Die Geister, die ich rief…

Der Himmel über Dortmund sieht aus wie eine nasse Pferdedecke und ich möchte eigentlich viel lieber mit dem Hund im Bett liegen bleiben als jetzt Gassi zu gehen. Die dreckigen Straßen der Nordstadt, die aufgeweichten Grünstreifen, auf denen die Hundehaufen die Illusion eines überdimensionalen Mühle-Spielfeldes erwecken, die Regentropfen der Dachrinnen, die einem immer, wie von einem Wetter-Sniper abgeschossen, direkt in den hinteren Halsausschnitt tropfen und dabei die Temperatur um gefühlte zehn Grad nach unten sinken lassen. Es ist genau das, was ich jetzt NICHT möchte!
Aber es hilft nichts, ich muß raus. Ich stülpe Wanda das Halsband und eine Art Jacke über, schnappe mir einen dicken Schal und eine Mütze und verlasse die Wohnung. Das Wetter ist schlimmer als erwartet, den Wind hatte ich von drinnen nicht bemerkt und er trifft mich und Wanda wie ein Faustschlag ins Gesicht. Schnell um die Ecke zur Münsterstraße, rüber zum Helmholtz Gymnasium, dann über den Spielplatz zur Wiese. Wanda wird unruhig, schnüffelt aufgeregt am Grassstreifen, sie muß dringend scheißen. Wie dringend es war, merke ich als ich ihre ersten Grunzlaute vernehme. Sie scheint wie ein Mensch zu pressen und sich dabei anzustrengen, und auch wenn man keine Adern an ihrem Hals hervortreten und die Augen aus dem Kopf treten sieht, merkt man ihr die Dringlichkeit der Defäkation deutlich an. Wie kann ein so kleiner Hund nur so eine riesige Wurst kacken? Von hinten sieht Wanda jetzt aus wie ein Teddybär, der eine sehr große Zigarre im Mund hat!
Ich sehe mich kurz um und entferne mich dann rasch ohne den Haufen wegzumachen. Wie alle. Warum sollte ich auch? Die Gegend, in der ich gerade bin kann durch Hundescheiße auch nicht mehr hässlicher werden. Der Rückweg zu meiner Wohnung ist trotz Rückenwind nicht viel angenehmer geworden. Ich bringe Wanda zu ihrem Körbchen und beneide sie um den warmen Schlafplatz, den ich jetzt gerne gegen den anstehenden Streß tauschen würde. Ich gebe Wanda noch ein Leckerchen, decke sie mit ihrer roten Lieblingsdecke zu und streichle ihr nochmal über das kleine, gähnende Köpfchen. Wanda furzt. Ich halte die Luft an und verlasse die Wohnung.
Auf dem Hof wartet der schäbbige Escort auf mich. Eine Woche noch und ich bin ihn los, denn letzte Woche habe ich mir ein neues, gebrauchtes Auto gekauft. Vorbei die Zeiten der schleifenden Kupplung und der vergeblichen Überholversuche auf der Autobahn, bei denen mich schon so mancher LKW Fahrer spöttisch belächelt hat. Egal, heute muß mich die hässliche Karre nochmal in die Stadt fahren.
Der Weg in die Dortmunder Innenstadt verlangt mir schon mehr ab, als ich zu geben bereit war. Ich ahne nicht, was noch folgen soll…
Verstopfte Straßen, hupende Choleriker, jaywalkende Fußgänger und flaschensammelnde Pfandwölfe erschweren mir das Erreichen meiner Destination. Ich entscheide mich für das Karstadt-Parkhaus. Zentral, nicht zu voll und, was sehr wichtig ist: Es ist nicht so steil, daß ich beim Ausfahren aufgrund meiner defekten Kupplung, am Berg kapitulieren muß!
Nachdem ich eine geeignete Lücke gefunden und diese sofort okkupiert habe, gehe ich die Treppen zum Hansaplatz hinauf.
„Oh, mein Gott! Das hatte ich ganz vergessen. Es ist Weihnachtsmarkt! Scheiße!!! Was mache ich denn jetzt?“
Diese Ansammlung von Holzbuden und Kirmesständen erzeugt unweigerlich Brechreiz bei mir. Was zum Henker soll an diesem Scheiß so toll sein? Ich brauche weder dicke Socken, noch teflonbeschichtete Pfannen und erst Recht keine Familiennamen-Türschilder aus Salzteig. Es bleibt mir verschlossen, was Crépes, Airbrushtattoos, Salmiakbonbons und Staubsaugerbeutelimitate mit unserem heiligen Weihnachtsfest zu tun haben. Der ganze Scheiß hier ist doch nichts anderes als ein türkischer Flohmarkt auf ´nem Lidl-Parkplatz, nur mit Glühwein.
Glühwein! Der Name müßte schon unter Strafe stehen. Billige Traubenaussaat aus einem Tetrapak mit Orangenscheiben, Zimt und Speichel des Budenbesitzers, da er nach dem Umrühren mit der Kelle gerne mal einen Schluck aus derselbigen nimmt. Ich kriege Herpes wenn ich nur daran denke. Ein paar Meter weiter sehe ich sie schon, die Ausgeburten der Santa Claus Hölle. Sie sehen städteübergreifend gleich aus, tummeln sich mit und bei ihresgleichen. Gruppen bestehen meist aus mehreren Zweierpärchen, die oft die gleichen Jacken tragen, vorzugsweise Jack Wolfskin oder Northface. Dazu noch für jeden eine rotweisse Nikolausmütze und fertig ist der Glühweinbudenspasti…
Sie stehen in Winterboots und Cargohosen an den Bierständen, saufen heissen Kakao mit Schuß oder irgend eine Scheiße, der Zimt beigemischt wurde um den Deckmantel der Weihnachtlichkeit über die Alkoholiker zu werfen. Im Hintergrund läuft die Leukämie unter den Weihnachtssongs, Last Christmas von Wham. Die Debilen schunkeln sich in Rage und geben von Stunde zu Stunde mehr von ihrer Selbstachtung ab in dem sie sich umarmen, knutschen und knuddeln als gäbe es kein Morgen.
Ich schleiche angewidert an den Freizeit-Rudolphs und ihren besoffenen Schlumpfinchen vorbei in Richtung Weinhändler. Unterwegs mache ich kurz halt um an einer mobilen Fettbude einen typisch deutschen, traditionell weihnachtlichen Hot Dog zu essen. Dafür ist der Weihnachtsmarkt gerade noch zu gebrauchen. Mit Currysoße und ´ner halben Zwiebel im Mundwinkel hole ich meine Bestellung ab, sechs mal Weiß, sechs mal Rot, zwei mal Dessertwein, einmal Rosé Champagner. Muss reichen für Heiligabend, wir sind ja schliesslich zu dritt, mit dem Koch sogar zu viert, das wird ein Fest!
Jetzt muß ich nur noch hoffen, daß ich einen Weihnachtsbaum finde, der nicht an die afrikanische Steppe erinnert und auch noch in mein Auto passt. Lichterketten, Lametta, Fleisch, Schnaps, Wein…., irgendwas habe ich vergessen. Zumindest habe ich das Gefühl als ob.
Keine Ahnung, war wohl nicht so wichtig. Wenn´s mir morgen wieder einfällt fahre ich halt nochmal los. Für heute reicht es mir jedenfalls. Ich besteige die blaue Rakete und fahre wieder in Richtung Nordstadt. Zu Hause werde ich bestimmt mal den Wein probieren während ich den Baum schmücke, Frank Sinatra´s Weihnachts-CD läuft im Hintergrund und Wanda gähnt zufrieden. Eigentlich ist Weihnachten gar nicht so Scheiße. Kommt halt drauf an, was man daraus macht…

3 Kommentare

  1. Simon
    Dez 24, 2011

    Herrlich geschrieben! Thx!
    Feier schön! Die passenden Zutaten dafür hast du ja. Und natürlich: Glückwunsch zum neuen gebrauchten Auto :-)!

  2. MARCO(velo kitchen)
    Dez 24, 2011

    Hallo Sascha,
    hab jezt schon öfter was von dir gelesen und wollte nur ma sagen, dat ich dat auch gut finde wat da stand!!!
    ansonsten schöne feiertage und nen guten start ins neue jahr.
    glück auf.

  3. Queenn Esra
    Dez 22, 2012

    Hahaha, seit wann gibt es
    „türkischeFlohmärkt“..? Es ist deswegen nicht
    Schlecht, weil wanda zufrieden gähnt…:P
    Schade, das man den weihnachten so empfindet…
    Aber es verläuft sich so besser!

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