.
Der Tag danach war, bis auf den Kater, sehr schön. Ich mußte ja nicht aufräumen zu Hause, da das ganze Chaos im Bakuda abging. Kein Leergut wegbringen, keine angebissenen Äpfel mit Zigarettenkippenhaaren und Eddinggesichtern aus meiner Mikrowelle holen, keine CDs in ihre ursprünglichen Hüllen zurück sortieren und auch meinen Hund nicht von Luftschlangen und Glitzerspray befreien.
Dieses Jahr wollte ich mir das ebenfalls ersparen und vielleicht auch mal die Gelegenheit nutzen, ein paar besinnliche Tage für mich zu haben und nicht auch noch an meinem Ehrentag der ganzen Scheiße mit Streß, Organisation und Planung das Zepter in die Hand zu geben.
Laptop auf dem Schoß, ein paar Seiten durchgeblickt, Hundeurlaub.de! Das ist es! Wie geil…, ein Ferienhaus am Ijsselmeer. Direkt am Wasser….Hunde ausdrücklich erlaubt…Sauna und Whirlpool im Haus….Terasse mit Bootssteg….offener Kamin…und das alles in Holland! Das will ich!
Warum nicht? Ich denke, man kann nach mehr als 25 Jahren hartem Zelebrieren des „Schlüpftags“, wie die Grenzdebilen unter den Facebook-Pinnwand-Vandalen sagen würden, auch mal ganz entspannt drauf scheißen und sich der Verantwortung als Zeremonienmeister des alkoholabhängigen Freundeskreises entziehen. Der Entschluss ist gefasst. Ein paar eMails und eine Überweisung später bin ich auf der Autobahn.
Holland kommt ja recht unerwartet. Man fährt und fährt und denkt dabei über die Städtenamen auf den Schildern der Ausfahrten nach und während man sich noch Gedanken über die Namensfindung von Städten wie Vlotho oder Hünxe macht, bemerkt man eigentlich gar nicht, daß das Land immer flacher wird und die Wohnhäuser und Menschen von Industriegebieten und Schafen abgelöst werden. Auf einmal fährt man über den Grenzübergang, der einem noch vor 15 Jahren eine Gänsehaut und Schweißausbrüche beim Grasschmuggeln bescherte, als wäre es der Eingang zu einem Vergnügungspark. Nur, daß man hier nicht anhalten oder warten muß.
Ich muß zwar nicht, aber ich will! Ich freue mich seit der Abfahrt auf das Ritual, welches jeden Hollandurlaub bei mir einläutet. Den Wagen an der Grenztankstelle geparkt und mit einem Lächeln im Gesicht gehe ich darauf zu. Der FEBO-Automat. Eine Futterkrippe der besonderen Art, ein gläserner Foodterminal, unpersönlich, steril, fettig, heiß und ungesund. Ein Muß!


Früher war´s ein Gulden, heute ein Euro fünfzig, die man investieren muß um an mein geliebtes Kipkorn zu gelangen. Nachdem ich das Geld eingeworfen habe ziehe ich an der warmen Glasklappe und nehme das frittierte Stangenhuhn aus seinem Sarg. Zur Sicherheit noch zwei Frikandeln mitnehmen. Dann ist das Kipkorn nicht so allein auf der Fahrt. Auch Wanda scheint FEBO zu mögen, denn ihr Hals verlängert sich um geschätzte dreißig Zentimeter als ich mit den Fettpralinen das Auto besteige.
Da Holland ein ziemlich kleines Land ist habe ich das Ijsselmeer schnell erreicht. Das Haus ist ebenfalls leicht zu finden und nach kurzem Ausladen der urlaubswichtigen Hilfsmittel wie Bücher, Kamera, iPad und natürlich Kleidung und Toilettenartikel begutachte ich das Domicil für die nächste Woche. Alles ist neu, von hohem Standard und für mich mehr als ausreichend und zufriedenstellend. Ich decke mich im örtlichen Jumbo-Markt mit Essen ein und kaufe noch schnell drei Sixpacks Bier, wobei ich mich frage ob ein Eighteen-Pack hier nicht günstiger wäre. Drei Flaschen Wein und eine Flasche Jägermeister vermitteln mir das Gefühl von Sicherheit für die nächsten 5 Tage. Die Sixpacks sind nach 14 Stunden leer. Der Jägermeister nur zur Hälfte, da er nachts durch die Fußbodenheizung die Temperatur und Konsistenz von Chili con Carne angenommen hat.
Dann ist es soweit. Ich sitze auf der Rattan-Couch. 23.58 Uhr. Noch zwei Minuten und ich bin 39 Jahre alt. Heftig. Das bedeutet, ich beginne in zwei Minuten mein vierzigstes Lebensjahr. Ich bin unschlüssig. Soll ich der Angst vor dem Alter oder der Zufriedenheit des Erlebten einen Platz in meinem Kopf einräumen? Beidem.
Die Angst ist eigentlich unbegründet, denn seit meinem dreissigsten Geburtstag ist im Grunde alles klarer, deutlicher, direkter und auch besser geworden. Wenn ich mir vorstelle was für ein Schwachkopf ich mit zwanzig war…, den Scheiß muß ich nicht nochmal durchleben. Gut, daß es vorbei ist. Es beruhigt zu wissen, daß ich es bis hier hin geschafft habe. Aus eigener Kraft. Oft mit Glück, List und Tücke, aber ich habe es geschafft. Nicht ohne Verluste, jedoch immer gerade heraus und mit erhobenem Kopf.


Mitternacht. Wanda quält sich von ihrem Rattan-Sessel, den sie seit Tagen vor dem Kamin besetzt hat und leckt mir die linke Hand als ob sie wüßte, daß es nun soweit ist, mir gratulieren zu müssen wenn sie wieder mit nach Hause genommen werden will. Ich bedanke mich mit einem Leckerchen für uns beide. Wanda bekommt Lamm, ich Bier.
Wir stehen in der eisigen Kälte auf der Terrasse und sehen aufs Meer, daß vom nebeligen Nachthimmel in ein surreales Licht mit monochromen Verläufen getaucht wird. Ich bin zufrieden. Zufrieden und glücklich.
Vierzig. Was ist das schon. Nächstes Jahr mach ich ´ne fette, fette Party…

7 Kommentare

  1. Henne
    Feb 16, 2012

    Schöne sache!!
    Febo is der Hammer.

    • Name TaTa
      Feb 16, 2012

      Super geschrieben und es steckt viel viel Wahrheit in deinen Sätzen.. Dasselbe erwartet mich auch.. eben Baujahr 73 ;o) die fette fette Party gibts nächstes Jahr zu Halloween.. you remember :-*

  2. Benny
    Feb 21, 2012

    Fettpralinen… hahaha danke dafür!

  3. Claudia
    Feb 29, 2012

    Ich fand es trotzdem gut, Dich mit 20 gekannt zu haben 😉 du schreibst toll. Herzliche Grüße!

  4. Claudia
    Feb 29, 2012

    Habe tatsächlich im ersten Kommentar eine falsche Email-Endung eingegeben-Wahnsinn. Noch nie passiert. Aber eigentlich wollte ich noch nachträglich zum Geburtstag gratulieren und Dir alles gute wünschen!

  5. Marina
    Mrz 3, 2012

    Hey,

    bevor ich heute morgen voller Vorfreude losgefahren bin habe ich noch daran gedacht. Vielleicht ist es schon zu spät, aber trotzdem: Ich wünsch dir alles Gute und viel Erfolg mit deiner Schreiberkarriere. (Wie du bemerkst versuche ich dies bereits tatkräftig zu unterstzützen) 😉

    Gruß,
    Marina

  6. Queenn Esra
    Nov 23, 2012

    …der vorletzte Absatz, hat es mir angetan 🙂
    Musste an Istanbul denken :)…
    …ja genau, was ist das schon

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