Nächste Fahrt rückwärts!

Es regnet. Seit Stunden. Unaufhörlich und wie aus Eimern, ich weiß nicht genau, warum es im englischsprachigen Raum Katzen und Hunde regnet, hier sind es jedenfalls keine Bindfäden sondern Schiffstaue.

Die Regentropfen auf der Scheibe liefern sich ein Rennen nach dem anderen, ich habe aufgehört Favoriten zu ernennen, da die Teilnehmerzahl langsam ins Unermessliche steigt und ich die Tropfen auch nicht mehr auseinander halten kann. Das Wetter sorgt für Flaute in der Ladenkasse, die Leute wollen sich anscheinend nur piercen lassen wenn die Sonne scheint obwohl sie dann mit dem frischen Schmuckstück eh nicht die Freuden des Sommers geniessen dürfen. Aber die Logik der Kundschaft bleibt mir seit jeher verschlossen….

Vielleicht ist auch eine Kirmes in der Nähe, hier in der ländlichen Gegend, in der ich gerade meine Arbeitszeit absitze, ist so eine Kirmes wie ein Magnet. Und das nicht nur für die Jugend. Kollektive Besäufnisse von Dart-, Kegel- und Sparclubs werden nirgendwo so exzessiv zelebriert wie auf der Kirmes.

Kirmes! Als Kind löste allein das Wort bei mir einen freudigen Schauer inklusive Gänsehaut aus. Drei tolle Tage standen mir bevor wenn in Iserlohn-Letmathe die Kilian Kirmes, benannt nach dem heiligen St. Kilian, aufgebaut wurde. Für die dörfliche Lage war diese Kirmes recht groß, dutzende Fahrgeschäfte, Los- und Wurfbuden, Schiessstände und Fresstempel reihten sich aneinander. Von Freitag bis Sonntag war ich da. Jeden Tag. Vom Anfang bis zum Ende. Montags war eigentlich auch noch was los, aber ich hatte die drei Tage zuvor so was von Vollgas gegeben, daß mir der Montag egal war. Da das Bierzelt überdacht war, konnte ich eh nichts von dem Feuerwerk sehen….

Die Finanzierung der drei Tage übernahmen meine Eltern. Kirmesgeld war das Zauberwort! Mein Vater zückte dann immer sein braunes Lederportmonnaie, das über die Jahre die Form seiner rechten Arschbacke angenommen hatte, da er seit 1973 darauf gesessen hatte, und steckte mir 100 Mark zu. Natürlich nicht ohne mir flüsternd verstehen zu geben, daß ich Mama davon nichts sagen sollte. Das gleiche machte meine Mutter. Sie kramte dann immer in der Küche in ihrer Handtasche und steckte mir 50 Mark zu. Natürlich versprach ich auch ihr, meinem Vater nichts davon zu erzählen. Wieso sollte ich auch…

Bewaffnet mit 150 Mark, einer Flasche Berendsen Appelkorn und der Bereitschaft heute alle sozialen Verhaltensmuster abzulegen und mich besinnungslos zu trinken, stapfte ich von zu Hause los. Ich war dreizehn und sehr wohl in der Lage zu Hause den aufgeweckten Sohnemann zu spielen, der gerne Karussell fährt und Zuckerwatte an seine Freundin verschenkt nachdem er ihr ein Lebkuchenherz geschossen hatte. Sobald ich jedoch das Haus verlassen hatte, mutierte ich zu einem asozialen Gesellschaftsterroristen, der sich nichts sehnlicher wünschte als auf 2,8 Promille am Autoscooter zu stehen und die Nationalhymne zu rülpsen.

Mein alter Ego fühlte sich wohl in Stretchjeans, Cowboystiefeln und Jackets mit Schulterpolstern. Die Haare an den Seiten nach hinten gegelt und eine Schachtel Marlboro unter das T-Shirt an der rechten Schulter geklemmt stand ich am Autoscooter und beobachtete die zahnlosen Mitarbeiter beim rückwärts einparken der kleinen Flitzer. So asozial, fertig und abstossend diese Typen das ganze Jahr über auch waren…., an diesen Tagen bekamen sie bewundernde Blicke von allen Seiten, denn auch wenn es niemand zugeben wollte, so hätte man doch gerne selbst einen Universalschlüssel aus Plastik mit Fuchsschwanz für alle Wagen gehabt und wäre gerne im Stehen mit einer Hand an der Antenne rasant an kleinen Mädels vorbei gefahren um ihnen ein Auge zu zu kneifen. Na ja, heute sammeln diese Typen Pfandflaschen im Park und die einzige Antenne, die sie noch anfassen ist der DVB-T Empfänger im Männerwohnheim.

Gut, daß ich damals nicht sofort meine Koffer gepackt habe, als ich das erste Mal das Schild „JUNGER MANN ZUM MITREISEN GESUCHT“ gesehen habe. Wie bei vielen Dingen des Lebens ist die Vorstellung ja meist schöner als die Realität. Für mich hatte das Schaustellerleben nichts mit harter Maloche und heimatloser Entwurzelung zu tun sondern war eher eine romantisch verklärte Mischung aus trinkfreudigem Zigeunertum und der ersten Folge von „Silas“ mit Patrick Bach…

Der Autoscooter war so was wie ein Treffpunkt der Trinkerelite in meiner Stadt und ich denke, daß dieses Phänomen sicherlich grenzüberschreitend für alle Dörfer gilt. Nach und nach trudelten alle ein und man merkte von Stunde zu Stunde deutlicher, daß man nicht mehr über sich selbst bestimmte. Etwas anderes hatte von mir Besitz ergriffen! Natürlich in erster Linie der Alkohol, denn nachdem man geschätzte 8 Dosen Hansa-Export mit einem Schraubenzieher aufgestochen und auf Ex geleert hatte, gab man gerne die Kontrolle in die Hände einer höheren Macht.

Allerdings gab es da noch etwas anderes auf der Kirmes, das angetrunkene Jungs und Mädchen zu Marionetten des Volksfestes machte. Die Rede ist von Hormonen! Spätestens nachdem die Sonne unter gegangen und die Kinderkarussells ihre Bleche runter geklappt hatten, wurde man zum Spielball des anderen Geschlechts. Der Treffpunkt verlagerte sich unbesprochen vom Autoscooter zum Schlager-Express. Hier war der hintere Teil blickdicht mit einer Plane verdeckt und man konnte hier nicht nur rauchen ohne von den Nachbarn gesehen zu werden sondern auch knutschen, so fern man eine adäquates Pendant gefunden hatte. Adäquat hiess in diesem Fall, daß sie nicht vorher gekotzt haben durfte oder wenn sie sehr attraktiv war, daß sie nach dem Kotzen ein Kaugummi gekaut hatte.

Das Knutschen im hinteren Teil des „Schlager-Express“ oder auch der Yuppie-Variante, der „Petersburger Schlittenfahrt“, folgte einem bestimmten Ritual, daß man automatisch übernahm ohne es zu hinterfragen. Die Mädels saßen auf dem Metallgeländer des Fahrgeschäftes und als Kirmesfreund stellte man sich davor zwischen ihre Beine und knutschte, rauchte und soff in dieser Position. Unterbrochen wurde dieses seltsame Balzen, daß Prof. Bernhard Grzimek sicher interessiert hätte, nur von Kurzbesuchen am „Hau-den-Lukas“, dem Stromschlagkasten und dem Boxautomaten. Hier war der Ort für den obligatorischen Schwanzvergleich der Männchen meiner Spezies. Es konnte durchaus vorkommen, daß sich manche Paarungen hier auflösten und neu gemischt wurden. Im Endeffekt war es ja auch egal vor wem man sich am nächsten Morgen ekeln musste…

Das Bierzelt weckte eigentlich erst mein Interesse als ich 16 oder 17 war. Da war die Zeit reif für ein Umdenken in meinem Trinkverhalten. Ich brauchte wesentlich mehr Bier und Schnaps als in den Jahren zuvor um den Zustand der Glückseligkeit zu erreichen und so entschloß ich mich gegen den Autoscooter, das Round-Up und all die anderen Laufstege der Eitelkeiten und für das Bierzelt.

Besser war die Gesamtsituation dort sicher nicht aber die Mädchen im Zelt waren zugänglicher und das Bier kam mehr oder weniger frisch gezapft im Glas. Als störend empfand ich lediglich die Grünröcke, Schützenvereinsmitglieder in Uniform. Das Hemd aus der Hose, die Krawatte gelockert und die Schirmmütze verkehrt herum, versuchten sie sabbernd im Rudel, die soeben eroberten Kirmesschnicksen abzuwerben. Die Erfolgsquote der Schützenbrüder war zwar verhältnismässig gering, jedoch nervte es ordentlich seinen Tisch und den daran sitzenden Fang alle dreißig Minuten zu verteidigen als wäre es ein imaginäres Aufzuchtrevier einer Wildschweinfamilie…., inklusive Grunzen und Beissen.

Schlägereien waren eh keine Seltenheit und da im Sauerland eine ordentliche Zeltwemserei quasi zum guten Ton gehört, trafen sich hier nicht nur Alkoholiker und Notgeile, sondern auch echte Iserlohner Streetfighter, die sich das ganze Jahr darauf freuten, dir die Schnauze einzuschlagen. Was sie dann meist auch taten! Besonders wenn es regnete und das Bierzelt total überfüllt war, weil keiner Bock hatte, sich den Arsch vollregnen zu lassen während man kopfüber im „Ranger“ festsaß, konnte es schnell passieren, daß Gläser flogen…

Apropos Regen! Der Regen hat aufgehört. Kundschaft kommt aber immer noch nicht. Ich werde jetzt mal Feierabend machen und noch kurz in die Innenstadt gehen, was essen und´n Bierchen trinken. Mal sehen, vielleicht ist ja wirklich Kirmes…

 

4 Kommentare

  1. Stefan
    Aug 19, 2011

    …………………passt wie Arsch auf Eimer;)

  2. Otti
    Aug 20, 2011

    Gewinne, Gewinne, Gewinne… gut geschrieben!

  3. Katí
    Aug 20, 2011

    Das trifft auch in meinem Kirmesherz ins Schwarze!

  4. teddyinlet
    Aug 26, 2011

    Leute, das stimmt wirklich, so habe ich „ihn“ kennengelernt…..;-)

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