Leaving New York!

Leaving New York!

Schon vorbei! Schade, denke ich so bei mir…, nein, ich habe es nicht gedacht, ich habe es anscheinend laut gesagt. Der schlecht gekleidete Herr drei Sitzreihen vor mir dreht sich verängstigt um und täuscht einen Blick über seine schuppenverzierte rechte Kragenseite vor, der angeblich nicht mir gelten sollte, schlechter Versuch.

Ich sitze im Terminal 3 des John F. Kennedy Airports, JFK, wie die Locals sagen oder auch Jay-Ay-Ay, wie der koreanische Taxifahrer gerade noch dreimal nachfragte bevor er mich mit einem sicher sehr nett gemeintem „Hay-Ay-Nayce-Tlip“ verabschiedete. Ich kam mir in Chinatown schon immer total bescheuert vor, wenn ich das Gefühl hatte den Leuten sagen zu müssen, daß mein Chinesisch etwas eingerostet sei, bevor ich bemerkt habe, daß sie die ganze Zeit Englisch redeten.

Terminal 3 hat etwas vom Charme einer Bahnhofshalle in Bottrop, und zwar bevor die Umbauarbeiten in deutschen Bahnhöfen dazu geführt haben, daß man sie nur noch an den Dialekten ihrer Angestellten unterscheiden kann. Terminal 3 ist ungefähr so groß wie 2 Fußballfelder und auch in etwa genau so laut wie während eines Derbies.

Moment, ich muß mich eben an einen anderen Platz setzen, die junge Mexikanerin drei Reihen hinter mir telefoniert so laut, daß man denken könnte, sie benutzt das Telefon nur zur Tarnung und schreit in Wirklichkeit so laut, daß man sie in Mexiko gut verstehen kann. Der Feind sitzt also 3 Reihen vor und 3 Reihen hinter mir, was ist mit den Reihen dazwischen? Sie sind leer!

Die anderen Sitzreihen sind jetzt nicht gerade brechend voll aber um mich herum sieht es so aus als hätten Flatulenzen eines Hundes, der ausschliesslich mit Nassfutter versorgt wird, einen Kreis des Todes gebildet, in den niemand eintreten möchte. Es sind meine Tätowierungen…, Hände, Hals, Gesicht, tätowiert man nicht!

Ok, das Gesicht ist noch frei aber der Rest ist schon ziemlich zugehackt. Meine Mutter, Gott hab sie selig, war schon immer dagegen und gestern hatte ich kurz das Gefühl, es wären genau diese Situationen, die sie meinte, wenn sie diesen mitleidigen und persönlich betroffenen Gesichtsausdruck aufsetzte, um mir zu zeigen, daß ich definitiv bereuen würde, was ich mir jetzt noch mit dem unbedarften Spaß eines Twens in die Haut stechen lassen würde.

Gestern, das war der Abend in einem der besten Steakhäuser in den USA. Die echten Karnivoren, zu denen ich mich definitiv auch zähle, würden sagen, es ist DAS beste Steakhouse der Welt! Es handelt sich um das „Peter Luger´s“, eine Institution wenn es um dry aged Prime Rib geht, die Königsklasse der Steaks, gereift und kontrolliert verschimmelt in einem Dry-Aging-Room aus Glas, an dem jeder Gast vorbeimuss bevor er in die heiligen Hallen des fleischlichen Genusses marschieren darf. Dieses Restaurant ist keine Hochglanzbude, in der man erwarten würde das gleich ein Christian Rach oder ein französisch anmutender Kellner Marke Pinguin vorbei stolziert und einem den Knigge mit der Edelstahlpfanne in den Schädel hämmern möchte. Nein, das „Luger´s“ erinnert mehr an eine altdeutsche Bierstube, was es früher auch mal war. Altes, dunkles Holz an den Wänden, schlichte Tische und Stühle aus dem selben Material und auch die Kellner könnten aus Eiche sein, wenn man jetzt rein nach dem Alter gehen würde. Aber das Fleisch!

Ich könnte jetzt noch heulen, wenn ich daran denke, daß dieser Laden 8 Flugstunden weit von meinem zu Hause entfernt ist….

Ich hatte mich in meinem Hotel in Chinatown exzellent vorbereitet. Ich hatte mir in diesem perfekt sortiertem Liquor Store um die Ecke eine Flasche 2008er Chardonnay von Fetzer gekauft, der zwar überbewertet erscheint, aber keinesfalls schlecht ist. Ganz im Gegenteil, das Preis-Leistungsverhältnis ist bei 15,90$ mehr als überzeugend. Meinen schwarzen Anzug und das weisse Hemd mit Doppelmanschette und Vatermörderkragen hatte ich in weiser Vorraussicht zwei Tage zuvor vom hoteleigenen Laundry-Service bügeln lassen. Siberne Manschettenknöpfe, eine nicht zu aufdringliche Schleife, selbstgebunden versteht sich und dazu die guten, rahmengenähten Cap-Toe Derbies von Allen Edmonds. Ich sah einfach GUT aus!

Bis auf die Tattoos, die schienen den Typen an der Tür davon zu überzeugen, daß ich definitiv in ein anderes Lokal wollte. Nachdem er das dritte Mal die Liste der Reservierungen, die ich Fuchs schon von Deutschland aus getätigt hatte, durchlas, zeigt ich mit meinem Zeigefinger in einer Art „Tip-Tip-Tip“-Bewegung auf meinen Nachnamen auf der Liste und der Herrscher über die Pforten des Fleischpalastes gewährte mir Zutritt. Nicht ohne mir ein missmutiges „Wait to be seated“ hinterher zu fauchen.
Im Speisezimmer meiner Träume ging es dann weiter mit der Demütigung, ich wurde zwar an einen Tisch gesetzt, allerdings liess die Lage schwer zu wünschen übrig. Der Durchgang zum Klo würde ich die geografische Lokalisierung nennen, eine Zumutung. Ich musste mich entscheiden…

Stehe ich auf, verfluche alle Anwesenden auf arabisch, werfe irgend einen dunklen Gegenstand in das Restaurant und schreie „Allah Hu Akbar“ bevor ich irre lachend ins Freie stürme…., oder finde ich mich damit ab, in einem der besten Restaurants meines Lebens den beschissensten Abend meines Lebens zu verbringen!

Ich entschied mich dazu, den Kellner beim Vorbeihechten zu stoppen, ihm eine 20$ Dollarnote begleitet von einem ernsten, sehr sicheren aber dennoch freundlich bestimmten Blick, in die Hand zu drücken und ihm zu erläutern, daß ich heute abend etwas ganz Besonderes erleben möchte. Etwas, daß ich von langer Hand geplant, in Deutschland vorbereitet und mir selbst zum Ziel gesetzt hatte. Ein unvergessliches Stück Fleisch, dessen holzige Röstaromen nur von meinem Eau de Toilette von Hermés übertroffen werden konnten, gepaart mit einer ganzen Flasche schwerem, blutdickem Barolo, bei dem selbst Alfred Biolek der Vorbiss festkleben würde. Danach würde ich sehr gerne in seiner Smoker´s Lounge eine fette Zigarre schmäuken und den Abend bei einem Glas Armagnac oder von mir aus auch Cognac, den der restliche Pöbel hier trinkt, ausklingen lassen. Es solle sein Schaden nicht sein, versicherte ich ihm während ich den Druck meiner Hand mit der Geldnote festigte und ihm ein, zugegebener Maßen etwas keckes Augenzwinkern hinterherschickte. Ich informierte ihn darüber, daß der Abend vom Eingang bis zur Tischwahl schon sehr bescheiden begonnen habe und allein er es in der Hand hat, diesen, meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. ES FUNKTIONIERTE!

Ich war überrascht, was ich mir natürlich ganz weltmännisch nicht anmerken liess, daß ich auf der Stelle an einen Platz gebracht wurde, der nicht nur besser war als der Vorherige, sondern auch vermuten liess, daß dies ein vollkomen anderes Restaurant sein musste. Neben mir am Tisch wurde ich noch etwas misstrauisch beäugt und man rückte solidarisch mit den anderen Nichttätowierten etwas zusammen, aber spätestens nachdem der Kellner mich bei jedem Vorbeilaufen mit einem lachenden „Are you allright, Mr. B.“ bedachte und mir dann die so sehnlichst erwünschten Gaumenfreuden brachte, war der Bann gebrochen.

Wir unterhielten uns lautstark von Tisch zu Tisch, gaben uns gegenseitig Shots aus und lobpriesen das Luger´s Lager, von dem ich bisher nur gehört hatte. I had a fuckin´blast!!!

Der second Security Manager des General Electric Buildings, der dazugehörige Schwiegersohn, ein paar Frauen auf Geschäftsreise, die mich alle an Carrie Bradshaw erinnerten und für ihre geschätzten 50+ noch damn hot waren, ein paar Immobilienfuzzis aus Little Italy, die auch gut von einem Goodfellas-Drehort hierhin gekommen sein konnten und ICH!
Nachdem ich mich gerade noch davon abhalten konnte einen Altar für das Steak zu bauen und den letzten Rest genüsslich verspeist hatte, ich den letzten Tropfen des göttlichen Saftes meine Kehle hatte herunterlaufen lassen und nach Espresso, oder auch Expresso, wie Harold vom Tisch gegenüber lautstark bestellt hatte, Zigarre, Hennessy V.S.O.P. und einem weiteren Shot aufs Haus, verlangte ich zufrieden, nein, äusserst befriedigt nach der Rechnung, einem Taxi und einem Wort von Mann zu Mann mit Carl, dem Kellner, der die alte 20$ Nummer bereitwillig mitgespielt hatte.

Er grinste als ich zum verlangten Betrag, der in Anbetracht der lukullischen Gegenleistung lächerlich gering ausfiel, zwei weitere Zwanziger drauflegte, von denen er zwar noch den Tip für die anderen Angestellten abzwacken musste, der aber immer noch reichte um die Bestechung zu rechtfertigen, die ich ihm zugemutet hatte.

Carl: „I´m glad you enjoyed this evening, Mr. B.“
Ich: „Just because of you, thank you very much, Carl! You and this extra ordinary piece of meat will be always on my mind!“

Ein für dieses Etablissement etwas laxer Handshake und ich wurde zur Tür geleitet, wo das bereits bestellte Yellow Cab auf mich wartete. Von Brooklyn war es nicht weit nach Hause und ich war schnell, etwas zu schnell in meinem Hotelzimmer. Schwer betrunken, satt und mit feuchten Augen schlief ich auf meinem Kingsize Bett ein und träumte nichts. Dazu war ich viel zu beschäftigt mit dem Verdauen von Fleisch, Alkohol und Erlebtem.

Aber worauf wollte ich eigentlich hinaus? Ach ja, Mama, wenn du das hier jetzt irgendwie lesen kannst, es ist nicht schlimm wenn man aussieht wie 100 Jahre Alcatraz, es ist nur schlimm, wenn man sich so benimmt!

Gestern hat dein Sohn alles richtig gemacht und wurde reichlich dafür belohnt. Ich dachte noch so bei mir:

„Wer sich die Mühe macht, mich kennen zu lernen, ist herzlich eingeladen einen guten Abend, eine gute Zeit oder auch unter Umständen ein gutes Leben mit mir zu verbringen. Wer allerdings glaubt, sich direkt einscheissen zu müssen, nur weil ich optisch nicht unter die vertrauenswürdigsten 100 Menschen der Internatselite gehöre, kann mich getrost am Arsch lecken…., sorry Mom, ist mir so rausgerutscht…

6 Kommentare

  1. Manja
    Mai 8, 2011

    Mit Abstand das Beste, was ich je gelesen habe.
    Großes Kino. Danke dafür!

  2. Bushida
    Mai 22, 2011

    FUCK, wir lieben dich soooooo sehr! Zurecht!

  3. Heuni
    Mrz 12, 2012

    Fucking great . Danke für diesen Artikel 😉

  4. Döniz
    Apr 13, 2012

    Habe es endlich geschafft. Bin begeistert und freue mich auf die nächsten Storys!!
    Later…

  5. Enno
    Mrz 12, 2013

    Hallo Sascha … heute durch Zufall auf deine Seite hier gestoßen… und was soll ich sagen …. herrlich einfach nur herrlich ….du hast mir jede menge neuen Lesestoff für die nächsten Tage/ Nächte besorgt …

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