Hass, Hass, Hass!

Das Dreckswetter geht mir jetzt schon so was von auf die Eier, daß es mir schwer fällt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, oder wie auch immer das heißen mag. Ich werde morgens wach und höre die Tropfen gegen mein metallenes Fensterbrett prasseln. Ein Zeichen dafür, daß ich einzig und allein beim Zähneputzen ein Gesicht machen werde, daß man für ein Grinsen halten könnte.

Ich kann da einfach nicht aus meiner Haut. Ich bewundere auch nicht die Menschen, die sich morgens mit einem Satz an ihr Spiegelbild motivieren können. Mitleid ist wohl passender für diese „Chaka-Du-schaffst-es-Arschlöcher“. Warum muß man allem etwas Positives abgewinnen, wenn was Scheiße ist, dann kann man es auch Scheiße finden! Es würde mich viel zu sehr einschränken wenn ich jedesmal frohlocken sollte, nur um meinen Attacken der schlechten Laune zu entkommen. Da lasse ich mich lieber treiben, anstecken vom Hass, der mir wie ein brennendes Schwert die Speiseröhre hochkriecht und bereit zu sein scheint, jedes im Ansatz aufhellende Stimmungshoch auf die hinteren Plätze zu verweisen.

Der Regen wird nicht schwächer. Er wird nicht stärker. Es scheint als würde ein verrauschtes Testbild als zweiter Layer über die Realität gelegt werden, verdammt dazu, den Rest des Tages das Originalbild zu verfälschen und auf ein Minimum an Erträglichkeit zu reduzieren. Die Farben draußen sind nicht einfach nur grau und stumpf wie in einem Negativabzug eines Rosamunde Pilcher Films, sie sind eher sepia oder hornhaut-umbra. Auch die Bäume und Sträucher wirken eher wie Unkraut auf mich und lassen biblische Dornbuschbrandgedanken aufkommen.

Es sind manchmal nur Momente, manchmal Tage, manchmal ganze Wochen, die sich wie gefühlte Misantrophiedekaden über mich werfen, mein Weltbild beeinflussen und Gedanken hervorrufen, die Schopenhauer wie Seneca aussehen lassen. Doch was genau ist es dann, das meinen Hass auslöst, sich in meine Schussbahn setzt und unbedingt von mir gedanklich penetriert werden will?

Es sind anfänglich meist ganz banale Dinge. Das erste, das mein Auge trifft, ist eine willkommende Zielscheibe. Ich gehe aus dem Haus und sehe die Werbeblätter aus meinem Briefkasten quellen, im Winde wiegend und scheinbar nach mir winkend rufen sie mich mit ihren Rabattversprechen und Skontoangeboten, die mich mittlerweile nur noch langweilen. Ich beachte sie nicht einmal richtig…, stelle mir jedoch vor wie mein Briefkasten mit eisernen Fangzähnen dem Hiob des Postdienstes die Finger zerschreddert. Vor meinem Haus wartet mein Auto. Ein Fahrzeug, welches ich jeden Morgen mit verächtlichen Blicken strafe, als ob es etwas dafür könnte, daß es sich nicht über Nacht in einen Range Rover verwandelt hat. Wenn man erst einmal im Auto sitzt, dauert es nicht lange, daß man weiteren Gesprächsstoff, oder in diesem Falle Hassstoff, findet, an dem man sich hochziehen kann. Der obligatorische Druck auf den „On“-Knopf des Radios dreht an den Zahnrädern meines vernichtenden Mahlwerks der selektiven Ablehnung.

1Live! Ich kann mich noch daran erinnern als der Sender on Air ging und Deutschland und vor allen Dingen der „Sektor“ einen neuen, hippen, jungen und unabhängigen Äther sein Eigen nennen durfte. Heute ist der Scheiß zu dem selben Klump degeneriert, den man aus jeder Lokalfunke kennt. Flache Wortwitze, die als billige Überleitung zum nächsten Song missbraucht werden, erfundene Lichtgestalten der Comedy, wie Jimmy Breuer, die dann tatsächlich große Hallen füllen, Telefonscherze, die schon zehn Jahre zuvor bei den englischen Mentor-Sendern nicht mehr witzig waren und gealterte Moderatoren, die ihre persönlichen Verfehlungen wieder wett machen wollen indem sie sich mit den Nachnamen anmoderieren lassen. By the way, you hipsters! „Der Dietz“ kann mich mal am Arsch lecken und „dem Bug“ könnte ich täglich einen vor denselbigen schießen…, nur „die Backhaus“ würde ich vielleicht mal ficken. Aber nur wenn ich voll bin!

Ich lass das Radio aber an, es wäre sonst zu friedlich in meinem fahrenden trojanischen Hasspferd, daß mich an meinen Arbeitsplatz geleitet. Vorbei an den Werbetafeln der Großkonzerne, den Hinweisen der Bäckereien, die mir mitteilen, daß ihr beschissener Umsatz wieder einmal dazu führte, daß sie sich einen neuen Namen für ein neues Gebäck ausdenken mußten um von eben jener Misere abzulenken. Als wäre der „Jogi“ für eine Laugenbrezel und das „Wuppi“ für wasweißich nicht schon Strafe genug für jede Bäkomafiafiliale.

Ich muß mich beruhigen, denke ich so bei mir und beiße in mein Mettbrötchen, daß ich mir heute ausnahmsweise mal mit doppelt Zwiebeln belegen lassen habe. Ja, wenn ein Kunde heute die Zunge gepierct haben will, dann soll er etwas opfern dafür. Und wenn ich ihn nur auf dem olfaktorischen Wege ficken kann, dann ist mir das auch recht! Wie viele vergammelte Mäuler, kariöse Zähne und gyrosbehangene Kauleisten mußte ich mir in den sechzehn Jahren meines Piercerdaseins reinziehen…, und das im wahrsten Sinne des Wortes? Frauen, die riechen als hätten sie den New York Marathon gerade mit Frotté-Unterwäsche beendet, wollen ein Intimpiercing und wundern sich dann, wenn man sie nach Hause schickt um duschen zu gehen. Du Drecksau! Ich geh sogar duschen bevor ich zum scheiß Zahnarzt gehe! Was ist mit dir nicht in Ordnung?

Egal, heute kriegt sie jeder aufs Maul von mir, wenn auch nur verbal. Man kann nichts richtig machen, jeder hat direkt verschissen. Das Mettbrötchen schmeckt wie Inge Meisel und ich plane während des Kau-Schluck-Vorgangs einen Molotowangriff auf die Kamps-Filiale. Meine Rache für Gülcan!

Ich merke wie sich meine Laune zusehends verschlechtert und mein Hals kurz vor der Eruption steht. Die Gedanken werden wirscher und wirscher und ich beginne mich um meine geistige Gesundheit zu sorgen. Ich darf den Wahnsinn nicht von der Leine lassen, muß mich selbst maßregeln und konditionieren. Es muß doch eine Lösung geben für diese Anfälle, eine Art Heilmittel oder zumindest ein Sedativum um das Gröbste in Watte zu hüllen. Ich kann mir ja nicht jedesmal mit ´nem Dachdeckerhammer vor die Stirn schlagen oder meine Zunge an die Autobatterie pressen um mich zu beruhigen.

Vielleicht sollte ich anfangen zu schreiben, meine Gedanken auf Papier oder auf Festplattenspeicher festhalten. Das soll helfen. Ach, drauf geschissen, ist doch auch nur Zeitverschwendung….

 

14 Kommentare

  1. Sebastian
    Okt 27, 2011

    Amen…

  2. steffi
    Okt 27, 2011

    Sorry, aber bis du nicht wenigstens einmal menstruiert hast, hast du keine ahnung, was misanthropie ist.

    • Sascha
      Okt 27, 2011

      Weit gefehlt, liebste Steffi! Ich kann es mit jedem von euch blutleeren Hassmonstern aufnehmen…., be prepared! 😉

      • steffi
        Okt 27, 2011

        …And then you woke up!

  3. der Wiener
    Okt 27, 2011

    so viel Wahrheit und genial verpackt!! Beim Lesen gute Laune bekommen. Weiter so Sascha.

  4. Petra
    Okt 27, 2011

    Ich finds geil und freu mich jedesmal wenn es was Neues gibt.Weiter so!!!!!!

  5. Sheila
    Okt 27, 2011

    Ich muss immernoch wegen dem inge-meisel-mett lachen… Danke dafür! Es liest sich gar köstlich!

  6. dennispluemer
    Okt 27, 2011

    lieber sascha, ich möchte noch ein kind von dir.

    • mapim
      Okt 30, 2011

      Ihre Nachricht …Misanthrop musste ich erst mal googeln. Es ist immer wieder schön wie du meinen Horizont erweiterst lieber Sascha

  7. Der Große Bruder
    Okt 30, 2011

    Und wieder hast du mich zum lachen und zum überlegen gebracht,wie immer sehr gelungen…….! Mach bloß weiter so. Freue mich auf Montag bis dann!

  8. Olli
    Nov 1, 2011
  9. Steph
    Jan 7, 2012

    Ein hervorragender Text,der mich wohl nur
    aus persönlicher betroffenheit noch mehr überzeugt,
    als aus schriftlicher.

    Eines bleibt jedoch anzumerken….wie konnte
    der herrliche 1Live Moderator Mike Litt ausgelassen werden?
    Der Name hat doch Sprengkraft.
    Vielleicht war´s ja zu naheliegend.

    Habe herzlich gelacht
    Dankeschön

  10. el-flojo
    Mrz 5, 2012

    Hass hilft immer.
    Und du hast dir nen neuen Stammleser eingefangen!

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