Im Norden geht die Sonne auf!

Dienstag abend, die Sonne steht in vollem Orange über der Nordstadt. Eine fette, hässliche Katze schleicht an meinem Küchenfenster vorbei, hält kurz inne, schickt mir einen sehr langsamen Augenaufschlag und hechtet für ihren fetten Bauch unangemessen flink vom Vordach in Richtung Mülltonnen. Sie wird kein Glück haben bei ihrer Suche nach Essbarem, die Müllcrew der Dortmunder Stadt, die ganz nebenbei gesagt aussieht wie die Band von der Muppet Show, hat ganze Arbeit geleistet. Nachdem ich vor einem Jahr mal einem der Jungs, bei der Muppet Show wäre der Saxophonist mit Zopf und Sonnenbrille sein Pendant gewesen, einen frisch gebügelten zehn Euro Schein in die vom Tonnenschieben gebeutelte Hand gedrückt habe, erscheint mir meine Mülltonne immer sauberer als zuvor. Da kann man dann auch mal einen Topf Hammerschlaglack, eine Autobatterie oder einen toten Marder, den man unter der Motorhaube weggekratzt hat, entsorgen ohne den Unmut der Müllkutscher auf sich zu ziehen.

Ich habe Hunger denke ich noch so bei mir aber die Berge von Geschirr und Besteck in und um meine Spüle lassen mich meinen Plan, mir ein schmackhaftes Essen selbst zuzubereiten, schnell vergessen. Die Mikrowelle ist ein Arschloch, also wird dieser Plan auch schnell wieder verworfen. Es ist eh eine Zumutung, wenn nicht sogar Folter, wenn ein semiprofessioneller Gourmet einen Curryking vor sich stehen hat und sich zwischen schnell satt und gaumenschmeichlerisch befriedigend entscheiden muß. Ich polarisiere definitiv wenn es um das Thema Ernährung geht. Einerseits genieße ich „La dolce Vita“ in vollen Zügen, andererseits kann man mich je nach Gemütszustand auch mit Döner und einer Flasche selbstgemixtem Fanta-Korn im Nordmarkt oder auch „Jurassic Park“, wie wir Anwohner ihn nennen, antreffen. Der Schnaps und die geschichteten Fleischlagen vom Drehspiess sind die letzten echten Abenteuer des kafkaesken Nordstadtbewohners. Man muß sich auch mal gehen lassen können.

Ich schlurfe Richtung Wohnraum, Zimmer wäre bei fünf Meter Deckenhöhe definitiv untertrieben. Nicht chic und representativ wie im Kreuzviertel sondern roh und fabrikhistorisch, wie die Nordstadt in Dortmund eben ist. Mein Fahrrad lächelt mich an und freut sich auf einen Ausritt, ähnlich wie Wanda, meine siebenjährige Windhunddame, die mit ihrem leidigen Blick und der angeborenen, ausgemergelten Erscheinung sicherlich dem Veloziped den Rang abläuft. Ich entscheide mich gegen beide, das Fahrrad hatte heute morgen das Vergnügen unter meinem süßen Knackarsch die Umgebung unsicher zu machen und Wanda war zwei Stunden zuvor mit Alex und seinem schwarzen Rüden Angus, ein fleischgewordener Hundeadonis mit einem Halsumfang, der selbst Mike Tyson ein peinlich berührtes Lächeln abgewinnen würde, im Phönix Gelände unterwegs. Also Me, Myself & I….

Kopfhörer auf, Jacke an, Schlüssel, iPhone, Geld, Gitanés und los geht´s. Vorbei am Leergut durch den Hausflur und raus in die noch mächtig beeindruckende, wenn auch gerade an Macht verlierende, Sonne. Die schwächer werdende Wärme trifft mein Gesicht und wirkt sofort auf meine Botenstoffe, die mir vorgaukeln, der graue Hinterhof wäre eine Sommerwiese. Durch den Torbogen in der Schubertstrasse in die Realität der vollgekackten Bordsteine und Zigeunerlager der nördlichen Hemisphere. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, mich stören die Roma nicht, die in der Schlesischen Straße einen Contest im „Quer und unerwartet über die Straße gehen“ ausführen. Mich stören die vollen Mülltonnen nicht, die mir die Möglichkeit nehmen die Kacke meiner haarigen Freundin zu entsorgen. Mich stören die Türken nicht, die sich über zwei Häuserblöcke hinweg Sachen zurufen, die Anlaß geben, zu glauben, daß sich gleich eine Schießerei anbahnt. Mich stören die bulgarischen Nutten nicht, die in kniehohen, weißen Lederstiefeln durch meinen Kiez spazieren und mir unmoralische Angebote für noch unmoralischere 10€ oder noch viel unmoralischere 20€ ohne Gummi anbieten.

Ich laß mich gerne von Herrn Kordisch, dem stotternden, jüdischen Taxifahrer aus der Ukraine durch die Gegend kutschieren. Laß mich gerne von Yüksel anschreien, wenn ich nicht mitkriege, daß ich dran bin mit Bestellen in seiner Dönerbude und gedankenverloren auf die gefährlich-süßen Baklavas in seiner speckigen Vitrine starre. Ich fotografiere die Tags und Graffitis anstatt mich darüber aufzuregen. Ich halte der dicken Marrokanermutti die Tür vom Netto auf und lache ihr ins Gesicht, anstatt mich darüber zu amüsieren, daß sie in ihren zu kleinen Pumps Tennissocken trägt, die einen Farbverlauf von grau zu weiß haben, obwohl ihr Sohn das gar nicht tolerant sondern eher als Annäherungsversuch deutet.

Ich sehe sie noch, die schönen Häuserfassaden aus der Gründerzeit mit ihren Fresken und den Stuckdecken hinter den graumelierten Gardinen der indischen Mieter. Die ungarischen Kennzeichen in der Braunschweiger Straße entlocken mir ein Lächeln und die Vorzüge der Gemüsehändler, des Dienstag- und Freitagsmarktes mit frischem Lamm und Obst, die albanische Postbotin mit dem geilen Arsch und die Cafés und Restaurants, die sicher keine gutbürgerliche, dafür aber fremdbürgerliche Küche anbieten, habe ich nicht mal auf meiner „I-like-Liste“ erwähnt.

„Alter, zieh nicht in Nordstadt! Überall in Dortmund, von mir aus Huckarde, aber nicht in die Nordstadt!“ Das war der Tenor aller meiner Freunde, selbst der, die nicht in Dortmund wohnen. Letztere hatten ihre Horrorvisionen aus dem Fernsehen, das gerne über soziale Brennpunkte lamentiert und kein gutes Haar an Orten wie Köln-Ossendorf, Duisburg-Marxloh, Berlin-Neukölln oder der Dortmunder Nordstadt läßt.

„Da laufen nachts nur dunkle Gestalten rum…, und tagsüber eigentlich auch!“ So hatten mich alle vorgewarnt. Ich ignorierte aufgrund der schmeichlerischen Mietpreise und zog mit einem gerüttelten Maß an Unbehagen in die Höhle des Türken. Meine Zweifel waren nach circa drei Tagen erloschen als ich bemerkte, daß ICH hier die dunkle Gestalt bin, die nachts im Ballonseide-Jogger und mit Hund durch die Straßen torkelt. Ein lautes Lachen entfuhr mir während der Erkenntnis, daß nach dreißig Jahren Iserlohn und zwei Jahren Dortmund-Körne, der JVA Drüpplingsen und diversen anderen Knästen, die Nordstadt schwer an Respekt eingebüßt hatte.

Ich war im Paradies der Belanglosigkeit angekommen, billige Mieten, große Wohnungen, keine nörgelnde Nachbarn, da eh alle den ganzen Tag Radau machten, und dazu noch eine Geräusch- und Geruchskulisse als ob man sich jeden Tag in einem neuen Teil der Welt im Urlaub befindet. Unter meiner Wohnung ein Architektenbüro, deren Inhaber nicht nur locker sonder auch oft absent sind, über mir ein Nachbar, den ich meinen Freund nennen darf. Eine Dachterasse vor meinem Küchenfenster und eine weitere auf dem First des Hausdaches, die ohne weiteres ein Fußballspiel 3 gegen 3 zulassen würde. Verdammte Scheiße…, was will man mehr? Ihr tut mir leid!

Ihr, die ihr morgens um halb sieben in eurem Opel Vectra Kombi das jägerzaunumfasste Gefängnis in euren sicheren Vororten verlasst um über gekehrte Strassen ohne Schlaglochmakel Richtung Sonnenaufgang ins Büro zu fahren. Ihr, die ihr eure politische Bildung aus der gleichnamigen Zeitung habt, aus der Blut fliessen müsste wenn man sie umdreht. Ihr Besserwisser, Habichschongesehen-Typen und Beziehungsversager, die ihr eure Ehe aufrecht erhaltet weil die Kinder sonst die Leidtragenden wären. Die ihr die Nase rümpft beim Anblick der Nutten aber dann abends auf dem Weg nach Hause mit dem gleichen Mund, mit dem ihr euren Kindern einen Gute-Nacht-Kuss gebt, auf Autobahnrastplätzen Fernfahrerschwänze lutscht. Die ihr tagein, tagaus die selbe Scheisse erlebt, erzählt, einatmet und wieder an die Luft abgebt. Ihr verkörpert so ziemlich alles, was ich an dieser Welt so abstoßend finde. Es ist nämlich nicht die Welt…, Ihr seid es, die mir die Luft zum Atmen nehmt, die mir das Lächeln schwer machen und die mich innehalten lassen, wenn ich eure bescheuerten und überflüsssigen Konversationen in Bussen, auf Rolltreppen und in Wartezimmern belauschen muß, um ernsthaft darüber nachzudenken, wieviel Munition ich wohl bei meinen tschetschenischen Freunden auftreiben muß um jedem von euch degenerierten Speichelleckern den wohlverdienten Tunnel in die hässliche Visage zu ballern.

Jedes Wort ist Verschwendung, ich sollte es euch ins Gesicht schmettern anstatt es hier nieder zu schreiben und meiner Tastatur zuzumuten. Aber ich verlaufe mich mal wieder in meinem Hass und das seid ihr nicht wert.

Ich geh jetzt mal am Hornbach vorbei zum Burger King und auf dem Rückweg werde ich mit meinem Nachbarn in der Shisha-Bar um die Ecke das ein oder andere Destillat oral verklappen. Kein Fanta-Korn, so groß ist der Hass heute nun auch nicht. Es wird bei Wodka bleiben, denke ich. Der beruhigt, macht keine Fahne und ist gut für meine Haut. Hört sich nach ´nem guten Plan an, ich muß noch zur Bude, Kippen holen. Der besoffene Bulgare macht nämlich schon um elf Uhr dicht….

2 Kommentare

  1. Tina M-K
    Sep 12, 2011

    großartig!!

  2. Enno
    Mrz 12, 2013

    DANKE …!!!! einfach großartig geschrieben….beschrieben…!!!

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