Jeder Schuß ein Treffer!

Die Kaffeemaschine schnarrt im typischen Stakkato während ich mich mit schlafverklebten Augen durch die Wohnung taste. Im Wohnzimmer fällt gesiebtes Sonnenlicht durch die Jalousien auf den Boden. Darin tanzen die Silhouetten der Blätter der Birke, die vor meinem Haus wächst und die umstehenden Autos mit ihren Absonderungen verklebt. Wanda gähnt und reisst für einen Moment ihren Mund soweit auf, daß man fast vergessen könnte, daß es sich um einen Windhund handelt.

Ich ziehe die Jalousie langsam hoch, sehr langsam, da ich irgendwie Angst habe, das einfallende Licht könnte mich zu Staub zerbröseln lassen wenn es meinen Körper trifft. Der gestrige Abend hängt mir noch ziemlich in den Knochen, drei Liter Riesling mit vier Leuten ist keine Hochleistung aber da ich  in den letzten Tagen viel gearbeitet und wenig geschlafen habe, ist mein Körper im Reservemodus gewesen und fordert nun Ruhe ein. Ich bin halt auch nicht mehr fünfzehn.

Was ist das für ein Geräusch? Der Hinterhof, der zwar in der Nordstadt ist aber trotzdem an Berlin erinnert, hat eine extreme Akkustik. Jeder Ton wird von den gekalkten und teilverputzten Wänden zurück geworfen. Abends hört man manchmal eine einsame Sopranistin, die ihre Stimme zum Besten gibt oder auch mal ein Dortmund-typisches „Komm getz heä, fadammt!“ von meinen Nachbarn, die jeder Reality Soap den Rang ablaufen würden. Jetzt gerade hört es sich ein bißchen an wie in der Südkurve…, ach ja, Borussia ist Meister!

Ich muß heute dem kollektiven Wahnsinn entkommen, ich will nicht mit 15000 schwarzgelb gekleideten Menschen am Borsigplatz saufen. Wohin, wenn nicht hier bleiben?

Ich könnte ja in ein gutes Restaurant gehen und etwas für den Körper und die Seele tun. Oder mal wieder ins Solarium, ist gut gegen die Schuppenflechte, die mich seit Wochen wieder attackiert und meinen Arsch wie einen Fliegenpilz aussehen lässt. Oder ich gehe schwimmen. So ein Schwachsinn, ich hasse Wasser und könnte mir nichts dämlicheres vorstellen als jetzt alleine mit zwanzig alten Frauen mit Plastikrosen auf den Badekappen samt Poolnudel durch das überchlorte Becken im Südbad zu hechten. Was könnte mich entspannen?

Ich hab´s!

Schnell noch eine kurze Runde mit Wanda um den Block, kacken, pissen, schnüffeln, fertig. Tut mir leid, kleine Diva, du bleibst heute zu Hause im Körbchen und wartest auf mich. Ich schnappe mir meinen Perso, etwas Geld und steige ins Auto, daß unter dem üblichen Klappern vom Hof rollt. Die Autobahn ist trotz anstehender Meisterfeier schnell erreicht und ich gleite relativ zügig an den bekannten Ausfahrten vorbei. Hacheney, Schwerte, Hagen.

Hagen muss ich ab! Dann noch ein paar Kilometer durch die Wallachei und Ortschaften wie Breckerfeld und Zurstrasse, rechts in einen kleinen Waldweg und da sehe ich es direkt vor meinen Augen. Der Ort, der mir ein paar entspannte, unbeschwerte Stunden bereiten wird. Der Ort, der Männern nach einer Kneipe am sinnvollsten erscheint. Der Ort, an dem Testosteron, selbstgemachte Frikadellen und mörderischer Kaffee eine Allianz bilden um den Alltag einfach auszulöschen. Der Schießstand!

Ich parke meine überdachte Zündkerze neben und zwischen den ganzen Special Utility Vehicles á la Cayenne, Range Rover und X5, die von den hier trainierenden Jägern wie eine Reihe Pferde vor dem Saloon aufgestellt wurden. Auf den hochglänzenden Laderaumklappen der Wagen prangen Aufkleber von Eberköpfen im Profil oder Slogans wie „Eat, Fuck, Go fishing“. Ich schlendere unbeeindruckt und gut gelaunt zum Eingang. Hinter der verkratzten Glasscheibe steht ein unbekanntes Gesicht, daß mich mit schrecklichem, ostdeutschen Akzent nach den Gründen meines Erscheinens fragt.

 

„Ich hätte gerne eine Schrotflinte Kaliber 12/76, 250 Schuß Trapmunition und ein paar Mickey Mäuse für meine Ohren!“

 

Dabei schaue ich gelangweilt und benutze absichtlich das hier geläufige Wort für Gehörschutz um eine bißchen mehr nach Insider zu klingen. Ich war zwar schon hunderte Male hier zum Schießen aber diese Grünröcke und Sportschützen sind irgendwie eine ganz eigene Gattung, die sich mit Neuem und Neuen sehr schwer tut. Irgendwann habe ich aufgegeben, in Gespräche anderer einzusteigen, da diese meist eh prompt dadurch beendet wurden. Mit Tattoos bis zum Hals und einer Schrotflinte im Arm muss man in Punkto Diskussionskompetenz bei vielen Menschen Abstriche machen…

Der Grund hier zu sein ist also ein anderer. Ich möchte meinen Kopf leeren, nicht dem Gehirn sondern den Instinkten folgen, einfach abschalten. Was gibt es da besseres als mit einem lauten Knall zwanzig Zentimeter große, orangefarbene Plastikteller zu zerfetzen, die aus dem Boden geflogen kommen und sich von mir zu entfernen versuchen?

Gegen meinen Ausweis und eine Kaution bekomme ich die gewünschten Artikel ausgehändigt und stolziere nach oben, soll heißen in Richtung Trap Schießstand. Ich bin allein. Außer mir ist nur der Schießwart anwesend und auch das nur körperlich. Gedankenversunken nippt er mit leerem Blick an einer…, nennen wir es mal Tasse, Kaffee und gähnt zwischendurch. Die kleine Holzbude, in der er wahrscheinlich sein Leben fristet, ist von Qualm durchtränkt, den seine selbstgestopften Zigaretten im Laufe der letzten Stunden zurückgelassen haben. Auf dem Schreibtisch vor ihm stehen die Bedienelemente der Schießanlage, zu deren Benutzung ausschließlich er berechtigt ist. Ich bitte ihn darum für mich von diesem Privilleg Gebrauch zu machen in dem ich ihm meine Schusskarte vorlege und eine Art Begrüßung zusammen stammel.

Behäbig deutet er auf den ersten Platz am Stand um mir zu vermitteln, daß ich dort mit meinem Durchgang beginnen soll. Ein Durchgang hat 15 Tauben und maximal 30 Schuß, da es sich um eine doppelläufige Schrotflinte handelt. Enthusiastisch gehe ich auf Platz 1, stelle mich richtig hin, lade zwei Patronen in die Läufe, rufe „Hepp“….

Die Taube fliegt aus Haus 1 gerade nach vorne weg, zwanzig Meter, 25 Meter, ich ziehe die Rottweil-Flinte im Anschlag hoch, 35 Meter, verfolge die Flugbahn der Taube, decke sie mit dem oberen Lauf ab, 50 Meter und ziehe den Abzug! BANG!

Daneben!

Beim Luftfluchen beiße ich mir auf die Unterlippe. Luftfluchen ist wenn man nicht hörbar ausrastet, ähnlich wie Luftgitarre, nur ohne Gitarre und mit Schimpfwörtern. Die Lippe schmerzt, das Versagen an der Waffe mehr!

Ich gehe auf Platz 2 und wiederhole die Prozedur. Der achte und der neunte Schuß hat gesessen…, nur um das hier abzukürzen. Zwei beschissene Treffer von fünfzehn. Die anderen drei Durchgänge waren ähnlich schlecht und ich fing langsam an, meine Fähigkeiten anzuzweifeln. Gedanken über mögliche Manipulationen an der Waffe oder schußresistenten Flugmaterialien wurden laut, so daß ich beschloß, den Rest des halbvollen Munitionskartons am Kipphasenstand zu verballern. Kipphase ist ganz einfach zu treffen, gibt also zuverlässige Erfolgsmomente.

Nach zwei Durchgängen ohne Treffer hab ich die Waffe zurückgegeben, den Rest der Munition mit dem Mietpreis verrechnen lassen und bin zum Auto zurückgegangen.

Spitze, total entspannt! Und genervt! Ich fahr jetzt zum Borsigplatz…

 

1 Kommentar

  1. Mariko
    Jun 30, 2011

    Ich bin begeistert Sascha. Du schreibst schon fast so schön wie die Jungs von LMBN… die mit Poetry Slams vielen Leuten ein lächeln, ein schmunzeln oder ganz andere Emotionen ins Gesicht zaubern. Das hast du jedenfalls auch bei mir geschafft!

    Thumbs up! Mach weiter so, auch du wirst in meinen Lesezeichen verschwinden und das ein oder andere mal wieder ans Tageslicht befördert…

    Viele Grüße, Mariko MEOW!

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