Füttere mich!

Es fällt mir schwer meinen Blick von der kleinen, speckigen Hand abzuwenden, die in kreisenden Bewegungen die Scheibe der Wursttheke streichelt. Ich schätze sie auf sieben, maximal acht Jahre. Sie steht vor dem Fleischaltar und verzieht das Gesicht zu einem definitiv angelernten Weinkrampf, der immer abrupt unterbrochen wird wenn die Fleischereifachverkäuferin in die Theke greift um Wurst daraus abzuwiegen. Dann huscht ein kurzes Lächeln über das geschwollene Kindergesicht und die Augen weiten sich erwartungsvoll in der Annahme, daß die gerade bewegte Wurstsorte für sie selbst bestimmt sei.

Die Mutter, oder in diesem Fall der „Feeder“ lächelt mich mit einem Blick an, der mir anscheinend vermitteln soll, daß die Kleine gaaaaanz süß aussieht wenn sie ihre Wurst will. Tut sie aber nicht! Sie sieht nicht süß aus. Sie hat nichts mehr von dem, was Kinder ausmacht. Sie hat dicke Backen anstelle süßer Bäckchen, sie hat zugequollene Sehschlitze anstelle großer Kulleraugen und noch bevor man auf ihre klitzekleinen Patsche Händchen sieht, weiß man, daß sie nur den Eindruck eines fetthändigen Balgs hinterlassen werden. Die Mutti sieht das anders. Ok, alle Muttis finden ihr Kind süß und selbst wenn die Hasenscharte des Todes in Verbindung mit Stottern und dem zugeklebten rechten Auge der neuen Kinderbrille Einzug gehalten haben, so will man doch nicht zugeben, daß das eigene Kind aussieht wie ein eingetretenes Kellerfenster. Verständlich! Das ist halt keine Freundin, die man nach zwei Wochen am Rastplatz anbindet weil die Freunde sie hässlich finden…, es ist halt das eigene Kind!

Was mir allerdings nicht einleuchtet…, warum behandelt man sein Kind dann so? Ist es Liebe wenn man morgens an die kleine, ich nenne sie an dieser Stelle mal Lisa-Marie, mit acht Negerküssen und einer Halbliterflasche Apfelschorle versorgt. Ist es Liebe wenn man merkt, daß das eigene Kind beim Versuch rückwärts zu gehen aufs Maul fällt, und sie trotzdem nicht in einem Sportverein angemeldet wird sondern ihren Geburtstag mit den anderen fetten Teppichratten im Vorhof zur Hölle unter Aufsicht von Ronald McDonald feiern darf? Ist es Liebe wenn im Alter von 3 Jahren alle Zähne kariös sind und man beharrlich weiter Cola in die Nuckiflasche schüttet? Ist es Liebe wenn die kleine Speckfresse mit der Stellung ihrer Beine die Aufnahmeprüfung bei den X-Men direkt bestanden hat…., und, und, und!

„Ja, aber sie schreit immer wenn sie ihr Kinder Bueno abends nicht bekommt!“

Ja klar, du dusselige Zippe, weil sie noch nie ´nen Apfel gesehen hat und ihren zarten Zungenknospen auf die Säure wahrscheinlich auch gar nicht mehr klarkommen würden, nachdem ihr der Glutamat-Express jahrelang die Mundschleimhaut zu Klump gefahren hat.

Ich hab jetzt schon keinen Bock mehr auf Fleischwurst. Gerade hatte ich noch die Vision von einem knusprigen Brötchen mit Thomassenf und Fleischwurst, ein bis zwei kühle Kronen Pils und die Füße in einem Eimer Wasser auf der Dachterasse während mir meine Hundedame begierig die Hände leckt. Jetzt nicht mehr. Ich möchte diese Mutti schütteln und ihr sagen:

„DEIN SCHEISS KIND IST SCHEISS FETT UND DU BIST SCHULD!“

Aber statt dessen lächel ich zurück und lege den Kopf auf die Seite als wenn ich sagen wollte: „Oh, wie süüüüß!“ Ich hasse mich in diesen Momenten. Ich weiß ja, daß man nicht immer das sagen kann was man denkt aber jetzt wäre doch ein angemessener Zeitpunkt. Die Mutti sieht nicht besonders resolut aus und im Nachgeben ist sie ja eh spitzenklasse wie man an dem adipösen Marshmellowkind ersehen kann. Es ist auch kein Bauarbeiter-Vater mit Händen so groß wie Klodeckel in Sicht, der mir nach meinem Geständnis seinen Unmut in die Maske hauen möchte. Also warum mache ich es nicht einfach? Warum mache ich mir Gedanken über die Folgen? Um mich herum macht sich doch auch keiner Gedanken! Die Mutti nicht über ihr Kind, die Wurstfrau nach dem Pissen nicht über´s Händewaschen, warum ich? Weil ich Anstand habe? Weil ich Angst habe? Nein!

Ich glaube, es macht mir einfach Spaß solche Sachen zu beobachten und mich dann darüber aufzuregen. Ich will gar nichts ändern, ich will partizipieren, kommentieren, lamentieren, resignieren und von vorne anfangen. Weil es super ist nachmittags in der Innenstadt von Dortmund zu sitzen und sich über die ganzen fetten Kinder, die geschminkten Tussis, die zitternden Schlucker, die behaarten Opas und das ganze restliche Freakshow Ensemble aufzuregen!

Das ist der gleiche Grund warum Ihr RTL seht…., Bauer sucht Frau, Salesch, TalkTalkTalk, Familien im Brennpunkt und Frauentausch. Es geht eigentlich nur darum, jemanden vorgesetzt zu bekommen, der noch asozialer und schlimmer ist, als man selbst. Jemand der fetter, ungesünder, langsamer, dümmer, kleiner, kurzschwänziger und kleintittiger ist als wir. Da guckt man gerne zu und da braucht man auch keine Angst haben, wie ich an der Theke, weil man vor dem Bildschirm nicht mit Reaktionen rechnen muß. Alles schön portioniert mit kleinen Unterbrechungen zwischendurch für die notwendigen Dinge des Lebens wie Fleischwurst von Hertha oder die mit der Mühle…, die erkennt sogar die fette Lisa-Marie aus drei Metern im Kühlregal obwohl sie noch nicht richtig lesen kann. Damit man nicht total abstumpft kommt zwischendurch noch was für den Kopf. Ein kniffliges Gewinnspiel bei dem man raten muß, welche Zutat in einen Kuchen gehört.

„A“ für Safran
„B“ für Scheiße

Ich überlege kurz ob ich mitmache, kann mich dann aber doch nicht zwischen A und B entscheiden. Ich warte lieber auf das Spiel wo man einen Namen mit genau drei A erraten muß. Agamemnon…., scheiße, passt nicht! Egal, das Spiel geht ja noch 8 Stunden so weiter und ich kann in der Zwischenzeit dank Picture-in-Picture Effekt meines TVs gleichzeitig zu den Sexy Sport Clips wixen…., ich bin so froh!

Aber um das erleben zu dürfen muß ich erstmal aus dem Haus der kleinen Preise entkommen und die fette Lisa-Marie vergessen. Ich schlendere also an der Mutti mit dem kleinen Pralinengrab vorbei in Richtung Kasse und schicke mich an die soeben erworbenen Waren auf das Band zu legen.

Ich bemerke den nervösen Blick der älteren Dame vor mir, der mir sagt, daß ich schnellstens den Waren- und Kundentrenner, ich nenne ihn auch gerne die Aldi-Toblerone, zwischen ihre und meine Güter legen sollte, um weiteren Ärger zu vermeiden. Das tue ich, denn niemand möchte die Ware eines anderen gerne bezahlen. Da zinkt man lieber mal einen Dieb an um die versprochenen 100€ vom Abt-eilungsleiter zu bekommen. Ich begleiche meine Schuld bei Frau Wiesznicki (steht auf dem Schild am Kittel) und gehe ziemlich gut gelaunt nach draußen.

Ja, sehr gut gelaunt sogar. Denn draußen warten noch gaaaaanz viele Sozialstudien auf mich, die beglotzt, bewertet und verachtet werden wollen…

2 Kommentare

  1. Anni
    Mai 7, 2011

    Just awesome!!! Habs genossen, zu lesen. Du schreibst, wie andere denken und das mit den Worten, die andere im Kopf haben, sich aber sich nicht trauen sie auszusprechen.

    Zu „mitten im Leben“ hab ich auch mal was geschrieben.

    http://skrifa.wordpress.com/2010/08/20/was-man-eigentlich-entsorgen-konnte/

    Hab deine Seite getz mal in meine Lesezeichen gemacht. =)

  2. Tina M-K
    Sep 12, 2011

    da kann ich der anni, wer auch immer das ist, nur recht geben.. man geniesst, weil du schreibst, was man denkt.. unglaublich großartig!!

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