Es sind die kleinen Dinge…

Jaaaa, du dämliches Arschloch, ich fahre ja schon! Meine Kupplung ist mittlerweile so runter geschliffen, daß der Escort knappe zehn Sekunden braucht um sich über die Haltelinie der lokalen Ampeln zu schieben. Zehn Sekunden hört sich jetzt nicht unbedingt lange an, ist es aber. Das sieht man auch an den Gesichtern der Fucker in den Autos hinter mir. Von ungläubigem Kopfschütteln über Mittelfinger zeigen bis hin zu Todesdrohungen mit Anspucken der eigenen Windschutzscheibe von innen ist alles dabei. Ich kann´s ja nachvollziehen, ich selbst würde das niemandem ungestraft durchgehen lassen.
Doch das juckt mich heute alles nicht. Schreit euch die Lungen wund oder sterbt an einem Hirnschlag während ihr euch über mich und meine Scheißkarre ereifert. Ich bleibe ganz locker und male mir nicht einmal aus wie ich euch mit meinem Radkreuz den hohlen Schädel öffne…
Ich bin tiefenentspannt und freue mich selbst über Kleinigkeiten. Den lustigen Hut von dem Penner, der gerade an die Mülltonne neben dem Kiosk pisst. Die beiden fickenden Rauhhaardackel neben der U-Bahn Haltestelle und sogar Klapperklaus, der in ungewohnt schickem Trainingsanzug vor´m Café Max steht und auf seinen Kiez aufpasst. Alle bekommen heute ein Lächeln von mir, zumindest ein wohlwollendes nettes Gesicht, mehr als man sonst erwarten darf. Ich bin sogar so gut drauf, daß ich der Politesse im Vorbeigehen einen Groschen vor die Füße werfe. Sie findet das nicht so lustig, obwohl sie es ja eigentlich kennen müßte, immerhin ist sie eine Frau, die ihr Geld auf der Straße verdient. Egal, ich will mich nicht mit Spitzfindigkeiten aufhalten. Heute ist ein schöner Tag, den lasse ich mir nicht vermiesen.
Was ist eigentlich so besonders an diesem Tag? Ich hatte heute morgen den gleichen Kaffee wie sonst, hab dazu die gleiche Gitanes geraucht wie sonst und mußte danach auch sofort kacken wie sonst. Das selbe Auto vor der Tür, die Sonne schien auch wie üblich nicht und auch sonst war es eine typische Murmeltier-Bill-fucking-Murray-Woche. Okay, es kam ModernWarfare3 für die xBox raus aber das ist ja kein Grund gleich vor Freude zu tanzen.
Nein, der Grund ist ein ganz simpler. Mein Fahrrad ist endlich fertig! Also komplett, neue Kettenspanner, Vorderrad, neue Mäntel und auch sonst sieht das Velo aus wie geleckt. Woher dieser Ausspruch kommt, kann ich mir schon vorstellen. Besonders wenn man an das Gesicht einer Frau nach vollzogenem Cunnilingus denkt, liegt es nahe, solche Vergleiche anzustellen.
Vor einigen Jahren noch hätte ich mir nicht vorstellen können, mich mal so über ein Fahrrad zu freuen. Es ist nicht nur die praktische Seite, die unter Wegfallen der Parkplatzsuche und höherer Mobilität bei mir auftrumpfen kann, sondern auch und eigentlich die hauptsächliche, die damit verbundene Gemeinschaft mit anderen Fahrrad-Begeisterten. Zeitungen, Online Magazine oder billige Fernsehreportagen würden das „Lifestyle“ oder „Szene“ nennen und damit nicht mal an der Oberfläche der Empfindungen kratzen, die das Ganze bei mir auslöst. Weil es mehr als das ist. Mehr als bei einem isotonischen Durstlöscher über die Anzahl der Zähne des Kettenblatts zu fachsimpeln. Mehr als mit Satteltaschen am Gepäckträger und der Frau oder Freundin ins Wochenende zu radeln. Mehr als ich es mir jemals erträumt hätte.
Ich habe auf dem…, nein, auf diesem Fahrrad Leute kennengelernt, deren Bekanntschaft ich durch nichts eintauschen möchte. Geisteskranke, Verrückte, Besessene, Freunde! Ich kann mich noch sehr gut an mein erstes Fahrrad-Polo Spiel erinnern, bei dem ich vorher dachte:
„Was für ein Schwachsinn, egal, ich probier´s mal aus!“
Nach etwa zehn Minuten war ich so angefixt von diesem Wahnsinn, daß ich genau wußte, ich komme so schnell nicht mehr los davon. Eine alte, löcherige, aus Beton und Glas bestehende Halle in der nördlichen Hafengegend von Dortmund war und ist der Treffpunkt in Sachen Polo und allem, was damit sympathisiert und befreundet ist. Manchmal fahre ich allein dort hin, drehe meine Runden auf dem Polofeld und übe Torschüsse oder trinke einfach nur ein paar Flaschen Kronen Pils oder auch mal Radler, falls mein Besuch auf einen Sonntag fällt und der Vorabend mich dementsprechend fertig gemacht hat. Meist trudeln aber auch andere Fahrer und Fahrerinnen ein, die einem schnellen Spiel drei gegen drei nicht abgeneigt sind oder einfach mal schauen wollen, wer so da ist. Eine nette Truppe, angefangen bei recht jungen, noch die Schulbank drückenden, Typen über Fahrradkuriere und Velosammler bis hin zu Vollzeitpoloprolls, die aussehen, als hätten sie an ihrem Rad eine Anhängerkupplung oder Zigeunerhaken, wie wir in der Nordstadt sagen, um einen Wohnwagen anzuhängen falls man mal nach Holland in Urlaub will. Es sind Charaktere, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch verbindet sie die Liebe zum Rad und den damit zusammenhängenden Gemeinsamkeiten und Aktivitäten. Hier sucht man vergeblich nach Radlerhosenanzügen mit Telekom Aufdruck und Clickpedalen oder Aufklebern á la „Finger weg, mein Rad ist registriert“ und dem ganzen „Strahler-Katzenaugen-Trinkflaschen-Gedöns“.
Wenn sich die Sonne langsam dem staubigen Boden der Nordstadt nähert werden auch die Lichtverhältnisse in der Halle so schlecht, daß ein natürliches Ende des Spieltages naht. Ähnlich wie in Kindertagen, als ich zu Hause sein mußte wenn die Laternen angehen, fahren auch hier alle „Kinder“ gemeinsam nach Hause. Man startet zusammen im Convoy, vorbei an den rostigen Hafenkränen und Containern, Büdchen und Dönerbuden durch die Dortmunder U-Bahnstation am Hauptbahnhof in die Innenstadt. Man kehrt in kleinen Kneipen ein, stattet der Hirsch-Q einen Besuch ab oder versackt mit der ganzen Truppe bei „Ernie´s“, einer Gaststätte, die ihresgleichen sucht.
Lachende, durch Jägermeister manchmal auch verzerrte Gesichter, sitzen nebeneinander, fachsimpeln, lallen, singen und zelebrieren Freundschaft in Vollendung.
In diesen Kneipen, diesen Momenten, diesen Tagen, Wochen und Monaten habe ich Dinge erlebt, die mich mit Zufriedenheit nährten und mich erfolgreich von dem Übel des Zeitmangels, der Überanstrengung durch Frondienste und all den anderen Zwängen der Gesellschaft kurierten und für echte Erholung sorgten.
Der einzige Nachteil ist momentan für mich, daß gerade das Ende der Radsaison beginnt. Es wird kalt, feucht und somit immer seltener, daß man das Velo ausführt. Aus diesem Grunde habe ich mir jetzt auch einen Rollentrainer gekauft und ins Wohnzimmer gestellt. Jetzt kann ich auf meinem Baby sitzen, aus dem Fenster die Illusion der Aussenwelt aufschnappen, Fernseh gucken und wenn ich freihändig fahre, dabei sogar noch Call of Duty zocken…., ich bin so froh!

6 Kommentare

  1. Komander
    Nov 15, 2011

    Auch wenn ich es selbst leider nur sehr nicht zufriedenstellend und sporadisch schaffe, mit euch zu zocken und nen schnelles Pils zu trinken, kenne ich von den eher kurzen Zusammentreffen mit dieser Gruppe von Leuten doch genau das Gefühl, was du hier schilderst – und das ist tatsächlich ein sehr positives. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich an der frischen Luft bewegt. 😉

  2. Otti
    Nov 15, 2011

    Solltest Du heute Abend wieder freihändig fahre und dabei Call of Duty zocken, dann funk mich mal via XBL an, in der Spätschicht fehlen einem immer die Mitspieler! Btw., wie immer sehr schön geschrieben! *ThumbsUp*

  3. Steffi
    Nov 15, 2011

    Wer „Ernie’s“ sagt, muss auch „Fledermaus“ sagen!

  4. Dinonisus
    Nov 15, 2011

    Gefällt mir was es hier zu lesen gibt! Da schaut man doch immer mal wieder gern vorbei.

  5. OneWomanFreakShow
    Nov 15, 2011

    Ich habe Deinen Beitrag wie üblich verschlungen und teilweise herzlich gelacht! 🙂

    Cheerz!

  6. MiWi
    Nov 29, 2011

    Wie immer traumhaft ! Sprichst mir aus der Seele. Auch ich bin verdammt glücklich über dieses blöde Gestell mit zwei Räder so viele interessante Leute kennen lernen zu dürfen. Wat freu ich mich euch am Sonntag wieder inne Halle zu sehen ! 3-2-1…

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