Enter the real world!

Eine Woche zurück aus dem Urlaub und ich könnt schon wieder ins Flugzeug steigen. Man verflucht die Wartezeiten, die engen Sitze in der Holzklasse, die labberigen Baguettes oder die trotz Überwürzung schrechklich fade schmeckenden Gerichte, die einem mit der monotonen, gelangweilten Frage „Pasta or Chicken?“ serviert werden. Trotz dieser ganzen nervenaufreibenden Einschränkungen wäre ich jetzt lieber nicht hier. Hier, das ist die Arbeit!

Ich sympathisiere heute wirklich mit japanischen Atomforschern und könnte mir auch gut vorstellen, meinen Arbeitsplatz unter einem Schutzmantel von Sand und Beton verschwinden zu lassen. Arbeiten ist ja auch irgendwie ein Super-GAU…, obwohl, da GAU ja die Abkürzung für „grösster anzunehmende Unfall“ ist, frage ich mich gerade wie man da noch einen Superlativ finden konnte. Aber das ist wahrscheinlich wie bei den Waschmitteln in der Fernsehwerbung. In meiner Kindheit gabs da Waschpulver mit einer Kraft, deren Resultate ganz menschlich verdeutlicht wurden. Nämlich mit einem zweiminütigen Hubschrauberflug vorbei an einer schier endlosen Wäscheleine mit weissen, und ich meine wirklich weissen Laken, die an derselbigen aufgehängt waren, um zu beweisen wieviel Laken man mit einer Ladung des Kokain der Hausfrauen weiss waschen konnte. Heute gibts statt dieser nachvollziehbaren Demonstration der Waschkraft nur noch stumpfe Begrifflichkeit. Super-Mega-Perls mit Tensidblocker und Whitening-Formula geflankt von einer Bilderflut aus After-Effects Simulationen in Laboratorien des Teufels, die sich hinter denen der NASA nicht verstecken müssten, wenn sie nicht sogar dort aufgenommen wurden.

Ach, ich könnte mich schon wieder aufregen, über nichts bestimmtes, aber aufregen! Aufregen ist ein Ventil für mich. Ich steige morgens ins Auto und denke mir dann schon als erstes, daß ich die grösste Scheisskarre nördlich der Alpen mein Eigen nennen darf. Da merke ich dann bereits, daß heute so ein Tag ist, an dem ich mich einfach über nahezu alles aufregen muss und werde.

Dann ist totales Einsinken in den Weltschmerz und Fallenlassen in die Misanthropie mein erklärtes und auch willkommenes Ziel. Man darf auch mal Arschloch sein, besonders wenn sonst alle anderen dürfen!

Es sind diese Tage, an denen ich nur Menschen mag, die unter dem Tourette-Syndrom leiden, weil sie das aussprechen können, was ich nur zu denken vermag. Obwohl, sobald ich auf der Autobahn bin, bricht auch bei mir Tourette aus. Ich bin auch einer dieser Fahrer, die alles dürfen, wenn sie schlecht drauf sind. Ich fahre dicht auf, liebe Lichthupe in Verbindung mit Blinker links und schreie laut hinter Leuten her, die mich aufgrund der 140 Stundenkilometer und geschlossener Autofenster eh nicht hören können. Was passiert da mit mir an solchen Tagen?

Man kann es mir dann einfach nicht recht machen. Im Autoradio laufen dann Songs wie Phil Collins´ „I can´t dance“ oder irgendwas von Brian Adams, ohne den jedes Lokalradio schon längst nicht mehr existieren würde. An der Ampel sieht man in den Rückspiegel und beobachtet einen Familienvater beim Popelfressen oder eine debile 18jährige beim Singen eines Liedes, daß gerade im eben erwähnten Autoradio läuft. „Du dämliche Kuh!“, denke ich dann bei mir und kann mir schon bildlich ausmalen, wie ihr beschissener, tiefergelegter Opel Corsa von hinten aussieht. An ihrer Abschlepp-Öse baumelt ein VW-Emblem und die Heckscheibe ziert ein Arschgeweih im Grossformat, darunter der Schriftzug „Opel Kampfgeschwader Witten“ oder ein ähnlicher Vereinsmeierei-Schwachsinn…

Ich merke, wie mir jetzt gerade beim Schreiben schon wieder die Adern am Hals hervortreten als hätte ich Regenwürmer unter der Haut. Aber die Autofahrt ist ja erst der Anfang allen Übels…, es kommt ja noch schlimmer. Ich steige also aus und erblicke schon von weitem die Groschenhure, die konsequent jeden Wagen notiert, fotografiert und mit ihren kleinen beschissenen Tickets versieht, die sie aus ihrem Gerät zaubert, daß mich irgendwie an eine dieser unnützen Etikettiermaschinen erinnert, um sie dann wenig geschickt hinter den Scheibenwischern der Delinquenten zu drappieren.

Man hat es nicht leicht als Frau, wenn man sein Geld auf der Strasse verdienen muss…, das hätte ich denken und nicht laut sagen sollen. Zack, der Blick des weiblichen Staatsbüttels trifft mich wie ein Blitz aus den Augen einer keltischen Sagenfigur. Dadurch geht es mir allerdings etwas besser!

Das ist also das Geheimrezept. Es geht mir besser wenn es anderen schlechter geht. Man müsste also nur konsequent andere unter sich leiden lassen und schon wären sämtliche Depressionen Geschichte. Ist es wirklich so einfach?

Nein! Denn nur ein paar Strassen weiter bin ich bereits immun gegen Schadenfreude und der Typ vor der Eisdiele mit den drei fest umklammerten Amarenabechern mit Sahne, der soeben in einen immens großen Haufen Hundescheisse getreten hat, ringt mir nur noch ein müdes Lächeln ab. Und das, obwohl der Haufen wirklich groß genug war um über den Rand seiner lächerlichen Sketcher-Ich-trainiere-Deine-Rückenmuskel-Schuhe mit der abgerundeten Sohle bis in das innere des ansonsten den Socken vorbehaltenen Raumes einzudringen und seine Füße zu wärmen. Schadenfreude, das wird mir gerade klar, ist das Heroin des Depressiven…, das erste Mal ist noch ganz geil, aber dann braucht man immer mehr davon.

Ich resigniere und versuche keine Steigerung zu finden, es erfüllt mich eh nicht mit dem, was ich brauche und wonach es mich seitdem Aufwachen dürstet…., einem ehrlichen Lachen, daß ungehindert, sprudelnd und lebendig aus mir austritt und mich wieder menschlich werden lässt. Vielleicht hole ich mir´n Rubbellos in der Lottobude um die Ecke, starre der Verkäuferin auf die Titten während die Frage in meinem Kopf kreist, ob das Scheissding mit dem garantierten Nichtgewinn nur wegen eben dieser Verkäuferin und ihren Titten diesen Namen trägt und hoffe, daß sich dort mein Gemüt erholt. Einen Versuch ist es wert….

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