Links vor Rechts?

Hubschrauberlärm über der Nordstadt, und das morgens um halb neun. Ich öffne nur sehr widerwillig meine Augen und blinzel durch die verkrusteten Sehschlitze in Richtung Fenster. Sehen kann ich ihn nicht aber er fliegt nicht über die Dächer sondern er scheint in der Luft zu stehen.
Ach ja, die Nazis sind wieder in Dortmund! Scheisse, ich muß gleich zur Arbeit und kann mir jetzt schon wieder bildlich vorstellen, wie lange ich brauche, um da anzukommen. Letztes Jahr waren es auf dem Heimweg sechs Straßensperren, sechs mal Ausweis zeigen, sechs mal aussteigen und mich durchsuchen lassen. Es war mir schon bewußt, daß ich rein optisch genau in das Beuteschema der Staatsbüttel passte, ich dachte allerdings, daß meine Wohnanschrift auf meinem Pass ausreicht um in die Nähe meiner Wohnung gelassen zu werden.
Nachdem der Geruch von frischem Kaffee meine Küche erobert hat, stehe ich vor meinem Fenster und beobachte den Hubschrauber. Die Sonne glitzert in den Scheiben und lässt ihn für einen Moment aussehen wie eine überdimensionale Libelle, nur ohne dieses hektische Hin- und Herfliegen. Ich merke wie ich lächel als die Sonne mein Gesicht berührt, es ist ein schöner Tag, trotz der braunen Horden vor meiner Tür.
Ich habe nicht vor, die ewig nachgeplapperten Argumente in meinen Kopf zu lassen, die die Stammtischpolitiker und Freizeitaktivisten an solchen Tagen zum Besten geben. Ich rege mich nicht über meine schönen Steuergelder auf, die für das Pack verballert werden oder sage Sätze wie:
„4000 Polizisten für so ein paar Idioten, dat is ja schlimmer als wie beim Fußball!“
Nee, ich sehe das Ganze aus persönlichen Gründen und durch meine eigene Erfahrung aus einer ganz anderen Perspektive. Damit meine ich wie gesagt nicht die Grundsätze dieser Aktion, wenn man sich schon als liberales Guidolein aufspielt, dann muß man auch den Ewiggestrigen dieses Recht der Äusserung zugestehen.
Ich denke da gerade eher an die kleinen und großen Jungs und auch Mädels, die sich gegenseitig Kameraden und Kameradinnen nennen. Die Leute, die in normalen Jobs arbeiten, deren Eltern Zahnärzte oder Lehrer sind, die im Mittelstand verwurzelt sind, einen zumindest messbaren IQ vorweisen können und eigentlich alles haben ohne sich beschweren zu müssen. Die Stiefeljungs mit den Glatzen und Bomberjacken sind Museumsware, verständlich wenn man bedenkt, daß man es in diesem Outfit heutzutage nicht besonders weit bringt, wenn man sich in der Dortmunder Nordstadt bewegt.
Nein, die heutigen Nazis denken, daß Che Guevara einer von ihnen gewesen wäre und tragen Pali-Tücher zum Zeichen der Verbrüderung mit Palästina gegen den Zionismus. Klasse, sonst den Libanesen auf die Fresse hauen und sie als Teppichflieger beschimpfen, aber wenn´s gegen Juden geht dann ist jeder ein Freund, der ähnlich beschränktes Gedankengut mit sich herumträgt.
Aber das ist genau das, was diese Szene so ausmacht. Sie ist verlogen. Man nehme sich ein paar Fakten und dann biegt man sich das Ganze so hin, daß es für die eigenen Zwecke brauchbar wird. Damit meine ich nicht die Skins, die heimlich beim Dönermann essen und nur Joints rauchen wenn ihre Kameraden nicht in der Nähe sind. Ich meine die ganzen Grundsätze und Regeln, nach denen Rechte leben, arbeiten und ihren gesamtdeutschen Alltag bestreiten.
Alles Fremde ist schlecht für das Vaterland, fremde Kulturen durchmischen unseren Genpool, die Herrenrasse muß siegen!
Ja klar, deine Mudder! Ganz abgesehen von der Tatsache, daß die meisten Durchschnittsrechten ihre Informationen zur Weltlage aus dem Fernsehen haben und diese dann auch nicht immer verstehen, wollen wir uns doch hier mal einen typischen Rechten des alten Schlags ansehen….
Seine Stiefel sind von Doc Martens. Die wunderschönen Boots mit der „oil, fat, petrol und alkali resistant“ Sohle werden in England produziert und machen einen schlanken Fuß. Ich arbeite mich mal nach oben vor…, die Hose ist meist eine Jeans, Herkunftsland USA. Darunter trägt man Boxershorts weil der Name zum täglichen Verhalten passt. Obenrum ein Fred Perry Polohemd, ein Tolles Teil, benannt nach dem ersten jüdischen Tennisspieler, der das Wimbledon Turnier gewann. Wahlweise ersetzbar durch Ben Sherman oder auch bei richtigen Prolls durch Lonsdale, die keine Läden mehr beliefern, die nachweislich an die rechte Szene weiter verkaufen, da sie einen Imageschaden durch Nazis nachweisen können. Zu guter letzt noch die Frisur. Kurzrasiert oder etwas getrimmt kommen die Skinheads daher, die früher erst Suedeheads hiessen und ursprünglich aus Jamaika nach England gekommen sind und sich in der Arbeiterklasse definierten und mit den kurzen Haaren eine Art Protest gegen die ollen 68er und Hippies starten wollten.Die ersten Glatzen waren also Schwarze, hörten Ska, aus dem später der Reggae entstand und trugen Klamotten, die aus aller Herren Länder kommen.
Was zum Teufel ist daran Deutsch? Was hat diese eigentlich sehr geile Musikrichtung und der stylische, ursprüngliche Klamottenstil zu tun mit den White Trash Assis in Lonsdale-Jacke mit blondierter Gabberfreundin und Kinderwagen in unserer Innenstadt? Was veranlasst jemanden „Ausländer raus!“ zu brüllen und dann auf der Betriebsfeier beim Griechen die Tochter des Besitzers anzugraben. Warum schwört man auf die deutsche Kultur und vermisst das angeblich so gründliche, saubere und elitäre dritte Reich wenn man nicht mal in der Lage ist die einfachsten historischen Daten der Geschichte zu nennen…, und damit meine ich nicht den 20sten April. Warum kleben gerade die derbsten Naziaufkleber auf der Heckscheibe eines japanischen Kleinwagens? Auf Konzerten und Treffen sind Spaghettifresser auf einmal die „Erben des Duce“ und Polacken werden zu Kampfesbrüdern der Ostfront…
Bei all diesen geistigen Verfehlungen und Defiziten in Logik, Umsetzung und Hintergrund der rechten Szene, kann man nur all zu gut verstehen und tolerieren, daß sich Jungs und Mädels treffen um für die NPD zu marschieren, demonstrieren und zu provozieren. Eine Partei, die die Lieder von Hannes Wader umschreibt und auf ihren Demos Ton, Steine, Scherben über Megaphon spielt. Eine Partei, die von Müllermilch und Birkenstock unterstützt wird und die selbst rechte Jugendliche und Skinheads als gutes Kriegs- und schlechtes Menschenmaterial bezeichnet. Bei all dieser Verwirrung ist das verständlich, finde ich.
Der Grund, in diese Szene zu gehen ist nämlich nicht der Fremdenhass oder die Sehnsucht nach Deutschland in den Grenzen von 1943. Der Grund ist LIEBE!
Die Szene ist Vater, Mutter, Geschwister und Freunde gleichzeitig und sie ersetzt diese auch nach kurzer Zeit.
Ich will damit eigentlich nur sagen, daß ihr, wenn ihr das nächste Mal einen Nazi seht, nicht gleich wieder euren stereotypen Gedanken freien Lauf lassen sollt. Geht einfach mal zu ihm oder ihr rüber und nehmt ihn in den Arm. Streichelt ihm über den rasierten Kopf, drückt ihm einen dicken Knutscher auf die tätowierte Stirn und sagt ihm, daß ihr ihn lieb habt. Denn sie sind wie wir und eigentlich wollen wir doch alle nur mal in den Arm genommen werden.
So, der Hubschrauber dreht ab und ich werde mal versuchen, zur Arbeit zu kommen. Unterwegs gibts bestimmt ein paar Möglichkeiten jemanden zu umarmen…, ich probiere es auf jeden Fall mal aus!

4 Kommentare

  1. Jens
    Sep 10, 2011

    Du sprichst wahr.

  2. Der Große Bruder
    Sep 10, 2011

    Ich hoffe du hast auch die umarmt die du nicht mochtest……….HAHA!!!!!

  3. FurioGiunta
    Okt 11, 2011

    So wahr….Sid Vicious war halt ein Hurensohn.

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