Momentaufnahme

Momentaufnahme

Der bekackte Hagel prasselt an die Scheibe des Café Max, ich bestelle die übliche Ladung guten Morgens. Englisches Frühstück, kleiner Kaffee und eine Maracujaschorle. Laura, die Bedienung, ist zügig unterwegs, Irene, die Köchin hat Bock auf meine Bestellung und so steht einem guten Start in den Morgen nichts mehr im Weg. Bis auf das Wetter, aber irgendwas hat man ja immer zum Ereifern.
Vor der Tür und somit im absoluten Halteverbot steht mein neues Kfz. Ich bin den beschissenen, blaumetallicfarbenen Escort endlich los. Die letzte Fahrt zum Autohändler war eine Meisterleistung, da er rein technisch gesehen nicht mal mehr vom Hof hätte kommen dürfen. Ganze 100€ habe ich noch für das Wrack bekommen, jetzt kriegt er wahrscheinlich eine neue Kupplung, wird für 1000€ nach Ghana verkauft und fährt da noch bis 2084 als Taxi durch die Gegend. Mir soll´s egal sein. Ich hab ihn in Zahlung gegeben, noch etwas draufgelegt und darf jetzt einen Renault Megane Scenic in schickem Leberwurstgrau mein Eigen nennen. Eigentlich auch ´ne hässliche Karre, dann noch Franzose. Ich wollte nie einen haben, allein schon wegen der dämlichen „Createur d´Automobile“ Scheiße. Was soll´s? Er fährt und das sogar ganz ordentlich. Am ersten Tag hab ich ihn an jeder Ampel abgewürgt weil ich gar nicht mehr damit gerechnet habe, wie schwierig sich der Kampf mit einem funktionierenden Kupplungspedal gestalten kann.
Der Hagel wird langsam weniger. Mein Frühstück auch. Ich zahle, wünsche den Damen einen guten Tag und verlasse das Max. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht als ich mein Kfz mit Hilfe der Funkfernbedienung öffne. Ich mache mit dem Mund ein Geräusch, daß sich anhören soll wie eine Alarmanlage bei Bentleys in amerikanischen HipHop Videos. Passanten sehen mich mitleidig an. Sie halten mich für behindert. Ich lächle trotzdem weiter.
Wanda wartet zu Hause auf mich, ich hole sie, nicht ohne eine Ehrenrunde um den Wallring zu drehen, zu Hause ab. Etwas verwirrt über den neuen Wagen springt sie freudig in den Kofferraum und begutachtet ihr neues Reich. Es scheint zu gefallen. Sie hat mehr Platz als vorher und die kleinen Stauräume in den Seiten nehmen alles auf, was Wanda früher in Kurvenfahrten Probleme bereitet hätte. In der rechten Seitentasche ist das Werkzeug und der Wagenheber, in der linken das Warndreieck, Sturmhaube, Spaten, Klebeband, blaue Müllsäcke und Gleitgel.
Heute fahre ich zur Abwechslung mal wieder in den Wald nach Eving. Hier ist Wanda oft mit Sid und Milo durch die Felder gehüpft, heute muß sie mit mir und dem matschigen Waldweg Vorlieb nehmen. Ich fahre sonst oft in ein kleines Waldstück in Dortmund-Holthausen, da kann man ungestört seine Runden drehen, wenn man mal von den Familienvätern absieht, die sich hier treffen um sich gegenseitig im Gebüsch die Schwänze zu lutschen. Die haben vielleicht geglotzt als Wanda vor ihnen stand und bellte. Und ich hab erstmal geglotzt als ich nachsehen wollte warum sie bellt!
Auf jeden Fall erwische ich lieber Grundschullehrer beim Fellatio mit Kollegen als in die Bolmke zu fahren. In der Bolmke hatte ich jetzt die letzten drei Male echt Ärger mit diesen verfickten Joggern, die meinen, sie wären der Mittelpunkt des Universums.

Jogger: „Halt deinen Köter zurück, siehst du nicht, daß ich hier laufe?“

Ich: „Halt deine Fresse!“

Jogger: „Waaaas?“

Ich: „Ich sagte, du sollst die Fresse halten! Nenn meinen Hund noch einmal Köter und ich wische hier vor deiner Freundin mit deinem Arsch den Waldboden. Und warum duzt du mich, waren wir schon mal zum Essen verabredet? Verpiss dich jetzt bevor ich dich öffne…

Seine Freundin, die aussieht, als würde sie Angelika heißen, zieht an seinem Ärmel und deutet an, daß sie gerne gehen würde. Sie tuschelt irgendwas in sein Ohr und sieht dabei aus dem Augenwinkel zu mir herüber.

Ich: „Ja, hör auf deinen kleinen Hobbit und hau besser ab. Ich hab Laune, du Fucker!“

Ich schwenke den Karabinerhaken der Hundeleine bedrohlich hin und her und grinse die beiden Taxofit-Ärsche so fies an wie es nur geht. Es scheint zu wirken, sie gehen bzw. laufen schimpfend weiter. Gott sei Dank. Der Typ war ziemlich drahtig und konditionell im Vorteil. Wäre ja ´ne geile Nummer wenn er mir nach meiner Ansage den Arsch versohlt hätte. Hat er aber nicht. Feiger Wixer!

Hier im Wäldchen ist es ruhig. Ich gehe mit Wanda die restliche Runde durch den Wald, spucke zwei- dreimal gegen Bäume und erreiche das Auto. Wanda scheint ihren Platz schnell akzeptiert zu haben und springt freudig in den Kofferraum, den ich ihr vorsorglich mit einer Ikeadecke etwas gemütlicher gestaltet habe. Ähnlich wohl fühle auch ich mich in der Mini-Van-typischen Hochsitzposition und grinse beglückt als ich den Motor anlasse.
Die Landstraßen von DO-Holthausen flattern an mir vorbei, die tiefen Pfützen an den Straßenrändern spritzen laut unter das Bodenblech und ich fühle mich seltsam zufrieden. Im Rückspiegel taucht dann und wann Wanda´s Nase auf und durchwühlt die Luft nach Informationen, die sie für wichtig erachtet. An einer Tankstelle halte ich an um mir einen Kaffee zu holen, da Bi-Fi nicht mit Kaffee harmoniert nehme ich noch ein Croissant als zweites Frühstück mit dazu.
Die elektrischen Türen der Tanke geben mir den Weg frei und auf dem Weg zum Auto bemerke ich erst dieses Gefühl. Es hat eine Art Sicherheit, die es mit sich bringt. Es lässt dich manches nicht ganz so schwarz sehen und macht innerlich ruhig. Es ist das Gefühl, das dir sagt:

„Das wird heute ein guter Tag!“

5 Kommentare

  1. steffi
    Jan 28, 2012

    Esoterischer Mumpitz! Wenn ueberhaupt, dann sagt der Kaffee „es wird ein guter Tag“!

  2. Der Gr0ße bruder
    Jan 28, 2012

    Wieder mal super geil ,lach mich tot ,die Nummer mit dem Jogger ,wenn der dir den Arsch gehauen hätte wäre ich gestorben…hätte es dann wohl nicht erfahren. Ha, Ha, Ha, bis später

  3. Carsten Knobloch
    Mrz 9, 2012

    Großartig 😀

  4. Queenn Esra
    Jan 7, 2013

    …:D „hör auf deinen kleinen Hobbit…“

    Dieser Moment, wenn du merkst “Das wird heute ein guter Tag!”…;)

    es ist eine gute Nacht geworden, danke

Kommentar absenden