Wake up…, now!

15.53 Uhr…., ich fasse es nicht! Gestern Abend hatte ich mir fest vorgenommen, heute sehr früh aufzustehen und dann alles endlich zu erledigen, was ich schon lange vor mir her schiebe. Dann sitz ich da im Bett, sehe auf die Uhr und denke:
„Oh, erst 22.43 Uhr. Da kann ich ja noch´n Stündchen wach bleiben und bin morgen immer noch fit genug, um gegen halb neun aufzustehen!“
Den gleichen Gedanken hat man dann in abgeschwächter Form nochmal nach einer halben Stunde, einer Stunde und weiteren dreissig Minuten. Ehe man sich versieht ist es 02.58 Uhr und man zwingt sich förmlich in die Schlafposition. Natürlich mit der begründeten Angst morgen früh auszusehen, als wäre man von drei russischen Gewichtheberinnen mit einem Strap-On vergewaltigt worden.
Ich habe also den Schlaf der Gerechten geschlafen und mittels diverser Einschlafhilfen war dieser auch angenehm traumlos. Ich hasse diese Aufwachphasen, in denen man erstmal zwanzig Minuten braucht, um festzustellen, daß man nicht beim Gassigehen zufällig im Gebüsch auf eine Plastiktüte voller 100€ Scheine gestossen ist, die jetzt immer noch unter dem Bett steht…
Nein, ich wurde einfach und abrupt von meinem Telefon bzw. dessen inne wohnender Weckfunktion, aus eben erwähntem, traumlosen Sabbern gerissen. Es war zur von mir selbst ausgewählten Uhrzeit, 08.30 Uhr! Ich entscheide mich für Tor3 und drücke die „Snooze-Taste“.
Snoozen! Schlummern! Late-Check-Out! Ich frage mich, während ich fast übergangslos in den Schlaf zurückkehre, wieviel Zeit ich wohl in meinem Leben schon versnoozt habe. Es müssen Zeiträume sein, die zusammengenommen wahrscheinlich eine Zeitspanne ausmachen, in der ich ganz locker nochmal meine Lehre absolvieren könnte. Aber wer will das schon?
Nicht nur, daß meine Lehre als Verfahrensmechaniker bei einer grossen deutschen Rüstungs…äh, ich meine Stahlfirma nah an die Traumata herankommt, die andere durch Vietnam bekommen haben. Nein, auch die Vorstellung überhaupt nochmal etwas absolvieren zu müssen, an dessen Ende eine Prüfung steht, macht mich mürbe. Ich hasse Prüfungssituationen!
Bei meiner Führerscheinprüfung war das nicht ganz der Fall. Ich hatte den Abend davor in meinen Geburtstag reingefeiert und der Restalkohol, der seinen Namen vollkommen zu Unrecht trug, da er Ganzalkohol hätte heissen müssen, sorgte für eine ziemlich lockere Herangehensweise. Ich hatte das volle Programm gebucht…, Auto und Motorrad, Theorie und Praxis…., besoffen! Ich bestand mit 2 Fehlern in der Klasse 3 Theorie und war ansonsten angst- und fehlerfrei beim Rest im Land der Erwachsenen angekommen.
Andere Prüfungen hingegen waren für mich immer ein Graus, die Abschluß- bzw. Gesellenprüfung meiner Lehrzeit, ist ein Paradebeispiel. Im Grunde genommen war die ganze Lehre eine Art Prüfung. Man musste morgens sehr früh da sein, was auf Arbeitsstellen ja desöfteren verlangt wird, mir allerdings nicht so ganz geläufig war, da ich durch meine Schulzeit oder vielmehr die Art, in der ich mir diese gestaltete, etwas verwöhnt war.
Der morgendliche Gang zur bekannten Stechuhr war immer wie ein kleines Golgata. Man schleppte sich mit 180 Anderen, schlecht gelaunten, unausgeschlafenen, aus dem Mund riechenden Leistungsverweigerern und 20 beschissen gut gelaunten, hellwachen, Caprisonne trinkenden Nerds durch das kleine, aus Backsteinen zusammen gehauene Pförtnerhäuschen, an der Stechuhr stechend, vorbei um auf einem Platz zu landen, der einen regen Betrieb an Gabelstaplerverkehr und Bildzeitungslesern zu bieten hatte. Beide fand ich Scheiße…
Das Betreten der Umkleidekabinen war leider notwendig um von Ballonseide Trainingsanzug auf Blaumann und von Adilette auf Stahlkappe zu wechseln. Freiwillig hätte man diesen Raum nämlich sonst nie betreten. Es stankt nach Schweiß, Metallspänen, Öl, Bohremulsion, Schweiß, alten Socken, Salamibrötchen, Schweiß und natürlich in erster Linie nach Schweiß!
Die Metallschränke, im Malocherjargon „Spind“ genannt, waren olfaktorische Massenvernichtungswaffen, die in der Umkleide wie in einem Endlager aufgereiht, ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Nur wir Idioten öffneten sie vor Arbeitsbeginn und nach Arbeitsende einmal kurz um ihre tödlichen Langzeitwirkstoffe freizusetzen. Zugegeben, eine ordentliche Nase aus dem Spind des Nachbarn mit zwei Wochen alten, knochenharten Socken, konnte einem die ersten Stunden der Arbeit etwas erleichtern…, es war wie das Poppers der Schlosser!
Wenn man aus der Umkleide angenebelt entkommen war, gab es direkt das nächste Genussgift. Der Kaffeeautomat war direkt im Nebenraum und so etwas in der Art wie der Geldspielautomat der Firma. Jeder stand davor um sein Kleingeld darin zu versenken obwohl das große Risiko bestand ohne einen Gewinn aus der Sache heraus zu kommen. Manche waren süchtig nach dem Automaten, sie sah man immer…, also wirklich immer nur an diesem Automaten, im Betrieb hat man diese Typen nie gesehen. Besonders beängstigend fand ich, daß man aus ein und derselben Düse einen heißen Moccachino und eine Hühnerbrühe oder Gulaschsuppe bekommen konnte. Die Hintergründe der Untiefen in der Firmenlogik hinterfragten wir nicht, wir waren Lehrlinge!
Lehrlinge mußten lernen und die Schnauze halten. Ich hatte extreme Probleme mit dem Akzeptieren einer Autoritätsperson, eigentlich bis heute. Ich konnte es einfach nicht ab, wenn mir jemand sagte, daß ich etwas so machen muß weil wir das schon immer so machen. Nenn mir einen plausiblen Grund und erkläre mir warum, dann mach ich es…, aber nicht so!
Die Einstellung kam besonders bei Ausbildern und Berufsschullehrern besonders gut an. Ich entwickelte mich schnell zum Stahlfeind Nummer Eins und wurde dadurch auch gerne mit Tätigkeiten belegt, die weniger begehrt waren. Lösungsmittel umfüllen, Schrottkisten leeren und Späne zusammenfegen. Das alles habe ich sichtlich schlecht gelaunt erfüllt und innerlich alte, südamerikanische Voodoo-Flüche verschickt.
Mittlerweile hat sich das etwas gelegt…, ok, mit Polizisten rappel ich manchmal noch aneinander. Dann aber nur wenn sie sich wirklich dämlich verhalten, den Oberlehrer machen oder meinen, ihre Sterne auf den Schulterklappen wären Bundesverdienstkreuze, die man für das Zusammenfalten unschuldiger Bürger bekommt…
Ich weiß nicht genau, was dann da bei mir passiert, meine Kehle schnürt sich zu, meine Augenbrauen berühren sich in der Mitte, Blitze kommen aus meinen Augen und ich verspüre den unglaublichen Drang, meinem Gegenüber einen Tunnel in die Brust zu schlagen.
Vielleicht sollte ich mal wieder in meinen alten Umkleideraum aus meiner Lehrzeit gehen, eine tiefe Nase aus einem Spind nehmen und mich damit wieder erden! Ach, scheiß drauf, ich glaube für den Moment reicht es erstmal aus, wenn ich aus dem Bett aufstehe…

2 Kommentare

  1. Atti
    Aug 17, 2011

    Geil, nach langem endlich mal wieder eine
    angenehm zu lesende Kurzgeschichte aus dem
    Leben! Bitte möglichst fix um Nachschub!!!
    Am besten wäre ein ganzes Buch davon.

  2. teddyinlet
    Aug 26, 2011

    Das Poppers der Schlosser, einfach geil…

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