Mensch bleiben!

Mensch bleiben!

Diese Magenschmerzen bringen mich nochmal um. Höchstwahrscheinlich nicht nur sprichwörtlich sondern sinngemäß. Mich plagen seit Wochen krampfartige Konvulsionen deren Intensität rasch wechselt. Mal ein andauerndes, einem leeren Magen gleichenden Ziehen, dann wieder fast rythmische Zuckungen begleitet von einem Schmerz, der eine Art Mischung aus nahender Sprühwurst und physischen Tiefschlagfolgen bildet.

Was zum Teufel hab ich mir dabei gedacht? Bin ich wirklich so naiv zu glauben, daß ich über zwei Dekaden Raubbau am eigenen Körper betreiben kann ohne dafür die Rechnung zu bekommen?

Meine ersten bierseligen Erlebnisse, die die Trunk- und Vergnügungssucht einleiteten, hatte ich im Alter von zwölf Jahren…, obwohl, ich kann mich daran erinnern auch gerne mal vor dem Zubettgehen einen heimlichen Schluck aus der alten Biertulpe von meinem Vater genippt zu haben. Da muss ich so vier oder fünf gewesen sein. Es war die Zeit zu der ich anfing den Alkohol in Papa`s Glas dem kratzigen Drei-Tage-Bart-Gute-Nacht-Kuss vorzuziehen. Papa´s  Glas war gefüllt mit Warsteiner, the queen of german beers…, eigentlich eher the beer of german queens, das bemerkte ich aber erst Jahre später. Die Flasche hatte damals noch die Form eines Bowling-Pins und den plumpen Hals schmückten dreizehn Quadratzentimeter Goldfolie, die man sich als Glastrinker, wie mein Vater einer war, nicht aus dem Rachen fischen musste wenn man sie nicht ordentlich mit dem Daumen runter geknibbelt hatte. Sogar Warsteinerflaschen sahen damals brachial aus und vermittelten den Eindruck eines Feldhaubitzen-Projektils. Das war lange bevor sich Geräuschdesigner auf ihre Erfindung der Longneck-Pullen einen runterholten. Da waren die Etiketten noch schnörkellos und direkt und trugen Beisätze wie „Schmeckt“ oder „Extra stark“, die ich als Kind zwar nicht gelesen habe aber die mich bis in meine frühe Jugend begleitet haben.

Die Flasche stand also auf dem kleinen Beistelltischchen neben dem Sessel meines Vaters. Dieser Tisch wurde aus heutiger Sicht mit Sicherheit von Alkoholikern für Alkoholiker entworfen und gebaut…, bei Ikea hätte er warscheinlich den einprägsamen Namen „SNAPS“ oder „TRESEN“ bekommen. Die Grundfläche war eher klein, von hinten konnte man in drei schräge Fächer Zeitungen einlegen, vornehmlich Fernsehzeitungen und schlimme Boulevardblätter. Vorne jedoch war aus einem chromfarbenen Drahtgeflecht eine Vorrichtung arretiert, in die man fünf Flaschen Bier oder Schlimmeres stellen konnte. Neben der Flasche und dem Glas stand auf dem Trinkerschrein noch ein Raucher-Set, der Name allein ist schon ein Patent wert.

Ein Raucherset, in diesem Fall das Set meines Vaters, bestand aus einem Aschenbecher, einem Feuerzeug und einer Zigarettendose, allesamt aus massivem Speckstein in Marmoroptik und an Flohmarkttauglichkeit heute nicht mehr zu überbieten. Die Zigarettendose bot Platz für circa einhundert Reval ohne Filter, die rauchte mein Vater zu seinem Feierabendbier. Er hatte ein Ritual entwickelt, daß ich bisher noch nicht wieder gesehen habe. Die Zigarette wurde aus der Dose genommen und in eine Zigarettenspitze, eine Art schwarz-silbernes Mundstück mit Aktivkohlefilter, gesteckt und entzündet. Nicht jedoch bevor er sie in zwei Hälften gebrochen hatte und die eine Hälfte der Reval wieder in die Dose legte. Der Verbrauch von 25 Reval am Tag wurde so auf 50 halbe Reval modifiziert und sollte wohl den Eindruck von Genügsamkeit vermitteln.

Jedenfalls wollte ich unbedingt auch ein solches Ritual, Rauchen erschien mir zweifelhaft und so entschloß ich mich für das gelbe Wasser. Zack, Grundstein gelegt!

Dann krabbelt man auf Familienfeiern unterm Tisch herum und wenn niemand hinsieht trinkt man Reste aus Gläsern oder ein besoffener Schwippschwager ist der Meinung, daß ein ordentlicher Schluck Mariacron noch niemandem geschadet habe. Es folgen Kommunion, Firmung, Geburtstage, Familienfeste, Hochzeiten und eine Menge kleinerer Anlässe, die alles eins gemeinsam haben. Es gibt immer was zu Saufen!

Irgendwann hat es sich verselbstständigt und eh man sich versieht ist man 38 und kann sich eigentlich gar nicht mehr so genau daran erinnern wann aus dem Genuß Missbrauch geworden ist oder ob es nicht sogar umgekehrt der Fall sein könnte.

Heute stehe ich sicherlich nicht mehr mit drei Paletten Hansa-Pils in Dosen am Autoscooter auf der Iserlohner Kilian Kirmes, dafür knalle ich mir bei einem gemütlichen Abend zwei bis drei Liter Riesling hinter den Knorpel und halte es für völlig gesundes Sozialverhalten. Dazu ´ne Schachtel Gitanes, fettiges Essen und fünf Stunden Schlaf, fertig ist das Magengeschwür. Davon hab ich nun zwei. Eins blutet und das andere fist mit dem Fahrrad weg, Bier holen.

Vielleicht sollte ich weniger arbeiten, mehr schlafen, weniger trinken, mehr entspannen, weniger Probleme und mehr Geld haben. Vielleicht bin auch zu emotional und lasse alles viel zu nah an mich heran. Vielleicht irrt sich aber auch der Arzt und will mir mit seinen Tests nur den Neid mitgeben, den mein lustiges Leben bei ihm auslöst.

Vielleicht ändern sich manche Dinge aber auch nur wenn man wirklich will und das Gefühl hatte ich irgendwie noch nie. Ich gelobe Besserung, halte mich kurz daran und verfalle dann wieder in alte Schemata, wie ungefähr 95% meiner Freunde, Bekannten und Verwandten auch. Wir sollten uns dringend mal zusammen setzen und darüber reden, ob das so weiter gehen kann und soll….

Morgen Abend bei mir, für Getränke wird gesorgt!

 

1 Kommentar

  1. Otti
    Mai 7, 2011

    Ahh, es scheint als kommst Du klar. 😉 Nach und nach werden wir Dein Blog jetzt „vernetzen“ mit Twitter, Facebook und Co. und sobald ich Zeit habe, komme ich rum und wir schustern eine Galerie zusammen.

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