Highway to Heels

Ich bin wieder auf der Autobahn unterwegs, entspannt diesmal. Kein Drängler regt mich auf, kein langsamer LKW bringt mich um den Verstand, ich fühle mich gut, sehr gut sogar. Liegt es an der Sonne?

Ja! Merkwürdig, wie dieser simple Feuerball nicht nur die Stadt, die Autobahn und das innere meines KFZ sondern auch mein Gemüt erhellt. Ich grinse, klopfe im Takt der Musik auf das Lenkrad und erwische mich sogar dabei wie ich Überholvorgänge zugunsten Schnellerer abbreche ohne den Drang zu verspüren aus einem geheimen Schlauch unter meinem Fahrzeug Öl auf die Fahrbahn zu spritzen, wie es sonst dem Aston Martin von Mr. Bond vorbehalten war. Ich bin gut drauf, das kann ich ruhigen Gewissens behaupten. Es ist eine Mischung aus aktueller Begeisterung für die Wetterverhältnisse und Vorfreude auf die Park-, Wiesen- und Kanalsaison, die Grillfeste, Gartenabende, Cafėnachmittage und Restaurantterassenhappenings.

All das mit Sonnenbrille und reichlich Endorphinen in den Regalen meines geschundenen Körpers. Nachrichten über verstrahlte Lebensmittel aus Nippon, Gaddhafi’s verzweifelter Kampf gegen die internationale Windmühlenallianz während ihm Rosinante in den lybischen Arsch beißt, politikverdrossene Sommerlochberichterstattung und auch die Panikmache auf den Autobahnschildern mit Bildern von verstorbenen Rasern inclusive Kindern können mir die gute Laune nicht verderben.

Die erste Schicht ist geschafft und ich flaniere langsam vom Arbeitsplatz in Richtung Stadtkern, wenn man das in Soest überhaupt so nennen kann. Durch die von Kirchen und Fachwerk gesäumten Gassen, vorbei an müden Pennern mit müden Augen und müden Hunden zum Marktplatz, das erste Mal draussen sitzen, beobachten und essen. An meinem Tisch angekommen vermisse ich zuerst die Weinkarte und nachdem ich sie gefunden habe, suche ich den „Gefällt mir-Button“, denn die Karte ist gespickt mit deutschen Weinen, die nicht in jedem Lokal Usus sind. Ich entscheide mich für ein Glas „Feen und Elfen“, ein Riesling von der von mir sonst so verhassten Mosel. Geiles Zeug mit feiner Mineralität. Der Legende nach tanzen Feen und Elfen des Nachts zwischen den Sträuchern und Hecken über den Weinbergen der Mosel und auch der Wein, wahrscheinlich eine Hommage an Frodo’s Freunde, ist tänzerisch leicht, herrlich zart, voller Frische mit Noten von Pfirsich…., ich trinke erstmal einen Schluck, dann schreibt es sich besser. Super!

Die Bestellung ist schnell formuliert, der Kellner bemüht und leichtfüßig wie der Saft des Bacchus, der mir von Schluck zu Schluck mehr Spass macht. Ich lehne mich auf der zugegebenermaßen etwas unbequemen Aussenbestuhlung des Restaurants zurück und geniesse die Sicht auf den mit Katzenkopfsteinen verzierten Marktplatz. Der Albtraum einer Blahnik-Besitzerin, der Traum jedes Lästermauls. Abgesehen von den unfreiwilligen Fehltritten des weiblichen Pumps-Ensembles gibt es hier jede Menge Schicksale zu beobachten, bestaunen und zu begaffen. Letzteres trifft am ehesten auf mich zu.

Ich begaffe gerade Veronika, jedenfalls stelle ich mir vor, sie hieße Veronika. Ende 40, Kleidung von Adler, die Augen aber nicht. Das bestätigt mir das Kassengestell mit Gläsern, die im Sommer auch gut benutzt werden können um Feuer zu machen. Veronika ist im Herbst des Lebens angekommen und macht den Eindruck als wären der Frühling und der Sommer ähnlich langweilig gewesen. Hängende Mundwinkel, hängende Augenlider und dieses gewisse gleichgültige Dahinschlurfen deuten einen Menschen an, dem jeglicher Spaß verwehrt wurde. Arme Veronika, oder Vroni, wie ihre beste und einzige Freundin Manuela sie höchstwahrscheinlich nennen wird. Ich kann mir fast bildlich vorstellen, wie die Wohnung aussieht, in der Vroni ihr ungewolltes Single Dasein fristet. Blaue Ledercouch mit magentafarbenen Kissen über der ein überdimensional grosser, chinesischer Fächer hängt, Schrankwand mit Mittelvitrine in der die Leonardogläser stehen, Couchtisch mit Kacheln, auf dem die Fernbedienung und ein Aschenbecher stehen…, neben Manuela ihre beiden besten Freunde. Das alles natürlich in heller Buche und sehr, sehr sauber. Mein Therapeut sagte schon immer: „Je aufgeräumter die Wohnung, desto zerrissener die Seele!“ Demnach bin ich seelisch momentan topfit…, wenn man bei mir vom Boden essen kann, dann nicht weils so sauber ist, sondern weil überall Essen rumliegt. Bei Vroni nicht, Vroni ist organisiert, sortiert und wenigstens hier, im Bereich „häusliche Hygiene“, Herr der Lage!

Doch nicht ganz zu Ende gedacht, da läuft ein anderes Objekt ihr in Punkto Interesse den Rang ab. Einen Namen für dieses zauberhafte Wesen zu erfinden wäre reine Blasphemie! Sie geht, nein sie schreitet graziös über den Marktplatz in Soest als wäre es der Red Carpet in Cannes. Langes, dunkel schimmerndes Haar, daß sie gelegentlich mit Daumen und Zeigerfinger nach hinten streicht, ein schlanker Hals mit einem Körper darunter, der sämtliche Sinne weckt, Monstertitten, beidhändig greifbare Taille und einen Arsch zum Anbeten, der von dem schwarzen Stoffkleid verhüllt alle meine Gehirnzellen in Anspruch nimmt um mir denselben ohne das Kleid auszumalen. Sie ist perfekt! Vom Kopf bis zu ihren wunderschönen Fü… MOMENT!

Sie trägt Ballerinas! Scheisse, die dämliche Kuh trägt Ballerinas! Diese Erfindung des Teufels aus schwarzem Kunstleder ohne Absatz, ohne Stil, ohne Sinn! Flache Schuhe sind nicht für Frauen! Du dummes Stück hast alles kaputt gemacht! Welcher debile Alkoholiker hat dich in der Wahl deines Schuhwerks heute morgen bekräftigt? Frauen, die flache Schuhe, insbesondere Ballerinas, tragen, sollte der Führerschein abgenommen und der kleine Zeh des rechten Fußes amputiert werden. Dann können sie die Bequemlichkeit dieser beschissenen Ballerinas mal so riiiichtig auskosten. Eine Entwürdigung des weiblichen Fusses, eine Ohrfeige ins Gesicht aller Frauenfans, ein Waterloo der Sinne!

Der Wein schmeckt urplötzlich nach Pisse. Ich stecke mir meine Gitanes versehentlich am Filter an und inhaliere kraftvoll. Der Hustenreiz übermannt mich und veranlasst mein linkes Bein eine heftige Meidbewegung nach rechts auszuführen wobei der Tisch den Pisswein über meine Hose ergießt. Die Sonne verdunkelt sich. Der Tag ist im Arsch. Es hätte so schön sein können, aber bei Schuhen hört die Freundschaft auf!

Ich winke den Kellner heran, bezahle gleichgültig und schlage den Kragen meiner tiefschwarzen Jacke hoch. Tiefschwarz, wie meine Seele jetzt. Ich wende meinen Blick angewidert von der Spur der Verräterin ab und wanke betäubt vom Schmerz des Stilbruches gen Fahrzeug. Durch das Sonnendach des Wagens kann man gedämpft die wolkenverhangene Sonne betrachten. Ich nehme noch eine Gitanes aus der Packung, kontrolliere die Filterposition und zünde sie an. Dichter Rauch steigt meinen traurigen Augen entgegen. Ballerinas!

Hoffentlich regnet es morgen…

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