Unter den Blinden ist der Einäugige König

Unter den Blinden ist der Einäugige König

Mein Gott, bin ich heute faul. Mein freier Tag, an dem ich eigentlich so einige Dinge von meiner berühmten „To-Do-Liste“ streichen wollte, ist dann doch etwas anders verlaufen als geplant.

Nachdem ich beschlossen hatte doch nicht aufzuräumen oder das Geschirr von meinen letzten Kochspuren zu befreien, fand ich, daß es Zeit für eine entspannte Sitzung vor dem Fernsher sei, da meine geliebte Reinemachefrau ja eh die Tage kommt.

Im bequemen Nordstadtoutfit, daß je nach Jahreszeit aus Kombinationen von Jogginghose und Pulli oder Jogginghose und Unterhemd bestehen kann, legte ich mich auf mein Ikea Holzlager namens Hopen und begann mich durch die verschiedenen Tore zur Hölle zu zappen.

Meine Fernsehsender sind wie Teile meines Lebens. Sortiert.

Auf dem ersten Kanal ist „Das Erste“, auf dem zweiten „Das Zweite“ und auf dem dritten „Das Dritte“. Es folgen RTL, SAT1, Pro7 komischerweise auf sechs, das ist der Andreas Baader in mir. Und dann kommen die Sender, die man eigentlich gleichzeitig gucken kann, da eh dasselbe läuft. Anschliessend die Oasen der Bildung und Kultur wie 3sat, arté, neo etc. und zu guter letzt die Sportsender, die nachts Titten und ihre Trägerinnen beim Flaschendrehen zeigen.

Ich fange vorne an und jage mich recht zügig durch die Sender bis ich wieder auf Eins schalte um den Vorgang etwas langsamer, sagen wir selektiver, zu wiederholen. Bei den Nachrichten bleibe ich oft hängen. So auch heute.

Die Top Story ist unser Bundespräsident. Ach. Schön. Das ist also die Topstory. Ein Politiker mit Saubermann-Vita leiht sich Geld, will´s auch nicht jedem sagen von wem, lügt ein bißchen rum und kotzt vor Panik auf ´ne Mailbox, Sondersendungen, Meinungsumfragen, Rücktrittsforderungen. Muss ich mir das jetzt drei Wochen angucken, wie beim Plagiatspräsidenten? Ich will nicht. Er wird in zehn Tagen zurücktreten, so wie alle anderen auch. Das ist bei uns so. In Deutschland liebt man es, auf den Seinen herum zu trampeln, sie mundtot zu machen oder sie zumindest der Lächerlichkeit preiszugeben. Da wird auch vor dem Bundespräsidenten nicht Halt gemacht. Selbst über Dirk Nowitzki wurde in Deutschland erst berichtet als bekannt wurde, daß er mit ´ner diebischen Cracknutte zusammen ist. Die diebische Cracknutte, die unser Land regiert und ihr Rollstuhl-Göbbels hingegen sind trotz hunderter Fauxpas immer noch alive and kicking. Seltsam.

Da muß man was Besonderes haben wenn man Aufmerksamkeit will. Es sind die Kuriositäten, die uns anscheinend als neuzeitliches Brot & Spiele dienen. Besondere Fähigkeiten, wie ganz jung ganz viel Geld beim Pokern verdienen. Zack, bei SternTV.

Besondere Begabungen, wie ganz schnell ganz viel überflüssiges Herumwedeln mit der Hand vor dem Mund und der daran angeschlossenen Harmonika. Zack, Michael Hirte Best Of CD Paket, 99€.

Oder wenn man nichts kann oder weiß dann reicht auch mal ein Schlaganfall. Vorher Einschaltquoten wie MTV in Nordkorea und nach einem Schicksalsschlag mit dazugehörigem Anfall ist man wieder zurück auf der Bühne und bekommt stehende Ovationen. Wofür? Dafür, daß Gaby Köster jetzt aussieht wie Tingel-Tangel-Bob von den Simpsons? Hab ich schonmal in der Stadt jemandem Applaus für einen Apoplex gespendet? Ich denke nicht. Aus gutem Grund. Das ist nämlich eine Krankheit und keine Gabe.

Ich muß umschalten, es ist zum Wegrennen. Ach, du heilige Scheiße. Ich fasse es nicht. Weltweit, verkündet der schlecht von Kleidungssponsoren ausgestattete Moderator der RTL2 News, sind 500.000 Frauen mit für den Träger schädlichen Brustimplantaten der Firma PIP versorgt worden. Es sind also eine Million Titten in unmittelbarer Gefahr. Was soll man da noch sagen. Als wenn die Chance, ein Paar schöne zu finden, vorher so groß gewesen wäre…

Umschalten, Paul Panzer live, nein. Sicher nicht. Wo ist der Schlaganfall wenn man ihn braucht?  Früher war alles besser. Also nein…, nicht das, das Fernsehen war besser. Da gab es Stars. Echte Stars. Die waren unantastbar, fast gottgleich. Hans-Joachim Kulenkampff, allein der Name ist ´ne Ansage. Das waren Spielshows für das Volk. Ganz ohne jemanden bloßzustellen oder vorzuführen. Fragen, Antworten, Komplimente, Preise, Flirts. Der Tanztee des deutschen Unterhaltungsfernsehen begleitete mich in meiner Kindheit. Ich sehe die Treppe von Fuchsberger noch vor mir und die Montagsmaler, Dalli Dalli und der große Preis waren damals einfach nicht wegzudenken. Solche Sendungen will heute keiner mehr sehen. Es gibt ja auch keine Charakterköpfe mehr, die einer solchen Show den notwendigen Esprit verleihen würden. Stattdessen laufen manchmal nachts alte Wiederholungen.

Ich hätte jetzt Lust auf meine Badewanne, wenn ich eine hätte und danach im Schlafanzug auf der Couch der Eltern „Am laufenden Band“ gucken. Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht wiederholen. Ich räum jetzt meine Bude weiter auf.

 

1 Kommentar

  1. Nick
    Jan 7, 2012

    Wie immer Top!!!

    Im Schlawanzuch ab auf Couch + Blacky, Yepp das hätte was 😉

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