Una Cerveza por favor!

Es ist jetzt 13.56 Uhr Ortszeit, Cala Rajada/Mallorca. Nicht gleich die Augen verdrehen, es ist eigentlich eine sehr schöne Insel. Wenn man in einem der billigen Orte in einem billigen Hotel eincheckt und sich dann die Zeit nimmt, die wirklich interessanten Sachen auf eigene Faust zu erkunden.
Ich musste hier schnell raus, Leihwagen, Leihmotorrad oder Leihfahrrad, egal, nur raus hier. Weg von den Pärchen in Trekking-Sandalen und Bauchtäschchen, weg vom Hotelbuffet, daß sich nicht nur alle zwei Tage wiederholt sondern auch an Geschmacklosigkeit nicht zu unterbieten ist. Die dicken, ungefickten Weiber, die sich in Dart- und Kegelclubs aufs Eiland wagen und beim Dessert dreimal nachholen, sich aber bei jedem Bissen darüber aufregen, daß es aber gar nicht so schmeckt wie in Deutschland, machen mich fertig. Das mag übrigens daran liegen, daß wir hier in Spanien sind. Den Umkehrbeweis kannst du auch erbringen wenn du einen Spanier beobachtest, der in Deutschland Tapas bestellt und ausser Kopfschütteln keine wirkliche Reaktion übrig hat für unsere Version vom „original spanischen Essen“.
Das Hotel, in dem ich gerade am Pool sitze, heisst „Diamant“ und hat drei Sterne, was in Spanien bedeutet, daß die Kakerlaken hier Pantoffeln tragen und vorm Betreten des Zimmers anklopfen. Der Pool ist zwar eklig aber praktisch. Man braucht nur einmal reinspringen und hat von den anderen Hotelgästen genug Sonnenmilch abbekommen, daß man sich keine eigene mehr besorgen muß….
Moment, am Nebentisch sitzt eine Gruppe „Frauen“, die sich gerade das Maul über mich zerreißen, ich muß intervenieren. Gespannt lausche ich dem Gespräch und vernehme Wortfetzen wie:
„…volltätowiert…ekelhaft….das wäre mir zuviel…war bestimmt im Knast…Fremdenlegion“…
Ich nippe an meinem Plastikbecher mit dem All-Inclusive-Bier und gehe zu den Damen rüber um ihnen das Lachen aus dem Hals zu reissen:
„Mädels, ich wollte so aussehen, das habe ich mir selbst ausgesucht, welche Ausrede habt ihr denn für euer Äusseres? Obwohl nicht nur der Zahn der Zeit sondern ein ganzes Gebiss an euch genagt haben dürfte, bin ich nicht zu euch rüber gekommen und hab gefragt, warum ihr so schlecht rasiert seid oder warum der Hals von Ulla aus Braunschweig mich an ein Akkordeon erinnert. Mich stört es nicht, daß ihr nicht tätowiert seid, warum könnt ihr nicht wenigstens anstandshalber so tun, als fändet ihr mich vollkommen normal? Ich kann´s doch auch….“
Betretenes Schweigen übermannt die Gruppe und eine vorgetäuschte Ohrfeige lässt die vier germanischen Amazonen kurz zusammen zucken und zerstreut jegliche Zweifel am Grad meines Angepisstseins. Im Weggehen bemerke ich wie Ulla an ihrem Kehlsack zupft und auch die anderen Mädels scheinen recht angetan von meinem Engagement meinen Ruf zu schützen. Sie atmen tief durch und bestellen einen weiteren Batida de Coco mit Kirschsaft…, wahrscheinlich um ihre Fehlbarkeit in Promille zu ersäufen, mir solls recht sein.
Den Rest vom Bier geext und einen auf 114 Dezibel getrimmten Rülpser hinterher schickend mache ich mich auf den Weg zum Autoverleiher. Das Aufstossen war nicht gut getimed und die Möchtegern-Paella drängt in die Freiheit.., das sind die Momente, in denen man die vorderen Schneidezähne wirklich zu schätzen weiß, sie halten das Gröbste zurück.
Ich habe die Wahl zwischen einem Neuen, weißen Ford Fiesta und einem ziemlich verwegenen Motorrad, dessen Vorderrad mich an die Intermediates von Vettel erinnert. Ich entscheide mich für den Ford, diese verfluchte Marke verfolgt mich. Egal, für 35,- € pro Tag ist das in Ordnung und dieses Gefährt, daß komischerweise immer noch den Neuwagenduft von Autohäusern versprüht, wird mich wenigstens sicher nach Palma bringen.
Die Fahrt ist entspannt, beruhigend aufgrund der Sehenswürdigkeiten und Landschaften, die sie am Fahrbahnrand für mich bereit hält, und recht kurzweilig, da Palma nur knappe 80 Kilometer vom Sonnenlotionpool entfernt ist. Unterwegs überholt man Fahrzeuge, die in Deutschland beim TÜV direkt eingezogen und ins Museum gestellt werden würden. Palma selbst ist ein Kracher, damit hatte ich nicht gerechnet. Die Kathedrale, die kleinen Gassen und Eckcafés, die unverschämt attraktiven Bewohnerinnen und das leckere Essen haben mich umgehend in ihren Bann gezogen Hier möchte ich die nächsten Stunden verbringen und wirklich und wahrhaftig Urlaub machen. Natürlich läuft man auch hier den Ullas und Wienfrieds aus den besagten Hotels über den Weg, der Grad der Konfontation beschränkt sich aber auf das aus Deutschland bekannte Anglotzen und Kopfschütteln. Damit kann ich umgehen.


Rinderfilet mit kleinen Kartöffelchen und Mujo-Soße verbinden sich in meinem Magen mit dem fabelhaften Rioja und lassen mich befriedigt glucksen während ich die flanierenden Spanierinnen beobachte, die an Lässigkeit und Bräune niemals zu überbieten wären. Ich mag das. Rumsitzen, essen, trinken, beobachten und ab und zu unbemerkt furzen, das ist echter Urlaub. Nur schade, daß die Zeit so schnell vergeht. Um 20.00 muß der Wagen wieder im Heimathafen andocken, erinnert mich die AIDA im Vorbeifahren am atemberaubenden Hafen, in dem ich mir auch ein eigenes Böötchen gut vorstellen könnte. Ich fotografiere noch ein paar Graffitis an den historischen Gebäuden und wundere mich, wie viel Scheiße auf eine 16 Gigabyte-Karte passt, bevor ich mich wieder auf die MA-15 mache, eine Art Autobahn, die ihren Namen nicht wirklich verdient und mich irgendwie an die Nachrichten aus dem Kosovo zu Kriegszeiten erinnert. Überhaupt ist das der Tenor auf Mallorca und den anderen spanischen Inseln. Alles sieht aus wie nicht fertig gestellt. Überall Baukräne und Arbeiter, Absperrungen und Gefahrenhinweise, aber nichts passiert. Na ja, bei täglichen 35 Grad Celsius, die einem der Osram hier täglich auf den Helm zimmert ist es nicht weit her mit dem Enthusiasmus, Projekte ernsthaft zu Ende zu bringen. Drauf geschissen! Morgen ist mein letzter Tag auf der deutschen Enklave und ich sehne mich bereits nach Zucht und Ordnung, die ich zu Hause zwar wahrnehmen aber nicht befolgen werde….
Urlaub ist was Schönes. Zu Hause ist aber besser. Das merke ich deutlich, jedes Mal. In Dortmund kann ich mit den Afrikanern feiern ohne Sonnenbrillen-Fakes zu kaufen und die Scheisserei nach dem Essen hält sich auch in Grenzen. Das ist kalkulierbar und beruhigt mich irgendwie.
Nach der 16 Gigabyte-Karte werde ich jetzt noch testen, wieviel auf meine All-Inclusive-Karte passt. Das mag ich auch…, una Cerveza por favor!

6 Kommentare

  1. Nick
    Sep 24, 2011

    Die Kathedrale ist echt gewaltig…ich bezweifel aber das man sie mit Polaroid komplett festhalten kann?! Erneutes Kompliment an den Autor!!;)

  2. anja
    Sep 24, 2011

    DAS war das Beste in meiner Woche. Liebe Grüße an Ulla. Ich schwinge mit. Kehlkopfsackmäßig…..

  3. Der Große Bruder
    Sep 25, 2011

    UND WIEDER HAST DU MICH ZUM SCHMUNZELN GEBRACHT,ICH LIEBE DEINE TEXTE,FREUE MICH SCHON AUF DEN NÄCHSTEN……BIS DANN

  4. Serbe
    Nov 10, 2011

    toller auftritt, coole wahrnehmnung der insel!

    wann machen wir die insel unsicher?

  5. Dinonisus
    Nov 16, 2011

    Ich liebe die Insel auch. Besonders die Teile die nicht zugewuchtet sind mit Touristen!
    Sehr guter Text.

  6. iphone 5 cases
    Mrz 4, 2013

    I really like your writing style, fantastic information, appreciate it. Kennedy cooked the soup that Johnson had to eat. Konrad Adenauer.

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