Erinnere Dich!

Die Tür steht sperrangelweit offen und eine kalte Brise aus meinem Hausflur macht mir klar, daß heizen nicht nur auf der Landstraße teuer werden kann. Bei mir ist Durchzug angesagt. Erstens um den Duft aus der Wohnung zu kriegen, den mein Staubsauger verursacht hat. Es ist schon etwas gewöhnungsbedürftig ein Gemisch aus alter Zigarettenasche, Staub und Hundehaaren aufzusaugen und es dann auch angenehm zu finden. Zweitens um meinem neuen Nachbarn die Möglichkeit zu geben, die Wohnung zu betreten ohne diese total nervige Klingel zu betätigen, die sich vom Sound her so ein bißchen anhört wie ein altes Schaf mit Bronchitis. Und drittens hab ich vergessen aber irgendwas ist ja immer…

Mein Nachbar wohnt über mir und wenn ich ihm nicht gerade damit drohe, die Bullen zu rufen, weil der Bass seines Soundsystems in Verbindung mit eindringlichen Dubstep Beats droht meine Möbelkonstellation allein durch Vibration neu zu sortieren, kocht er für uns. Ich könnte natürlich auch kochen, mach ich aber nicht. Der Nachbar kocht besser und effektiver, leckerer und er hat eine Spülmaschine, die nicht nur dazu da ist die 80 cm Lücke zwischen Kühlschrank und Wand zu schließen, nein, seine funktioniert sogar! Toll! Morgen werd ich mal meine reparieren lassen, das sage ich jetzt mindestens schon seit einem Jahr…

Aber so ist das bei mir, ich mache mir meinen berüchtigten Zettel, den andere als To-Do-Liste bezeichnen und trage dort alle mir wichtig erscheinenden Aufgaben ein, wie z.B.

Bank/Kontoauszüge holen
Hundefutter kaufen
Spülmaschine ignorieren
Badezimmer putzen (lassen)
2 Kisten Kronen Pils
Fotos abholen
Mit Wanda zum Kanal fahren
eBay Stuff fotografieren und reinsetzen
Leergut wegbringen u. davon neues Auto kaufen

Meist läuft es dann am nächsten Tag darauf hinaus, daß ich morgens genervt vom Klingelton meines Handy-Weckrufs die verklebten Augen öffne, den Sabberfaden, der Mundwinkel und Kopfkissen brüderlich verbindet, mit dem Arm wegwische bzw. ihn mir durch das gesamte Gesicht ziehe und dann, nach ausgiebiger Morgentoilette und ohne Frühstück, den Zettel zu Hause vergesse wenn ich die Wohnung verlasse.

Manchmal fällt mir das schon im Auto vor der Haustür auf, doch die Faulheit, angesichts der 32 Treppenstufen bis zum papiergewordenen Gehirnersatz, ist einfach zu übermächtig und ringt mir immer wieder den Gedanken ab, das ja auch noch so irgendwie rekonstruieren zu können, was ich mir heute so vorgenommen hatte. Ende vom Lied:

Ich gehe mit meiner kleinen Hundedame am Kanal spazieren, wenn ich besonders gut drauf bin erinnere ich mich noch an die zwei Kisten Gerstensaft, der Rest wird aber dann schön ausgeblendet und auf den folgenden Zettel verschoben.

Geht es nur mir so? Warum schreibe ich mir überhaupt eine Liste wenn ich doch eigentlich schon vorher weiß, daß ich maximal zehn Prozent der Aufzählungen erledigen werde? Ich setze mich selbst unter Druck mit angeblich dringend zu bewältigenden Aufgaben und mein Unterbewusstsein, der alte Schweinehund, selektiert dann unbemerkt im Sinne des allgemeinen Wohlbefindens für mich nach Gutdünken.

Ich schreibe ab heute keine Zettel mehr, so viel ist klar! Hoffentlich kann ich mir das merken, ich mache noch schnell eine Notiz mit Erinnerungsfunktion in mein Handy und wundere mich über die offene Haustür.

„Essen is feddich!“ tönt es von oben durch den grabeskalten Hausflur, der Hund sprintet los, ich stolpere mal wieder über den Staubsauger, bei dem mir bis heute nicht klar ist, ob die Aufschrift *1500* für die Wattleistung oder die Anzahl der Brüche meines kleinen Zehs steht.

Scheiße, den stinkenden und auch mittlerweile vollen Staubsaugerbeutel bringe ich später runter, ist übrigens auch der letzte gewesen. Morgen muss ich neue Beutel kaufen, ich glaub´, ich mach mir eben noch ´nen Zettel….

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