Payback oder Clubsmart?

Das Klicken des Blinkers macht mich mürbe. Klick Klack Klick Klack, die Ampelphase ist die wohl längste, die ich je miterleben durfte. Die Autos von rechts fahren doch jetzt schon zum zweiten Mal an mir vorbei oder spinne ich? Eine alte Dame mit Hackenporsche und Hund überquert vor mir die Straße. Das linke Rad ihrer antiquierten Einkaufshilfe eiert etwas und macht den Eindruck als hätte es genug von den ewigen Touren mit der Omi. Der Hund war früher wohl mal ein Rauhhaardackel. Das war lange bevor er durch das konsequente Füttern von Leberwurstschnittchen und Gouda aus Frauchens Hand zu einer Art haarigem Zeppelin mit Beinen mutierte. Sie meint´s sicher nur gut.

Ah, jetzt, rot-gelb, grün! Endlich geht´s weiter, ich bin schon viel zu spät dran. Noch kurz die Oma vorbeilassen…, sie bewegt sich als hätte jemand auf den Matrix-Knopf an ihrem Gehstock gedrückt, gaaaanz langsaaaam einen Stützstrumpf vor den anderen setzen, sie lächelt verlegen zu mir rüber und deutet an, daß sie es gleich geschafft habe, die Straße zu überqueren. Gelb, Rot, Scheiße!

Also noch eine unendlich lange Ampelphase, verdammte…, nein, sie ist alt und gebrechlich, wer weiß wie lange ich in zwanzig, dreißig Jahren brauche um über die Straße zu kommen.

Ich fühle mich ja jetzt teilweise schon so als ob ich achtzig wäre, drei mal pausieren beim Sprudelkastentragen, hinter der Bahn herrennen und danach  vor lauter Atemnot für zwanzig Minuten mit klatschnasser Stirn und Schäferhundzunge auf dem Behindertensitz kleben und natürlich nach dem Sex aussehen, als wäre man selbst gefickt worden. Wo soll das noch hinführen?

Rot-gelb, grün, los geht´s! Die Kupplung meines 16 Jahre alten Weggefährten der Firma Ford krächzt und stinkt als der Wagen seine von der Sonne ausgeblichene Motorhaube über die Haltelinie schiebt. Schönes Wetter denke ich noch so bei mir und betätige den Scheibenheber, in diesem Fall müsste er eigentlich Scheibensenker heißen, aber ich will nicht kleinlich sein. Die zwischen Scheibe und Dichtung festgetrocknete Taubenscheiße löst sich mit einem Knacken und ein angenehmes Lüftchen weht durch den ansonsten verrauchten Innenraum. Im Rückspiegel sehe ich wie meine geliebte Hundedame ihren schlanken Kopf in die Höhe streckt und die Luft mit ihrer zuckenden Nase, die gerade einem nassen Radiergummi ähnelt, nach Eindrücken durchsucht.

Ab auf die B1 Richtung Bochum, dann abfahren in Richtung Hagen, Zwischenstopp BP-Tanke kurz vor der Ausfahrt. Mein Tank ist gefüllt, also direkt ohne Tankvorgang vorbei an den Zeitschriften zur Theke des Supermarktbäckereilottozigarettenkneipenbistros.

 

„Eine Geflügelrolle, ´nen kleinen Kaffee und ein Mettbrötchen mit Zwiebeln, ohne Butter oder Margarine, bitte!“

 

Die kleine Blonde hinter dem Tresen mit stonewashed Stretch-Jeans und abgeknabberten Fingernägeln nimmt einen Plastikhandschuh und fängt an, mir meine Bestellung zurecht zu legen. Bei ihren Fingern freue ich mich über den Plastikhandschuh, sonst finde ich die Dinger eklig bei Lebensmitteln weil sie mich an die Dieselhandschuhe von der Zapfsäule erinnern.

 

„Geflügelrolle warmmachen?“

 

Warum spricht sie nicht in ganzen Sätzen? Kann sie nicht!

 

„Geflügelrolle kaltlassen!“

 

antworte ich. Das Ding bekommt bei Wärme eine ganz seltsame Geruchsdeformation, die bei späterem Rülpsen oder auch nur leichtem Aufstossen in geschlossenen Räumen schnell zu Unannehmlichkeiten führen kann. Schon in kaltem Zustand verliert man schnell alle Freunde, wenn man diesen nach dem Verzehr zu nahe kommt.

Ich nehme noch einen frischen Saft aus dem Kühlregal und stelle ihn neben die Kasse. Mein Blick schweift über das Kippenregal auf der Suche nach der mir so vertrauten und fast allen Verkäufern so fremden Schachtel, in der sich die Lungenbrötchen meiner Wahl befinden.

 

„Den Smoothie auch?“

 

Halt die Fresse, du scheiß Kuh! Smoothie! Das ist ein scheiß Saft mit Fruchtfleisch. Warum muß für alles erst ein neuer scheiß Name erfunden werden, war der alte nicht ausreichend? Saft, nicht Smoothie. Hausmeister, nicht Facility Manager. Kaffee zum Mitnehmen, nicht Iced Frappucino to go. Diese verkackten Anglizismen! Und dann noch von einer Ungelernten in einer Tankstelle mit Shopping Mall, wie man hier sagen würde. Sowas macht mich rasend!

 

„Ja, den Smoothie auch! Und ´ne Schachtel Gitanes!“

„Schachtel waaas?“

 

Sag noch einmal so einen Halbsatz und ich schneide dir hier mitten im Laden die Titten ab!

Für meine Gedanken kann ich nichts, ich finde es auch normal sowas zu denken. Besser als es zu tun! Es beruhigt mich innerlich wenn ich jemanden denkend beschimpfe und mir wirklich schlimme Strafen für ihn ausdenke. Dieser Bäckereitrulla hier wünsche ich einen harten Auffahrunfall nach feierabend, den sie natürlich verschuldet.

 

„Gitanes, bitte. Dort oben links neben….ja…daneben…..nee, neben den John Player….ja….nee, die daneben mit Filter….ja, genau die! Danke!“

 

„13 Euronen und 70 Centinen, bitte, junger Mann!“

 

Aaaaaaaaaah, innerlich füllt sich meine Lunge mit benzin getränkter Luft und simuliert das anstehende Schreien für mein Gehirn. Euronen! Du unlustige Fotze! Sagst sicher gerne solche Sachen, was? Euronen! Centinen! Bestimmt auch bei Freunden gerne einmal jährlich „Schmerzlichen Glühstrumpf“ oder „Auf Wiesegehen“. Warum?

Ich schaudere immer wenn jemand schankedöhn oder schitteböhn sagt, wenn Tschüssikowski auf Supi trifft oder immer noch auf dem Alter der Schweden herum geritten wird. Es ist nicht lustig wenn man bei einer infektiösen Schnittwunde sagt:

„Das kann ja Eiter werden!“

Das war bei Otto Waalkes nicht lustig und auch jetzt, gefühlte 50 Jahre nach Erstbenutzung dieses Verbalfauxpas, ist es das immer noch nicht. Ich lehne das ab, und zwar kategorisch!

 

Ich zahle, lasse mir 30 Centinen rausgeben und wünsche einen angenehmen Resttag. Raus aus dem little shop of horrors zu meinem Auto. Ich nehme die Fahrt wieder auf und bewege mich mit meinem Gefährt auf die Bahn in Richtung Hagen, einer Stadt, die im Krieg komplett zerbombt wurde und dann in den Fünfzigern von alkoholisierten Betonfetischisten und Architekturversagern innerhalb von zehn Jahren wieder aufgebaut wurde. Und so sieht Hagen auch aus! Autobahnen, die im Innenstadtbereich in der Höhe des vierten Stocks mit einem Meter Abstand an Wohnhäusern vorbeiführen. Eine Innenstadt, die den Rekord an nutzlosen Handyzubehörläden, leeren Einkaufspassagen und Ein-Euro-Shops hält. Also eine Mischung aus Bitterfeld und Marxloh, nur hässlicher!

Aber gut, daß ich da nicht hin muß, ich will nur in die Richtung denn das Ziel heißt Iserlohn. Noch eine Ausfahrt nach Oestrich, dann bin ich da. Meine Heimatstadt. meine Wiege, mein Glück und mein Albtraum.

 

Aber dazu ein andern Mal mehr….

 

3 Kommentare

  1. Notze
    Mai 12, 2011

    […]ich will nur in die Richtung denn das Ziel heißt Iserlohn.[…]

    🙂

  2. Katí
    Mai 12, 2011

    Du zauberst mir auch an stressigsten Tagen immer ein Lächeln ins Gesicht! 😉

  3. Marco
    Mai 16, 2011

    Alter Schwede, lach mich immer wieder tot, einfach nur supi, weiter so, bin raus…..tschüssikowski….

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