Mindestens haltbar bis…

Mindestens haltbar bis…

Nur noch ein paar Stunden und dann hab ich Feierabend, 19.00 schlägt für mich die Freiheitsglocke. Ok, morgen muss ich nochmal arbeiten aber da es sich dann nur um ganze vier Stunden handelt kann ich damit gut leben. Heute abend entspanne ich zu Hause, das heisst bei mir, daß ich mit Wanda eine Hunderunde gehe, mir was zu essen besorge und dann elektronische Medien auf mich einprasseln lasse. Zuerst das Internet. Ich lese Mails, checke meinen Blog, natürlich Facebook, dann noch etwas surfen und anschliessend ins Bett. Gegenüber meines Lagers hängt der Flachbildschirm an der Wand, wie der Altar des kleinen Mannes. Ich sehe nichts Bestimmtes, im Fernsehen läuft eh nur Scheiße, ohne 3Sat, arte, ZDFinfo und einsfestival hätte ich die Kiste wohl schon aus dem Fenster geschmissen.
Ich hab mir heute bei Feinkost Scholz eine schöne Vase Riesling gekauft und die werde ich mir nachher vornehmen. Dazu etwas Serrano Schinken, eine Sportzigarette und den bekackten Fernseher als Einschlafhilfe…, ich darf nur den Sleeptimer nicht vergessen sonst wache ich heute nacht wieder auf wenn die Wiederholung von TalkTalkTalk mit ihren überspitzten Amerikanisch-Deutsch Synchronstimmen versucht meine Synapsen weich zu kochen.
Ich war schon so lange nicht mehr Freitags feiern, irgendwie fehlt mir das. Mal wieder ein ganzes Wochenende, also Freitag und Samstag so richtig einen drauf machen. Obwohl…, früher hab ich drei Tage gesoffen und musste mich danach einen Tag regenerieren, heute saufe ich einen Tag und der Rest der Woche ist fast im Arsch. Ich werde alt und das merke ich, und zwar deutlich!
Es sind viele Dinge, die mir zeigen, daß ich nicht mehr 15 bin. Damit meine ich nicht die eindeutigen Zeichen wie der graue Bart, der mein Kinn unsicher macht oder der kleine Hintern, den ich früher Knackarsch nannte und heute gar nicht mehr weiß, welchen Spitznamen er jetzt noch verdient hätte. Es ist auch nicht die Tatsache, daß ich nach drei Stunden Fahrrad fahren die Treppen hochgehe als würde ich einen Achttausender ohne Sauerstoff besteigen. Nein.
Vielmehr ist es das Denken, daß sich gewaltig ändert und dir mit einem gezielten Faustschlag in die jugendliche Magengrube die fast 40 Lebensjahre verdeutlicht, die du auf dem Buckel hast. Manchmal erschrecke ich mich vor mir selbst. In Momenten zum Beispiel, in denen ich beim Betreten eines Clubs denke: „Oh Mann, das ist aber ganz schön laut hier!“ Oder daß man sich dabei erwischt wie man die alten, ausgetretenen Pfade seiner Eltern beschreitet und natürlich auch gleich noch die dämlichen Sprüche und Ratschläge adaptiert.
Letzte Woche zum Beispiel habe ich eine Unterhaltung zwischen zwei Mädels…, ich nenne sie hier mal Mädels, in der U43 belauscht. Eigentlich musste ich sie gar nicht belauschen, da sie so laut geredet haben, daß man zwangsläufig das gesamte Ausmaß der rhetorischen Entgleisung wie einen Erdbebenbericht in der Tagesschau vorgesetzt bekommen hat. Die eine, die etwas beleibtere von den beiden H&M-Grazien beschwerte sich lautstark über das Trinkverhalten ihres Freundes während die andere ihr, den leeren Kopf nickend, Recht gab.

„Ey, er is herbe süß, ja? Abba isch kann da nisch drauf wenn der immer so voll is. Letzten Saaaamstach, ja, da hat er mein Spumante gesoffen und noch den Bailey´s und nachem Kotzen hatta sisch mit meim Hello-Kitty-Slip den Mund abgewischt, ja? Der is voll der Freak, ja?
„Eeeescht? Isch würd den klatschen wenn das meina wär, ja!

Ich sitze direkt vor den beiden auf einem kleinen, zur Hälfte aufgeschnittenen Sitz und versuche durch das Lesen von Tags mein Lachen zu unterdrücken. Oder waren es Tränen, die ich zurückhalten wollte? Ich weiß es nicht mehr genau. Auf jeden Fall erwischte ich mich dabei, wie ich diesen Gedanken durch meinen Kopf schiessen sehe. Dieser Gedanke, der mir so bekannt vorkam und der mir auf die eindringlichste und schrecklichste Art und Weise verdeutlichte, daß ich alt werde, so denke, und ja…, so werde wie meine Eltern! Ich dachte:
„Die Jugend von heute! Das hätte ich mir damals nicht geleistet….“
Grauenhaft! Was kommt als nächstes? Werde ich schon morgen Papierschnipsel vom Bordstein mit meinem Krückstock in den Rinnstein schubsen? Werde ich den spielenden Türkenkindern von gegenüber den Ball wegnehmen wenn sie damit zu laut gegen die Garagentore schiessen? Werde ich auch bei meinen eigenen Kindern, falls ich sowas noch hinkriegen sollte, solche Verhaltensmuster an den Tag legen? Werde ich ihnen klarmachen, daß die Einhaltung von Regeln mit der Position ihrer Füße unter meinem Tisch zusammenhängt? Ich muß mich schütteln.
Nein, das werde ich nicht! Dafür bin ich doch viel zu locker! Oder? Wir werden es abwarten müssen. Ich werde mich selbst überwachen und kontrollieren, ob es sich verschlimmert und bei starker Veränderung des Krankheitsbildes sofort Gegenmaßnahmen einleiten. Es kann ja wohl nicht sein, daß ich hier zusehends altere und niemand etwas dagegen unternimmt. Na ja, ich mache jetzt erstmal Feierabend und freue mich ganz unbefangen und ohne Gedanken an mein Alter auf das Wochenende. Vorher muß ich noch kurz bei der Apotheke vorbei. Hab mir gestern beim Hausflur wischen irgendwie den Nacken verknackst…., ich denke, ein ABC Pflaster über Nacht und ich kann morgen wieder gerade gehen.

6 Kommentare

  1. tanja
    Aug 27, 2011

    Ach Sascha ist das wieder so herrlich…:DD bin ganz bei dir bei jedem deiner Gedanken! Hömmä hasse doll jemacht und wahr hasse och noch!
    Ich glaube übrigens nicht das du papierschnibsel mit dem Krückstock aufspießen wirst….ich denke du wirst sherrif und paßt schön auf deine nachbarn auf….liegst tagsüber schön am fenster , vor dir auf der fensterbank ein kühles blondes und ein spuckrohr im anschlag ;D

  2. Bruno Apollo
    Aug 27, 2011

    Das ist kein Schwachpunkt deines Superheldendaseins. Die Jugend zu verurteilen, welche selbst meines übermorgen 22 jährigen Erachtens nach ein stechenden Schmerz und Würgereiz in den ach so leeren Raum hinter den Augenhöhlen pflanzt.
    Würgereiz, Würgereiz… der primitive Abgrund liegt nah, man muss nur einmal „Würgereiz“ googlen, Ergebnis Nr.1 lässt Hoffnung sterben!

    Schöner Text! Bis dann… und bleib „Gesund“.

  3. mapim
    Aug 27, 2011

    Alda lass dich nicht durch den von X Diaries Medien getypten Jungendwahn fertig machen. Gemessen an den Standard Spießern bist du noch save 😉 Man darf Lebenserfahrung nicht mit Spießigkeit verwechseln. Mach dir Keinen Kopf und erfeu dich einfach an deiner durchaus in brauchbaren Umfang vorhandenen Lebenserfahrung. Alt werden wir alle. Wenn ich mir meine langsam aber stetig wachsende Bierwampe ansehe denke ich mir viel zu oft ,Los mapim schwing dich mal wieder auf deine 20 Zoll Schlampe und beweg dich. Aber dann lasse ich immer was dazwischen kommen, meist ist es Bier 😉 Ein Teufelskreis.

  4. Der Große Bruder
    Aug 27, 2011

    Freue mich immer sehr über deine Texte,mach weiter so!

  5. Nick
    Aug 28, 2011

    das spricht die flower-power-generation an, hat echten wieder-erkennungswert, in leichter ironie gewälzt, sehr ansprechender lese-stuff: find ich guuut!!!

  6. Tina M-K
    Aug 29, 2011

    Großartig 😉 du sprichst mir aus der seele!! Man wird alt, aber bitte auch niiieee mehr 18 sein!! sehr ansprechend, dass find ich auch.. liest sich mit einem großen schmunzeln im gesicht.. man möchte mehr davon lesen.. du solltest ein buch schreiben!!

    liebe grüße..

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